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Afrikanisches Vorbild

Digitalisierung made in Africa: Mobilitätskonzepte aus Schwellenländern

Ingrid Britz-Averkamp

© iStockphoto.com / 1001slide

In Schwellenländern ist das Bezahlen mit dem Smartphone, ohne dass die Nutzer ein Bankkonto benötigen, gang und gäbe. Neue Mobilfunktechnologien schaffen insbesondere in Afrika ein Umfeld, in dem digitale Geschäftsmodelle für viele Lebensbereiche gedeihen. Diese erfolgreichen Anwendungsfälle sollten Unternehmen in den Industrienationen näher betrachten, wenn sie mit mobilen Apps durchstarten wollen.

Der Mobilfunk bietet neue digitale Chancen, und Afrika hat sie bereitwillig ergriffen. Während andere Infrastrukturen wie Festnetztelefonie oder Straßen nicht flächendeckend funktionieren, scheinen sich mobile Dienste rasant durchzusetzen. Ein Großteil der Bevölkerung ist es von klein auf gewohnt, über das Handy ins Internet zu gehen.

In vier Jahren sollen afrikaweit über 700 Millionen Smartphones online sein. Aus dieser Prognose leitet die Weltbank ab, dass sich der Kontinent aus eigener Kraft substanziell weiterentwickeln wird. „Offenheit gegenüber Innovationen ist und bleibt ein Erfolgsprinzip“, erklärt Wolfram Jost, Chief Technology Officer der Software AG, die unter anderem in Südafrika präsent ist. „Vielen Schwellenländern eröffnen sich durch die neuen Technologien ganz neue Perspektiven und neue Möglichkeiten. In einigen Bereichen sind sie sogar dabei, aus dem bisherigen Technologierückstand einen Vorsprung zu machen.“

Als Treiber der Entwicklung gilt beispielsweise das Silicon Savannah in Kenia. Dort arbeiten junge Technologiefirmen an Mobilfunkapplikationen, die auch auf einfachen, billigen Handys funktionieren. Das ist ein wichtiges Kriterium, damit auch die arme Landbevölkerung die digitalen Angebote für viele Lebensbereiche nutzen kann. Denn es bleibt eine große Herausforderung, in Afrika eine leistungsstarke Breitbandmobilfunkinfrastruktur aufzubauen. Laut Studien der GSM Association (GSMA) hatten 2015 in den afrikanischen Ländern südlich der Sahara nur 24 Prozent der Bevölkerung Zugang zu mobilen Internetservices. Dieser relativ niedrige Wert liegt unter anderem darin begründet, dass in 57 Prozent der Region noch keine 3G- oder 4G-Mobilfunksysteme implementiert sind. Allerdings soll sich der Anteil der Nutzer mobiler Internetdienste bis 2020 auf 39 Prozent erhöhen.

Der afrikanische Mobilfunkmarkt weist zudem große Unterschiede auf. Das zeigen die Daten des Marktforschungsunternehmens Pew Research Center. Erheblicher Nachholbedarf zeigt sich vor allem in Ländern wie Uganda oder Äthiopien, wo nur vier Prozent der Bevölkerung ein Smartphone haben. Den Spitzenreiter Südafrika identifiziert eine Studie der Mobile Marketing Association Südafrika (MMASA) vom April 2016. Demnach sind 96 Prozent der dortigen Bevölkerung bereits Handynutzer. Auch in anderen Ländern wie Nigeria, Senegal, Kenia und Ghana sind die Zahlen hoch. Viele dieser User verwenden Smartphones, Handys und Tablets, um Bankgeschäfte zu erledigen, online einzukaufen oder vertrauliche Daten zu speichern. In Südafrika erledigen laut der MMASA bereits vier Millionen Menschen ihre Bankgeschäfte vom Mobiltelefon aus.

Afrikas Vorreiterrolle beim mobilen Bezahlen

Weltweit nehmen afrikanische Staaten in Onlinebanking und mobilem Zahlungsverkehr eine führende Rolle ein. Ein Grund dafür ist, dass ein Großteil der gegenwärtig mehr als 500 Millionen Mobilgerätenutzer in Afrika Geldüberweisungen vom Handy oder Smartphone aus tätigen. Denn für viele Kunden ist der Weg bis zur nächsten Bankfiliale schlicht zu weit, vor allem in ländlichen Regionen.

Als Paradebeispiel für ein akzeptiertes und damit weitverbreitetes Bezahlsystem per Handy gilt M-Pesa. Das System hat der kenianische Mobilfunkriese Safaricom entwickelt. M steht hierbei für Mobil, Pesa bedeutet auf Kisuaheli „Geld“. Kunden zahlen Bargeld an einem der zahlreichen Kioske ein, weisen sich aus und geben ihre Telefonnummer an. Der Betrag gelangt auf ihr M-Pesa-Konto und lässt sich einfach per SMS verschicken. Der Empfänger, beispielsweise ein weit entfernt wohnender Angehöriger, holt sich dann das Bargeld in einer Filiale ab. Kunden zahlen mit M-Pesa ihre Stromrechnungen, Bustickets und sogar Strafzettel. Auch Uber-Taxis lassen sich in Kenia mit der Handyüberweisung bezahlen. M-Pesa kommt auf 25 Millionen aktive Nutzer rund um den Kontinent. Zum Vergleich: Die südafrikanische Standard Bank, Afrikas größter Kreditgeber, bedient 15 Millionen Kunden.

Banken investieren in Online- und Mobiltechnologie und arbeiten dafür mit Mobilfunkunternehmen zusammen. Sie wollen ihre Kunden auf digitalen Kanälen erreichen. Das spart eigene Kosten und die der Kunden. Finanzunternehmen stellen mobile Zahlungs- und Kreditservices auch länderübergreifend zur Verfügung. So steht in Mali, der Elfenbeinküste und dem Senegal über den Serviceprovider Orange ein Dienst bereit, mit dem Kunden vom Mobiltelefon aus Geld an Verwandte oder Geschäftspartner in diesen Ländern überweisen können.

Deutsches Start-up verschafft Zugang zu Mikrokrediten

Ein Beispiel dafür, wie auch deutsche Unternehmen von der Verbreitung neuer Mobilfunktechniken profitieren können, ist eine Lösung von Awamo, einem Start-up aus Frankfurt am Main. Mithilfe des Dienstes können Nutzer in Afrika vom Handy oder Smartphone aus Mikrokredite beantragen. Der gesamte Vorgang, vom Kreditangebot bis zur Rückzahlung, wird in digitaler Form abgewickelt. So werden hohe Transaktions- und Bearbeitungskosten vermieden, die bei traditionellen Krediten anfallen. Mit einem biometrischen Verfahren können Kreditnehmer sich ausweisen. Das ist ein nicht zu unterschätzender Vorteil in Ländern, in denen vielen der Weg zum klassischen Kredit aufgrund fehlender Ausweispapiere versperrt bleibt. Der Kreditnehmer und der Geldgeber können auf dem Mobilgerät jederzeit auf die entsprechenden Dokumente und Nachrichten über Zahlungseingänge zugreifen.

Innovative Ansätze beschränken sich nicht nur auf den Finanzsektor, wie der Blick nach Tansania verrät. Dort ist z. B. ein Projekt angelaufen, das Müttern per Handy Informationen zum Gesundheitsschutz übermittelt. So erhalten Frauen Informationen darüber, wann sie ihren Kindern bestimmte Medikamente und Nahrungsergänzungsmittel wie Eisen- und Folsäuretabletten verabreichen sollen. Zudem stellt der Text-Messaging-Dienst Informationen rund um das Stillen und eine gesunde Ernährung bereit. Über eine App von der Firma M-Lab, die im Silicon Savannah entwickelt wurde, können Kleinbauern den aktuellen Gemüsepreis abrufen. Somit sind sie gewappnet, um von Zwischenhändlern realistische Preise zu verlangen. In Nigeria hat sich mit PreClass ein Service etabliert, über den Lehrkräfte Schülern online Nachhilfeunterricht geben.

Einfach auf die Nutzer zugeschnitten

Die Beispiele für erfolgreiche Mobilfunkapplikationen in Afrika unterstreichen einen interessanten Aspekt: „Bei der Einführung und Nutzung von Mobilfunktechniken in Schwellenländern werden häufig Fehler vermieden, die in Industriestaaten gemacht wurden“, so die Erfahrung von Wolfram Jost. „Angebote orientieren sich besonders stark an den Bedürfnissen der Bewohner. In vielen Ländern mit entlegenen Regionen und einer großen Anzahl an Anwendern, die nicht über Bankkonten verfügen, heißt das: So einfach und unkompliziert wie möglich – also mobil.“ In der Regel ist es unkomplizierter, Zugang zum Mobilfunknetz zu erhalten als zu Banken. Neben klassischen Mobilfunkverträgen hat sich dadurch ein reger Markt für Prepaid-Angebote entwickelt.

Darüber hinaus haben sich etliche Staaten südlich der Sahara zu einer Art Roaming-Union zusammengeschlossen. Diesen Schritt haben beispielsweise Mitglieder der Southern African Development Community (SADC) vollzogen. Zur SADC gehören unter anderem Angola, Botswana, Mosambik, Sambia, Südafrika, Tansania und Zimbabwe. Auch in Westafrika gibt es vergleichbare Bestrebungen. Dadurch wird es für Mobilfunknutzer einfacher, ohne Zusatzkosten oder den Kauf von regionalen Prepaid-Angeboten in anderen Ländern zu telefonieren oder auf Internetdienste zuzugreifen.

Explodierende Datenmengen und ansteigender Cyberkriminalität

Laut GSMA wurden in Afrika südlich der Sahara im Jahr 2015 rund 11 Milliarden US-Dollar pro Monat mittels mobiler Endgeräte transferiert. Damit steigt jedoch auch die Menge von Daten, welche die Mobilfunknetze der Serviceprovider und IT-Systeme der Finanzdienstleister verarbeiten müssen. Das mobile Datenvolumen explodiert förmlich. Besonders stark nahm 2015 laut Visual Networking Index des Netzwerkausrüsters Cisco das mobile Datenvolumen in Schwellenländern zu: im Nahen Osten und Afrika um 117 Prozent, im asiatisch-pazifischen Raum um 83 Prozent und in Südamerika um 73 Prozent. Zum Vergleich: Westeuropa und Nordamerika verzeichneten ein Plus von 52 respektive 55 Prozent. Das erschwert es beträchtlich, Transaktionen auf Sicherheitsprobleme oder potenzielle Risiken hin zu untersuchen. Hacker wittern hier eine Chance, mitzuverdienen. Wie in den Industriestaaten, so hat sich auch in Schwellenländern die Cyberkriminalität rasant entwickelt.

Einen Ausweg bietet Streaming-Analytics-Software, die für die notwendige Echtzeitanalyse großer Datenbestände ausgelegt ist (Abb. 1). Sie ermöglicht es Finanzdienstleistern und Onlinehandelshäusern, Betrugsversuche, unkorrekte Bezahlvorgänge oder das Erschleichen von Krediten zu unterbinden. Damit solche Analysen in Echtzeit durchgeführt werden können, sind nicht nur leistungsfähige Plattformen erforderlich. Auch der Hardwareunterbau muss für hohe Volumina an Datentransaktionen ausgelegt sein. Daher sind In-Memory-Lösungen unverzichtbar. Damit lässt sich der Datendurchsatz um den Faktor 10 oder mehr erhöhen.

Abb. 1: Onlinegeschäfte und Geldtransfers über mobile Endgeräte sollten idealerweise in Echtzeit auf Betrugsversuche hin analysiert werden (Quelle: Software AG)

Junge Konkurrenz für Banken in den Industrienationen

Die Industrieländer haben durchaus Nachholbedarf in bestimmten Bereichen, auch wenn sich in ihrem Bankensektor einiges bewegt. So sind derzeit junge Fintech-Firmen –Unternehmen, die moderne Technologien für Finanzdienstleistungen anbieten – dabei, etablierten Banken und Finanzdienstleistern Konkurrenz zu machen. Sie entwickeln beispielsweise Lösungen, die ein komplettes Girokonto auf dem Smartphone einrichten oder es erlauben, vom Mobilgerät aus Geld an Personen zu überweisen, die im Adressverzeichnis des Systems vorhanden sind.

Der Vergleich mit Afrika relativiert diese Bestrebungen: Bereits vor drei Jahren erreichte der Anteil der mobil getätigten Zahlungstransaktionen in Tansania fast zwei Drittel des Bruttoinlandprodukts. Betrachtet man die mangelnde Akzeptanz von mobilen Bezahlsystemen in Deutschland, wirken solche Beispiele fast schon wie ein Blick in die Zukunft.

Afrikanisches Vorbild

„In Afrika hat der Mobilfunk in Verbindung mit passenden Services und Plattformen, Produkten und Applikationen eine ganze Reihe innovativer Geschäftsmodelle hervorgebracht, die nur durch die Digitalisierung möglich wurden“, erklärt Wolfram Jost. „Digitales Wirtschaften setzt eine agile und schnelle IT als Basis voraus.“ Neben der genutzten Technologie spielt es eine entscheidende Rolle, ob und wie rasch Gründer oder Unternehmen zündende Geschäftsideen entwickeln, umsetzen und verbessern können. Wer alle Faktoren vereint, ist erfolgreich – ob als digitaler Akteur in der Wirtschaft oder im öffentlichen Dienst. Und das gilt für Afrika wie im Rest der Welt.

Geschrieben von
Ingrid Britz-Averkamp
Ingrid Britz-Averkamp
Ingrid Britz-Averkamp ist freie Autorin für diverse IT- und Tech-Magazine. Die Diplom-Volkswirtin verfügt über mehr als zwanzig Jahre Erfahrung in der IT-Branche und beschäftigt sich hauptsächlich mit den Themen Software, ERP-Systeme und Prozessmanagement.
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