Interview mit Eric Horesnyi (Teil 3)

Die Zukunft des Bankings: Das „Tech“ in FinTech

Sebastian Meyen

@ Shutterstock / Rawpixel.com

Im dritten Teil unseres Gesprächs mit Eric Horesnyi, High-Frequency-Trading-Infrastructure-Experte und JAX-Finance-Speaker, beleuchten wir die technischen Aspekte von FinTech und erklären die Rolle von Robo-Advisors. Wir werfen außerdem einen Blick auf die Zukunft des Crowdfundings und diskutieren, wie die Banken sich darauf einstellen.

Wir setzen unser Gespräch mit Eric Horesnyi – Gründungsmitglied von Internet Way (französischer B2B ISP, verkauft an UUnet), Radianz (Global-Finance-Cloud, verkaut an BT) und JAX-Finance-Speaker – über die Zukunft des Bankings fort und diskutieren, wie Technologien den Kurs der Finanzen beeinflussen.

JAXenter: Jetzt geht es um das „Tech“ in „FinTech“: Bis zu welchem Grad interagiert eine Unternehmenskultur mit den eingesetzten Technologien wie Clouds, Containern und Microservices?

Aufgrund dieser virtuellen Konzepte ist der Finanzsektor bereits seit der Einführung der ersten Computers ein Dienstzweig, der stark auf IT setzt.

Eric Horesnyi: Der Finanzsektor ist die Industriebranche, die am stärksten auf Technologien setzt. Bereits 40 Prozent der Ausgaben entfallen auf die IT. Im Finanzbereich – abgeleitet vom lateinischen Wort „fidere“ für „vertrauen“ – muss man andere Personen mit der Realisierung persönlicher Zukunftspläne betrauen: etwa bei der Transaktion von Werten oder der Vergrößerung des eigenen Vermögens. Hierbei handelt es sich im Unterschied zur Herstellung von Autos oder des Anbaus von Pflanzen um virtuelle Konzepte. Aufgrund dieser virtuellen Konzepte ist der Finanzsektor bereits seit der Einführung der ersten Computers ein Dienstzweig, der stark auf IT setzt.

FinTech versucht nun, die Entwicklerkultur in den Finanzbereich zu übertragen. Technologien sind nicht nur die Produkte von Protokollen und Normen, die seit 20 Jahren beim Aufbau des Webs helfen. Ihnen liegt auch eine Kultur zugrunde, die auf Zusammenarbeit, Effizienz, Offenheit, Darwinismus, Pragmatismus und weiteren Disziplinen basiert. Um es mit technischen Begriffen zu erklären: Microservices – die Zwei-Pizza-Regel zielt definitiv auf die Dunbar-Zahl –, Continuous Delivery mit Containern, Agile/Scrum, DevOps, Cloud, APIs, Event-Processing und Streaming, Analytics- und Machine-Learning.

JAXenter: Im Vergleich zu den anderen Schlüsselelementen auf unserer FinTech-Revolution-Liste scheint das Crowdfunding ein nicht so stark technisch konnotierter Begriff zu sein. Konkurriert das Crowdfunding mit dem traditionellen Banking oder ergänzt es dessen Angebot nur?

Eric Horesnyi: Verglichen zu seiner Größe sind die Auswirkungen des Crowdfunding durchaus wahrnehmbar. Es umfasst das Crowd-Lending – jemand will einen Kredit aufnehmen – und die Crowd-Equity – ein Konzern beschafft Kapital für ein Projekt gegen ein prozentualen Anteil. Das Unicorn Lending Club ist ein Crowd-Lending-Projekt. Und ja, Banken in den USA sind auf das risikominimierende Peer-to-Peer-Modell aufgesprungen und haben bereits beträchtliche Summen in Lending Club investiert. Crowd-Equity-Projekte wie Kickstarter oder Angel List haben demgegenüber eine größere Reichweite, da sie sowohl Marketing-Tools – um neue Nutzer zu akquirieren – als auch Finanz-Werkzeuge sind – insbesondere für grundlegende Finanzierungen, es gibt aber auch Ausnahmen wie das Multi-Millionen-Projekt Pebble.

JAXenter: Wie ist deine Meinung zur Crowdfunding-Bewegung? Werden die Banken dagegen ankämpfen oder – wie im Fall von Lending Club – auf den Zug aufspringen?

Eric Horesnyi: Die Banken werden auf den Zug aufspringen. Entweder werden sie Kapital zur Verfügung stellen oder Anteile an den Unternehmungen erwerben.

JAXenter: Daten als Rohmaterialen vieler Unternehmen werden eine immer wichtigere Rolle spielen. Lass uns zuerst über die automatisierte Steuerung für Benutzer, die sogenannten Robo-Advisors, sprechen. Kannst du dieses Phänomen erklären?

Die Finanzen sind gesünder und schlauer aufgebaut als bei einem durchschnittlichen Finanzberater; und es ist günstiger.

Eric Horesnyi: Robo-Advisors repräsentieren die Verwendung von Algorithmen zur Unterstützung von finanziellen Entscheidungen zur Gewinnmaximierung. Menschliche Vermögensverwalter werden durch Algorithmen herausgefordert: drei Viertel in Forex basieren bereits auf Algorithmen; auch kapitalkräftige Funds – wie Renaissance – sind seit 20 Jahren algorithmisch. Die Leute verfolgen ETF-Strategien seitdem Barra & BGI sie vor 20 Jahren in San Franciso erfunden haben. Die Idee: Reduzierung des Risikos durch die Investition in Aktienbaskets statt in individuelle Stückaktien. Man wählt die Strategie selbst und muss weniger für Verwaltungsgebühren bezahlen. Ich bin ein großer Fan von Mint (nun Wealthfront), Betterment und Personal Capital. Die Beurteilung der Risikovermeidung ist für die Zukunftsträchtigkeit vieler hauseigener Projekte förderlich.

JAXenter: Die Wünsche und Bedürfnisse der Nutzer besser zu verstehen, fällt in die Kategorie der User Experience. Dieses Spiel wird hauptsächlich durch Google, Facebook, Apple und Co. kontrolliert. Kann der Finanzsektor hier noch Boden gut machen oder wird der zukünftige Kunde nur die genannten großen Internetkonzerne kennen?

Eric Horesnyi: Jeder Konzern kann zu jeder Zeit an eine gute UX anknüpfen: Hierzu müssen die Kundenwünsche und -bedürfnisse erst genommen und ihnen ein Vorrang vor beispielsweise politischen oder persönlichen Entscheidungen eingeräumt werden. Es ist somit nicht unmöglich. Ich möchte keine Empfehlungen aussprechen, weil ich in den Unternehmen nie gearbeitet habe, aber: Eine Bank wie ING in Europa hat vor fünf Jahren eine gute Richtung in der IT eingeschlagen – und auch Capitol One rekrutiert ihr Personal von Google, Facebook, Amazon, Apple & Co.

Im letzten Teil der Interviewserie werden wir daüber sprechen, dass Blockchain quasi ein Equivalent für FinTech ist und dann alle von der Grauzone zwischen Finanzen und Technologie betroffen sind.

Interview-Serie zur Technologiezukunft des Bankwesens
mit Eric Horesnyi

Eric Horesnyi war ein Mitgründer von Internet Way (Französischer B2B ISP, an UUnet verkauft) und von Radianz (Global Finance Cloud, an BT verkauft). Er ist Experte für die Infrastruktur von Hochfrequenzhandel und von FinTech, IoT und Cleantech begeistert.

Aufmacherbild: Fintech Investment von Shutterstock / Urheberrecht: Rawpixel.com

Geschrieben von
Sebastian Meyen
Sebastian Meyen
Sebastian Meyen ist Chefredakteur des Java Magazins sowie des Eclipse Magazins. Außerdem trägt er die Verantwortung für Programm und Konzept sämtlicher JAX-Konferenzen weltweit. Er begleitet so die Java-Community journalistisch schon fast seit ihren Anfängen. Bevor er zur Software & Support Media GmbH kam, studierte er Philosophie in Frankfurt.
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