Dem Lehm Gestalt verleihen

Die Rolle des Entwicklers – vom Bauarbeiter zum Töpfer?

Michael Thomas

© Shutterstock.com/MongPro

Häufig wird in der Entwicklung – analog zur Konstruktion von Gebäuden – davon gesprochen, Software zu „bauen“. Doch ist dieser Vergleich noch zeitgemäß? Nach Ansicht von Antony Marcano, Berater zum Thema Software Craftsmanship, stellt das Töpferhandwerk die passendere Metapher dar.

Was führt Marcano zu diesem Standpunkt? In erster Linie ein Blick in die Vergangenheit: Vor nicht allzu langer Zeit musste die Entwicklung neuer Software in einem ersten Schritt noch mit Stift und Papier bzw. in Modellen durchgespielt werden – Die Computingkosten; die Kosten für den Einbau einer Kopfgeburt in ein Produkt waren schlichtweg zu groß. Bedingt durch die hohen Änderungskosten glich die Entwicklung von Software Marcano zufolge praktisch zwangsläufig der Konstruktion von Gebäuden oder Brücken.

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Mit der Ankunft der agilen Softwareentwicklung im Mainstream sind für ihn diese Zeiten jedoch endgültig vorbei. Dank deren Methoden fühlt sich die Softwareentwicklung für Marcano nunmehr eher wie die Töpferei an – nur eben auf einer etwas weniger handwerklichen Ebene:

instead of ‘throwing clay’ we throw our consciousness, in the form of electrons flowing over silicon, onto a spinning wheel of user-story implementation cycles.

Die Verständnis dessen, was der Kunde sich wünscht, wird im Zuge des wechselseitigen Austauschs immer weiter verfeinert. Dieses Verständnis, so Marcano weiter, schlägt sich wiederum in der „fließenden“ Verbesserung des Produkts nieder:

We evolve its structure as we touch the inner surface with each new unit test (or unit specification). We keep it supple as we moisten it with each refactoring.

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Seine Empfehlung lautet also, das Produkt „flexibel, weich und feucht“ zu halten; den „Lehm“ während des Entwicklungsprozesses nicht „hart“ werden zu lassen. Für Marcano hat dieses Bild keinerlei Ähnlichkeit mehr mit dem althergebrachten Vergleich zum Bauwesen.

I never feel like I’m “building” something. Much more like I’m evolving my understanding, evolving the product, evolving my understanding again and so on.

Marcano hält den Begriff des „Bauens“ von Software folglich für überholt und stellt diesem den der „Entwicklung“ gegenüber – den er allerdings mit einer etwas anderen Bedeutung auflädt: „Entwickeln“ ist hier im Sinne von „etwas herausbilden“, „ausgestalten“ oder „formen“ zu verstehen. Der Programmierer gleicht somit einem Töpfer, der einem rohen Klumpen Lehm nach und nach Gestalt verleiht.

Was meinen unsere Leser? Wird das Bild des Töpfers den heutigen Gegebenheiten der Softwareentwicklung gerecht?

Aufmacherbild: Hands working on pottery wheel von Shutterstock / Urheberrecht: MongPro

Geschrieben von
Michael Thomas
Michael Thomas
Michael Thomas studierte Erziehungswissenschaft an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz und arbeitet seit 2013 als Freelance-Autor bei JAXenter.de. Kontakt: mthomas[at]sandsmedia.com
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