Kollaborativ und sozial

Die realen Potenziale hinter der Cloud

Dr. Wolfram Jost

Cloud Computing elektrisiert die Führungskräfte in allen Branchen. Denn unter der Wolke verbirgt sich ein weitaus größeres Potenzial, als die heute über Technik und Betriebskosten geführte Diskussion erkennen lässt. In Kombination mit einer kollaborativ und partizipativ ausgerichteten Arbeits- und Geschäftsprozessgestaltung verändert Cloud Computing jede Firmenorganisation nachhaltig.

Business Technology

Der Artikel „Kollaborativ und sozial“ von Dr. Wolfram Jost ist erstmalig erschienen im

Business Technology Magazin 3.2011

Cloud Computing war das Topthema auf der CeBIT, es steht an erster Stelle auf der Liste der strategischen Technologien bei Gartner. Die Experton Group unterstreicht die Relevanz mit Wachstumsraten im hohen zweistelligen Bereich. Keine Frage, Cloud Computing ist das meist diskutierte IT-Thema der Gegenwart. Ist Cloud Computing Hype und Modewelle oder ein neues, nachhaltiges Konzept, das den Umgang mit IT in Unternehmen nachhaltig verändern wird? Vor diesem Hintergrund stellt sich einmal mehr die Frage, ob wir es bei Cloud Computing mit einem weiteren Glied in der Kette gehypter IT-Themen zu tun haben. Denn ähnlich wie beim E-Business, beim Dotcom-Boom und zuletzt bei der serviceorientierten Architektur (SOA) wird das Versprechen nur zögerlich, wenn überhaupt eingelöst. Ebenso offen ist die Frage, ob sich das Cloud Computing doch zu einem allgegenwärtigen Konzept entwickelt, das den Umgang mit IT-unterstützten Leistungen in Zukunft dominiert.

Die aktuelle Diskussion wird von den taktischen Kostenvorteilen und Effizienzgewinnen auf Seiten der IT-Infrastruktur dominiert. Das reale Potenzial des Cloud Computings erschließt sich jedoch erst im Kontext mit weiteren Entwicklungen, die den Einsatz der IT in Zukunft prägen werden. Erst in der Kombination dieser Entwicklungen wird das Cloud Computing zum Teil einer Innovation, die den Alltag verändert. Ein Techniktrend entwickelt sich erst zu einem spannenden Thema für Unternehmen, wenn der organisatorische Nutzen zum Vorschein kommt. Es geht darum, ob Cloud Computing in Unternehmen zum Fundament neuer Formen der Kooperation und Kollaboration wird, die endgültig die Barrieren zwischen den einzelnen Fachabteilungen, zwischen Fachressorts und IT-Organisation, aber auch zu den Kunden und Geschäftspartnern aus dem Weg räumen. Mehr Menschen, mehr Know-how und mehr Geschäftsinformationen werden zusammengeführt, um einer Organisation eine höhere Dynamik und Schlagkraft zu verleihen.

Abb.1: Beispiele für Kollaboration

Mit anderen Worten: Die radikale Ausweitung der Kooperations- und Kollaborationsformen wird von dem Konzept des Cloud Computing gestützt und wird Organisationen verändern. Beispiele für diesen Zusammenhang sind in der IT-Geschichte leicht zu identifizieren. So lässt sich die Ablösung des Mainframes durch das Client-Server-Modell als dominierende Rechnerarchitektur in den Achtzigern letztlich auch auf den Managementwunsch zurückführen, in ihren Unternehmen eine Spartenorganisationsstruktur zu etablieren. Der Erfolg des Internet/Web als Kommunikationsinfrastruktur für Unternehmen ist gleichfalls ein Ergebnis der Arbeitsteilung in einem globalisierten Wirtschaftsraum. Das Beispiel SOA zeigt, dass hervorragenden technischen Ideen der (schnelle) Durchbruch verweigert wird, wenn auf der fachlich-organisatorischen Ebene das passende Gegenstück fehlt.

Was der Verbraucher kennt, muss ein Unternehmen können

Extreme Collaboration, wie die US-amerikanische Analystenfirma Gartner die Ausweitung der Kooperations- und Kollaborationsformen nennt, findet bereits heute statt. Denn es wird gerade im Unternehmenssegment eine Entwicklung losgetreten, die den Konsumentenbereich in den vergangenen Monaten im Sturm eroberte. Diese Entwicklung ist eng verknüpft mit Namen wie Facebook, Twitter, Wikipedia, Google, Apple und Amazon. Die US-Konzerne, die als Synonym für technologischen Fortschritt und Innovation gelten, zeigen erfolgreich, was Cloud Computing leisten kann, selbst wenn der Begriff bei ihnen noch nicht einmal fällt.

Im wohl anspruchsvollsten und schwierigsten Marktumfeld, dem Geschäft mit Privatkunden, beweisen diese Firmen täglich, dass die Nutzung der IT keinerlei Orts- oder Zeitbegrenzungen unterliegen muss. Ein webfähiges Endgerät und ein Internetzugang sind auf Anwenderseite vollkommen ausreichend, um ein beeindruckendes Angebot an Services und Kommunikationsanwendungen rund um die Uhr nutzen zu können. Die US-Konzerne, aber auch hiesige Social-Media-Vertreter wie Xing und StudiVZ/SchülerVZ oder kleinere Serviceplattformen wie Foursquare verdeutlichen in unterschiedlichen Ansätzen, welchen Nutzen die aktive Teilhabe des Anwenders stiftet. Sie verbinden Gleichgesinnte (Social Networking über Facebook, Xing, Stayfriends etc.), unterstützen die Zusammenarbeit (Social Collaboration über Wikis, Blogs etc.), garantieren einen standardisierten Informationszugang (Social Publishing über Flickr, YouTube, slideshare.com etc.) und generieren Rückmeldungen (Social Feedback etwa bei Amazon, Wer kennt wen etc.). Allein an der führenden Social-Media-Plattform Facebook nehmen sieben Jahre nach der Liveschaltung über 600 Millionen Menschen weltweit teil.

All den genannten Beispielen sind zwei Dinge gemein: Erstens stellen sie den Nutzer und seine Bedürfnisse in den Mittelpunkt und sind auf Kommunikation und Kollaboration getrimmt. Zweitens wird die komfortable Nutzung für den Anwender über die Betriebsform des Cloud Computing realisiert. Weder das Wie und Wo noch die Skalierungsfragen der IT-Infrastruktur sind für den Kunden von Belang. In den Rechenzentren der Anbieter stehen nahezu unendlich viele IT-Ressourcen bereit, die sich abhängig vom Bedarf automatisiert zu- und abschalten lassen. Die Voraussetzungen hierzu schaffen hocheffiziente Virtualisierungskonzepte zur Entkoppelung technischer Ebenen und Workload-Verfahren in Kombination mit einem modular erweiterbaren Rechenzentrumsdesign auf Basis standardisierter Systemblöcke.

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Dr. Wolfram Jost
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