Kollaborativ und sozial

Die realen Potenziale hinter der Cloud

Dr. Wolfram Jost
Die lähmende Wirkung des Standards

Von daher muss es im Interesse eines CIO liegen, Social-Computing-Techniken und Extreme-Collaboration-Anwendungen in die IT-gestützten Prozesse zu adaptieren. Das Anliegen, mehr Agilität und Flexibilität in der IT zu gewinnen, ist nicht grundlegend neu. Viele technisch motivierte IT-Konzepte auf Anwendungsseite (Supply Chain Management, Customer Relationship Management, Lean Production) oder auf Programmebene (SOA) scheiterten in der Vergangenheit an der Realität der bisherigen Anwendungsstrategie. Bei der Suche nach einer möglichst umfassenden Unterstützung der Unternehmensprozesse ging die Mehrzahl der Firmen eine langjährige Partnerschaft mit einem Anbieter von Enterprise-Resource-Planing-Systemen wie SAP oder Oracle ein. Durch die Prozessunterstützung entlang aller Leistungs- und Wertschöpfungsketten versprechen Standardprogramme im Vergleich zur Kombination von Speziallösungen unterschiedlicher Anbieter ein Höchstmaß an Effizienz. Anwendungsfunktion und Prozesssteuerung sind fest ineinander verwoben. Den Vorteil der hohen Integration bezahlen die Firmen allerdings mit dem Verlust an Flexibilität, die wiederum Voraussetzung für die heute erwartete Dynamik im Geschäftsleben ist. Zeit- und kostenaufwändig sehen sich Unternehmen daher bei jeder Prozessänderung in der Pflicht, in Anpassungsprojekten (Customizing) durch IT-Spezialisten Teile der Standardsoftware neu auszurichten. Die Vielfalt und Breite des Standardssoftwaremarkts in seinen unterschiedlichen Bereichen sind letztendlich Ausdruck des inhärenten Widerspruchs zwischen Standard und Flexibilität.

Abb. 3: Die fehlende Schicht: Prozessmanagement und Standardintegration

Der Markt setzt heute jedoch Agilität und Geschwindigkeit eindeutig vor Standards und Integration. Letztendlich benötigen Unternehmen eine Plattform á la Facebook, um die lähmende Wirkung starrer Anwendungssysteme ein für allemal aufzubrechen, um agilen Prozessen in Arbeits- und Organisationsformen eine Basis zur Verfügung zu stellen. Anknüpfungspunkt für eine solche Plattform ist zum einen die konsequente Trennung der Prozessgestaltung und -steuerung vom Content betrieblicher Standardsoftware. Zum anderen muss eine solche Plattform die Konzepte des Social Media beziehungsweise Crowd Computing für die Gestaltung und das Management der Unternehmensprozesse erschließen.

Abb. 4: Jede Schicht erfordert unterschiedliche Flexibilität und Geschwindigkeit
Transformation zu einem digitalisierten Unternehmen

Unternehmen begannen vor einigen Jahren mit der Einführung von serviceorientierter Architektur (SOA) und dem Business Process Management (BPM), um eine verbesserte Geschäfts- und Prozessperformance zu erzielen. Führende Analysten sind wie erwähnt davon überzeugt, dass Extreme Collaboration für den Transformationsprozess und die Performancesteigerung heute eine entscheidende Rolle einnimmt. Die Kombination von BPM, Cloud und Extreme Collaboration wird eine neue Phase der Unternehmenssoftware einleiten, die wieder mehr Individualisierung und Flexibilität zulässt. Bedingung für ein kooperativ ausgerichtetes BPM ist dabei eine Prozess- und Integrationsplattform, die den gesamten Lebenszyklus eines Geschäftsprozesses mit einer einheitlichen Architekturphilosophie und einem semantischen Metadatenmodell begleitet. Denn nur dann lässt sich die bislang vorherrschende Verständnislücke zwischen einem fachlichen und IT-technischen BPM überbrücken. Im Rahmen des Kollaborationsansatzes Model to Execute lassen sich auf diesem Weg mit hohem Automatisierungsgrad die fachlichen Prozessmodelle der Prozessdesigner in ausführbare Services in der IT- und Anwendungslandschaft überführen. Änderungen, die durch einen der Beteiligten vorgenommen werden, sind unmittelbar für alle Arbeitsebenen transparent. Die Zusammenführung der Leistungsdaten aus der technischen Überwachung mit den betrieblichen Prozesskennziffern schafft die Basis für ein „kollaboratives Dashboarding“, um ad-hoc und gemeinsam Entscheidungen bei neuen Markterfordernissen oder Störvorfällen zu treffen.

Neben dem gemeinsamen Verständnis auf der inhaltlichen Ebene ist für solche lebensnahe Kollaborationsszenarien der barrierefreie Zugang zu Geschäftsprozessen und Toolumgebungen vorteilhaft. An dieser Stelle kommt das Cloud-Computing-Modell ins Spiel. Vergleichbar zu Social-Media-Plattformen lassen sich so unabhängig vom Standort Kollegen kurzfristig zur Mitarbeit einladen. Mehr als ein Web-Frontend ist dann nicht mehr vonnöten, um Prozesswissen und -modelle auszutauschen, zu vergleichen oder gemeinschaftlich weiterzuentwickeln.

Die Vereinfachung der Kollaboration zwischen allen Beteiligten eines Prozessablaufs durch Cloud Computing ist ein wesentlicher Erfolgsfaktor, Geschäftsprozesse schnell und flexibel an ständig wechselnde Marktanforderungen auszurichten. Die Modellierung, das Prototyping und Testen eines Geschäftsprozesses lässt sich problemlos in der Cloud bewerkstelligen. Ob der technische Betrieb der Services und Anwendungen später in der Cloud oder traditionell im eigenen Systembetrieb erfolgt, ist erst einmal davon unabhängig. Fraglos werden Unternehmen immer mehr spezialisierte Anwendungsservices über das Cloud-Computing-Modell bereitgestellt. Auf der operativen Seite ist es daher erforderlich, alle Daten und Leistungen transparent in eine vollständige Prozessgestaltung einzubinden, unabhängig von Standort und Herkunft.

Die Kombination aus BPM, Kollaboration und Cloud führt damit zwangsläufig zu einem radikalen Umbruch im Umgang mit Standardsoftware, der voraussichtlich die (Aus-)Wirkung des Wechsels von Mainframe/Host-basierten Lösungen auf das Client-/Servermodell noch übertrifft. Anstatt des zentralen Erwerbs von Komplettlösungen wird der individuelle Zuschnitt der Prozesslogik für Unternehmen außerhalb der Anwendungsfunktionen gesteuert. Die Arbeitsergebnisse der Kollaboration auf Prozessebene bilden hierbei die Quelle für eine kontinuierliche Businesstransformation auf dem Weg zu einem umfassend digitalisierten Unternehmen. Anbieter von Standardsoftware werden versuchen, die tiefe Integration ihrer Standardsoftware zu lockern und vermehrt kleinteiligeren Anwendungs-Content über Koppelungspunkte bereitzustellen. Erst dann erschließt sich für Anwendungsunternehmen auch das vollständige Potenzial des Cloud Computing. Mit der heute eher technisch geprägten Debatte über die innovative IT-Betriebsform gelingt es den Herstellern noch erfolgreich, von den eigentlichen Anforderungen abzulenken. Denn ein traditionelles ERP-Modell in eine Cloud zu überführen, hilft vielleicht, die Effizienz im Bezug zu erhöhen. Der grundlegende Widerspruch zwischen Standardsoftware und Prozessflexibilität wird damit jedoch nicht gelöst, sondern hinter einer Wolke versteckt.

Dr. rer. nat. Wolfram Jost, Jahrgang 1962, ist seit August 2010 Mitglied des Vorstands der Software AG und als Chief Technology Officer (CTO) verantwortlich für Forschung und Entwicklung sowie das Produktmanagement und -marketing. 1992 wechselte er zur IDS Prof. Scheer GmbH, Saarbrücken. Hier übernahm er zunächst die Leitung des Bereichs ARIS-Produktentwicklung und ab 1998 den Geschäftsbereich ARIS-Produktstrategie. 1994 wurde er zum Mitglied der Geschäftsleitung ernannt und begleitete diese Position bis zu seiner Bestellung zum Vorstandsmitglied der IDS Scheer AG 2000. Diese Funktion erfüllt er bis zum Abschluss der Übernahme der IDS Scheer AG durch die Software AG. Dr. Wolfram Jost ist Autor zahlreicher Fach- und Zeitschriftenartikel sowie (Mit-)Herausgeber von mehr als zehn Fachbüchern.
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