Interview mit Birgit Kolb

Die PC-Bauanleitung aus Elektroschrott – European Youth Award prämiert digitale Lösungen mit sozialem Mehrwert

Hartmut Schlosser

Digitale Lösungen für Europas gesellschaftliche Herausforderungen sind das Thema des European Youth Awards (EYA), an dem Jungunternehmer aus ganz Europa teilnehmen können. Von sprechenden Puppen für schwerkranke Kinder bis zur PC-Bauanleitung aus Elektronikschrott – Birgit Kolb, Projektmanagerin des EYA, beschreibt uns einige der ausgezeichneten Projekte und zeigt, wie auch Sie sich bewerben können!

Worum geht es beim European Youth Award?

Birgit Kolb: Der European Youth Award (EYA) ist ein europaweiter Wettbewerb für alle jungen Menschen, die digitale Technologien für einen guten Zweck einsetzen. Jeder unter 30-Jährige, der an einem digitalen Projekt arbeitet, das sich mit sozialen, ökologischen, kulturellen oder ökonomischen Zielsetzungen beschäftigt, kann beim EYA einreichen. Der Kreativität sind keine Grenzen gesetzt: Es ist egal, ob jemand eine App oder eine Website entwickelt hat, oder aber auch zum Beispiel eine offline Veranstaltung wie eine Museumsausstellung organisiert, bei der interaktive Installationen und somit digitale Technologien eingesetzt werden. Das Einzigartige und Schöne am EYA ist, dass die Einreichung online, kostenlos und sehr einfach erfolgen kann. Somit besteht die Chance für jeden, der Internetzugang und seinen Wohnsitz in Europa hat, sein IT-Projekt mit sozialem Mehrwert auf einer breiten, internationalen Bühne zu präsentieren.

Sie sprechen von IT-Projekten mit sozialem Mehrwert – können Sie hier erfolgreiche Beispiele aus den vergangenen Jahren beschreiben?

Birgit Kolb: Gerne! Erika Rossi, eine junge Italienerin, hat beispielsweise eine Puppenfamilie mit besonderen Fähigkeiten für schwerkranke Kinder entwickelt. Ihre Puppen können sprechen, Geschichten erzählen und reagieren auf Berührungen mit Licht und Vibrationen. Kinder, die stationär im Krankenhaus behandelt werden, können mit Hilfe dieser Puppen Gefühle wie Angst, Schüchternheit, Einsamkeit etc. bewältigen. Einfach großartig!

Justine Hannequin und Emilien Ah-Kiem aus Frankreich haben letztes Jahr mit einem Rezept für ein ‚open-object‘ beeindruckt: Sie haben mit „jerry – do it together“ eine Bauanleitung entwickelt, mit der sich aus Elektroschrott und einem leeren Benzinkanister ein lauffähiger PC bauen lässt. Insbesondere in Entwicklungsländern gibt es nun Workshops, in denen die Bewohner ihren eigenen PC basteln. Für viele bedeutet das einen großen Schritt in eine bessere Zukunft.

Bild: http://youandjerrycan.org/

Die Gewinner der letzten Jahre waren alle sehr beeindruckend, und es ist schön zu sehen, wie erfolgreich sie sich weiterentwickeln. Es fällt mir schwer, einzelne herauszupicken… ob whatchado, Woody, der Cyborg Chip, Gluten-Free-Maps, Call for Books oder alle anderen – man kann nur staunen, wie junge Menschen aktuelle soziale Probleme mit Eigeninitiative, Kreativität und Engagement angehen und dermaßen tolle Projekte ins Leben rufen.

Die Gewinner werden zur Preisverleihung nach Graz eingeladen, wo sie mit verschiedenen Spezialisten das Projekt weiterentwickeln können. Wie genau sieht eine solche Zusammenarbeit aus?

Birgit Kolb: Da muss ich nun ein bisschen ausholen und etwas richtig stellen: Die Gewinner werden zu einem dreitägigen Festival eingeladen, das aus einer Konferenz und einem Galaabend besteht. Im Rahmen der Konferenz stellen die Gewinner ihre Projekte einem internationalen Publikum vor, in dem Experten als Juroren sitzen und ihnen Feedback geben und Fragen stellen. Sie entwickeln diese aber nicht direkt mit den Gewinnern weiter.

Im Vorfeld des Gewinnerfestivals allerdings – und das ist wirklich einzigartig – arbeiten Studenten aus ganz Europa online zusammen, analysieren die Gewinnerprojekte und entwickeln diese weiter bzw. machen Verbesserungsvorschläge. Zudem kommen lokale Studenten zu den Gewinnerpräsentationen und erstellen ebenfalls Analysen aus verschiedenen Blickwinkeln: z.B. betriebswirtschaftlich oder technisch. Alle Studenten präsentieren ihre Ergebnisse ebenfalls im Rahmen der Konferenz. Die Gewinner erhalten daher im Regelfall Feedback von jeweils zwei Studentengruppen (einer internationalen, einer lokalen) mit unterschiedlichen Schwerpunkten.

Organisiert wird der Award vom Internationalen Centrum für Neue Medien. Womit beschäftigt sich das Centrum?

Birgit Kolb: Das ICNM ist eine Non-Profit-Organisation in Salzburg, die auf die Durchführung von Wettbewerben in den Bereichen kreativer Content, digitale Innovationen und (social) Entrepreneurship spezialisiert ist. Zur Zeit führen wir neben dem European Youth Award den World Summit Award und den World Summit Youth Award durch sowie den World Summit Award Mobile, dabei handelt es sich um globale Wettbewerbe.

Der EYA Award ist ja international – welche Länder beteiligen sich?

Birgit Kolb: Beim EYA können alle einreichen, die in einem Mitgliedsstaat des Europarates, dem Kosovo oder Weißrussland ihren Wohnsitz haben. Zum Festival begrüßen wir gerne Teilnehmer aus der ganzen Welt, beispielsweise haben H.E. Stella Tmbisa Ndabeni-Abrahams, Dep. Minister of Communications, aus Zimbabwe vor zwei Jahren oder der Kanadier Mark Greenspans von Achilles Media im letzten Jahr die Teilnehmer mit ihren Erfahrungen und ihrem Wissen inspiriert.

Was würden Sie Interessierten raten, wie sie sich am besten für den Award bewerben sollten?

Birgit Kolb: Einfach mitmachen! Am besten in der Datenbank registrieren, sich die Fragen durchlesen und gut überlegen, wie man sein Projekt kurz und im Wesentlichen darstellt. Eine gute Beschreibung ist für die Juroren wichtig, um das Projekt richtig beurteilen zu können. Allen Teilnehmern wünsche ich viel Erfolg – ich hoffe, wir sehen uns in Graz.

Birgit Kolb hat Rechtswissenschaft und BWL studiert. Ihre Dissertation beschäftigt sich mit der EU-Vorratsdatenspeicherungsrichtlinie und Datenschutz im Internet. Seit Mai 2013 ist sie Projektmanagerin des European Youth Awards.

Geschrieben von
Hartmut Schlosser
Hartmut Schlosser
Content-Stratege, IT-Redakteur, Storyteller – als Online-Teamlead bei S&S Media ist Hartmut Schlosser immer auf der Suche nach der Geschichte hinter der News. SEO und KPIs isst er zum Frühstück. Satt machen ihn kreative Aktionen, die den Leser bewegen. @hschlosser
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