Die Nervosität im Java-Lager und Oracles Schweigen

Hartmut Schlosser

Es fegt ein heftiger Sturm durchs Java-Land, der viele alte und neue Geschichten mit Wucht aufwirbelt. Immerhin ein heißer Herbst, nachdem jahrelang Stagnation geherrscht hat, könnte man sagen.

Das aktuelle Durcheinander trägt indes tatsächlich Züge einer ernsthaften Krise, doch Oracle, das sich in Nachfolge von Sun als „Steward“ von Java versteht, schweigt leider dazu.

Eine kleine Chronologie der Ereignisse:

  1. Januar: Oracle meldet den Vollzug der Sun-Übernahme; danach gibt es sechs Monate keine relevante Java-Ankündigung
  2. August: Beendigung von OpenSolaris
  3. August: Klage gegen Google wegen Android
  4. September: JavaOne bietet zwar technische Ankündigungen, wichtige Fragen bezüglich der Zukunft Javas werden aber nicht beantwortet
  5. Oktober: Partnerschaft mit IBM zur Weiterentwicklung des OpenJDK
  6. Oktober: Rücktritt von Doug Lea aus dem Exekutivkomitee des JCP
  7. Oktober: Apples Absage an Java
  8. Oktober: Nokias Absage an Java bei Smartphones und Tablets

Zu 1) Oracle ist kein Community-orientiertes Unternehmen und verlässt sich voll und ganz auf seine interne Prozesssteuerung. Diese ist rigoros, aber effizient. Ohne sie wäre das Unternehmen nicht in der Lage gewesen, innerhalb weniger Jahre durch Übernahmen auf mehr als 100.000 Mitarbeiter zu wachsen. Entscheidungsprozesse werden bei Oracle daher nicht in der Öffentlichkeit diskutiert. Wie vor diesem Hintergrund allerdings eine glaubwürdige Einbindung der Java-Community funktionieren soll, ist noch unklar. Vermutlich wird an einer Neuordnung des gesamten Community-Prozesses gerade hinter verschlossenen Türen gearbeitet – ohne Einbeziehung eben dieser Community.

Zu 2) OpenSolaris ist nicht OpenJDK und um es vorwegzusagen: Beim OpenJDK hat Oracle eine glaubwürdige und verlässliche Roadmap für die nächsten Jahre vorgelegt. Allerdings hat die Causa OpenSolaris dennoch einen Eindruck gegeben, wie einfach es ist, ein Projekt zu schließen, wenn es denn nicht in die Strategie passt. Der Gerechtigkeit halber muss aber hinzugefügt werden, dass den Projekten OpenSolaris und OpenJDK eines gemeinsam ist: Es hat in ihrer Geschichte praktisch keine substanziellen Contributions aus der Community gegeben.

Zu 3) Die Klage wegen mutmaßlicher Patentverletzungen bei Android gegen Google: Den juristischen Teil dieser Angelegenheit klären aktuell die Anwälte, der strategische ist bereits vielfach kommentiert worden. Android kann wohl mit Fug und Recht als ein Fork Javas verstanden werden, und es ist heute wohl klar, dass Sun ebenfalls dagegen vorgegangen wäre, wenn es noch gekonnt hätte. Doch schwieriges Standing im Markt, schwindende finanzielle Ressourcen und zahlreiche Probleme an verschiedenen Fronten haben Sun wohl dazu bewogen, den Google-Angriff stillschweigend hinzunehmen. Oracle zeigte nun entschieden seine Zähne – leider hätte sich die Java-Community vor allem mehr Biss bei den konstruktiven Themen gewünscht anstatt bei der Bekämpfung ein Wettbewerbers.

Zu 4) Die JavaOne war Oracles Premiere als „Steward of Java“; ihre Rolle als Verkünder technischer Neuerungen hat die Ellison-Company durchaus gut gespielt. Allein wenn es um die Partizipation der Community nicht nur auf technischer, sondern auf politisch-strategischer Ebene ging, hieß es stets nur: „No Comment“. Zu wenig für eine JavaOne, die in die Fußstapfen einer fast 15-jährigen Tradition treten will.

Zu 5) Anstatt sich der Community zu öffnen, hat Oracle entschieden, mit IBM ein Duopol zu bilden, das die Weiterentwicklung von Java betreibt. Auch dies ist wieder eine Entscheidung Pro-Effizienz, aber Contra-Community.

Zu 6) Ob der Brain-Drain bei Java einen herben Verlust oder aber einen fälligen Generationenwechsel darstellt, wird man erst später beurteilen können. Mit Doug Lea hat jedenfalls ein anerkannter und neutraler Vertreter im JCP seinen Rücktritt eingereicht und damit sein deutliches Misstrauen in die Motive Oracles bekundet.

Zu 7) In einer Fußnote gewissermaßen hat Apple angekündigt, sein Betriebssystem nicht mehr standardmäßig mit einem JDK auszuliefern. Nach der entschlossenen Demontage von Flash trifft es offenbar nun auch Java – und dies beim aktuell erfolgreichsten und innovativsten Computerhersteller. Das zeigt, dass Apple nicht mehr darauf angewiesen ist, Anschluss zu haben an das riesige Java-Ökosystem. Auf der anderen Seite sollte man nicht außer Acht lassen, dass das JDK für Windows stets von Sun (jetzt Oracle) entwickelt wurde, nicht von Microsoft, und dass die Verteilung auf die Mehrheit aller PCs nicht durch eine Partnerschaft mit Microsoft, sondern durch Vereinbarungen mit HP, Dell, Lenovo, Acer usw. erreicht wurde.

Zu 8) Nokia plant sein Geschäft mit den zukunftsträchtigen Produktkategorien – Smartphones und Tablets – ganz ohne Java. Die Programmiermodelle für Apps für Symbian und MeeGo sollen ausschließlich auf Trooltech’s Qt basieren; das meldete Nokia in einer Pressemeldung vom 21. Oktober 2010.

In diesem Umfeld steht Oracle also – und schweigt: redet nicht mit der Community, redet aber offensichtlich auch nicht mit den Partnern. Via Twitter meldete das Oracle Technology Network (OTN) nach der Apple-Absage an Java zum Beispiel:

To people asking me if Oracle will supply a JVM for Mac OS X – when I have the answer, I’ll share it Quelle

Schlussfolgerung

Wir können sicher sein, dass Oracle entschlossen ist, Java weiter auf der Spur des Erfolgs zu halten und mit soliden technischen Innovationen wieder auf die Höhe der Zeit zu bringen. Wir haben aber auch gelernt, dass Oracle noch nicht in der Kommunikationskultur von Open Source und Web 2.0 angekommen ist. Zu sehr ist das Unternehmen damit beschäftigt, seine Außenwirkung in jedem noch so kleinen Detail durch Strategen und Anwälte absichern zu lassen. Die Nutzer von Java erfüllt dieses Kommunikationsdefizit jedenfalls mit großer Besorgnis.

Eines aber ist klar: Das Scheitern ist Oracles Sache nicht. Die Firma wird weiter daran arbeiten, eine Java-Steuerung nach ihrem Geschmack zu etablieren. Und sie wird dies erfolgreich tun. Sie wird weiter einen Weg verfolgen, der die eigenen Interessen in den Mittelpunkt stellt, dabei aber penibel darauf achten, der Community nur so viel zuzumuten, wie sie noch zu tolerieren bereit ist. Oracle geht aktuell zwar noch nicht wirklich mit der Community, wird aber keinesfalls diametral gegen die Community marschieren.

Sebastian Meyen

Chefredakteur Java Magazin

Geschrieben von
Hartmut Schlosser
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