Java EE-Faktencheck mit Peter Pilgrim

Die Java EE Guardians reden Klartext: „Java EE kann nicht von der Community allein getragen werden“

Hartmut Schlosser
Peter Pilgrim

Wo liegt die Zukunft von Java EE? Nachdem Oracle seine Aktivität bezüglich Java Enterprise 8 reduziert hat, haben Community-Mitglieder die Gruppe „Java EE Guardians“ ins Leben gerufen. Welche Ziele haben die Guardians? Wo steht Java EE 8 derzeit und was kommt als nächstes?

Wir haben in einer Interview-Serie Mitglieder der Java EE Guardians nach den Hintergründen der Initiative und ihrer Einschätzung der aktuellen Situation um Java EE befragt. Diesmal sprechen wir mit Java EE Guardian Peter Pilgrim, einem Java EE-Consultant sowie Geschäftsführer und Eigentümer von PEAT LTD.

JAXenter: Wie würden Sie den derzeitigen Zustand von Java EE 8 beschreiben?

Peter Pilgrim: Ich würde den derzeitigen Zustand von Java EE 8 als Krise beschreiben. Es ist besonders beunruhigend, dass es von außen, also außerhalb von Oracle, so erscheint, als hätten die Specification Leads die Arbeit niedergelegt. Dies ist wirklich sehr besorgniserregend für den zukünftigen Schritt bei einer Enterprise-Spezifikation. Gleichwohl habe ich auch in Organisationen gearbeitet, in denen Entwickler, Designer und Architekten plötzlich die Arbeit an einer Technologie, einem neuen Proof of Concept, einem Prototypen oder zukünftigem Release niederlegen mussten, weil ein dringendes Business-Anliegen bearbeitet werden sollte. Auf der anderen Seite dauert ein Notfall nicht sechs Monate, jedenfalls nicht in der Softwareentwicklung.

Es könnte sein, dass Oracle ein Rebranding der Java Plattformen plant, um ihnen ein neues Image zu verpassen.

Ich habe eine Vermutung, die sehr gewagt erscheint. Es könnte sein, dass Oracle ein Rebranding der Java Plattformen plant und ihnen somit ein neues Image verpassen möchte. Das ist natürlich ziemlich weit hergeholt. Wenn man aber darüber nachdenkt: Die Editionen EE, SE und ME wurden frühestens 1999 erstellt, Java gehörte zu diesem Zeitpunkt noch zu Sun Microsystems. Es könnte sein, dass Java EE mittlerweile eine alte, müde Marke ist.

Eine andere Spekulation ist, dass es da noch etwas anderes gibt. Ein Stück Business-Information, Know-How oder Marktforschung, das wir einfach nicht verstehen und das noch enthüllt werden muss. Im Endeffekt ist Oracle, genau wie Apple, IBM oder Google, ein Unternehmen und sie haben das Recht, gewisse Karten auszuspielen und sich in diese vorher nicht hineinschauen zu lassen.

Das ist die echte Sorge: Oracle bleibt, genau wie Apple, still. Als Fabrizio Gianneschi in der Java-Champions-User-Mailing-Liste, die nur wir einsehen konnten, nach den Java EE-Gerüchten gefragt wurde, gab es keine offizielle Antwort von irgendeinem anderen Vorstandsmitglied von Oracle. Wir haben also keine andere Wahl, als dieses Thema auszusitzen.

JAXenter: Sie sind Mitglied der neuen Gruppe namens „Java EE Guardian“?

Peter Pilgrim: Ich habe die Online-Petition, die Reza Rahman zusammengestellt hat, unterschieben. Ihre Leser müssen wissen, dass James Gosling die Petition ebenfalls unterschrieben hat. Ich organisiere nicht die täglichen Java EE Guardian-Bemühungen, aber sie haben im Moment meine Unterstützung. Wenn sie mehr über die Zielsetzungen erfahren möchten, dann schlage ich vor, Sie sehen sich die neue Java EE Guardian Webseite an.

JAXenter: Warum haben Sie sich entschieden, bei den Java EE Guardians mitzumachen?

Peter Pilgrim: Ich habe die Petition unterschrieben, weil ich den Beweis für die Reduzierung der Committs zur Versionskontrolle und einige der Nachrichten von der jeweiligen Mailing-Listen sehen bzw. lesen konnte. Ich habe angenommen, dass es ein Feuer gegeben haben muss, denn der Rauch lag ja noch in der Luft.

Ich erinnere mich an meine Unterschrift zu Stephen Chins Petition, JavaFX quelloffen zu machen. Das war 2011, als Oracle uns mit JavaFX Script im Dunkeln hielt. Bevor er sich, gemeinsam mit James Weaver, Oracle als JavaFX Evangelist anschloss, war er ein eifriger Community-Leader und Visionär im JavaFX Framework. Ich war damals derselben Meinung und ich bin auch heute noch, wenn es darum geht, die Kapitalrendite von Java EE für Entwickler, Designer und Architekten sowie für wirtschaftliche Akteure, zu sichern.

Oracle müsste einige seiner Verantwortlichkeiten abgeben und andere Unternehmen – etwa Red Hat, IBM oder wen auch immer – das Ruder übernehmen lassen.

JAXenter: Denken Sie Java EE kann außerhalb von JCP existieren?

Peter Pilgrim: Nein. Oracle ist Rechtsträger und Verwalter von Java. Ihnen gehört die Marke Java einschließlich der Erweiterungsplattformen. Oracle müsste seine Autorität einschränken und ich denke nicht, dass das passieren wird. Jedenfalls erwarte ich das nicht.

Die Wahrheit über dieses Thema ist für Geschäftsführer weltweit, dass Java EE eine Kosteneinsparung repräsentiert, besonders in Ökonomien und Umgebungen mit hohem Kostendruck. Es würde ökonomisch keinen Sinn ergeben, weiterhin Software zu entwickeln, die nicht länger von einem „Hauptkonzern“ unterstützt wird. Ich nehme stark an, dass es die Kernplattform in Schwierigkeiten bringen würde, sollte Oracle Java EE fallenlassen, trotz des Potenzials von Java SE 9 und Jigsaw. Das würde ein riesiges Loch im Schiff hinterlassen und den gesamten Supertanker „Java EE Community“ sofort zum sinken bringen.

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Ich bezweifle ernsthaft, dass Oracle dies zuließe, denn das würde ihr Reputationsrisiko und ihren Aktienkurs beeinflussen. Es wäre auf der ganzen Plattform in den Schlagzeilen. Das wirft die Frage auf, warum geht Oracle diesen Schritt? Ich würde eher denken, dass es einen Mangel an Personal gibt, weshalb die Anstrengungen plötzlich auf Oracles Kerngeschäfte – welche auch immer das sind – konzentriert werden müssen. Darauf fokussieren sie sich, um eine schwierige Zeit überstehen zu können und damit ihre Bemühung nicht umsonst sind. Sollte das stimmen, macht die Verzögerung in der Tat (in geschäftlicher Hinsicht) Sinn. Dass allerdings keine öffentliche Erklärung oder zumindest ein Signal, dass alles in Ordnung ist, gegeben wird, bedeutet, dass es eine Informationskrise gibt.

Ich habe großes Vertrauen in das bevorstehende Jigsaw-Projekt, schließlich könnte es dazu führen, dass wir endlich Legacy loswerden können.

Ich glaube außerdem nicht, dass Oracle etwas Vergleichbares abzieht, wie Microsoft in der Vergangenheit. Ich bezweifle, dass Oracle das Baby einfach radikal per Kaiserschnitt herausholt und Java EE wie ECMA in eine alternativen Standard drängt. Für Oracle steckt zuviel Kapital in Java. Oracle hätte seit 2009 eine Cloud-Computing-Technologie entwickeln müssen. Das ist eine bekannte Tatsache. Ich würde die Wette riskieren, dass die Arbeitskraft auf absehbare Zeit dort eingesetzt werden wird; zu Ungunsten von jeglichen Standardisierungsbestrebungen. Schließlich ist es besser, wie wir von Hibernate, Top Link und den KodoMetric-Projekten gelernt haben, sich auf die Standardisierung von Technologien zu konzentrieren, die es bereits gibt und die nachweislich funktionieren. JPA (und später EJB3) sind die Resultate dieser Arbeit. Für Oracle, so meine Einschätzung, hat die Entwicklung einer Auswahl von Java/Cloud-Lösungen oberste Priorität.

JAXenter: Kann Java allein von der Community getragen werden?

Peter Pilgrim: Die kurze Antwort darauf lautet „nein“, weil Oracle einige seiner Verantwortlichkeiten abgeben und andere Unternehmen – etwa Red Hat, IBM oder wen auch immer – das Ruder übernehmen lassen müsste. Das kann ich mir nicht vorstellen, da Oracle derzeit wieder soviel Macht besitzt, wie vor der Sun Microsystem-Übernahme.

Die längere Antwort könnte so aussehen: Oracle erlaubt eventuell einer anderen Standard-Körperschaft oder de facto Körperschaft, bspw. der Apache Software Foundation oder der Eclipse Foundation, sich selbst zu organisieren. Jedoch mit der Perspektive, später die Kontrolle wieder zu übernehmen. Allerdings kann ich mir nicht vorstellen, wie das legal funktionieren soll, ohne in einem Sumpf aus Verträgen, Restriktionen und Grundlasten unterzugehen. Sollte Oracle wider Erwarten auf Java EE verzichten, werden die Karten natürlich völlig neu gemischt.

 
JAXenter: Was ist deine persönlicher Blick auf Java EE?

Peter Pilgrim: Ich würde mich freuen, wenn Java EE diese Krise übersteht. Wir alle haben ein persönliches Interesse an der Plattform, der Runtime und der JVM. Ich habe großes Vertrauen in das bevorstehende Jigsaw-Projekt, schließlich könnte es dazu führen, dass wir endlich Legacy loswerden können. Ich träume von einer Welt, in der wir endlich java.util.Date entfernen, CORBA zerschlagen und nur noch Module, die wir wirklich benötigen, in die Runtime-Applikation aufnehmen.

Offenkundig könnte Jigsaw eine Revolution für Anwendungsserver-Ingenieure bedeuten. Sollte es genügend modularisierte Libraries für, sagen wir, Maven Central oder Bintray geben, dürfte es kein Problem sein, sich eigene, benutzerdefinierte Pluggable Server zu bauen. Vorausgesetzt man verfügt über einen Microservice-Server, bei dem man sich zwischen JAX-RS, Securtiy, CDI, JCache oder verteiltem Logging entscheiden kann. Das würde außerdem bedeuten, dass nachziehende Unternehmen, die nicht von Java 6 auf Java 9 upgraden wollen, auf lange Sicht erhebliche Schwierigkeiten bekommen. Die würden wir einfach hinter uns lassen. Ich jedenfalls finde die ganze Jigsaw-Geschichte ziemlich aufregend.

Um auf Java EE zurückzukommen: Oracle sollte uns wenigsten bestätigen, dass im Großen und Ganzen alles cool ist! Und sei es nur einem Teil der Java Champions unter irgendeiner Geheimhaltungsverpflichtung. Denn aktuell sieht es so aus, dass sich Java EE 8 sogar in 2017 erheblich verspäten wird. Ich zumindest will unbedingt, dass es bei der Java EE 8-Spezifikation mit neuen Ideen, Technologie und Innovationen vorangeht. Hinsichtlich der Oracle Specification Leads wäre es schön, wenn ein externer Deputy Spec-Lead eingesetzt würde, der die Arbeit wenigstens ein bisschen weiterbringen könnte.

JAXenter: Vielen Dank für dieses Interview!

Peter Pilgrim ist professioneller Software-Entwickler, -Designer und -Architekt. Seit 1998 arbeitet er in der Finanzdienstleistungsindustrie, wo er – hauptsächlich für den Investment Banking-Sektor – IT für Klienten entwickelt. Er ist ein bekannter Spezialist für Scala- und Java Enterprise Edition (Java EE)-Technologie, mit besonderem Fokus auf die Server-Seite und die Implementierung von E-Commerce. Peter hat professionelle Java EE-Apps mit ‚Blue Chips“ wie z.B. LBi, Pearson Group sowie Investment-Banken wie Credit Suisse entworfen. Er ist der 91. Java Champion und Geschäftsführer sowie Eigentümer von PEAT LTD..
Geschrieben von
Hartmut Schlosser
Hartmut Schlosser
Content-Stratege, IT-Redakteur, Storyteller – als Online-Teamlead bei S&S Media ist Hartmut Schlosser immer auf der Suche nach der Geschichte hinter der News. SEO und KPIs isst er zum Frühstück. Satt machen ihn kreative Aktionen, die den Leser bewegen. @hschlosser
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Das Java-Portfolio wurde im Rahmen der Sun Microsystems Übernahme von Oracle teuer mit erworben. Alleine an den Servern war Oracle nicht interessiert, zumal es mit IBM einen Mitbieter für Sun gab. Evtl. sollte jemand die (US-) Börsenaufsicht darauf aufmerksam machen, dass das aktuelle Verhalten von Oracle bzgl. Java EE evtl. Grund für eine „Ad-hoc“-Mitteilung sein könnte. Hier geht es schliesslich auch um Aktionärsinteressen. Sollte eine wichtige Information unterbleiben, könnten sich Oracle oder -Verantwortliche im Sinne des Aktiengesetzes strafbar machen.