WEB TV

Die interaktive Welt der Prosumenten

Thomas Bachem und Mike Schnoor
Konsumenten werden zu Produzenten oder zu Prosumenten

Speziell das Web TV ermöglicht interaktive Dienste über die bidirektionalen Feedback-Kanäle. Der Zuschauer kann einen Pool von Inhalten selektieren, sodass sich die redaktionelle Kompetenz zum Konsumenten verlagert. Elektronische Programmzeitschiften vermitteln auf einen Klick die direkte Übersicht über bereits bestehende oder zukünftige Sendungen. Die umfangreichen Datenbanken der Web-TV-Anbieter bieten zusätzliche Hintergrundinformationen zum aktuellen Programm, das per Video on Demand unabhängig von Raum und Zeit konsumiert werden kann. Individuelle Playlisten können für den einzelnen Zuschauer einen ganzen Tag lang Unterhaltung bieten, die mit anderen Nutzern geteilt werden können. Auch sind die klassischen Untertitel oder Mehrkanalausstrahlungen im Internet von technischer Seite her einfach zu beziehen, und gepaart mit den durch das Web 2.0 bekannten Funktionen, können eigene Kommentare zu jedem Programm verfasst werden: Empfehlungen eines Beitrags an Freunde oder sogar die eigene Reaktion auf einen Beitrag per Webcam – das Internet vereinigt verschiedene Kommunikationsmöglichkeiten im Broadcasting mit dem Feedback-Kanal. Das Erlebnis des Fernsehzuschauers ist interaktiv und persönlich, die Konsumenten werden zu Produzenten oder zu Prosumenten.

Für den Internetnutzer ist das jedoch keine echte neue Erfahrung. Videoplattformen wie YouTube oder sevenload verursachen über ihre unterschiedlichen konzeptionellen Ansätze eine Veränderung des Konsumverhaltens der Bevölkerung. Hier kann man den Grad der Interaktion bis in das kleinste Detail definieren. Das Fernsehen hat schon mit der Idee, einen einzelnen Inhalt oder eine Selektion über Hyperlinks zu adressieren, ein konzeptionelles Problem. Der Fernsehzuschauer wird als Internetnutzer zu besagtem Prosumenten, indem er sich einerseits dem ausgiebigen Konsum der Videos hingibt, andererseits eigene Videobeiträge auf die Plattformen hochlädt und den jeweiligen Communities bereitstellt. Der Gedanke, den Inhalt über Embedded-Flashplayer auf dem eigenen Blog anzubieten, bietet ausschließlich im Internet die Basis für virale Effekte. Das Weiterleiten von Links ist die effizienteste Mund-zu-Mund-Propaganda unserer modernen Kommunikation – mit oft unerwarteten Netzwerkeffekten.

„Über die Integration von Videoplattformen in die tägliche Internetnutzung wird seit knapp drei Jahren immer stärker die Professionalität bei der Erstellung von Videoinhalten vorangetrieben. Was anfangs dem Angebot von lustigen Clipsammlungen auf der Festplatte entsprach, entwickelt sich zu themenorientierten Sendeformaten.“

Das bewegte Bild formiert sich im Internet zu einem selbstgestalterischen Erlebnis – ein Prozess, der zum Mitmachen anregt. Das ursprüngliche Klickerlebnis in einer ruhigen Minute ist im Internet salonfähig geworden. Doch im Gegensatz zu lustigen Spots zu typischen Unfällen und Missgeschicken des Alltags im traditionellen Fernsehen, die es seit der Einführung der Videocamcorder als festen Bestandteil des Fernsehprogramms gibt, kann mit den Tortenschlachten vom Hochzeitsvideo oder dem berühmten Katzen-Content keiner vor oder hinter der Kamera ein Publikum dauerhaft begeistern. Zwar wird kurze Unterhaltung geboten, doch ein Millionenpublikum erreicht man in den seltensten Fällen über einen einmaligen Lacher durch Schadenfreude.

Doch über die Integration von Videoplattformen in die tägliche Internetnutzung wird seit knapp drei Jahren auch immer stärker die Professionalität bei der Erstellung von Videoinhalten vorangetrieben. Was anfangs dem Angebot von lustigen Clipsammlungen auf der Festplatte entsprach, entwickelt sich zu themenorientierten Sendeformaten, Serienproduktionen oder individuellen Nischeninhalten. Aber aus ihrer noch so kleinen Nische entwachsen diese Produktionen immer öfter durch die größer werdende Schar der Zuschauer, die sich genau für dieses alternative Programm interessieren und sich vom Mainstream-Broadcast abkehren. Eine Erklärung für diesen Interessenwandel lässt sich durch technologische und soziologische Faktoren finden.


Vom Niemand zum Internetstar

Das Medium Internet, speziell das noch sehr junge Online- TV, hat bereits heute eine Hand voll Internetberühmtheiten hervorgebracht. Diese sprunghaften und oft gar ungewollten Karrieren basierten jedoch in den wenigsten Fällen auf hochqualitativem Content, sondern vielmehr auf der Authentizität und Originalität der Macher. Virale Effekte ließen ihre Zuschauerzahlen innerhalb weniger Tage ungeachtet von Ländergrenzen explodieren und führten der Welt vor, dass das Internet von ganz besonderen Kräften getrieben wird. Im Mittelpunkt stehen dabei fast immer einzelne Persönlichkeiten. Ein paar Beispiele aus Deutschland:

Grup Tekkan

Ihr amateuerhaft selbstproduzierter Song „Wo bist du, mein Sonnenlicht?“ wurde zum Internet-Hit und machte die Akteure İsmail, Selcuk und Fatih („Grup Tekkan“) schnell zur Zielscheibe kollektiven Spotts und vieler komödialer TV-Formate. Die Bekanntheit des Songs und seiner Sänger kam jedoch vor allem durch das Internet zu Stande, wo sich der Clip innerhalb weniger Tage explosiv verbreitete. Am Schluss dieses Erfolgs standen ein Plattenvertrag und eine auf CD gepresste Maxi, doch konnte sich die Band abseits ihres unfreiwillig komischen Erfolgs nicht weiter behaupten.

Rob Vegas

Unter seinem bürgerlichen Namen kennt Robert Michel eigentlich niemand – viel bekannter ist da schon Rob Vegas, Moderator der wöchentlichen Mindtime Show. Sehr früh schon legte er damit einen überraschenden Erfolgsstart hin, wurde insbesondere Dank seiner verrückten Aktionen quer durch die Republik weitergeschickt und erreichte dabei manches Mal über 100.000 Zuschauer pro Folge. Rob Vegas wurde Thema bei Harald Schmidt (dessen Redaktion ein besonderes Gespür für Internet TV nachgesagt wird), Gast beim WDR und der Deutschen Welle an der Seite von Tobias Schlegl.

Katrin Bauerfeind

Sie war das Gesicht des täglichen Internetformats „Ehrensenf“, gewann den Grimme Online Award, den New Media Award und war zu Gast bei Harald Schmidt: Katrin Bauerfeind gab dem Internetfernsehen ein eigenes Gesicht und amüsierte täglich viele tausend Zuschauer. Seit September 2007 moderiert sie nun das junge Zeitgeist-Magazin „Polylux“ im Offline-TV, in der ARD.


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Thomas Bachem und Mike Schnoor
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