WEB TV

Die interaktive Welt der Prosumenten

Thomas Bachem und Mike Schnoor
Digitale Zukunftsmusik

Prosumenten haben das „Wir“-Erlebnis in ihrer Arbeit und in ihrem Lebensstil verinnerlicht. Die Beteiligung an der Produktion von neuen Alternativen zum bekannten Fernsehfrust liegt in der Natur des modernen Menschen, der seine Zeit durch die technologisch hochspezifische Umwelt des Alltags für seine Zwecke sinnvoll nutzen möchte. Das soziale Umfeld ermöglicht die Partizipation – das Umdenken in den Köpfen vieler Nutzer und Zuschauer hat bereits begonnen. Die gewohnte Situation mit den neuen Möglichkeiten des bewegten Bildes zu verbinden, die von jedem fast spielerisch erlernt werden können, ist für unsere heutige multimedial aufgewachsene Generation bezeichnend. Neben der Nutzung als reine Abspielstation für Kinofilme und Spielekonsolen, wird der Bildschirm im Wohnzimmer über kurz oder lang persönliches Entertainment für jeden Zuschauer bieten. Sowohl klassische Konsumenten als auch besagte Prosumenten der Videoplattformen im Web 2.0 werden ihre Inhalte eigenständig selektieren und für sich selbst oder auch andere ausstrahlen. Der Empfang von User Generated TV als „My TV“ wird seinen Einzug in die Wohnzimmer halten. Die Individualität und Personalisierung gewinnt dabei zusätzlich an Relevanz. Wird der Konsument vom Computer als interaktive Abspielstation und universelles Arbeits- und Unterhaltungsmedium sogar zu einem bequemen Sessel im Wohnzimmer zurückfinden?

Sollte das Fernseherlebnis mit mehr Rechen-Power und intuitiver Benutzeroberfläche gekoppelt werden und als Mischung zwischen Computer und Fernseher den Massenmarkt erreichen, wird für eine Vielzahl der Zuschauer diese neue Benutzerführung über den Fernseher ein wesentlicher Schritt sein, um ein persönliches Home-Entertainment für jedermann zu perfektionieren. Sobald im Wohnzimmer das Prinzip des Web 2.0 angewandt wird, wird ein Fernsehzuschauer kaum zu einer passiven Couch-Potato mutieren, da das neue Fernseherlebnis durch dieses Hybrid-TV definiert wird. Innerhalb des Hybrid-TV wird die persönliche Erlebniswelt als „My TV“ für jeden Zuschauer einen Mehrwert durch das Mitmachen bieten – die Eintrittsbarrieren für den Zuschauer selbst sind hierbei bis auf die Anschaffungskosten für zusätzliche Geräte als sehr gering anzusehen.

„Ein digitales My TV kann mehr als nur kostenlos Videoinhalte zum Konsumenten bringen. Einen Film als Geschenk zu verschicken oder den Film mit vielen anderen Zuschauern zu erleben, die über die direkte Chatintegration konstruktiv über den Film diskutieren und die Inhalte rezensieren können, kann ebenso hilfreich aber auch störend sein.“

Zuschauer werden ihr Videoerlebnis gegen direkte Bezahlung vom Plattformanbieter beziehen oder sich durch ein auf wenige Minuten getrimmtes, dabei stark auf das Nutzerprofil hin individualisiertes Werbeangebot gegenfinanzieren können. Für nur zwei Minuten Werbung am Anfang oder Ende des Films werden viele Menschen auf die klassische Werbeunterbrechung verzichten oder entsprechend den obligatorischen Euro für den Film bezahlen. Wer würde nicht von einem brandneuen Actionfilm begeistert werden, wenn dieser Film durch die Automarke gesponsort würde, mit dem der Hauptdarsteller unterwegs ist?

Doch ein digitales My TV kann mehr als nur kostenlos Videoinhalte zum Konsumenten bringen. Einen Film als Geschenk zu verschicken oder den Film mit vielen anderen Zuschauern zu erleben, die über die direkte Chatintegration konstruktiv über den Film diskutieren und die Inhalte rezensieren können, kann ebenso hilfreich wie auch störend sein – es liegt am jeweiligen Zuschauer, ob das zusätzliche Angebot einen Mehrwert darstellt.

Souveränität des Prosumenten

Faktisch gesehen ist die Eigeninitiative der Zuschauer das ausschlaggebende Moment, mit dem der Wandel der Medienwelt vollzogen wird. Durch die Veränderungen in der aktiven Mediennutzung wird der Konsum im Bereich TV und Internet für den Zuschauer ein selbstbestimmendes Merkmal. Recherche der Informationen, Selektion der Inhalte und Konsum des Endprodukts – die typischen Aufgaben einer Redaktion fallen auf den Prosumenten. Über die ersten Rezensionen bei Amazon, das Kommentieren in Foren, das eigene Weblog und im nächsten Schritt die gesamten Nutzungsmöglichkeiten des Web 2.0, nehmen sich die Nutzer der Beteiligung an den Inhalten an. Die Entscheidung über die personalisierte Produktion der Inhalte, das Zusammenstellen eines eigenen individuellen Programms und die Faktoren der Unabhängigkeit von Zeit und Raum über mobile Endgeräte führt uns alle auf den Pfad des vernetzten Menschen, der sich als Prosument in seiner souveränen Rolle als kritischer Mediennutzer positioniert. Ob eigene Inhalte als Vollprogramm im heimischen Wohnzimmer konzipiert und produziert werden, oder sich die Teilnahme am Geschehen der Medienwelt über Kommentare, Bewertungen oder Empfehlungen widerspiegelt, bleibt dabei jedem einzelnen Prosumenten selbst überlassen.

Der Artikel ist dem CREATE OR DIE Special 1 entnommen. Das Heft kann hier bestellt werden.

Geschrieben von
Thomas Bachem und Mike Schnoor
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