WEB TV

Die interaktive Welt der Prosumenten

Thomas Bachem und Mike Schnoor
Konsumverhalten, Digitalisierung und Breitbandanbindungen

Die neue Erlebniswelt dieses partizipierenden Prosumenten wird durch drei Faktoren beeinflusst: Die typischen Konsumenten der Medienlandschaft sind Personalisierung, Selektion und Interaktion von Inhalten, Dienstleistungen und der gesamten Markenwelt gewohnt. Das Internet bietet allen Nutzern die Möglichkeit, genau das zu bekommen, was sie wollen, wann immer sie es wollen und wie oft sie es wollen. Damit erwartet der von den üblichen Gepflogenheiten des Internets geprägte Konsument das Gleiche vom Fernsehen, das in den letzten Jahrzehnten in nahezu jedem Haushalt ein tief verwurzelter Bestandteil der Informationsbeschaffung war. Weiterhin erlaubt die omnipräsente Technologie von Hochgeschwindigkeits-Breitbandanschlüssen endlich die notwendige bidirektionale Kommunikation als Voraussetzung für den lang ersehnten Feedback-Kanal. Das Internet wird dabei über die Telefonleitungen, Stromleitungen, frei nutzbare Hotspots und über das Mobilfunknetz für jeden Konsumenten einfach und bequem nutzbar, und der Konsument steuert seinen Teil zum Informationsgefüge bei. Ferner werden neue Inhalte zunehmend digitalisiert angeboten, was die Beschaffung und Speicherung der Daten vereinfacht. Standardisierte Verfahren helfen dabei, dass Videoplattformen die Videos im Flash-Format bereitstellen. Günstige Videoschnittsysteme und Softwarepakete ermöglichen die einfache Veröffentlichung von digitalen Medieninhalten.

Innerhalb der durch das Fernsehen geprägten Medienlandschaft sind diese Faktoren mehr schlecht als recht verankert. Zwar können die Zuschauer in Casting- oder Quizshows per Telefon über den Sieger oder die richtige Antwort mitbestimmen, jedoch zählt das vielmehr als kostenintensiver Zeitvertreib, und nicht als ein Gradmesser der Interaktivität im Konsumverhalten. Die Interaktivität als Wahl des Programms ist im klassischen „lean back“ des Fernsehens durch die Passivität der Zuschauer nicht gestattet. Die Möglichkeit, sich auszutauschen und den Feedback-Kanal zu nutzen, führt zum „lean-forward“-Effekt eines aktiven Nutzers. Neben professionellen Filmstudios erfüllt jeder Mensch die Voraussetzung, durch Webcams, digitale Camcorder oder Mobiltelefone mit integrierten Kameras zu einem kleinen Produzenten zu werden, sodass eine nahezu unüberschaubare Menge an Inhalten zum Informationsangebot des Internets beigesteuert werden kann. Die Einfachheit der Videoproduktion und das Überangebot an Breitbandanschlüssen formt die Grundlage für die Prosumenten, das „one-to-any“-Modell der Fernsehsender zu einem „many-to-any“-Modell von Videoplattformen und ihren Communities gesellschaftlich fest zu etablieren.

„Faktisch gesehen ist der Weg zum Star für jeden Prosumenten ein Prozess, der nur durch kontinuierliche Präsenz im Internet über das Long-Tail-Prinzip erreicht werden kann. Die Steigerung der Zuschauerzahlen vom ersten Video mit einigen wenigen Zugriffen bis hin zu Episode 100 mit einer eigenen Fangemeinde kann Wochen oder Monate dauern.“

Die Steigerung der Reichweite, gemessen an reinen Zuschauerkontakten, die Erhöhung des Vernetzungsgrades innerhalb der Communities der Videoplattformen, die crossmediale Streuung der Inhalte in verschiedenen Medien, das Gewinnen von Anzeigenkunden oder Sponsoren für eine regelmäßige Sendung – für den Prosumenten zählt die Verbreitung seiner Inhalte in vielerlei Hinsicht zu seinem Erfolg. Es ist dabei nur noch eine Frage der Zeit, bis die Prosumenten der Videoplattformen das Medium Internet verlassen und andere Distributionskanäle als Zweitverwertung ihrer originären Inhalte nutzen werden. Das Web TV kann dabei als Sprungbrett zum Starruhm dienen. Das unbekannte Gesicht aus der Videoproduktion im Netz steigt von einigen wenigen Sendungen zu einem Newcomer der Unterhaltungsbranche auf (vergleiche „Vom Niemand zum Internet-Star“).

Faktisch gesehen ist der Weg zum Star für jeden Prosumenten ein Prozess, der nur durch kontinuierliche Präsenz im Internet über das Long-Tail-Prinzip erreicht werden kann. Die Steigerung der Zuschauerzahlen vom ersten Video mit einigen wenigen Zugriffen bis hin zu Episode 100 mit einer eigenen Fangemeinde kann Wochen oder Monate dauern. Der beispielhafte Erfolg von Rob Vegas mit seiner Mindtime Online Show begeisterte über das Long-Tail-Prinzip seit der ersten Folge knapp vier Millionen Zuschauer. Die dazu notwendigen technologischen Voraussetzungen sind für jeden frei verfügbar. Auf dem Weg des aktiven Prosumenten, der für eine Community und letztendlich seine Fangemeinde spezielle Inhalte liefert, muss auch der eine oder andere Rückschlag verkraftet und das Sendekonzept fortwährend an die Interessen der Zuschauer angepasst werden. Die individuellen Charaktere werden als kreative Prosumenten in kürzester Zeit wie Pilze aus dem Boden sprießen – einen Höhepunkt erlebt die Branche nicht, vielmehr ist der Aufschwung für jeden spürbar. Nur die Prüfung auf Qualität und damit auf Beständigkeit ihres eigenen Sendeformats obliegt im Web TV immer den Zuschauern. Als individuelle Zielgruppe eines Prosumenten unterscheiden sie sich von den klassischen, durch das Broadcasting beeinflussten Zuschauern vor allem in der Bereitschaft, sich dem Wandel der Medienlandschaft zu stellen.

Geschrieben von
Thomas Bachem und Mike Schnoor
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