Die geplatzte Open-Source-Blase: Was kommt danach?

Hartmut Schlosser

Die Open-Source-Blase des letzten Jahrzehnts ist gerade dabei zu platzen. So lautet Simon Phipps Fazit in seinem jüngsten Blogeintrag „Is The Open Source Bubble Over?

Entgegen des ursprünglichen Open-Source-Gedankens, eine offene Community um ein frei zugängliches Stück Software zu versammeln, habe sich in den letzten Jahren immer mehr die fixe Idee durchgesetzt, dass mit Open Source Unmengen von Geld zu verdienen seien. Es genüge lediglich, das geeignete „Open-Source-Business-Modell“ anzuwenden, und man könne ein Vermögen mit Open-Source-Software und darauf aufbauenden Dienstleistungen machen.

Obwohl Open Source sicherlich Nischen für Kommerzialisierungen eröffne, habe sich der breite Erfolg der „Open-Source-Business-Modelle“ nicht eingestellt, urteilt Simon Phipps, – und dies deshalb, weil diese allzu oft einen Kompromiss darstellten, der die eigentlichen Stärken von Open Source untergrabe:

Open-Source-Busniess-Modelle beinhalten üblicherweise den Wunsch nach einer gewissen Kontrolle und Exklusivität von Teilen eines Projekts. Sie negieren laut Phipps damit den „Open-Source-Effekt“, indem sie die Fähigkeit der User einschränken, das zu bekommen, was sie wollen.

Nichts als eine Anomalie sei diese Erwartungsblase, mit Open Source reich zu werden, und es häuften sich die Anzeichen, dass eine Art Rückbesinnung stattfinde und die Phase der kollaborativen Open-Source-Entwicklung wieder Einzug halte.

That anomalous decade is just about over. The new projects on the block are once again collaborative, seeded by companies whose business does not depend on selling the software or its direct derivatives. Simon Phipps

Als Beispiele für den neuen Open-Source-Geist führt Phipps die Projekte Hadoop und OpenStack an, die nicht von einem einzigen Unternehmen gesponsort und monetarisiert würden.

They involve synchronizing fragments of the interests of many, diverse participants rather than having the whole of a single party’s interests at their core. Every participant comes to them paying their own way rather than expecting the project to pay them. Simon Phipps

Open Source 4.0: Das goldene Zeitalter?

Grundsätzliche Zustimmung erntet Phipps von Analyst Matthew Aslett von „The 451 Group„: Die Open-Source-Business-Modelle der letzten Jahre greifen immer weniger. Doch nicht ein Wiederaufleben alter Open-Source-Tugenden findet für Aslett statt, sondern vielmehr ein Aufbruch in eine neue, vierte Phase der Open-Source-Entwicklung.

Asletts Open-Source-Typologie nimmt dabei folgende Gestalt an:

Open Source 1.0 war die Software-Entwicklung durch Communities aus Einzelpersonen und in Lehre und Forschung (Apache, GNU, Linux kernel, PostgreSQL, BSD Unix).

In Open Source 2.0 begannen Softwareanbieter mit ihrem Engagement in diesen Communities und boten etwa Distributionen und kommerzielle Lösungen an (IBM, Sun und HP).

Open Source 3.0 war durch Bestrebungen der Anbieter charakterisiert, existierende Märkte durch Open-Source-Projekte zu verändern (vendor-dominated open source development, MySQL, JBoss).

Auch Aslett analysiert, dass diese Anbieter-getriebenen Projekte im Grunde auf einer Beschränkung der Freiheit basieren und die Kontrolle über die Zukunft des Projekts im Interesse des Anbieters bleibt.

Aktuell bahne sich allerdings die Phase des Open Source 4.0 an, in der sich nicht mehr Software-Anbieter sondern allgemeine Organisationen zusammentun, um nicht-wettbewerbsrelevante Software-Komponenten kollaborativ zu entwickeln.

While these companies remain reliant on closed source software to generate revenue the fact that they do not attempt to generate revenue from open source software directly enables them to engage in collaborative development projects in which all participants are able to benefit mutually from their collective efforts. Matthew Aslett

Deutungsweisen

Was dies für Open Source bedeutet? Nur Gutes, so urteilt sowohl Simon Phipps als auch Matthew Aslett. Dass die kommerzielle Open-Source-Blase platzt, ist für Phipps ein Sieg des „True Open Source Way“. Und Aslett wagt gar zu hoffen, dass das goldene Zeitalter des Open Source vor der Tür steht.

From that perspective this may well be the start of the golden age of open source. Matthew Aslett

Geschrieben von
Hartmut Schlosser
Kommentare

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.