Die Ergonomie des augenfreundlichen Themes

Ein frischer Look für Eclipse: Clean Sheet

Frank Appel

© Shutterstock / mihalec

Clean Sheet, das ergonomische Theme für die Eclipse Java IDE, ist in der neusten Version nun auch für Nutzer von Mac OS X verfügbar. Das Design ist darauf ausgerichtet, visueller Erschöpfung und müden Augen vorzubeugen, stellt die Lesbarkeit ins Zentrum und basiert auf einem sauberen und nicht blendenden Erscheinungsbild. Was genau unterscheidet dieses UI-Theme aber nun in ergonomischer Hinsicht von konventionellen Alternativen?

Bevor wir in die spezifischen Details des Designs von Clean Sheet eintauchen, sollten wir zuerst einmal die Grundlagen der Ergonomie betrachten. Ein schlecht gestalteter Arbeitsplatz verursacht ja Ermüdung, Haltungsschäden, Frustration und Schlimmeres. Das weiß jeder. Schlechte Arbeitsbedingungen sind also ein kurzfristiger Stressfaktor und führen unter Umständen sogar zu Langzeitschäden. Um das zu verhindern erklärt die Ergonomie, wie sich die Interaktion von Nutzern mit ihren Arbeitsplätzen und deren Ausstattung verbessern lässt.

clean sheet 1

Das Ziel der Ergonomie

clean sheet 2„Ergonomics is the scientific discipline concerned with the understanding of interactions among humans and other elements of a system, and the profession that applies theory, principles, data and methods to design in order to optimize human wellbeing and overall system performance.“ Quelle: Wikipedia

Das ergonomische Design endet allerdings nicht bei physikalischen Bedingungen wie der Sitzposition. Die Teil-Disziplin der „weichen“ Ergonomie befasst sich mit dem Design virtueller Nutzeroberflächen, das auf das Wohlbefinden des Nutzers sowie seine emotionalen und kognitiven Fähigkeiten ausgerichtet ist.

Die Bedeutung der Lesbarkeit

In der kognitiven Ergonomie stehen mentale Prozesse, wie die Wahrnehmung, im Zentrum. Christopher Wickens und Kollegen beschreiben in ihrem Buch „An Introduction to Human Factors Engineering“ 13 Prinzipien für das Design von Displays. Lesbarkeit stellt dabei das erste der (Wahrnehmungs-)Prinzipien dar. Sie, so beschreiben es die Autoren, ist notwendig und entscheidend für das Design eines verwendbaren Displays. Wenn die Buchstaben nicht gut wahrnehmbar sind, kann der Anwender sie nämlich nicht effektiv verwenden.

clean sheet 3

Im Weiteren fordert die „weiche“ Ergonomie, Systemen eine minimalistische und ästhetisch ansprechende Optik zu geben. Das stehe zwar nicht in einer direkten Verbindung zu dem Produkt oder der Aufgabenstellung, helfe dem Nutzer aber Daten leicht zu erfassen. Ein ästhetisch ansprechendes Design würde außerdem den Wohlfühl-Faktor erhöhen.

Hier setzt Clean Sheet an. Ein Eclipse UI ist grundsätzlich erst einmal ein Set von Bildern, Farben, Schriftarten und Konfigurationen, das einen großen Einfluss auf die emotionale und kognitive Wahrnehmung des Nutzers hat. Ein IDE-Theme beeinflusst das gewünschte minimalistische Design zwar nur in geringem Maße, insgesamt trägt das Erscheinungsbild aber sehr zu einem ästhetischen Design bei. Zuerst widmen wir uns aber dem Aspekt der Lesbarkeit.

Der Einfluss von Farben auf die Lesbarkeit

Die Farbgestaltung von Nutzeroberflächen ist eine enorm wichtige, aber durchaus komplizierte Angelegenheit. Verschiedene Menschen  können mit Farben nämlich ganz unterschiedliche Bedeutungen, Assoziationen und Effekte verbinden. Darum ist es besonders wichtig, die richtigen Farben in der richtigen Menge zu verwenden, um Software ergonomisch und gut lesbar zu gestalten.

clean sheet 4Farben lenken die Aufmerksamkeit des Nutzers außerdem in hohem Maße, sodass es empfehlenswert ist, vorsichtig mit ihnen umzugehen. Der Einsatz zu vieler verschiedener Farbtöne kann ein unruhiges Gesamtbild ergeben und zu einer ineffektiven Blick-Fixation führen. Darum empfiehlt Shneiderman, zuerst monochrome Designs für Bildschirmdarstellungen zu entwerfen, um logische und andere relevante Verbindungen zwischen Teilen der Anwendung herauszuarbeiten (siehe: Shneiderman, Plaisant: Designing the User Interface. Strategies for Effective Human-Computer Interaction. AddisonWesley, 2004).

Die Frage nach dem Kontrast-Typ ist eine häufige und fortdauernde Konflikt-Quelle hinsichtlich der Text-Darstellung. Vereinfacht gesagt läuft es auf die Frage hinaus, ob dunkle Buchstaben auf einem hellen Hintergrund besser lesbar sind als anders herum. An einem gut ausgeleuchteten Arbeitsplatz, der auf ergonomische Prinzipien ausgerichtet wurde, galt seit langem die Empfehlung, dem erstgenannten Modell zu folgen (siehe: Bauer, D., & Cavonius, C., R. (1980). Improving the legibility of visual display
units through contrast reversal. In E. Grandjean, E. Vigliani (Eds.), Ergonomic Aspects of Visual Display Terminals (pp. 137142). London: Taylor & Francis).

Inzwischen wurde dieses Prinzip aber verfeinert. Ein „farbloser“ Kontrast wird inzwischen als beste clean sheet 5Lösung hinsichtlich der Lesbarkeit und möglichst geringen Ermüdung der Augen angesehen. Dabei handelt es sich um Kombinationen aus einem hellgrauen Hintergrund mit Text in schwarz oder einer anderen sehr dunklen Farbe. Hellgraue Hintergründe, auch wenn sie fast weiß sind, verhindern das Überstrahlen des Textes. Eine Testreihe von Holl hat außerdem gezeigt, dass schwarz, dunkles Grau oder beispielsweise dunkelgrüne Farben am besten für Text, Symbole, Linien und andere derartige Vordergrundobjekte geeignet sind.

Darum basiert das Design von Cleen Sheet auf einem hellgrauen Arbeitsbereich und Hintergrund, zusammen mit schwarzer Schrift. Der graue Hintergrund vermeidet das Überscheinen des Textes und vermindert das Blenden. Wo strukturelle Elemente hervorgehoben werden, beispielsweise bei Toolbars, wurde ebenfalls zu Grautönen gegriffen.

clean sheet 6

Farbe für gute Laune

Schwarz auf Grau ist also am besten dazu geeignet, einfache Texte zu lesen und wird darum auch als Standardeinstellung auf Readern wie Amazons Kindle oder Evernotes Clearly verwendet. Die Arbeit mit Code stellt allerdings etwas andere Ansprüche, da Code eine strikt formale Struktur aufweist. Diese möchten Entwickler auf den ersten Blick sehen können.

Dazu steht in Text-Editoren die Option des Syntax Highlightings zur Verfügung, über die beispielsweise Keywords, Field Declarations und String Constants hervorgehoben werden können. Beruhend auf den bisherigen Überlegungen könnte nun der logische Schluss gezogen werden, dass auch hier verschiedene Grautöne am besten funktionieren. Diese Annahme erweis sich im Rahmen der Entwicklung von Clean Sheet jedoch als falsch.

Das hat verschiedene Gründe. Erstens führt eine übermäßige Verwendung verschiedener Grautöne nicht zu einer gut erkennbaren Struktur – das Ergebnis wäre eher mit einem dichten Nebel vergleichbar, der Muster noch schwerer zu erkennen macht. Fast noch schlimmer ist aber zweitens, dass der Gesamteindruck der IDE dadurch langweilig wird und müde macht. Eine reine Verwendung von Grautönen wäre also keine gute Idee im Sinne der Ziele der „weichen“ Ergonomie.

clean sheet 7

Die vorsichtige Verwendung ausgewählter Farben schafft an dieser Stelle Abhilfe. Clean Sheet zeigt Textelemente noch immer in Schwarz an, ergänzt das aber um eine sorgfältig Auswahl an Farben für das Syntax-Highlighting. Diese Farben stellen die Basis für die Strukturierung des Codes dar, außerdem haben sie einen positiven Einfluss auf die Stimmung des Nutzers. In der Ausdrucksweise der Farbpsychologie gesprochen, verwendet das Theme eine stimulierende Farbe für Keywords, einen sachlichen Farbton für Fields, Literals, etc. und eine beruhigende Farbe für Java Doc Selections.

Schönheit liegt aber natürlich in den Augen des Betrachters. Dennoch ist das Design von Clean Sheet in Hinblick auf ästhetische Aspekte ansprechend gestaltet, mit einem Farbschema, das sich gut in die voreingestellten Elemente wie Icons einfügt und Ablenkung somit soweit wie möglich vermeidet.

Der Einfluss der Schriftart auf die Lesbarkeit

clean sheet 8Auch über die Frage nach der besten Schriftart zum Lesen am Bildschirm wird heiß diskutiert. Schriftarten mit Serifen gelten gemeinhin als beste Wahl für gedruckte Medien. Das Argument dafür lautet, dass die kleinen Linien am Ende des Strichs eines Buchstabens oder Symbols die Lesbarkeit erhöhen. Wissenschaftliche Untersuchungen zu diesem Thema fallen allerdings nicht eindeutig aus.

Auf dem Bildschirm wird der Effekt von Serifen allerdings abgeschwächt. Normalerweise  kann ein Bildschirm nicht mehr als 100 Pixel per Inch anzeigen, sodass Serifen in manchen Schriftarten schwer erkennbar werden.

Das letzte Argument dürfte die Ursache für den gegenwärtigen Konsens sein, dass die Zahl der notwendigen Details zur Unterscheidung von Buchstaben so gering wie möglich sein sollte, um die Lesbarkeit am Bildschirm auf möglichst vielen Geräten zu erhöhen. Darum gelten serifenlose Fonts als überlegen, um die Lesbarkeit am Bildschirm zu erhöhen. Je stärker sich die durchschnittliche Bildschirmauflösung aber in Zukunft verbessern wird, desto weiter wird dieses Argument wohl in den Hintergrund treten.

Clean Sheet arbeitet mit Source Code Pro, einer der unter Entwicklern gegenwärtig beliebtesten serifenlosen Schriftarten. Dadurch beeinflusst werden die Präferenzen für den Text Editor, die Block Selection, den Text Font und den Java Editor Text Font (Window -> Preferences -> Colors and Fonts).

Verfeinerungen in Windows 10

Wenn es um ästhetische Aspekte geht, werden die nativen Scrollbars in Windows 10 häufig als störend und klobig innerhalb feinerer Layouts empfunden. Diese können aufgrund von Einschränkungen der zugrundeliegenden nativen Widget Library nicht direkt in der Standard Eclipse IDE personalisiert werden.

Clean Sheet enthält eine eigene Scrollbar-Komponente und einen Überlagerungsmachanismus, über den bestimmte UI-Elemente durch eine einfache stylesheet configuration mit einem zeitgemäßeren Scrollbar-Design ausgestattet werden können. Bislang wird diese Funktion für Trees, Tables und StyledText Widgets unterstützt, womit die dominantesten scrollbaren UI-Elemente der Eclipse IDE abgedeckt werden.

clean sheet 9

Fazit

Dieser Artikel erklärt, welche Designgrundsätze der Entwicklung des Eclipse Themes Clean Sheet zugrunde liegen. Obwohl es sich nur um einen kleinen Teilbereich der Ergonomie handelt, kann eine wohlbedachte Farb- und Schriftabstimmung einen großen Einfluss auf so wichtige Bereiche wie die emotionale und kognitive Wahrnehmung einer IDE haben.

Der wertvolle Effekt des Clean Sheet Designs kann vielleicht am Besten mit den Worten der Tester von Clean Sheet unter OS X beschrieben werden: Man weiß nicht was man hat, bis es weg ist. Zufällig stellt das auch eine der größten Herausforderungen für ein gutes Design dar.

Wer nun neugierig ist und Clean Sheet selbst testen möchte, kann unter http://fappel.github.io/xiliary/clean-sheet.html einen Blick auf die Voraussetzungen und Installationsanleitung werden.

Aufmacherbild: Clean sheet of paper wooden shavings flat chisels construction concept via Shutterstock / Urheberrecht: mihalec

Verwandte Themen:

Geschrieben von
Frank Appel
Frank Appel
Frank Appel arbeit als freier Software Entwickler mit über zwei Jahrzehnten Berufserfahrung. Er ist spezialisiert auf die Entwicklungssprache Java mit besonderem Augenmerk auf Eclipse Technologien. Er war er bis Ende 2008 als Teamleiter verantwortlich für die Entwicklung RAP Projekts (https://www.eclipse.org/rap/) und fokusiert sich in jüngerer Zeit auf die Adaption von Eclipse Platform und Runtime Technologien im Projektgeschäft."
Kommentare

Hinterlasse einen Kommentar

1 Kommentar auf "Ein frischer Look für Eclipse: Clean Sheet"

avatar
400
  Subscribe  
Benachrichtige mich zu:
Christian
Gast

Das ist zwar ein lobenswerter Ansatz, aber ich denke, dass Eclipse viel grundlegendere Usability-Probleme als Farbtöne und Schriftarten hat. Die Menüstruktur ist an manchen Stellen absurd, Einstellungen sind unübersichtlich, Perspektiven manchmal ineffizient …

Es wäre schön, wenn es eine größer angelegte Usability-Initiative, inklusive Usability Tests, geben würde.