Die entzauberten Visionäre: Was das Entwickler-Blut heute noch in Wallung bringt

Hartmut Schlosser

Was ist heute noch das Aufregende an der Softwareentwicklung? Welche Technologie-Neuheiten zaubern Programmierern heute das Leuchten in die Augen? Welche IT-Probleme lassen bei Ihnen das Adrenalin fließen, das Sie dazu bringt, Nächte vor dem PC durchzuhacken?

Diese Fragen stellt IT-Haudegen Ted Neward in seinem viel beachteten Blogeintrag Is Programming Less Exciting Today?, in dem er eine ernüchternde Bestandsaufnahme der heutigen IT-Landschaft vornimmt und wehmütig die These aufstellt: Programmieren ist heute weniger interessant als zwei Dekaden zuvor!

Wird Ted langsam alt oder spricht er eine Wahrheit aus, die sich sonst niemand zu sagen traut?

Alter Wein in neuen Schläuchen

Ted muss sich zunächst einer diskriminierenden Vorbemerkung bedienen: Möglicherweise brächten Entwickler-Neulinge, die nach der Jahrtausendwende ins Entwicklerlager eingerückt sind, nicht die nötige Erfahrung mit, um Teds Klagen richtig einordnen zu können. An erfahrene Entwickler-Veteranen wendet sieht Neward daher, und fragt, ob es ihnen genauso geht in ihrer Wahrnehmung: dass nämlich heute wenig wirklich Neues passiert, in der IT-Landschaft.

Natürlich hat Neward Beispiele parat:

  • Das Programmieren für Android und iOS erinnert Ted an das Programmieren für Windows und Mac OS zwei Dekaden zuvor.
  • HTML5 und JavaScript ähneln noch heute den Anfangszeiten von HTML und JavaScript vor 10 Jahren.
  • Die Diskussionen um Programmiersprachen seien nicht wirklich anders als damals zu C++-Zeiten.
  • Funktionale Programmierung? Gibt es seit den 50ern!
  • Wie viele Webframeworks brauchen wir denn noch?
  • Der NoSQL-Trend setzt auf Argumente, die schon früher gegen relationale Datenbanken angeführt wurden.

It all feels like we’ve been here before, with only the names having changed. Ted Neward

Dabei sind Ted die Unterschiede zwischen HTML5 und HTML 3.2 genauso klar wie die Unterschiede zwischen dem „Browser-Krieg“ von damals und der heutigen Einigung auf HTML als Technologie-Standard. Dennoch bleibt die Grundaussage, dass die Diskussionen sich ähnlich „anfühlen“.

  • Node.js fühlt sich wie ein Versuch an, den App Server neu zu erfinden – etwas, was Spring und andere Frameworks lange zuvor getan haben.
  • JavaScript nun auch Server-seitig anzuwenden, ist auch nicht wirklich revolutionär und bereits von Sun mit Phobos, von Netscape mit LiveScript realisiert worden.

JavaScript on the server end is not new, folks. It’s just new to the people who’d never seen it before. Ted Neward

Auch die Java-Community hat für Ted den innovativen Charakter verloren, den sie einst besessen hat: Seit fünf Jahren sei nichts wirklich Neues mehr geschehen, und jedes neue Projekt biete im Grunde nur eine Verfeinerung existierender Ideen.

Das selbe Bild bei Microsoft: .NET 4.5 und Windows 8 enthielten nichts wirklich Aufregendes. „async“ in C# 5 kennen wir schon von F#. WinRT ist wieder einmal eine neue Art Plattform und Virtual Machine. Am Innovativsten scheint Ted noch das Metro-Design zu sein – doch solch kleine UI-Verbesserungen seien nichts, verglichen mit den großen Themen, die vor 20 Jahren die IT-Welt noch in Atem hielten:

  • Damals schien es noch um übergreifende Themen zu gehen, beispielsweise bei den Forschungen zur Künstlichen Intelligenz: Der Versuch, Computern menschliche Denkweisen beizubringen, habe viele interessante Ideen zur Folge gehabt. KI wird heute indes praktisch nicht mehr diskutiert.
  • Die Entwicklung Grafischer User Interfaces war ein weiteres „heißes“ Thema – das heute allgemein als gelöst angesehen wird.
Klageschrei eines Griesgrams?

Vielleicht beschreibt Neward ja einen natürlichen Prozess, in dessen Verlauf sich die junge Generation von den Traditionen der Alten abgrenzt – ähnlich wie in der Musik, wo die Schlagerstars der Eltern todsicher nicht mehr in den MP3-Playern der Söhne und Töchter landen? Vielleicht unterliegt Neward auch der Wahrnehmungstäuschung, dass die wirklich großen Entwicklungslinien einer Wissenschaft erst mit einem gewissen zeitlichen Abstand sichtbar werden? Oder es stimmt die Aussage, dass auch die Technologien von damals von den Ur-Veteranen als „alter Wein in neuen Schläuchen“ wahrgenommen wurde.

Als bloßes Gezeter eines alternden Nostalgikers sollte man Newards Kommentare indes nicht abtun – dazu ist Neward ein viel zu scharfsinniger Beobachter und Kenner der Szene. Und natürlich ein Provokateur!

So ist sich Ted der Schelte durchaus bewusst, die er vom Jungvolk für seine Sticheleien beziehen wird. Doch ernsthaft fragt er sich wohl wirklich, ob seine Einschätzung allein seinem Alter geschuldet ist, oder doch der Realität nahekommt.

Und bevor die junge Generation mit ihren Androids und iPhones auf Neward einprügelt, stellt Neward seine wirkliche Frage:

What gets you excited these days? Ted Neward

Und bekommt Antworten.

Was ist heute noch spannend in der IT?

Zustimmung erntet Neward beispielsweise von Matthew Williams, der sich vom Brötchenverdienen als Profi-Entwickler nicht mehr viel Prickelndes erwartet. Erst nach dem abendlichen Ziehen der Stechkarte beginnt für ihn der „Fun“-Teil seines Entwickler-Daseins, wenn er zu Hause an Hobby-Projekten „Low Level wie in guten alten Zeiten“ programmieren darf.

Personally, I tend to just do the 9 to 5 for a job (pay the bills) and get my fun through dropping back to low level programming (assembler and c) for Arduino and other controllers. Very much the sort of stuff I grew up on, back in the day. Matthew Williams

Kommentator Damien Lepage rät ein wenig mitleidig, den berühmten Ausspruch Steve Jobs´ nicht zu vergessen und zu versuchen, hungrig und verrückt zu bleiben:

Try meditate this famous advice from Steve Jobs: „Stay hungry, stay foolish“. You might find some enlightenment there. If we don’t get drastic innovation, at least we can have more fun. Damien Lepage

Auch Mladen Girazovski kann Newards Position nachvollziehen, sieht aber auch positive Entwicklungen, beispielsweise im Bereich der agilen Prozesse:

Personally, i found the new agile movement very interesting and the techniques that emerged from extreme programming, CI, etc., especially TDD has given me a lot of positive excitement and still does. Mladen Girazovski

Interessant ist Mr Teggs Aussage, dass das Programmieren an sich niemals an Reiz verliert. Was heute anders sei, seien aber die Probleme, die Entwickler zu lösen hätten.

I don’t think that the programming is getting any less interesting, just the problems programmers are asked to solve. Mr Tegg

Und wie sieht es bei Ihnen aus? Was bringt Ihren Entwickler-Ehrgeiz heute noch zum glühen? Oder sind´s wirklich nur noch die sprichwörtlichen Rädchen, die heutzutage immer wieder neu erfunden werden?

Geschrieben von
Hartmut Schlosser
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