Interview mit Konstantin Diener

JAX Interview: „Die Entscheidungen meiner Mitarbeiter waren besser als meine“

Melanie Feldmann

Konstantin Diener

Konstantin Diener hat mit zwei Mitstreitern die eigene Firma gegründet. Mit den zuerst eingeführten starren Entscheidungsstrukturen kam es bald zu Problemen. Was die Gründer daraus gelernt haben und was Sie jetzt besser machen, berichtet Diener in seinem Talk auf der JAX 2016. Im Interview gibt er einen ersten Ausblick auf Best Practices und gibt Tipps für andere Firmengründer.

JAXenter: Sie berichten in Ihrem Talk davon wie Ihr eigenes Unternehmen an klassischen Hierarchien fast gescheitert ist. Wo hat es konkret gehakt?

Konstantin Diener: Wir haben das Unternehmen zu dritt gegründet. Um das junge Unternehmen nicht direkt mit drei Gehältern zu belasten, ist nur einer von uns direkt als Geschäftsführer Vollzeit in das Unternehmen eingestiegen. Ich war als CTO beispielsweise nur in Teilzeit angestellt. Gleichzeitig hatten wir sehr klassische Entscheidungsstrukturen – jede Entscheidung wurde so weit oben in der Hierarchie wie möglich getroffen. Jede Technologieentscheidung kam von mir als CTO, nicht von den Entwicklern. Durch unser spezielles Teilzeit-Setup zeigte sich schnell, was in anderen Unternehmen erst später zu Tage tritt: Die Entscheidungsprozesse waren langsam und inhaltlich schlecht, da mir die entsprechenden Informationen fehlten. Was ich am Beispiel der Technologieentscheidungen beschrieben habe traf noch auf eine ganze Reihe weiterer Bereiche in der Firma zu. Wir waren damals zwar noch eine sehr junge Firma, aber schon nahezu nicht mehr handlungsfähig.

Wir haben die Entscheidungen dorthin verlagert, wo sie am besten aufgehoben sind.

JAXenter: Was haben Sie gemacht, um diese Probleme zu beseitigen?

Konstantin Diener: Wir haben sukzessive immer mehr Entscheidungen möglichst weit nach unten delegiert – wobei ich den Ausdruck unten eigentlich nicht mag. Das Ziel ist, dass sich Management Team und die übrigen Mitarbeiter auf Augenhöhe begegnen. Wir haben die Entscheidungen dorthin verlagert, wo sie am besten aufgehoben sind und die besten Informationen vorliegen.

Dieser Verlagerungsprozess ist nicht ohne Fehler und Probleme abgelaufen. Wir mussten feststellen, dass es keinen einfachen Blueprint für die Delegation von Entscheidungen gibt. Ein Vorgehen, das für ein Thema funktioniert, hat bei anderen zu neuen Problemen geführt. In vielen Fällen sind die relevanten Informationen für eine gute Entscheidung auch auf mehrere Rollen verteilt und müssen zusammengebracht werden.

JAXenter: Delegieren heißt auch immer Kontrolle aufgeben. Das ist sicherlich gerade beim eigenen Baby, der eigenen Firma besonders schwierig. Wie sind Sie damit umgegangen?

Konstantin Diener: Die Frage ist, was ich unter Kontrolle verstehe. Wenn ich bestimmte Anforderungen an das Ergebnis eines Entscheidungsprozesses habe, kann ich diese Anforderungen weiterhin einbringen, ohne dass ich alle Entscheidungen selbst treffe. Die Teams können beispielsweise selbst entscheiden wie sie unseren Wert „Craftsmanship“ interpretieren. Ich habe als CTO aber die Rahmenbedingung gesetzt, dass automatisierte Tests nicht verhandelbar sind. Oder die Mitarbeiter entscheiden gemeinsam, wie ein bestimmtes Projekt zur Verbesserung der Arbeitsqualität im Büro umgesetzt wird und ich schlage ein Budget vor, dass wir kaufmännisch verantworten können.

Dass ich mehrfach die Erfahrung gemacht habe, dass die Entscheidungen meiner Mitarbeiter besser waren als ich sie hätte treffen können, hat mir Vertrauen in diese Art der Zusammenarbeit gegeben. Außerdem kann man sich vorher nicht vorstellen wie viel Identifikation es in den Mitarbeitern freisetzt, wenn sie ihr Arbeitsumfeld selbst gestalten können.

Am Ende funktioniert unser Modell vermutlich deshalb, weil wir eine vernünftige Arbeitsteilung haben. Das Management Team hat die groben Leitplanken der Firma im Auge und die einzelnen Entscheidungen innerhalb dieser Leitplanken treffen die Teams für sich oder mit uns gemeinsam.

Die Entscheidungen meiner Mitarbeiter waren besser als ich sie hätte treffen können.

JAXenter:  Welche drei Tipps würden Sie anderen Unternehmensgründern mit auf den Weg geben?

Konstantin Diener: Stellt gute Mitarbeiter ein und behandelt sie mit Vertrauen! Ihr habt ein Unternehmen gegründet, weil ihr eine tolle Vision oder eine tolle Technologie habt und nicht, um jede noch so kleine Entscheidung in eurem Unternehmen zu treffen und euch mit Micromanagement zu überfrachten.

Experimentiert! Probiert Entscheidungsmodelle mit euren Mitarbeitern aus und holt euch unbedingt Feedback zu diesen Experimenten ein. Die mächtigsten Werkzeuge unseres Change-Prozesses sind und waren Unternehmensretrospektiven. Macht aber zu jedem Zeitpunkt explizit transparent wer welche Entscheidungen trifft.

Habt Geduld! Für den modernen Manager wird gern die Metapher des Gärtners verwendet. Aus meiner Sicht passt dieses Bild. Vermutlich werden einige Pflanzen die ihr sät nicht aufgehen, alle Ansätze werden Zeit zum Wachsen brauchen.

JAXenter: Vielen Dank für das Gespräch!

dienerKonstantin Diener ist CTO bei CoSee. Sein aktueller Interessensschwerpunkt liegt auf selbstorganisierten Teams, agiler Unternehmensführung, Management 3.0 und agiler Produktentwicklung. Daneben entwickelt er noch leidenschaftlich gerne selbst Software.

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Geschrieben von
Melanie Feldmann
Melanie Feldmann
Melanie Feldmann ist seit 2015 Redakteurin beim Java Magazin und JAXenter. Sie hat Technikjournalismus an der Hochschule Bonn-Rhein-Sieg studiert. Ihre Themenschwerpunkte sind IoT und Industrie 4.0.
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