Im Gespräch mit J.P. Rangaswami

„Die Basis der Cloud ist das Teilen“ – Interview mit JP Rangaswami

Mirko Schrempp

J.P. Rangaswami ist seit November 2010 Chief Scientist bei salesforce.com. Seine Aufgabe ist es, innovative Wege im Umgang mit Cloud Computing zu erkennen und bekannt zu machen. JP hat über 30 Jahre Erfahrung in der IT-Industrie und zählt zu den einflussreichen Persönlichkeiten der Branche. Business Technology hatte die Möglichkeit, über den für ihn wichtigsten Aspekt der Cloud zu sprechen: das Teilen.

Business Technology: Was sind hier die Konsequenzen für das Business?

J.P. Rangaswami: Die Cloud gibt den Menschen die Freiheit der Bewegung in Raum und Zeit, hinzu kommen die Vorteile der geteilten Ressourcen. Das heißt auch, dass Sie an jedem Ort und zu jeder Zeit arbeiten können. Sie müssen nicht im Büro sitzen. Sie brauchen eventuell kein Büro, sondern buchen sich für Businessmeetings einfach ein Hotelzimmer und verfügen trotzdem über alle nötigen Informationen. Wenn die Meetings vorbei sind, checken sie aus, fahren mit dem Mietwagen zum Flughafen usw. Sie teilen und nutzen die Ressourcen nach ihrem Bedarf, und das verändert die Arbeitsweise. Für die Knowledge Worker von heute sieht Arbeit anders aus. Als wir im Frühjahr Heroku übernommen haben, kamen wir in deren Büros und stellten fest, dass sie keine Schreibtische hatten, auch keine Kabel, alle arbeiteten mit Laptops und iPad, wo und wie sie wollten. Das Wie der Arbeit ist nicht mehr wichtig, der Output zählt. Knowledge Worker sind von bestimmten Dingen befreit. Unsere Arbeit ist anders, unsere Werkzeuge sind andere. Und das betrifft auch die Aufhebung von Raum und Zeit. Warum soll ich nicht auch im Zug oder Zuhause arbeiten, wenn es nötig ist. Warum soll ich von neun bis fünf arbeiten und nicht zu anderen Zeiten. Aber es geht auch umgekehrt. Wenn mich die Leute zuhause anrufen können, warum sollen mich nicht Leute von zu Hause bei der Arbeit anrufen dürfen? Das gehört zur Work Life Balance, das ist dann nur fair. Denn die Art der Arbeit, die ich mache, kann ich überall machen. Und ich habe Verantwortungen, die nicht um fünf Uhr enden.

Nehmen wir noch einmal ein historisches Beispiel. Wenn wir die frühe Landwirtschaft ansehen, arbeitete jeder mehr oder weniger alleine auf seinem eigenen Gut. Mit der industriellen Revolution kamen wiederkehrende standardisierte Prozesse auf, die man in einem Workflow umsetzen und von dem jeder ein Teil sein konnte. In diesem Prozess wusste man genau, wie viel Stück eines Produkts in einer bestimmten Zeit fertig sind, hatte Messungen mit Standardabweichungen, Fehlerraten usw., Metriken und Prozessabläufe bestimmten die Arbeit. Bei den Knowledge Worker ist die Arbeit aber nicht gleichförmig und individuell. Manche Tage sind hektisch, andere eher ruhig. Sind sie zu ruhig, könnte man meinen, die Knowledge Worker hätten nichts zu tun, seien nicht ausgelastet. Sind die Tage zu hektisch, verlieren sie ihre Gesundheit, Familie oder was auch immer. Die Arbeit eines Knowledge Workers ist daher nicht einfach zu designen, da die Spitzenzeiten und die Tiefpunkte gemanagt werden müssen.

Einer meiner Lieblingsautoren, Clay Shirky, hat in seinem Buch „Congnitive Surplus“ beschrieben, was passieren kann, wenn eine Person freie Zeiteinheiten hat. Ein Beispiel dafür ist die Open-Source-Bewegung, wo Menschen diese freien Zeiteinheiten nutzen, um etwas für das Gemeinwohl zu schaffen. Wikipedia gehört dazu. Das Gleiche ist auch bei der Arbeit möglich. Was machen Knowledge Worker, wenn sie nichts zu tun haben, wenn sie freie Zeiteinheiten haben? Normalerweise gehen sie in ein Meeting, aber das ist nicht produktiv. Damit sie die Zeit produktiv nutzen können, muss man ihnen eine Infrastruktur anbieten, die es erlaubt, zum Beispiel zu einem Unternehmens-Wiki beizutragen, Bilder oder Adressen zu ergänzen oder Fehler auszumerzen. Das hilft dann wiederum den Kollegen, die bessere Informationen haben, was wiederum den Workflow unterstützt. Es steckt also ein Wert darin, Informationen öffentlich zu machen und zu teilen.

Dieser Aspekt der Cloud ist das Crowdsourcing, bei dem eine große Anzahl an Menschen Informationen in einem geteilten Raum zusammentragen kann. Eric Raymond formulierte dieses Phänomen in „The Cathedral and the Bazaar“ als Linus Law: „given enough eyeballs, all bugs are shallow“. Die Cloud erlaubt diese Zusammenarbeit durch das Angebot von geteilten Ressourcen.

Business Technology: Das Beispiel mit der flexiblen Arbeitszeit weist auch auf Veränderungen gesellschaftlicher Aspekte hin. Wie ändert sich die Einstellung zu Privatheit, die in der Antike einmal als Beraubung der Öffentlichkeit galt? Denn das Private behindert mich unter Umständen bei der Arbeit.

J.P. Rangaswami: Diese Spannung zwischen Zusammenarbeit und Privatheit, wir können auch sagen zwischen Teilen und Nichtteilen, besteht offensichtlich. Privat hieße dann Nichtteilen, und zeigt sich zum Beispiel an der Mühe der Regierungen, die Bedeutung von Open Data zu verstehen. Das ist ein philosophisches Problem. Es ist vernünftig zu sagen, wenn es Daten gibt, die der Öffentlichkeit gehören, dann müssen sie auch öffentlich gemacht werden. Ich habe gehört, dass einige EU-Abgeordnete nicht wollten, dass ihr Abstimmungsverhalten öffentlich gemacht wird, es sei ihre Privatsphäre. Aber sie sind doch öffentlich gewählt. Was sie verhandeln, muss nicht öffentlich gemacht werden, aber die Ergebnisse müssen öffentlich gemacht werden.

Wir hatten Zeiten, in denen das Teilen üblich war. Dann wurde in den letzten 100 bis 150 Jahren die Verehrung der Individualität immer mächtiger. Doch heute stellt sich die Frage, ob diese Verehrung noch wertvoll ist. Wir sehen in fast jedem Auto nur eine Person sitzen, obwohl mehr hineinpassen. Auch Wohnungen werden nicht mehr von vielen, sondern von einzelnen bewohnt. Das ist eine Entwicklung, die erst in den 50er Jahren eingesetzt hat, aber sie hat zu einer Fragmentierung der Gesellschaft geführt. Auch die Fähigkeit in Kollektiven wie der Kirche, Sportvereinen oder der Schule zusammenzukommen, ist verloren gegangen. Ab einem gewissen Punkt trieb das den Einzelnen in die Isolation. Dann kamen Werkzeuge auf, um die Leute wieder zusammenzubringen. Das ist ein Grund, warum im Open-Source-Bereich Communitys entstanden sind, sie haben ein Bedürfnis befriedigt. Der Mensch ist ein Gemeinschaftstier. Und so entstehen neue Formen der Gemeinschaft, auch bei der Arbeit. Warum sind Büros wieder offen, statt voller kleiner Cubicles? Offene Räume sind einfach sozialer. Diese Spannung zwischen Arbeits- und Privatleben zeigt sich in vielen Bereichen. Das Festnetz Telefon war für den gesamten Haushalt. Das Handy ist für den Einzelnen. Ebenso der Kabelanschluss an einem Fernsehgerät. Heute schauen die Leute TV am PC, auf dem iPad. Zum Essen trifft man sich einfach im Restaurant, wozu noch einen Esstisch in der Wohnung. Vielleicht werden irgendwann keine Esstische mehr hergestellt.

Der Hinweis auf die griechische Antike zeigt, dass es Zeiten gab, wo es via Steuern oder andere Kosten bestraft wurde, „privat“ zu sein, sich von der Gesellschaft zu isolieren, nicht mehr zu teilen. Aber auch heute ist es so: Wenn es privat wird, steigen die Kosten. Privatschule vs. öffentliche Schule, eigenes Auto vs. öffentlicher Transport, fliege ich Linie oder im Privatjet usw. Privat war und ist immer teurer, weil nicht geteilt wird. Aber das Nichtteilen hat auch noch andere Konsequenzen. Als 9/11 passierte, wurde gesagt, dass die Sicherheitsdienste ihre Informationen nicht geteilt hätten, das ist das Problem des Privaten. In einer Zeit, in der jeder Zugang zu vertraulichen Daten hat, ist das andere Extrem Bradley Manning, der WikiLeaks militärische Geheimdokumente ungehindert zuspielen konnte.

Das bringt mich zu einem weiteren Punkt, mit dem wir uns beschäftigen. Es heißt, IT-Systeme wurden gebaut, um die Daten und Geschäftsbücher von Unternehmen zu speichern: als Systems of Records für die Informationen, die das Business ausmachten und Unterlagen aus Papier ablösten. Sie wurden gebaut wie Festungen, um die Daten zu sichern und niemanden reinzulassen, der nicht die nötigen exklusiven Rechte hatte. Damit folgten sie der Philosophie des Nichtteilens. Gleichzeitig hatten wir E-Mail, Telefon, SMS als Systems of Engagement, um miteinander zu kommunizieren. Diese waren genau gegenteilig aufgebaut, offen und flexibel. Als diese beiden dann zusammenkamen, wusste man damit nicht umzugehen. Nehmen sie das Wikileaks-Beispiel. Ein Einzelner, Bradley Manning, hatte alle nötigen Rechte in einem privaten, hochsicheren On-Premise-Sys­tem, um verstrauliche Daten zu extrahieren, und konnte diese ohne Hindernis in ein System packen, das ohne Sicherheit gebaut wurde: genannt E-Mail. Das US State Departement hätte einen Filter einbauen können, der ab einer bestimmten Dateigröße aktiv wird und zum Beispiel eine weitere Zugangsberechtigung fordert. Es hätte aber auch den Einsatz mobiler Datenträger verhindern können. Es geht darum, ein System zu schaffen, das das Teilen erlaubt, dieses aber sicher macht.

Die Cloud steht also vor dem Problem, das System of Engagement und das System of Record sicher zusammenzubringen. Wie oben schon angedeutet, gilt das zum Beispiel für Dokumente. Wenn wir über Chatter zusammen an einem Dokument arbeiten, beschließen wir auch, wann es veröffentlicht wird. Denn solange wir über den Inhalt verhandeln, ist noch nicht der Zeitpunkt dafür gekommen. Für die Daten wie das Abstimmungsverhalten der Abgeordneten könnte man zum Beispiel ein Datum hinterlegen, ab wann die Informationen öffentlich zugänglich sind. Der Zeitpunkt ist flexibel, aber wichtig ist, dass es nach dem Ereignis tatsächlich passiert.

Aktuell haben in der Cloud alle das Problem, wie wir ein offenes interaktives System schaffen können, das dennoch die nötige Vertraulichkeit und Privatsphäre für die Beteiligten sicherstellt. Facebook beispielsweise verlangt vom Einzelnen, dass er zustimmt, welche seiner Daten ein Dienst nutzen darf. Der Nutzer hat im Idealfall also die Kontrolle, aber auch der Dienstanbieter kann die Bedingungen formulieren, unter denen er genutzt werden kann. Das muss auf technischer Ebene passieren.

Es gibt aber auch eine zwischenmenschliche Ebene. Wenn ich bei Freunden im Gästezimmer übernachte, dann erwarten diese, dass ich nicht in alle Schubladen reinschaue, obwohl es das Gästezimmer ist. Privat ist nicht das, was verschlossen ist. Privat ist in unserem Kopf. Privat bedeutet, ich respektiere deine Privatsphäre. Wenn wir aber verstanden haben, dass Teilen besser ist, als nicht Teilen, dann haben wir auch verstanden, dass man das Recht hat, etwas nicht öffentlich zu machen. Der Standard sollte aber das Teilen, das Offene, Gemeinschaftliche, Mobile sein. Natürlich gibt es Dinge, die Privat sind, aber wenn man mit dem Verschließen anfängt, ist es teurer. Die Milleniumgeneration versteht das schon. Sie kaufen nicht, sie mieten: Autos, Fahrräder, Filme usw. Man muss diese Dinge nicht besitzen.

Business Technology: Was ist das Geschäftsmodell? Ist es wie das Solarstrom-Modell, bei dem ich den Strom, den ich selbst nicht verbrauche, ins allgemeine Stromnetz weiterverkaufe?

J.P. Rangaswami: Genau, denn wenn sie nicht teilen, kostet das nur Geld, denn sie haben Leerlaufzeiten. Wenn sie diese Kosten nicht wollen, brauchen sie ein Modell ohne Leerlaufzeiten. Auf technischer Seite ist es das beste Modell, die Ressource zu mieten, wenn sie sie brauchen, und nur dann haben sie auch kosten. Wenn sie zudem verstanden haben, dass es um die Distribution von Informationen und Erfahrung geht und nicht um CPU-Einheiten, dann wird es aus der Businessperspektive wirklich wertvoll. Hier wirken wieder Linus Law „given enough eyeballs, all bugs are shallow“ und die Macht des Crowdsourcing, dann haben sie keine Leerlaufzeiten.

Zum Schluss möchte ich noch einmal auf einen entscheidenden Unterschied hinweisen. In der industriellen Revolution ging es um Prozesse, um Standardisierung und Wiederholbarkeit. Wir bewegen uns heute hin zu einer Welt von Pattern, in der wegen der Vielzahl der Änderungen alles eine Ausnahme ist. Die Kosten von Ausnahmen in einem Standardworkflowmodell sind viel zu hoch. Gibt man aber vielen Leuten die Möglichkeit, sich das Pattern anzusehen, die wichtigen Punkte darin zu erkennen, dann erhält man sehr effizient eine Lösung. Sie haben einen größeren Kontext, mehr Leute schauen drüber, der Output wird größer, das Ergebnis besser. Denn es sind heute keine linearen Prozesse, sondern nichtlineare Pattern, mit denen wir es zu tun haben. Und die Cloud-Infrastruktur ist besser dafür geeignet, als Standards der Prozesswelt. Denn es ist eine Welt mit bidirektionaler Kommunikation, ich bin Konsument und Produzent, genau wie in dem Beispiel mit dem Solarstrom. Ich bin zugleich auch Content- Produzent und -Konsument. Und das verändert die Bilanz gewaltig. Eine erfolgreiche Cloud-Unternehmung muss daher seinen Mitarbeiter und Kunden auch Werkzeuge für die Produktion zur Verfügung stellen, nicht nur für die Konsumtion.

Business Technology: Vielen Dank für das Gespräch!

Den Blog von JP finden Sie unter http://confusedofcalcutta.com.

Geschrieben von
Mirko Schrempp
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