Raus mit dem Alten...

Legacy-Systeme – die altägyptischen Pyramiden der IT-Welt

Marc Zottner

© Shutterstock / Mia Stendal

Die Stufenpyramide des Djoser innerhalb der Nekropole von Sakkara, die älteste der ägyptischen Pyramiden, gilt gerade aufgrund ihres Alters als architektonisches Meisterwerk, dessen Geschichte viele Archäologen in ihren Bann zieht. Viele bewundern sie aufgrund der für den Bau notwendigen, architektonischen Geschicklichkeit und ihrer Ästhetik. Lohnt es sich, Legacy-Infrastrukturen in der IT ebenfalls auf diese Art und Weise zu betrachten?

Allzu oft beeilen sich Tech-Teams, Mainframes und Legacy-Infrastrukturen zu entsorgen, um stattdessen etwas Neues zu entwickeln. Doch so wie die altägyptischen Monumente zur Zeit ihrer Erbauung als revolutionär galten, so präsentierten Mainframes – die wir heute als „Legacy” klassifizieren – zur Zeit ihrer Entwicklung den neuesten Stand der Innovation. Ähnlich wie die Pyramiden, die aus Tausenden Blöcken bestehen, setzen sich Mainframe-Anwendungen aus Hunderttausenden – wenn nicht sogar Millionen – von Codezeilen zusammen. Jede Codezeile dient dabei einem ganz bestimmten Zweck. Erst wenn dieser Zweck verstanden wurde, können Unternehmen eine erfolgreiche App-Modernisierung umsetzen.

Erst die Absicht verstehen – dann durch etwas Neues ersetzen

Unternehmen haben ihre IT-Infrastruktur in den letzten zehn Jahren in rasantem Tempo modernisiert. Der Wettlauf bei der digitalen Transformation hat sich seit Beginn der Pandemie sogar noch weiter verschärft. Bei all den schnellen Umwälzungen ist allerdings Vorsicht geboten – denn voreilige Entscheidungen können drastische Folgen haben und den Fortschritt unter Umständen für die nächsten Jahrzehnte verlangsamen.

Um dies zu vermeiden, sollten sich IT-Teams einmal der grundlegenden Bedeutung von Begriffen wie „App-Modernisierung“ oder „digitale Transformation“ bewusst werden. Denn anstatt Anwendungsmodernisierung mit dem Terminus „Transformation“ zu assoziieren, geht es letztlich vielmehr darum, bestehende Anwendungen zu erweitern. Dabei müssen die Ziele eines Tech-Projekts klar definiert und die erforderlichen Maßnahmen analysiert werden. Bevor eine geeignete Architektur und darauf basierend die richtigen Tools und Frameworks ausgewählt werden können, sollte das Team genauestens verstanden haben, welche Geschäftsergebnisse damit erzielt werden. Zum Beispiel ist eine ereignisgesteuerte oder Microservice-basierte Architektur nicht für jedes Projekt sinnvoll.

Bei den meisten Modernisierungsprojekten versuchen IT-Teams, ein bestimmtes Problem durch die Implementierung einer nicht unbedingt passenden Technologie zu beheben. In Wirklichkeit geht es bei der Modernisierung allerdings darum, neue Anforderungen erfüllen zu können, Kosten zu sparen, Kapazitäten zu skalieren sowie Stabilität und Sicherheit zu erhöhen – und das bei höherer Geschwindigkeit. Denn genau diese ermöglicht einen Wettbewerbsvorteil und fördert gleichzeitig das Wachstum.

Der Schlüssel zum Erfolg liegt darin, zunächst herauszuarbeiten, welche Ergebnisse mit der  Modernisierung erreicht werden sollen und diese im Anschluss zu priorisieren. Die frühzeitige Definition qualitativer Ziele und quantifizierbarer Ergebnisse ist elementar, um den Fortschritt der Transformation messen zu können. Ohne solche Rahmenbedingungen besteht das Risiko, sich in den Tiefen der monolithischen Konstruktion zu verlieren oder in einer nicht enden wollenden Analyse-Paralyse zu versinken. Mit dieser Vorgehensweise sind Unternehmen in der Lage, sowohl Brownfield-Transformationen als auch Greenfield-Cloud-Initiativen erfolgreich zu bewältigen.

Die vier Schritte der erfolgreichen App-Modernisierung

Bei der App-Modernisierung sind in jedem Fall vier Schritte zu beachten.

  1. Zunächst sollte das angestrebte Resultat ins Auge gefasst werden, indem sich alle Beteiligten auf die Ziele – und ebenso auf die Nicht-Ziele – einigen. Wichtig ist dabei vor allem klein anzufangen, selbst wenn das Portfolio Tausende Anwendungen umfasst. Ein guter Ausgangspunkt sind einzelne Business Units und eine Handvoll wesentlicher Anwendungen, bei denen eine große Wirkung erzielt werden kann.
  2. Im Folgenden können Test-driven Development, kontinuierliche Integration und kontinuierliches Deployment genutzt werden, um die manuelle Arbeitszeit durch Automatisierung zu reduzieren.
  3. Außerdem wichtig: nicht zu viel planen und stattdessen auf die “Learning-on-the-Job”-Methode setzen. So lassen sich neue Fähigkeiten durch praktische Erfahrungen erlernen. Des Weiteren sind zahlreiche Feedbackschleifen und regelmäßige Ergebnismessungen unabdingbar. Letztendlich muss sich die ganze Arbeitsweise verändern, denn die digitale Transformation kann nur erfolgreich sein, wenn sie ganzheitlich verstanden wird (siehe Case Study DATEV).
  4. Zu guter Letzt sollten komplexe Sachverhalte in ihre Einzelteile unterteilt und dabei schnell und kontinuierlich iteriert werden. Diese Grundsätze ermöglichen es Tech-Teams, sich schnell auf die richtigen Dinge zu konzentrieren und wirksame, iterative Ergebnisse zu liefern.

Erst kürzlich hat VMware Tanzu mit einem großen europäischen Kunden aus dem öffentlichen Sektor zusammengearbeitet und bei der Modernisierung einer Mainframe-Anwendung unterstützt, die über 30 Jahre alt war und jährlich mehrere Millionen Euro an Wartungs- und Betriebskosten verursachte. Dabei ging es um Software und Prozesse, die Millionen von Bürgern und Zehntausende von Beamten betreffen. Die Herausforderung bestand darin, den Monolithen in einer Cloud-nativen Umgebung mit einer modernen Programmiersprache umzuschreiben, ohne die von der neuesten Gesetzgebung geforderten Änderungen an der Implementierung zu beeinträchtigen. Die vier besagten Schritte brachten den Kunden in die Lage, in nur wenigen Wochen die ersten Komponenten des Mainframes in Java neu zu schreiben und in die Produktion überzugehen. Der Weg von der Codeänderung bis zur Produktion wurde dabei von vier Wochen auf 30 Minuten verkürzt. So konnten mehrere Software-Ingenieure und Entwickler die Anwendung weiter modernisieren, ganz so als ob sie eine komplett neue Software entwerfen würden – und das in kürzeren, regelmäßigen Entwicklungszyklen und ohne Ausfallzeiten.

Ein Blick zurück nach Sakkara

Reisen wir zurück in das alte Ägypten: Nach der Erbauung der Sakkara-Pyramide galt sie vielen Pharaonen in den folgenden Jahren als Vorbild, sodass weitere Monumente nach dem gleichen Konzept entstanden. Mit der Zeit wurden die Pläne modifiziert und zusätzliche Neuheiten eingearbeitet – beispielsweise wurden Hieroglyphen in die Steine geätzt. Die Empathie, mit der Archäologen und Historiker diese ägyptischen Nekropolen untersuchen, ist auch bei der App-Modernisierung entscheidend. Das Ziel von Archäologen ist es nicht, schöne Relikte in Museen zu stellen, sondern die Geschichte, die Kultur und die Beweggründe der Menschen, die sie gebaut haben, wirklich zu verstehen. In ähnlicher Weise müssen CIOs zunächst die Denkweise von Entwicklern und Tech-Teams zur Zeit des ursprünglichen Konzepts verstehen, um wirklich in der Lage zu sein, ein neues Bewusstsein für die App-Modernisierung zu entwickeln.

Geschrieben von
Marc Zottner

Marc Zottner ist für das Thema „Moderne Anwendungen“ im EMEA Technology Office bei VMware zuständig. Zuvor hat er das Programm für Anwendungsmodernisierung bei Red Hat EMEA geleitet und war langjährig als Architekt, Trainer, Project-Lead und Consultant tätig.

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