Quo vadis, Digitale Transformation?

Digitale Transformation: Studie beleuchtet deutsche Unternehmen im internationalen Vergleich

Gregory Ouillon

© Shutterstock / Sashkin

Was die digitale Transformation betrifft, gehören deutsche Firmen im internationalen Vergleich nicht zu den Vorreitern und müssen somit befürchten, langfristig den globalen Anschluss zu verlieren. Die Gründe für diese Entwicklung sind vielfältig – einer jedoch liegt in der mangelnden Auseinandersetzung mit innovativen Automatisierungstechnologien. Dabei haben IT-Entscheider und Führungskräfte längst die Notwendigkeit digitaler Unternehmenstransformationen erkannt. Diese Entwicklung beleuchtete kürzlich eine Studie von New Relic unter 750 international erfahrenen IT-Entscheidern.

Dringlichkeit der digitalen Unternehmenstransformation: Bewusstsein versus Umsetzung

Die Transformation eines traditionellen Unternehmens hin zu einer digitalisierten Organisation betrifft nahezu jede Branche und stellt eine essenzielle Voraussetzung zur Gewährleistung der Rentabilität und der Wettbewerbsfähigkeit dar. Daher ist das IT-Thema längst auch in den Fokus der Führungsebene in Unternehmen gerückt. Um den Stand der Digitalisierung in Deutschland zu beleuchten und globale Vergleichbarkeit zu schaffen, wurden insgesamt 750 international erfahrene IT-Entscheider in Unternehmen mit mindestens 500 bis zu etwa 5.000 Beschäftigten befragt. Diese stammen aus Deutschland, Frankreich, Großbritannien, Australien und den Vereinigten Staaten. Neben dem Transformationsstatus der weltweit untersuchten Organisationen und den Herausforderungen der IT-Verantwortlichen lag der Fokus auf den eingesetzten digitalen Technologien, insbesondere auf der Verbreitung von Automatisierungslösungen im IT-Betrieb.

Die unmittelbare Wichtigkeit von Digitalisierungsprojekten zeigt sich in den Studienergebnissen. Denn nur ein sehr geringer Teil der Befragten (1,6%) gibt an, dass das eigene Unternehmen keine Transformationsmaßnahmen plant oder noch nicht mit der Umsetzung begonnen hat. Hinsichtlich des Transformationsstatus ist eine klare Polarisierung in deutschen Organisationen festzustellen. Während der Großteil (36%) ganz am Anfang der Umstrukturierung steht, das bedeutet, noch zwölf oder mehr Monate bis zum Projektabschluss benötigt, hat rund ein Viertel (25,6%) den Digitalisierungsprozess nach eigenen Angaben endgültig abgeschlossen. Damit bleibt Deutschland weit hinter den USA als absolute Vorreiter-Nation zurück, wo der größte Anteil der Unternehmen (39,2%) bereits die Transformation vollständig umgesetzt sehen.

Identifikation mit dem modernen transformierten Unternehmen ist hoch

Während also noch Modernisierungsbedarf besteht, können sich die Deutschen mit dem Bild der vollkommen transformierten Organisation jedoch schon jetzt stark identifizieren. Rund 49 Prozent geben an, als modernes Unternehmen auf sich rapide wandelnde digitale Technologien angewiesen zu sein. Damit liegt Deutschland deutlich über dem internationalen Durchschnitt und die Befragten sind sich der großen Bedeutung der Transformation für ihre Unternehmen sehr bewusst. Doch nicht nur IT-Teams zeigen sich für die Umsetzung der technologischen Veränderungen verantwortlich. Etwas über die Hälfte (52%) der IT-Verantwortlichen gibt an, dass die Führungsriege die Herausforderungen der Einführung und des Betriebs moderner Systeme versteht und unterstützend tätig ist. Sogar bei Ausfällen im Betriebsablauf fühlen sich 45 Prozent von anderen Abteilungen und den Führungskräften entlastet. Mit diesen Werten liegt Deutschland international gesehen vor allen anderen befragten Ländern. Dass betriebliche Modernisierungskonzepte in den Fokus von Entscheidungsträgern gerückt sind, zeigt sich auch in der Investitionsbereitschaft. Laut einer IDC-Studie stellen bis 2020 etwa 30 Prozent der G2000-Unternehmen ein Budget von mindestens zehn Prozent des Jahresumsatzes für Digitalisierungsprojekte bereit.

Budget, Skepsis, mangelnder Erfolg: Transformationshürden

Der Transformationsprozess stellt jede Abteilung eines Unternehmens vor völlig neue Herausforderungen – als treibende Kraft jedoch vor allem die IT-Teams. Trotz der Priorisierung von Digitalisierungsprojekten durch die allokierten Budgets mangelt es laut der befragten IT-Entscheider an den finanziellen Mitteln zur Umsetzung. So hält fast ein Drittel (29,3%) die veranschlagten Finanzierungen für sehr restriktiv. Darüber hinaus wird in der Umfrage der eklatante Fachkräftemangel deutlich, denn eine weitere Schwierigkeit bei der Digitalisierung besteht laut Studie in fehlendem Know-How (35,77%). Die Gewinnung und Bindung von IT-Experten sollte daher von Organisationen als langfristig angelegtes Projekt gesehen werden.

Wie die Studie zeigt, fühlen sich IT-Verantwortliche grundsätzlich vom Rest des Unternehmens in ihrem Bestreben unterstützt. Dennoch zeichnet sich die deutliche Notwendigkeit ab, andere Abteilungen stärker in den Digitalisierungsprozess einzubeziehen sowie Ergebnisse und den jeweiligen Status des Transformationsprozesses klar zu kommunizieren. So stimmt rund die Hälfte der deutschen Befragten (52,8%) der Aussage zu, dass Beschäftigte außerhalb des IT-Teams überzogene Erwartungen an die Leistungsfähigkeit digitaler Systeme haben. Beim Wechsel zu neuen Technologien legen diese außerdem noch Skepsis an den Tag. Denn 26 Prozent der Technologie-Verantwortlichen stoßen auf Widerstand bei der Stilllegung von Legacy-Systemen und 30 Prozent sehen eine Herausforderung darin, den Rest des Teams von der Sicherheit der Public Cloud zu überzeugen. Zudem unterscheiden sich die verschiedenen Unternehmensbereiche untereinander stark hinsichtlich des Transformationsstatus und behinderten damit den Gesamtfortschritt (40,65%).

Doch nicht nur finanzielle Restriktionen und Widerstand aus anderen Abteilungen stellen Herausforderungen dar. Die Technologieverantwortlichen tun sich an der einen oder anderen Stelle schwer damit, den Geschäftsnutzen von Transformationsprojekten zu belegen (28%). Insbesondere betrifft das die Migration zu Cloud-, SaaS- und anderen modernen Software-Lösungen. Denn ein Großteil der Befragten (40,53%) stimmt der Aussage zu, dass man sich hierbei mit einer Vielzahl an sich teilweise widersprechenden Metriken konfrontiert sieht. Dass die Führungsriege auf häufiger oder sogar täglicher Basis Status-Updates fordert (39,2%), um Kunden und anderen Abteilungen über den Digitalisierungsfortschritt zu informieren, erhöht den Druck auf IT-Verantwortliche zusätzlich.

SaaS, Cloud-Migration und DevOps als Transformationstreiber

In der Studie wurden neben dem Stand der Transformation und den häufigsten Herausforderungen der IT-Entscheider auch die eingesetzten Technologien beleuchtet. Am häufigsten benannt wird dabei die Implementierung von Software-as-a-Service-(SaaS)-Anwendungen als ein Schritt zur Umsetzung der digitalen Unternehmenstransformation. So nutzen fast zwei Drittel (65,04%) der Unternehmen bereits SaaS-Lösungen oder planen einen Einsatz. Eine fast ebenso große Rolle (64,23%) nimmt die Digitalisierung von kundenseitigen Diensten wie E-Commerce-Applikationen, Chatbots oder Payment-Lösungen ein. Darüber hinaus werden die Migration in Public Clouds (Azure, AWS, Google oder andere) (63,41%), die Automation von Betriebsprozessen (60,16%) und die Kreation eigener, auf die Geschäftsprozesse zugeschnittener Digital-Anwendungen (60%) priorisiert.

DevOps, also die Zusammenführung von Software-Entwicklung und IT-Betrieb, kommt als agiler, moderner Arbeitsphilosophie zur Umsetzung der Transformation große Bedeutung zu. Über die Hälfte (57,72%) der betrachteten Unternehmen agiert bereits nach den DevOps-Prinzipien oder plant eine entsprechende Umstrukturierung. Dabei ist das Ziel, Software-Updates häufiger bereitzustellen und Entwicklungszyklen zu verkürzen. Rund 54 Prozent geben an, dass DevOps für die eigene Firma bereits eine zentrale Rolle im Transformationsprozess spielt. Im Gegensatz dazu sieht sich rund ein Fünftel (20,33%) bei dieser Entwicklung ganz am Anfang. Mit diesen Werten liegt Deutschland im internationalen Durchschnitt. Als größte Herausforderungen geben die Verantwortlichen im Bereich DevOps Compliance-Schwierigkeiten (43,96%), fehlendes Know-How (32,97%) und das Ausbleiben sichtbarer Erfolge (37,36%) an.

Mit den Geschäftsergebnissen, die durch die Implementierung der genannten Technologien und durch die Prozessumstrukturierung nach den DevOps-Prinzipien erzielt wurden, sind fast 73 Prozent (72,8%) der deutschen Unternehmen zufrieden, bei ungefähr einem Fünftel (19,2%) wurden die Erwartungen übertroffen. Hier zeigen sich die Deutschen vergleichsweise wenig euphorisch, vor allem im Gegensatz zu den amerikanischen IT-Verantwortlichen, die zu fast einem Drittel (32,8%) die Ergebnisse als unerwartet erfolgreich beschreiben.

Effektiver IT-Betrieb und Wettbewerbsvorteil durch die Nutzung von AIOps

Ein besonderer Fokus der Studie lag auf der Verbreitung von AIOps, also dem Einsatz automatisierter Lösungen im IT-Betrieb, in deutschen Unternehmen. Als Nebeneffekt der fortschreitenden Unternehmensdigitalisierung werden in der System-Administration rapide anwachsende Datensätze generiert, denen IT-Verantwortliche nicht mehr Herr werden. So stimmen 39,2 Prozent der deutschen IT-Entscheider der Aussage zu, dass sie den Datenmassen nicht mehr gerecht werden können; 16,8 Prozent äußern starke Zustimmung. Restriktive Budgets und der Fachkräftemangel verstärken diese Herausforderung zusätzlich, wie die Umfrage zeigt. Über die Hälfte der Befragten (53,6%) gibt an, dass Überstunden des IT-Teams nötig sind, um die Arbeitsbelastung durch die Transformation bewältigen zu können.

Als weiterer Faktor beeinflusst die zunehmende Komplexität der IT-Infrastrukturen moderner Unternehmen die IT-Administration. Bedingt ist diese Entwicklung unter anderem durch die Umstellung auf Microservices, den Parallelbetrieb von Legacy-Systemen und innovativen, neu hinzugefügten Lösungen sowie den Trend hin zu Multi-Cloud-Netzwerken. Traditionelle Tools sind in Anbetracht dieser Veränderungen und der Zeitintensität von IT-Prozessen den modernen Hardware- und Software-Umgebungen nicht mehr gewachsen und werden daher auf lange Sicht ausdienen. Um den Überblick über den gesamten IT-Betrieb eines Unternehmens zu bewahren, einen störungsfreien Betrieb sowie Cybersicherheit zu garantieren und auftretende Ausfälle schnell beheben zu können, bedarf es innovativer Lösungen. Denn eine zuverlässige und belastbare Infrastruktur stellt für alle anderen Prozesse des Geschäftsbetriebs die Grundvoraussetzung dar. Ohne sie sind die Rentabilität der Organisation sowie die internationale Wettbewerbsfähigkeit beeinträchtigt.

AIOps verspricht, diese Herausforderungen zu lösen und die Technologieverantwortlichen zu entlasten sowie ihre Produktivität zu steigern. Denn AIOps legt den Grundstein für die Optimierung oder sogar die vollständige Automatisierung von manuellen, zeitaufwendigen Routine-Aufgaben wie Performance-Monitoring, die Gewährleistung der IoT-Sicherheit, Ereigniskorrelation, Datenanalysen und Servicemanagement. Damit verschiebt sich für IT-Entscheider der Fokus von der Durchführung und Überwachung wiederkehrender Prozesse hin zur Entscheidungsfindung auf Basis der ausgewerteten Daten. Durch Echtzeit-Überwachung der Infrastruktur können auftretende Ausfälle sofort behoben und mithilfe prädiktiver Analysen sogar vorherhersagt und verhindert werden.

Vorbehalte deutscher IT-Entscheider bremsen Implementierung von AIOps

Wie die Studie zeigt, kommen Automatisierungslösungen im IT-Betrieb deutscher Unternehmen bislang vergleichsweise selten zum Einsatz. Der Großteil der Befragten (48,8%) spricht Machine Learning (ML) und künstlicher Intelligenz (KI) beim Betrieb digitaler Systeme eine sehr wichtige Rolle zu. Zudem stimmen mehr als 87 Prozent (87,2%) der Aussage, dass ML und KI den Arbeitsalltag von IT-Entscheidern langfristig erleichtern werden, stark oder sehr stark zu. Aber während der Begriff „AIOps“ laut Studie in den USA bereits zum geflügelten Wort unter IT-Verantwortlichen geworden ist, gibt der größte Anteil (49,6%) der deutschen Befragten an, nur eine ungenaue Vorstellung seiner Bedeutung zu haben.

Nur ein Fünftel der deutschen Unternehmen nutzt bereits AIOps-Anwendungen, verglichen mit 34,4 Prozent in den USA. Damit befindet sich Deutschland im internationalen Vergleich vor Großbritannien auf dem vorletzten Platz. Rund 38 Prozent planen die Umsetzung in den nächsten sechs Monaten, während nur 13,6 Prozent keine Bestrebungen äußern, KI und ML im IT-Betrieb einzusetzen. Die Implementierung scheitert dabei nicht an einem Vertrauensproblem: 78,4 Prozent vertrauen stark oder sehr stark auf die Automatisierungslösungen in der IT-Administration. Der geringe Anteil der Organisationen, die die Systemadministration durch AIOps-Lösungen optimieren oder automatisieren, ist auf Vorbehalte der deutschen IT-Verantwortlichen bezüglich des Geschäftsnutzens der Technologie zurückzuführen. So ist die Hälfte der Befragten der Ansicht, AIOps unterliege einem starken Hype. Darüber hinaus stellt fehlendes Personal zur Implementierung bei einem Drittel der Unternehmen eine Herausforderung dar.

Notwendigkeit der Investition in innovative Automatisierungslösungen

Die Wichtigkeit der digitalen Unternehmenstransformation ist ins Bewusstsein deutscher IT-Entscheider und Führungskräfte gerückt. Die Umsetzung derselben befindet sich jedoch bei einem Großteil der betrachteten Organisationen noch in einer frühen Phase. Bedingt ist dies durch Herausforderungen wie den Fachkräftemangel, limitierte IT-Budgets und der Skepsis anderer Unternehmensabteilungen gegenüber innovativen Technologien.

Während die Implementierung von SaaS-Lösungen, die Migration in öffentliche Clouds und die Digitalisierung kundenseitiger Dienste bereits weit vorangeschritten ist, stehen deutsche Entscheider dem Einsatz von KI und ML im IT-Betrieb aufgrund des als niedrig angenommenen Geschäftsnutzens aktuell eher kritisch gegenüber. Langfristig werden Unternehmen allerdings ohne Automatisierungslösungen den zuverlässigen Betrieb der gesamten IT-Infrastruktur nicht mehr gewährleisten können. Um im internationalen Wettbewerb bestehen zu können, wird auch hier früher oder später ein Umdenken einsetzen müssen.

Geschrieben von
Gregory Ouillon

Gregory Ouillon ist Chief Technology Officer, EMEA bei New Relic, Inc.

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