Kolumne

DevOps Stories: Wie kann man nur …!? – Wieso Entwickler sich mit Psychologie beschäftigen sollten

Carolin Huck

©SuS_Media

Agilität, Management 3.0, New Work oder DevOps – all diese Bewegungen verändern die Art und Weise, wie Softwareentwicklung organisiert wird. Wenn man ihren Denkmustern und Ideen konsequent folgt, beeinflussen sie stark die Kultur des Unternehmens. Über solche Kulturveränderungen möchten wir gerne in dieser Kolumne berichten.

Kurz vor dem Stand-up ist fast das ganze MusicStore-Team vor dem Team-Board versammelt:

Christian: „Wo ist Jörg denn schon wieder? Jede Wette, dass der wieder fünf Minuten zu spät kommt. Das ist diesen Monat dann schon das dritte Mal! Dabei haben wir damals doch extra im Teamvertrag festgehalten, dass wir alle pünktlich zum Stand-up erscheinen.“

Martin: „Naja … bist du am Montag nicht auch ein paar Minuten zu spät gekommen?“

Christian: „Das war ja nicht meine Schuld. Der Bus kam mal wieder zu spät.“

Julia: „Und die Woche davor, als du am Montag gar nicht zum Stand-up da warst?“

Christian: „Da hat mich meine Nachbarin aufgehalten, weil sie sich mal wieder über den Zustand unseres Rasens beschwert hat. Aber Martin, dem ist das Stand-up einfach nicht wichtig genug, um pünktlich aufzustehen.“

Lukas: „Hm … Wenn es dich so stört, warum sprechen wir ihn dann nicht mal darauf an?“

Christian: „Ach ich weiß nicht … das ändert eh nichts.“

Julia: „Und so schlimm ist es ja nun auch nicht …“

Christian: „Wenn wir jetzt eh warten, kann ich ja auch noch was mit dir besprechen, Martin. Im Code gefällt mir was gar nicht!“

Martin: „Was genau?“

Lukas: „Du hast bei der Serviceimplementierung etwas sehr intensiv mit funktionaler Programmierung gelöst. Ich nehme an, dass Christian das mit dir besprechen will?“

Christian: „Genau! Das versteht kein Mensch!“

Martin: „Was soll das denn heißen? Funktionale Programmierung ist doch mein Spezialgebiet. Darin macht mir keiner was vor!

Lukas: „Das mag sein, aber der Rest des Teams versteht keinen Meter von dem, was du da entwickelt hast. Vor allem mit dieser komischen Library. Du kannst doch keine Library verwenden, die als neueste Version eine 0.1.4 hat. So kann das niemand außer dir warten.“

Martin: „Ach, Quatsch. Der Code funktioniert und ist einwandfrei. Ich habe da eine Menge Zeit reingesteckt und es jetzt wegzuwerfen wäre doch unsinnig. Außerdem ist funktionale Programmierung die Zukunft!“

Abb. 1: Das menschliche Gehirn arbeitet mit Heuristiken

Warum denken wir so, wie wir denken?

Wir erleben in unserem Alltag ständig Situationen, in denen wir andere Menschen nicht verstehen. Ob es dabei um ihr Handeln, ihre Entscheidungen oder ihre Ansichten geht, sie tun, sagen oder denken Dinge, die wir auf den ersten Blick nicht nachvollziehen können. Das ruft in uns unterschiedlichste Emotionen hervor, von einfacher Verwunderung bis hin zu Ärger und Wut. Beschäftigt man sich jedoch ein wenig mit den kognitiven Vorgängen, die zu unserem Verhalten führen, wird Vieles klarer.

Unser Verhalten wird zu jeder Minute des Tages von Entscheidungen beeinflusst. Um genau zu sein, treffen wir über 200 Entscheidungen pro Tag [1]. Um die Vorgänge beim Treffen einer Entscheidung besser zu verstehen, kann man unser Gehirn mit einem Computer vergleichen. Wie ein Computer hat auch unser Gehirn nur begrenzte Speicher- und Rechenkapazität. Diese versuchen wir, bei der Entscheidungsfindung so effizient wie möglich einzusetzen. Die meisten der über 200 Entscheidungen, die wir an einem Tag treffen, passieren unbewusst und innerhalb von Sekundenbruchteilen. Um das möglich zu machen, nutzt unser Gehirn Heuristiken (Abb. 1). Diese Heuristiken kann man mit einem Algorithmus vergleichen, der bestimmt, welche Informationen für die Entscheidung in Betracht gezogen werden und wie sie gewichtet werden. Durch die Selektion der in Betracht zu ziehenden Informationen wird sehr viel Rechenzeit gespart und wir kommen schnell und effizient zu einer Entscheidung. Das funktioniert für uns meist wunderbar. Doch in manchen Situationen kann es zu unbewussten Verzerrungen und Fehlern kommen, den sogenannten „Cognitive Biases“ .

Wie Cognitive Biases uns immer wieder in die Irre führen

Betrachten wir die Situation im MusicStore-Team von Lukas beim Stand-up. Hier kann man bei Christian sehr schön den fundamentalen Attributionsfehler [2] nachvollziehen. Dies ist einer der Cognitive Biases, die im täglichen Umgang mit anderen Menschen immer wieder vorkommen und auch recht gut zu erkennen sind. Christian bewertet die gleiche Situation (er kommt zu spät zum Stand-up und Martin kommt zu spät zum Stand-up) unterschiedlich. Für sein negatives Verhalten gibt er externen Ursachen die Schuld. Martin ist für ihn jedoch selbst der Verursacher für das Zuspätkommen. Ihm sei es einfach nicht wichtig genug, für das Stand-up und somit auch für das Team pünktlich aufzustehen. Kein Wunder, dass ihn diese Ansicht verärgert. Der fundamentale Attributionsfehler beschreibt also unsere Tendenz, die Ursache für unser negatives Verhalten in den äußeren Umständen zu suchen und bei anderen in ihren intrinsischen Merkmalen. Dieser Effekt ähnelt sehr dem „Self-serving Bias“ [3] aus der Sozialpsychologie, der besagt, dass wir uns unsere Erfolge eher durch intrinsische Merkmale erklären und unsere Misserfolge eher auf äußere Ursachen schieben.

Zusätzlich kann man am Ende des Gesprächs den Default-Effekt [4] erkennen. Dieser besagt, dass wir in vielen Situationen diejenige Option bevorzugen, die in Kraft tritt, wenn wir keine aktive Entscheidung treffen. Durch dieses Bias tendiert das Team dazu, Martin nicht auf sein Verhalten anzusprechen und somit nicht aktiv etwas am Status quo zu ändern, obwohl es die Teamarbeit wahrscheinlich verbessern würde.

Im weiteren Verlauf des Tages kann man bei Martin einen weiteren Effekt erkennen, der in der Softwareentwicklung weit verbreitet ist. Der IKEA-Effekt [5] beschreibt die Überschätzung des Werts von Dingen, die man selbst gebaut hat. Ob es sich dabei um IKEA-Möbel oder Code handelt, ist egal. Sobald wir Zeit und Arbeit in etwas gesteckt haben, erscheint es uns automatisch wertvoller. Darum findet Martin seinen Code einwandfrei und kann nicht verstehen, dass andere seine Arbeit nicht zu schätzen wissen. Dieses Bias tritt häufig gefolgt von dem „Sunk Cost Effect“ [6] auf. Denn haben wir erst einmal Zeit, Geld und Arbeit in ein Projekt gesteckt, fällt es uns schwer, uns davon zu trennen und erst recht, es als gescheitert anzusehen. „Wir haben schon so viel investiert! Wir können jetzt nicht aufgeben!“ sind Sätze, bei denen man hellhörig werden sollte. Denn oft ist es besser, ein solches Projekt zu beenden, statt noch mehr Ressourcen für etwas zu verschwenden, das am Ende doch kein Erfolg wird.

Zuletzt lässt sich noch ein weiteres Bias in der Konversation zwischen Martin, Christian und Lukas erkennen. Martin unterliegt scheinbar dem Law of the Instrument oder auch Maslows Hammer [7]. Er nutzt funktionale Programmierung, weil es ihm ein sehr vertrautes Werkzeug ist, auch in Situationen, in denen es vielleicht nicht die geeignete Wahl ist.

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Und was bringt mir das jetzt?

Das tückische an diesen kognitiven Vorgängen ist, dass sie ein fester Bestandteil unseres Denkens sind und in vielerlei Hinsicht auch ihre Daseinsberechtigung haben. Trotzdem locken sie uns manchmal in eine Falle. Dabei hilft es oft schon, hin und wieder mal über seine Entscheidungen zu reflektieren und sich zu überlegen, aufgrund welcher Informationen diese Entscheidungen getroffen wurden. Dann kann man entscheiden, ob es sich dabei um eine passende Auswahl handelt. Zusätzlich handelt es sich bei diesem Wissen über Cognitive Biases um ein nützliches Werkzeug, um das Verhalten anderer leichter zu verstehen. Auch dabei genügt es oft schon, innezuhalten und darüber nachzudenken, aufgrund welcher Informationen eine Person gerade so handelt. So können häufig Missverständnisse und Groll aufgelöst werden, bevor sie eine Situation bestimmen.

Modelle mit Vorsicht genießen

Natürlich sind all diese kognitiven Vorgänge hier nur beispielhaft und abstrahiert dargestellt. Kein kognitives Modell lässt sich eins zu eins auf die Wirklichkeit übertragen. Würde man das versuchen, bestünde die Wirklichkeit aus einem riesigen Netz aus solchen Modellen, die alle miteinander in Verbindung stehen und sich gegenseitig beeinflussen. Trotzdem kann man sich die Kenntnis der einzelnen Effekte zu Nutze machen, um im Alltag manchmal innezuhalten und das eigene Handeln oder das Verhalten anderer zu reflektieren.

Ruben, der Scrum Master, hat das Team nach dem emotional aufgewühlten Stand-up über die Cognitive Biases informiert, die ihr Verhalten in diesem Moment offensichtlich beeinflusst haben. Die Kollegen waren überrascht und verwundert – aber auch neugierig. Sie möchten sich vor der nächsten Retrospektive genauer über das Thema informieren. Dann wollen sie gemeinsam darüber diskutieren, wie sie ihren Umgang und ihre Kommunikation miteinander verbessern können.

Geschrieben von
Carolin Huck
Carolin Huck
Carolin Huck hat ihren Bachelor in „Psychologie in IT“ gemacht und ist Scrum Masterin bei cosee. Sie ist fasziniert davon, die „cognitive biases“ ihrer Kollegen zu beobachten und sie ihnen bewusster zu machen. @caro_who https://cosee.biz
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