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DevOps: Warum tut sich der Ansatz gerade in Deutschland so schwer?

DevOps – erfüllt es die Erwartungen? Oder folgt auf den Rausch der große Kater?

Justin Vaughan-Brown

© Shutterstock.com / Abscent

Kann DevOps halten, was es verspricht? Justin Vaughan-Brown erläutert die Argumente für und gegen eine Umstellung auf den neuen Ansatz – und nimmt auch die besonderen Herausforderungen für deutsche Unternehmen in den Blick.

Folgt auf den Rausch der große Kater? Seit Jahren gilt DevOps als Zukunftsthema, an das große Versprechen geknüpft sind. Die Realität aber sieht anders aus: In einer Umfrage der Branchenanalysten von Gartner gaben 87 Prozent der Befragten an, dass DevOps ihre Erwartungen bislang nicht erfüllen konnte. Auch im Gartner Hype Cycle geht es für DevOps langsam abwärts, der Ansatz nähert sich dem berüchtigten „Tal der Enttäuschungen“.

Ist DevOps also lediglich Schall und Rauch, wie seine Kritiker schon immer behauptet haben? Dürfen sie sich nun bestätigt fühlen? Keinesfalls. Noch immer entscheiden sich mehr und mehr Unternehmen für einen Umstieg auf den neuen Ansatz. 2017 arbeiten bereits 27 Prozent aller IT-Experten in einem DevOps-Team, so das Ergebnis des aktuellen State of DevOps Reports von Puppet. Und noch immer würde niemand anzweifeln, dass die Methoden von DevOps für sich genommen funktionieren – und in Kombination einen immensen Mehrwert bieten. Das Problem ist anderswo zu verorten: Die Umsetzung von DevOps birgt Herausforderungen, die viele Unternehmen unterschätzen. Zudem lässt sich gerade die deutsche Arbeitskultur nicht ohne Weiteres mit den Prinzipien von DevOps unter einen Hut bringen.

Darüber hinaus ist DevOps oft mit Erwartungen verknüpft, die sich nur durch eine umfassende Neuausrichtung erreichen lassen, nicht durch Modellprojekte oder den Zukauf einzelner Tools. Um das Thema ernsthaft anzugehen, bedarf es diesbezüglich einer realistischen Erwartungshaltung. Vor allem aber sollten sich Verantwortliche die Pro- und Kontra-Argumente für und gegen eine Umstellung auf DevOps vergegenwärtigen.

Pro: Technische, kulturelle und wirtschaftliche Vorteile

Die Vorteile von DevOps werden wesentlich häufiger diskutiert als die Nachteile, daher können sie hier etwas knapper behandelt werden. Auf technischer Ebene überzeugt DevOps durch eine Kombination aus Continuous Delivery und agilen Entwicklungsmethoden. Die Komplexität des Software Development Life Cycles (SDLC) wird auf diese Weise reduziert, gleichzeitig lassen sich Probleme schneller lösen. Auf kultureller Ebene verspricht DevOps zufriedenere, produktivere Mitarbeiter und Teams, mehr individuelles Engagement sowie bessere Möglichkeiten zur persönlichen Weiterentwicklung.

Auf wirtschaftlicher Ebene geht es um die beschleunigte Bereitstellung neuer Funktionalitäten, stabilere Anwendungen, effizientere Prozesse und mehr Freiraum für Innovation. Gerade die wirtschaftlichen Vorteile machen DevOps für viele Unternehmen unverzichtbar. Denn wer neue Features schneller verwirklichen und Schwachstellen schneller beseitigen kann als die Konkurrenz, der dominiert den Markt. Wer hingegen hinter seine Wettbewerber zurückfällt, dem drohen schwere Zeiten.

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Kontra: Sind deutsche Unternehmen reif für DevOps?

Auch auf dem deutschen Markt ist das Interesse an DevOps nicht klein. Beleg hierfür liefern die im ganzen Land verbreiteten DevOps-Meetup-Gruppen – die Frankfurter Gruppe hat mehr als 500 Mitglieder, die in München sogar mehr als 1300. Aber es gibt auch Stimmen, die daran zweifeln, dass DevOps sich hierzulande ähnlich schnell etablieren wird wie anderswo. Sie führen kulturelle Eigenheiten der deutschen Arbeitskultur als Gründe gegen den Umstieg auf DevOps an:

  1. Deutscher Hang zum Expertentum
    Das deutsche Bildungssystem ist auf Spezialisierung getrimmt. Studium und Ausbildung bereiten darauf vor, Experte in einem ganz bestimmten Feld zu werden. Damit ist auch eine ausgeprägte Berufsehre verbunden – die meisten Ingenieure etwa sind stolz darauf, sich Ingenieur nennen zu dürfen. Scrum-Teams erfordern jedoch, dass alle Teammitglieder vielfältige Aufgaben eines Sprints bearbeiten können. Wer sich selbst ausschließlich in der Rolle des Programmierers, Architekts oder Testers sieht, wird mit dem neuen Vorgehensmodell deshalb schnell Schwierigkeiten bekommen.
  2. Zu strenge Hierarchien
    Nach der Umstellung auf DevOps findet sich das vorhandene Führungspersonal plötzlich in einer flacheren Hierarchie wieder, in der agile, autonome Teams die Hauptlast der Arbeit stemmen. Für Unternehmen, die ihre Softwareentwicklung bislang eher kommandowirtschaftlich organisiert haben, wird das absehbar zum Problem. Von heute auf morgen ist ein anderer Führungsstil gefragt als früher. Dem aktuellen State of DevOps Report zufolge müssen Vorgesetzte spezielle Qualitäten mitbringen, um die DevOps-Transformation in ihrem Unternehmen voranzutreiben – darunter visionäres Denken und die Fähigkeit, andere zu inspirieren. Mit Vorgesetzten, die das neue Anforderungsprofil nicht erfüllen und auf strengen Hierarchien beharren, könnte der Umstieg von Anfang an zum Scheitern verurteilt sein.
  3. Bürokratismus
    Zumindest dem Klischee nach herrscht in deutschen Unternehmen strenge Ordnung: Dienst nach Vorschrift und lückenlose Dokumentation, das sind die Devisen. DevOps erfordert jedoch ein pragmatischeres Vorgehen – und entgegen der Traditionen des deutschen Vereinswesens ist in Scrum-Teams kein designierter Schriftführer vorgesehen. Im Gegenteil: Überbordender Bürokratismus kann agile Methoden ausbremsen, deshalb müssen Unternehmen ihn auf ein Minimum zurückschneiden.
  4. Perfektionismus
    Kein DevOps ohne Continuous Delivery. Konkret bedeutet das, Kunden in einer möglichst hohen Frequenz mit dem sogenannten Minimum Viable Product zu versorgen, anstatt beispielsweise pro Quartal ein großes Release zu bringen. Der Hintergrundgedanke lautet, dass Kunden von einem brandaktuellen, vielleicht nicht vollständig ausgereiften Produkt stärker profitieren als von akribisch ausgearbeiteten, aber um einige Monate verspäteten Releases. Denn selbst wenn die Anwendung im Betrieb kleinere Fehler offenbart, lassen diese sich auch nachträglich noch innerhalb kürzester Zeit beheben. Dieser Ansatz widerspricht jedoch möglicherweise der deutschen Vorstellung von Wertarbeit – auf Kunden – wie auf Anbieterseite.

Lesen Sie auch: Was ist eigentlich DevOps?

Den Umstieg angehen – aber durchdacht

Wie kann die Einführung von DevOps gelingen? Wie können die Herausforderungen bewältigt werden? Der wichtigste Ratschlag lautet: Unternehmen sollten den Umstieg nicht im Blindflug versuchen, sondern von Anfang an feste KPIs festlegen und ihren Erfolg daran messen. Sinnvolle Metriken sind etwa die Frequenz neuer Deployments oder die Zeitspanne zwischen der Entdeckung von Fehlern und ihrer Beseitigung. Um auch den Code einer Qualitätsprüfung zu unterziehen, sollte außerdem die Application Performance messbar gemacht und die Zahl der gescheiterten Deployments dokumentiert werden.

Viele deutsche Unternehmen legen Wert auf stabile, vorhersagbare und gut organisierte Prozesse – das macht sie international so stark. Die besondere Schwierigkeit liegt darin, diese Stärken zu bewahren, gleichzeitig aber den wachsenden Erwartungen der Nutzer an Funktionalität, Verfügbarkeit, Komfort und Geschwindigkeit gerecht zu werden. Denn wie und mit welchem Tempo Anwendungen veröffentlicht werden, wird in den meisten Branchen nicht von den Unternehmen selbst, sondern von den Anforderungen des Marktes bestimmt. Mittelfristig führt an DevOps mit all seinen Vorteilen und Chancen deshalb kein Weg vorbei. Wer angesichts möglicher Probleme und Widerstände bei der Einführung den Kopf in den Sand steckt, begeht einen Fehler.

Geschrieben von
Justin Vaughan-Brown
Justin Vaughan-Brown
Justin Vaughan-Brown ist als Director Product Marketing vorranging für die Content-Erstellung rund um das Thema DevOps bei Appdynamics verantwortlich, da er früher als Lead und Senior DevOps Market Strategist bei CA Technologies tätig war. Er verfügt über 20 Jahre Erfahrung im Technologie-Marketing und arbeitete für Software AG, Microsoft, BusinessObjects und SAS. Zu seinen Stationen gehören auch hochrangige europäische Marketingrollen bei Datenintegrations-, Sicherheits- und Hochleistungs-Datenbankanbietern. Justin ist Autor mehrerer Strategiepapiere und hat unter anderem auf Konferenzen wie dem Gartner Symposium in Brasilien, Hongkong und Südafrika gesprochen.
Kommentare
  1. Kemal2017-09-21 10:50:10

    In Punkt 4 wird beschrieben, dass durch Continuous Delivery Kunden in einer möglichst hohen Frequenz mit einem MVP (Minimum Viable Product ) versorgt werden, anstatt ein großes Release zu bringen.

    Ich bin mit dem Begriff MVP nicht einverstanden.
    Auch bei agilen Prozessen geht es darum, voll funktionsfähige und hoch qualitative Anwendungen bereitzustellen. Allerdings in iterativen Schritten. Ein großes Release nach Monaten birgt immer die Gefahr, dass zu viel / oder in die falsche Richtung entwickelt wurde. Es geht darum genau die Software zu entwickeln, welche die Use Cases des Kunden abdeckt.

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