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Interview mit Jesper Richter-Reichhelm

„Lasst Eure Teams autonom arbeiten und Ihr werdet mit belastbareren Systemen belohnt“

Hartmut Schlosser

Jesper Richter-Reichhelm

„You build it, you run it!“ – jedes Team ist sowohl für Entwicklung als auch für den Betrieb einer Software verantwortlich. Weshalb diese DevOps-Devise stabilere Produkte hervorbringt und Entwickler gleichzeitig dazu ermutigt, Neues auszuprobieren, haben wir mit DevOpsCon Speaker Jesper Richter-Reichhelm (Wooga) besprochen.

JAXenter: „Innovation dank DevOps“ heißt deine Session auf der DevOpsCon. Inwiefern ist DevOps ein – sagen wir einmal – „Katalysator“ für Innovation?

Jesper Richter-Reichhelm: Wir haben bei Wooga 20 Teams, die parallel an unterschiedlichen Spielen arbeiten. Jedes Team arbeitet vollkommen unabhängig vom Rest der Firma. Sie können also selbst entscheiden, wie sie ihr Spiel bauen, und fungieren somit ein wenig wie ein kleines, agiles Startup in der großen Firma. Dies führt dazu, dass unsere Teams oft mit ihnen völlig neuen Problemen konfrontiert sind. Da wir die Größe der Teams jedoch bewusst klein halten, haben wir Dank DevOps die Chance, für all diese Probleme schnell Lösungen zu finden. Das ist in meinen Augen der “Katalysator”, denn dadurch haben unsere Teams auch oft erst den Mut, neue Wege zu gehen und innovativ zu sein.

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JAXenter: Bei Wooga schreibt Ihr ja die Devise „You build it, you run it!” groß – Wo liegen die Vorteile solcher eigenverantwortlich handelnder Teams?

Jesper Richter-Reichhelm: Zum einen sehen wir große Vorteile darin, dass alle unsere Entwickler von Anfang an gewohnt sind, Verantwortung für ihr Produkt zu übernehmen und das auch so wollen. Vom ersten Interview an wird offen darüber gesprochen, was diese Verantwortung im täglichen Betrieb bedeutet. Nämlich, dass man bspw. in einem Team von zwei Backend-Entwicklern 50% der Rufbereitschaft übernehmen muss. Dieses Verantwortungsbewusstsein resultiert aber auch darin, dass unsere Teams von Anfang an ganz anders an ein Projekt herangehen. Denn wenn man weiß, dass man nicht nur dafür zuständig ist, den Code initial zu schreiben, sondern auch alles reparieren muss, wird von Beginn an eine ganz andere Sorgfalt angesetzt. Dies hebt am Ende die Stabilität unserer Produkte enorm.

Innovative Wege gehen zu können, ist der zweite große Vorteil, den wir auf Grund der “You build it, you run it”-Devise erleben. Unsere kleinen Teams haben ständig die Möglichkeit, Neues auszuprobieren, und werden nicht durch langwierige Entscheidungsprozesse ausgebremst, sondern treffen ihre Entscheidungen selbst.

JAXenter: Man könnte nun sagen, dass die Schattenseite der Eigenverantwortung darin liegt, dass erfolglose Teams direkt zur Verantwortung gezogen werden können. Landen wir da nicht in einer Konkurrenzsituation à la „Survival-of-the-Fittest“?

Jesper Richter-Reichhelm: Zumindest aus Wooga-Sicht kann ich diese Frage mit einem klaren “Nein” beantworten. Bei uns ist das Stoppen von Projekten Teil des Systems. Der mobile Spielemarkt ist extrem hart, jeden Monat werden ca. 10.000 neue Spiele in die App Stores geladen. Das resultiert darin, dass wirklich nur die besten Spiele eine Chance haben, erfolgreich am Markt zu bestehen. Daher launchen wir ausschließlich Spiele mit Hit-Potenzial und stoppen im Umkehrzug nahezu 95% unserer Projekte in unterschiedlichen Stadien. Somit sitzen alle im gleichen Boot. Das Scheitern eines Projektes hat keinen direkten Einfluss auf die Gehaltsentwicklung. Ein Bonussystem nach erfolgreichem Launch gibt es ebenfalls nicht.

Besonders wichtig in diesem Ansatz ist in meinen Augen jedoch die Transparenz. Die Kultur muss es zulassen, über jedes Projekt offen zu sprechen und vor allem Fehler offen zugeben zu können. Nur so erhält man Kollaboration statt Konkurrenz zwischen den Teams.

JAXenter: Angefangen habt ihr bei einem einfachen LAMP-Stack  – wie sieht eure Deplyoment-Pipeline heute aus?

Jesper Richter-Reichhelm: Die Kultur der unabhängigen Teams hatte Wooga von Beginn an. Somit blicken wir nun auf fast 7 Jahre zurück, in denen jedes neue Spieleteam ihren Tech Stack frei wählen konnte. Dadurch sind viele neue Ideen hinzugekommen und auch einige schlechte aussortiert worden.

Aufgrund der vielen parallel laufenden Projekte mit unterschiedlichsten technischen Anforderungen ist es für uns nicht sinnvoll, ein Tool für alles zu verwenden, sondern jedesmal das für den Fall beste Tool zu wählen. So haben wir im Laufe der Jahre praktische Erfahrungen mit vielen Sprachen gemacht (Ruby, Erlang, Scala, PHP, JRuby, Javascript) und weitere wie Go und Elixir kommen gerade hinzu. Das sind alles keine kleinen Hobbyprojekte, sondern Hochlastanwendungen, bei denen wir Stärken und Schwächen der jeweiligen Ansätze in der Praxis erfahren. Ähnliches gilt für verschiedene Architekturparadigma und Datenbanklösungen. So ist es uns gelungen, eine Art Tool-Box aufzubauen, aus der wir bei neuen Spielen das jeweils beste Tool auswählen. Das ist polyglotte Entwicklung in der Praxis.

JAXenter: Was ist die Kernbotschaft deiner Session? Was möchtest du den Leuten unbedingt mit auf den Weg geben?

Jesper Richter-Reichhelm: Lasst Eure Teams autonom arbeiten und ihre eigenen Entscheidungen treffen, stellt gleichzeitig sicher, dass sie untereinander viel und offen kommunizieren und Ihr werdet mit flexibleren und belastbareren Systemen belohnt. Das ist sicherlich nicht immer der effizienteste Weg, doch der Gewinn an Anpassungsfähigkeit und Innovation überwiegt deutlich.

JAXenter: Vielen Dank für dieses Interview!

Jesper ist Head of Engineering bei Wooga, einem der weltweit erfolgsreichsten Anbieter von Mobile Games. Sein Job ist es dafür zu sorgen, dass Entwickler hindernisfrei arbeiten können. Meistens erreicht er das damit, diejenigen entscheiden zu lassen, die es am besten wissen: die Entwickler selbst. Bei Wooga zu arbeiten, ist für Jesper ein Traum, weil er so seine beiden großen Leidenschaften kombinieren kann: spielen und hochskalierbare Software entwickeln. Über beides spricht er auch gerne auf Konferenzen.

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Geschrieben von
Hartmut Schlosser
Hartmut Schlosser
Content-Stratege, IT-Redakteur, Storyteller – als Online-Teamlead bei S&S Media ist Hartmut Schlosser immer auf der Suche nach der Geschichte hinter der News. SEO und KPIs isst er zum Frühstück. Satt machen ihn kreative Aktionen, die den Leser bewegen. @hschlosser
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