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Interview mit Jacob Tiedemann

DevOps: „Mit Optimierung in der IT allein kann man den Herausforderungen der Digitalisierung nicht beikommen“

Dominik Mohilo

Jacob Tiedemann

Allzu hierarchische Strukturen und Wettbewerbskulturen in Unterehmen führen oft dazu, dass mehr Energie in „Cover your ass“-Aktivitäten als in kollaborative Zusammenarbeit gesteckt wird. In unserem Interview zur W-JAX 2017 in München spricht Jacob Tiedemann, Consultant bei der solutions direkt AG, darüber, wie das Management dem gesunden Wandel im Weg stehen kann und welche Ansprüche mit der Einführung von DevOps einhergehen.

JAXenter: Hallo Jacob und danke, dass du dir die Zeit genommen hast. Deine Session beschäftigt sich unter anderem damit, wie das Management den Wandel im Unternehmen sabotieren kann. Was sind deiner Meinung nach die größten Sünden, die das Management begehen kann?

Jacob Tiedemann: Eine große Problematik in etablierten Unternehmen ist der Umgang mit Projekten. Projekte werden häufig ohne Einbeziehung der IT lange und zu groß vorgeplant. Anschließend werden sie wie durch einen Trichter in die IT gefüllt. Die IT Abteilung wird zum Engpass, denn Entwicklung und Betrieb befinden sich vorwiegend in einem reaktiven Modus: Sie kämpfen damit, Projekte in paralleler Bearbeitung zum Abschluss zu bekommen und alle Stakeholder zufrieden zu stellen. Doch genau das Gegenteil wird erreicht. Fokussierung und Liefertransparenz? Fehlanzeige! Raum für Mitgestaltung und Innovation aus der IT heraus ist in einem solchen reaktiven Modus nicht möglich.
Das Management sabotiert mehr, als dass es unterstützt. Ganz nach dem Motto „der Kunde ist König“ versucht jeder Stakeholder, sein Projekt als „Prio 0“ möglichst schnell und möglichst umfangreich zur Umsetzung zu bringen, anstatt sich in eine mit der Gesamtstrategie harmonisierten Reihenfolge einzuordnen.

Oft versuchen Stakeholder, ihre Projekte als „Prio 0“ möglichst schnell und umfangreich zur Umsetzung zu bringen, anstatt sich in eine mit der Gesamtstrategie harmonisierten Reihenfolge einzuordnen.

JAXenter: Du sprichst auch über sogenannte „Cover your ass“-Aktivitäten, die der kollaborativen Zusammenarbeit im Wege stehen. Wie schafft man es als Entwickler, dieses Mindset abzulegen?

Jacob Tiedemann: Es ist wichtig, sich nicht nur als Opfer der Umstände zu sehen, sondern auch als die Person, die eine Veränderung anstoßen oder sogar treiben kann. Denn Zusammenarbeit erfordert offene und direkte Kommunikation – und das von allen Parteien.

Dabei gilt es vor allem, regelmäßig zu reflektieren, ob die eigenen Handlungen eine Zusammenarbeit überhaupt ermöglichen. Wenn ich nicht klar ausdrücken kann, welches Grundproblem oder Engpass mich derzeit behindert, wie soll es dann ein anderer können? Diese und andere Informationen wie Liefergeschwindigkeit und Liefertransparenz zu messen sowie klar und offen zu kommunizieren, ist ein erster Schritt.

JAXenter: Was können Unternehmen und Mitarbeiter tun, um eine gesunde Zusammenarbeit zu fördern?

Jacob Tiedemann: Unternehmen sollten einen direkten Austausch zwischen Mitarbeitern jeglicher Teams und Abteilungen fördern. Häufig entstehen Wartezeiten oder Probleme aufgrund von fehlenden Informationen, die erst über die klassischen hierarchisch geprägten Kommunikationskanäle eingeholt werden müssen. Elon Musk hat diesen Punkt in einer E-Mail an alle Tesla-Mitarbeiter treffend angesprochen: „Anyone at Tesla can and should email/talk to anyone else according to what they think is the fastest way to solve a problem for the benefit of the whole company.“

Zudem braucht es eine kritische Auseinandersetzung damit, was für das Unternehmen wirklich Wert erzeugt und was lediglich vage Annahmen über die Zukunft sind, die sich später als teure Fehlentscheidungen herausstellen können. Die Einführung von Lean-Startup-Prinzipien sind für mich der richtige Lösungsansatz.

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Teilnehmer lernen die Konzepte von Docker und die darauf aufbauenden Infrastrukturen umfassend kennen. Schritt für Schritt bauen sie eine eigene Infrastruktur für und mit Docker auf.

JAXenter: Welche Versprechen gehen aus Sicht der Entwickler und der Unternehmensführung mit DevOps einher?

Jacob Tiedemann: Ein grundlegendes Versprechen von DevOps ist eine erhöhte Frequenz von Deployments und eine reduzierte Zeit für die Platzierung von Änderungen in Produktion bei gleichbleibender oder gar erhöhter Qualität. Damit einher gehen häufig die Versprechen von verkürzten Entwicklungszyklen, integrierter Informationssicherheit im Entwicklungsprozess und die Ermöglichung von Experimenten (A/B-Tests) in Produktion.

JAXenter: Welche davon können gehalten werden, welche eher nicht?

Mit lokaler Optimierung in der IT allein kann kein Unternehmen den Herausforderungen der Digitalisierung ausreichend beikommen.

Jacob Tiedemann: Durch Automatisierung und Continuous Delivery kann eine wesentliche Verbesserung der Deployment-Frequenz erzielt werden. Dabei eine gleichbleibende Qualität zu sichern oder diese sogar zu steigern, erfordert jedoch auch die Investition in Continuous Testing. Ebenso erfordern die anderen Versprechen wesentliche Unterstützung der Fachbereiche und des Managements. Erst wenn alle gemeinsam, interdisziplinär und wertorientiert an einem Produkt arbeiten, können diese Versprechen eingelöst werden. Diese umfassende Veränderung durchzuführen und in den Köpfen und der Organisation zu verankern, ist nicht durch simple Einführung von neuen Tools und Technologien getan, sondern erfordert eine Veränderung des Mindsets und der Arbeitsweisen aller Unternehmensteile – von Business, Development und Operations. Wir sprechen daher auch von #BizDevOps.

JAXenter: Was sollte jeder Besucher deiner Session mit nach Hause nehmen?

Jacob Tiedemann: Ich möchte gerne jedem Besucher mitgeben, dass Unternehmen mit lokaler Optimierung in der IT allein den Herausforderungen der Digitalisierung nicht ausreichend beikommen kann. Es braucht mehr. Aber auch die IT muss noch einen großen Teil zum Wandel beitragen und aktiv gestalten. Wir müssen raus aus der Komfortzone der Selbstverwaltung und Abgrenzung von Verantwortlichkeiten hin zu einem attraktiven Leistungsangebot. Das fängt bei jedem einzelnen Entwickler und Administrator an. Es ist eine Bringschuld, um Unternehmen im Wettbewerb zu halten.

Jacob Tiedemann entwickelte Java-Webanwendungen, Produkte und Services in einem Hamburger Start-up. Zuletzt erforschte er am Praxisbeispiel die Anwendung von Lean Startup in einem Großunternehmen. Seit Jahresbeginn ist er Consultant in der solutions direkt AG — ein Unternehmen der direkt gruppe. Dort baut er den neuen Geschäftsbereich „DevOps & Transformation Consulting“ mit auf und berät Unternehmen interdisziplinär als DevOps Evangelist und Lean-Startup-Enthusiast.
Geschrieben von
Dominik Mohilo
Dominik Mohilo
Dominik Mohilo studierte Germanistik und Soziologie an der Goethe-Universität in Frankfurt. Seit 2015 ist er Redakteur bei S&S-Media.
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