Agilität vs. Legacy

DevOps für Vollgas – Autobauer auf der digitalen Überholspur

Mark Levy

© Shutterstock / metamorworks

Der DevOps-Ansatz ist nicht nur etwas für Silicon-Valley-Unternehmen oder Start-ups, auch traditionelle Branchen wie der Fahrzeugbau sollten sich differenziert mit den neuen Methoden auseinandersetzen, um bei der Digitalisierung nicht abgehängt zu werden. Mark Levy, Director of Strategy bei Micro Focus, gibt einen Einblick.

Die Geschichte des Automobils ist eine Geschichte der Innovationen. Was als Wagen ohne Pferde begann, wurde im Laufe der Zeit immer wieder neu erfunden. In Henry Fords Hallen wurde die Produktion mittels Fließbändern massentauglich gemacht. Die Deutschen entwickelten einen Volkswagen, dessen Anblick bald ganze Stadtbilder prägte – das einst elitäre Gefährt wurde zum Transportmittel der Massen. Neue Anforderungen an Flexibilität brachten Kombis und Vans hervor. Kopfstützen, Sicherheitsgurte und immer stabilere Karosserien sorgten für steigende Sicherheit der Insassen. Nicht zuletzt hielt auch die Elektronik im Auto Einzug – was mit Einspritzung und ABS relativ bescheiden anfing, eröffnet heute fantastische Möglichkeiten. Das Automobil der Zukunft fährt man nicht mehr eigenhändig – das übernimmt jetzt die künstliche Intelligenz. Digitale Systeme sorgen für Unterhaltung während der Fahrt und bieten Dienste an, die weit über die Beförderung hinausgehen.

Neue Herausforderungen

Der produzierende Sektor der Wirtschaft kann sich in einer digitalisierten Welt nicht mehr darauf beschränken, materielle Erzeugnisse auf den Markt zu bringen. Auch traditionelle Industrieunternehmen treten nun als Anbieter von Software auf. In jedem neuen Auto steckt neben dem Werk von Ingenieuren und Technikern auch die Arbeit von IT-Spezialisten. Autos von heute können bereits selbstständig die Spur und den richtigen Abstand zum vorausfahrenden Fahrzeug einhalten oder eigenständig einparken – Navigationssysteme sind schon ein alter Hut. Diese ganzen neuen Funktionalitäten beeinflussen natürlich auch die Markenwahrnehmung. Schlechte Funktion der digitalen Systeme kann sich heute kein Autobauer mehr leisten, wenn er nicht eine über Jahrzehnte gewachsene Reputation verspielen will. Auf dem Markt kann nur bestehen, wer bei der Digitalisierung Schritt hält.

Agilität vs. Legacy

Agile Methoden und DevOps sind Zauberwörter der Digital Economy. Die neuen Arbeitsweisen sollen Entwicklung und Bereitstellung von Software einfacher, schneller und sicherer machen. Was für Unternehmen, die vor ein paar Jahren in kalifornischen Garagen gegründet wurden und die von Beginn an auf Cloud-Strukturen setzten, richtig ist, muss nicht für jeden uneingeschränkt gelten.

Man muss bedenken: Für Industrieunternehmen war Software lange kein Produkt, sondern nur ein Produktionsmittel. Diese sogenannten Legacy-Systeme früherer Tage leisten auch heute noch ihre Dienste. Für den umfassenden Einsatz von DevOps sind sie meist jedoch nicht geeignet, haben doch Unternehmen lange Zeit ihre Mainframe-Applikationen in einer Architektur entwickelt, die schnelle Änderungen bei gleichzeitigem produktivem Einsatz nicht erlaubt. Mainframe-Anwendungen unterliegen außerdem strengen branchenspezifischen Regularien. Die komplette Umstellung der Geschäftslogik ist oft zu riskant, sehr teuer und nicht zuletzt einfach zu umständlich. Die Legacy-Systeme haben also weiterhin ihre Existenzberechtigung.

DevOpsCon Whitepaper 2018

Free: BRAND NEW DevOps Whitepaper 2018

Learn about Containers,Continuous Delivery, DevOps Culture, Cloud Platforms & Security with articles by experts like Michiel Rook, Christoph Engelbert, Scott Sanders and many more.

Mainframe-Umgebungen mit DevOps optimieren

Nicht selten ist der goldene Mittelweg der beste, so auch bei DevOps-Methoden in der traditionellen Industrie. Man sollte sich ihnen weder verweigern, noch dem Trugschluss aufsitzen, in einem Konzern ließen sich Strukturen genauso problemlos erneuern wie in einem Start-up. Unternehmen sehen sich nun vor die Aufgabe gestellt, Mainframe-Prozesse für den Einsatz neuer Funktionen fit zu machen.

Auch die plattformübergreifende Bereitstellung ist ein Thema, sodass etwa Java-Apps Zugriff auf COBOL-Anwendungen auf dem Mainframe haben. Jedes Unternehmen muss für sich selbst entscheiden, welche Prozesse beibehalten, bzw. welche verändert werden sollen und welche Werkzeuge dabei zum Einsatz kommen. Die Prinzipien von DevOps können Hürden zwischen verschiedenen Bereichen der Softwareentwicklung beseitigen und bei der Initiation einer kontinuierlichen Optimierung hilfreich sein.

DevOps im Auto

Wie lassen sich die erwähnten Methoden also in Bezug aufs Auto gewinnbringend nutzen? Immer mehr und immer komplexere Software in Fahrzeugen will natürlich aktuell gehalten werden. Ist sie veraltet, führt das schnell zu unzufriedenen Kunden. Ein Navigationssystem, das nicht über die neusten Daten verfügt, kann beispielsweise sehr schnell zu Verdruss führen. Auch bei sicherheitsrelevanten Themen müssen Unternehmen möglichst schnell mit Updates reagieren. Die Geschwindigkeit in der Umsetzung neuer Features kann zudem zu einem entscheidenden Wettbewerbsfaktor in einer immer schnelllebigeren Welt werden. Durch Smartphones sind Kunden mittlerweile daran gewöhnt, dass Produkte nach dem Kauf immer wieder neue Funktionen erhalten, durch „over-the-air“-Updates. Im Bereich der Connected Cars stehen Autobauer aber auch in Konkurrenz zu dezidierten IT-Konzernen. Um hier nicht ins Hintertreffen zu geraten, müssen die markeneigenen Systeme bei den Update-Zyklen Schritt halten.

Hierbei kann DevOps helfen: Ein Paradigmenwechsel im Softwaredeployment von seltenen großen zu häufigen kleinen Updates bringt viele Vorteile mit sich. Dank Continous Delivery sind die Systeme stets auf dem aktuellsten Stand – für ein selbstfahrendes Auto, dem man Menschenleben anvertraut, unerlässlich. Die Gewährleistung der Application Security durch Lösungen wie Fortify wird die Integration des Entwicklungsprozesses in Sicherheitsumgebungen ergänzt.

Lesen Sie auch: DevOps & Storage: Die richtige Plattform ist essenziell für den Erfolg

Durch das sogenannte „shift-left“-Konzept beim Testen neuer Software wird sichergestellt, dass Sicherheitslücken nicht erst nach einer Inbetriebnahme, sondern bereits im Vorfeld entdeckt und behoben werden können. Dadurch wird das Risiko eines fatalen Eingriffs mit Folgen wie einer Fahrzeugübernahme als Resultat eines kriminellen Angriffs eliminiert. Außerdem lassen sich so aber auch neue Features, etwa im Infotainment-Bereich, die am Markt nicht ankommen, schnell wieder abschalten, beziehungsweise unter Berücksichtigung von Kundenwünschen verbessern. Produktideen, die bei den Anwendern auf große Begeisterung stoßen, lassen sich hingegen gezielt weiterentwickeln. Wenn man so will ermöglicht DevOps kostenlose Instant-Marktforschung.

So schnell stehen die Räder nicht still

Auch wenn die heute schon realisierbare Technologie teilweise futuristisch anmutet, gibt es noch Entwicklungspotential. Laut einer Studie von Frost & Sullivan sollen bereits in fünf Jahren Prototypen fliegender Autos die Lüfte erobern. Unternehmen müssen sich den immer dynamischeren Märkten anpassen, indem sie auch die innerbetrieblichen Strukturen dynamisch ausrichten. Außerdem steigen die Ansprüche der Kunden, besonders bei Software wird heute erwartet, dass Unternehmen zeitnah auf Wünsche eingehen. Mit der planvollen Umsetzung von DevOps-Prinzipien unter Rücksichtnahme auf bestehende, gut funktionierende Strukturen und Systeme können auch große Industriekonzerne wie Fahrzeughersteller bei der digitalen Revolution mithalten.

Verwandte Themen:

Geschrieben von
Mark Levy
Mark Levy
Mark Levy ist Director of Strategy beim Unternehmenssoftware-Spezialisten Micro Focus. Er blickt auf über 20 Jahre Erfahrung als Produktmanager zurück und war vor seiner Zeit bei Micro Focus für Serena Software tätig.
Kommentare

Hinterlasse einen Kommentar

Hinterlasse den ersten Kommentar!

avatar
400
  Subscribe  
Benachrichtige mich zu: