Interview mit Maximilian Berghoff von der Gruppe "Developers for Future"

Developers for Future: Auch Coden zerstört den Planeten

Thomas Petzinna

© Valentin Agapov/Shutterstock.com

Es begann als Streik für den Klimaschutz und hat sich inzwischen zu einer der prägnantesten, weltweiten Bewegungen entwickelt – die Fridays For Future. Inzwischen sind es jedoch nicht nur Schüler, die klimapolitisch aktiv werden, auch andere Berufsgruppen sind in den Mitstreik getreten – wie z. B. der Entwickler Maximilian Berghoff mit der Gruppe „Developers for future“.

JAXenter: Max, kannst Du uns bitte die Gruppe „Developers for Future“ vorstellen?

Maximilian Berghoff: Im Gegensatz vieler anderer ForFuture-Gruppen haben wir unsere Gruppe ganz ohne eine Einschreibung begonnen. Mit Einschreibung meine ich beispielsweise die Unterschriften-Kampagne der „Scientists for Future“-Gruppe, die zwischenzeitlich mit etwa 27.000 Unterstützern aufwarten konnte. Vieles entstand Ad hoc mit Aufgaben. Doch so richtig angefangen hatte es, als ich im Februar/März Kontakt zu der Webseiten-Gruppe der „Fridays for Future“ bekam. Dazu hatte ich im letzten Oktober auf der code.talks in Hamburg zusammen mit Jan-Timo Henne eine spannender Podiumsdiskussion mit dem Namen „Everything you code ist killing planet earth“ gehabt.

So keimte der Gedanke auf, nun auch etwas im Bereich des Klimaschutzes oder eben im Aktivismus zu unternehmen. Persönlich steckte ich da tief in den letzen Zügen des Baus meines eigenen Hauses. Was zu allererst ein Faktor ist, nicht persönlich aktiv auf der Straße dabei zu können. Doch warum nicht einfach das tun, was ich kann? Coden! Darum habe ich mal eben zwischen Malerpinsel und Farbeimer den Twitter-Account (@DevsForFuture) und die Webseite ins Netz gestellt. Doch was dann passierte, übertraf jegliche Erwartungen. Wir sind inzwischen bei knapp 1.800 Followern und ca. 180 aktiven Nutzern im Chat. Das bedeutet aber nicht, dass ich durchgehend auf 180 Entwickler zurückgreifen kann. Es ist immer noch alles freiwillige Arbeit, ähnlich wie in einem Open-Source-Projekt.

Der Knackpunkt ist und bleibt der Strom.

Neben den ersten Gesprächen über den Anteil, den wir als Software-Entwickler und IT-Branche, am Klimawandel haben, entstanden die ersten Anfragen. Ich erinnere mich noch wie heute daran, als mich Gregor Hagedorn (Gründer Scientists for Future, Leiter Naturkundemuseum Berlin) anrief, weil er Hilfe bei der globalen Einschreibungskampagne brauchte. Es zog sich zwar noch ein wenig, doch inzwischen läuft diese Liste über unsere Systeme.

Wenn ich über Systeme rede, muss ich erwähnen, dass ich hier grandiosen Support von SysEleven habe. Da brauche ich im Grunde keinen weiteren finanziellen Support mehr. Uns steht dort ein k8s-Setup zur Verfügung, da träume ich im Tagesgeschäft von. Hierüber bilden wir auch unsere Struktur ab. Obwohl ich sagen muss, dass wir hier noch sehr, sehr lose agieren. Wir haben ein öffentliches Board auf Github einen Mattermost-Chat und eben den Twitter-Kanal. Ich versuche, Projekte, die rein kommen, direkt im Chat zu verteilen, lege Repos und Issues dazu an und helfe beim Kommunizieren. Dazu vertrete ich dann die Organisation in einigen globalen und regionalen Calls. Aber in der Tat fehlt hier noch ein wenig Strukturierung, doch es wäre kein Projekt von mir, wenn es nicht mit dem gelebten Chaos auskommt. 🙂

JAXenter: Developers for Future steht ja auf drei Säulen „Support“, „Education“ und „Own Goal“. Welche Aktivitäten macht Ihr in diesen Themenfeldern?

Maximilian Berghoff: Mit Support meine ich natürlich die direkte Unterstützung alle Gruppen, die sich der Bewegung Fridays for Future angeschlossen haben. Diese entstehen ja nun beinahe täglich, und alle benötigen sie Hilfe beim Vernetzen oder nur bei dem Erstellen der eigenen Webpräsenz. Es kommen aber auch langsam immer mehr Ideen für kleine und große Apps und Portale ins Postfach, die entweder beim Mobilisieren helfen sollen oder eine Awareness für klimaneutrales Verhalten schaffen sollen.

Education hat ja im Grunde zwei Zweige. Zum einem schaffen wir natürlich untereinander durch gemeinsames Coden (wenn auch remote) einen gewissen Transfer von Wissen. Dazu kommt dann eben, dass mit der Gründung vieler neuer Supporter-Gruppen auch viele Laien nun vor ihrem Hosting samt Webseite stehen. Hier können wir natürlich auch Hilfe leisten und tun das auch. Ein Teil der Education speist sich jedoch auch aus dem dritten Punkt “Exploration/Own Goal”. Denn hier wollen wir zusammen mit den Wissenschaftlern und Kollegen ergründen, was es heißt, nachhaltige Software zu bauen oder nachhaltige IT zu betreiben. Die Ergebnisse daraus sollten dann natürlich wiederum zu anderem Handeln führen.

JAXenter: Was kann ich als IT-Entwickler konkret machen, um meinen ökologischen Fußabdruck zu verringern?

Maximilian Berghoff: Wirklich in die Tiefe sind wir hier noch nicht gelangt. Doch der Knackpunkt ist und bleibt der Strom. Da Strom in Deutschland noch als eine Art Mix produziert wird, haben wir immer noch einen Prozentteil von ca. 40 %, der durch die Verbrennung fossiler Rohstoffe erzeugt wird. Diesen Strom konsumieren wir im Office, an unseren PCs, an unseren Servern und auch auf dem Endgerät der Endnutzer. D.h. bei der Wahl der Stromtarife im Office und beim Hoster können wir schon jede Menge bewirken. Dazu kommt natürlich der Aspekt, Anwendungen so stromsparend als nur möglich für den Endgeräte auszuliefern.

Als IT-Entwickler ist man aber nicht nur der Software-Entwickler, man ist auch normaler Bürger. Somit stehen hier jedem einzelnen von uns auch alle Türen für die nachhaltige Lebensweise offen. Ich denke, als Entwickler sind wir in einer Lohnkategorie, wo es nun nicht mehr zwingend nötig ist, täglich „Billig-Schnitzel“ vom Discounter zu essen.

JAXenter: Wie ist die bisherige Resonanz auf Developers for Future?

Maximilian Berghoff: Grandios bis durchwachsen. Zuerst bekommt man super viel Zuspruch. (Fast) alle finden es toll, dass man sich hier so dermaßen engagiert. Viele haben auch Ideen, wie man dieses und jenes besser machen kann. Doch trotz des hohen Zuspruchs fehlt mir leider immer noch eine Art Kernteam, welches sowohl die Organisation als solches als auch die Unmengen an Tasks verlässlich anpacken würde. Ich kann zwar auf einige wenige Personen im Chat zurückgreifen, diese waren bisher auch überdurchschnittlich produktiv – doch mir läge viel daran, hier die Aufgaben und die Betreuung auf mehrere Schultern verteilen zu können.

JAXenter: Gibt es bisher nur positive Resonanz oder gibt es auch Entwickler, die das ganze kritisch sehen oder sogar „bekämpfen“?

Maximilian Berghoff: Bekämpfen konnte ich bisher noch nicht feststellen. Doch als ich beispielsweise die Gruppe in Facebook aufgemacht habe und es dort dann in der PHP-Gruppe announced habe, musste ich schon feststellen, dass nicht jeder zu 100 % dafür ist. Einige fanden es in dem Moment sogar schlecht, dass hier produktiv Hilfe geleistet wird, wo doch auch ein lukratives Projekt hätte entstehen können. Doch das ist eine sehr kleine Menge an Menschen.

JAXenter: Was sind Eure weiteren Ziele, die Ihr unbedingt erreichen möchtet. Welche Aktivitäten kann man von Euch noch in der Zukunft erwarten?

Maximilian Berghoff: Aktuell geht es fast nur um den 20.09.2019. Hier wird weltweit zum Streik aufgerufen, selbst die ersten deutschen Gewerkschaften treten diesem Aufruf bei. Hier gilt es, einige kleine Landingpages an den Start zu bekommen. Dazu baue ich selbst gerade eine kleine Web-App, die es Freunden ermöglicht, einen Klimapakt einzugehen. Diese Seite wird auch direkt am 20.09. veröffentlicht. Außerdem wollen wir mit dem Schuttdown for Climate an dem Tag in den Streik treten.

Ansonsten geht es darum, nun auch bei uns eine Art Commitment über eine Einschreibung zu bekommen. Außerdem experimentieren wir mit alternativen sozialen Netzwerken, um nicht weiterhin von den großen Playern am Markt abhängig zu sein. Dazu kommt es auf der Ebene aller Supporter-Organisationen langsam zu einem Bestreben, sich über IT und Webseiten weiter auszutauschen, d.h. hier werden wir unsere beratende Rolle einbringen und diesen Austausch auch organisieren. In weiter Ferne steht auch eine Art Camp zum Coden und Forschen, an dem sowohl Kids als auch Erwachsene oder Entwickler teilnehmen können.

JAXenter: Vielen Dank für dieses Interview!

Maximilian Berghoff arbeitet als Entwickler bei der Mayflower GmbH in Würzburg. Dort entwickelt er hochwertige PHP- und JavaScript-Applikationen. In seiner Freizeit arbeitet er am Symfony CMF (Content Management Framework) und wirkt in der Symfony-Community mit. Wenn er sich in das Frontend bewegt, dann mit Angular. Schon seit Anbeginn der (Angular-)Zeit setzt er stetig Applikationen damit um.
Geschrieben von
Thomas Petzinna
Thomas Petzinna
Thomas Petzinna studierte Wirtschaftskommunikation an der FHTW Berlin. Als Spezialist für strategisches Content Marketing, SEO und Social Media liegt sein Fokus darüber hinaus auf das Thema Digitalisierung. Bei Software & Support Media ist er als Redakteur für entwickler.de und das PHP Magazin zuständig.
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2 Kommentare auf "Developers for Future: Auch Coden zerstört den Planeten"

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Irgendwer
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Wenn Ideologie ihren Lauf nimmt.

Heiner Kücker
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Ich schalte gern am Feierabend oder über das Wochenende meine Geräte am Arbeitsplatz aus, statt sie im Standby laufen zu lassen.
Andere Kollegen verweigern dies standhaft. Keine Ahnung, warum es so schlimm ist, den Schalter am Steckdosenverteiler morgens und abends zu betätigen.
Ok, booten dauert eben auch einige Sekunden, in diser Zeit kann man sich aber einen Kaffee holen.