Thomas Grimm und Carsten Sensler über Transformationsprozesse im digitalen Zeitalter

Der Weg zum Architekten der Zukunft

Hartmut Schlosser

Carsten Sensler, Dr. Thomas Grimm

Die digitale Revolution macht Transformationen traditioneller Unternehmensprozesse nötig. Was diese Veränderungen für Software-Architekturen bedeuten, und welche Rolle der „Business Enterprise Architekt“ in Zukunft einnehmen wird, haben wir mit den JAX-Speakern Thomas Grimm und Carsten Sensler besprochen.

JAXenter: Ihr zeigt in Eurem Transformations-Workshop auf der JAX 2016 Wege zum Architekten der Zukunft auf. Wenn wir zunächst auf die Software-Architekturen blicken: Wie unterscheiden sich die Architekturen von heute bzw. gestern von den Architekturen der Zukunft?

Thomas Grimm: Die Architekturen der Zukunft erfordern es immer mehr, sich auf die Bedingungen der Digitalen Revolution einzustellen. D.h. viele Prozesse, die in der Vergangenheit innerhalb eines Unternehmens abgelaufen sind, müssen Kunden über Online-Zugänge in Echtzeit verfügbar gemacht werden können. Man denke nur an die Paketzustellung, wo es mittlerweile für den Kunden möglich ist, den Standort des Zustellfahrzeugs zu verfolgen. Es müssen z.B auch immer mehr Informationen, die durch Sensoren und Sender erfasst werden, berücksichtigt werden (Stichwort IoT). Insgesamt werden die Architekturen daher modularer und weniger transaktional ausgerichtet sein.

Carsten Sensler: Ein wesentlicher Effekt davon ist, dass die typischen Grenzen, wie Unternehmen oder fachliche Bereiche wegfallen. Dafür steht die Möglichkeit zur Integration mit möglichst vielen Informationsquellen und Informationsabnehmern im Vordergrund.

Thomas Grimm: Architekturen werden in der Zukunft sicher eher durch organische Metaphern beschrieben, da die Anpassbarkeit und Wandelbarkeit im Vordergrund stehen werden.

JAXenter: Was bedeutet das für die Rolle des Architekten? Was muss dieser leisten, um den neuen Anforderungen gerecht zu werden?

Thomas Grimm: Die Rolle des Architekten wird sich im Kern nicht grundsätzlich verändern. Es werden aber weitere Aspekte hinzukommen. So haben wir in unserem Buch „Business Enterprise Architecture – Praxishandbuch zur digitalen Transformationen in Unternehmen“ beschrieben, dass dem Architekten eine wichtige Rolle im Bereich der Kommunikation zukommt. Wir nennen das den Facilitator, da er die Bedürfnisse und Ziele der unterschiedlichsten Beteiligten zu einer Architektur „verdichten“ muss und auf einem möglichst breiten Verständnis für die Erfordernisse basiert.

Carsten Sensler: Ja, und ein wichtiger weiterer Aspekt ist die Fähigkeit, wie ein Pilot ein Unternehmen durch die Transformation zu leiten und dabei insbesondere die Veränderungen im Auge zu behalten. Daher war es für uns wichtig, hier den Begriff des Business-Enterprise-Architekten zu prägen, im Gegensatz zum traditionellen Enterprise-Architekt.

Wir sehen diese Entwicklung bereits in ersten Ansätzen in Unternehmen aber auch in der Wissenschaft & Lehre.

JAXenter: Es geht im Workshop u.a. ja um Transformationsprozesse. Wie würdet Ihr es angehen, ein traditionell arbeitendes Unternehmen auf einen zukunftsfähigen Kurs zu bringen? Gibt es da verallgemeinerbare Ansätze, Tipps oder Methoden?

Carsten Sensler: Nun ja, in unserem Buch haben wir ein Best-Practices-Vorgehen dargestellt sowie aber auch die kritischen Elemente herausgearbeitet, mit denen die Erfolgswahrscheinlichkeit einer Transformation erhöht wird.

Sehr wichtig ist es, ein Ziel zu haben (Masterplan), und ausgehend vom IST-Zustand werden dann die unterschiedlichen Maßnahmen, um den Masterplan umzusetzen, definiert. Diese Maßnahmen werden dann – abhängig von der Organisation – in Projekte und Programme zur Transformation gebündelt.

Thomas Grimm: In der Tat hat sich unsere praktische Erfahrung vor dem Schreiben des Buches auch in Einsätzen bei den unterschiedlichsten Unternehmen nach dem Erscheinen des Buches bewährt. Aktuell unterstützen wir als ArtOfArc in unterschiedlichen Unternehmen das Design der notwendigen Transformation und beschreiben einen Transformationspfad ausgehend vom aktuellen Zustand zum Zielzustand.

Carsten Sensler: Um ein eher traditionell arbeitendes Unternehmen fit für das digitale Zeitalter zu machen, gibt es leider keinen Königsweg, weil die Möglichkeiten und auch Vorteile sehr kontextspezifisch variieren können. Allerdings starten wir üblicherweise mit einer strategischen Diskussion, wo sich das Geschäft hin entwickeln soll bzw. muss. Anschließend gehen wir in die Phase des Designs des Ziels der Transformation.

Thomas Grimm: Wichtig ist hierbei noch zu erwähnen, dass es sehr unterschiedliche Ausprägungen der Digitalisierung gibt. In manchen Fällen ändert sich das Kerngeschäft aus fachlicher Sicht nicht, sondern es wird anders von der IT unterstützt. Wogegen in anderen Situationen wiederum, sich u.U. auch das Kerngeschäft und die Kernertragsströme durch die Digitalisierung ändern (z.B. klassische Autovermietung vs. on-demand und „realtime“ Autovermietung unterstützt durch Smart-Apps und mobile Payment).

CaH8F2YWEAAkDgX.jpg_largeIT Leadership und Lean Business ist der JAX-Track dieser Woche, den wir mit Hintergrundartikeln, Videos und Interviews auf JAXenter vorstellen.
Bisher erschienen:

JAXenter: Wir gliedern sich Bewegungen wie Agile und DevOps in euren Ansatz ein?

Carsten Sensler: Agile ist ein wichtiger Bestandteil unserer Methode zum erfolgreichen Meistern der Transformation. In diesem fragilen Umfeld des Designs und der Umsetzung einer Transformation muss iterativ & inkrementell vorgegangen werden, um schnell und flexibel auf mögliche Änderung der äußeren Bedingungen reagieren zu können.

Erfahrungsgemäß hat man eine Transformation nicht in wenigen Tagen oder Wochen entworfen, sondern es ist schon ein 3-6-monatiges Projekt, und während der Projektlaufzeit muss zeitnah auf Einflüsse oder – klassisch ausgedrückt – auf Anforderungen reagiert werden können.

DevOps spielt je nach Art der Transformation eine mehr oder minder große Rolle. Nehmen wir mal an, dass ein klassischer IT Service-Provider sich für die Herausforderungen der Digitalisierung neu erfinden muss. An diesem Beispiel würde DevOps eine wesentliche Rolle spielen, abhängig von der Fertigungstiefe von Services, die wiederum vom IT-Service-Provider an seine Kunden vertrieben werden.

Thomas Grimm: Anders ausgedrückt ist die Bedeutung von DevOps in unserem Kontext stark davon abhängig, welche Ziele die Transformation verfolgt und welcher Schwerpunkt vom Management des Unternehmens herausgegeben werden. Aber sicherlich versuchen wir, bei dem Entwurf des Masterplans genau diese Konzepte – wo sinnvoll – einzuweben und zu empfehlen.

JAXenter: Was ist die Kernbotschaft eures Workshops? Was sollten die Teilnehmer auf alle Fälle mit nach Hause nehmen?

Carsten Sensler: Der Workshop auf der JAX wird anhand einer Case-Study, die wir bald zum Download anbieten, den gesamten Ansatz zum Entwurf einer Transformation sowie deren Umsetzungsplanung betrachten und praktisch erlebbar machen.

  • Der Entwurf einer Transformation (Masterplan und Umsetzung ausgehend vom IST-Zustand) benötigt ein interdisziplinäres Team, in dem jeder seine Stärken und Expertise einbringen kann.
  • Mit einer einmaligen Transformation ist man nicht fertig. Veränderungen werden unser ständiger Wegbegleiter.
  • Die IT’ler müssen raus aus ihrer Technik und stärker in fachliche sowie strategische Diskussionen eingebunden werden. Das bedeutet aber auch, dass sie auf einer anderen Ebene als die technische Eben in die Lage versetzt werden müssen, zu diskutieren, falls ihnen das Wissen und die Werkzeuge fehlen.

 

grimmDr. Thomas Grimm berät seine Kunden bei der Ausgestaltung ihrer Transformation in den unterschiedlichen Dimensionen. Er ist promovierter Physiker und hat in den 1990er-Jahren in Frankfurt, Göttingen und Los Angeles studiert. Kurz vor der Jahrtausendwende wechselte er als Berater für neue Softwaretechnologien und moderne Architekturen in die Industrie. Mitte 2004 übernahm er bei einem großen Telekommunikationsanbieter die Verantwortung für die Integrationsstrategie und -plattform SOA. Später zeichnete er als Group-Enterprise-Architekt für die Entwicklung der Konzernzielarchitektur und deren internationales Alignment verantwortlich. Anfang 2013 übernahm er in einem neuen Geschäftsfeld für Fort- und Weiterbildung die Verantwortung für Strategie und Business Development. Neben seiner beruflichen Tätigkeit hat Thomas einen Masterstudiengang „Enterprise Information Management“ an der Henley Business School (UK) erfolgreich abgeschlossen. Weiterhin betätigt er sich gerne als Autor von Fachartikeln und Büchern, Sprecher auf Konferenzen und als Gastdozent.

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senslerCarsten Sensler berät Kunden im Kontext ihrer Transformation in den verschiedensten Dimensionen und Ausprägungen. Vor dieser Zeit war Carsten bis Ende 2013 Angestellter eines großen Telekommunikationskonzerns. Dort war er als Vice President „Technology, Architecture and Operation“ Mitgründer eines strategischen Konzerngeschäftsfelds. Vorher arbeitete er in dem Konzern als Group-Enterprise-Architekt für den CIO. Carsten war für die Ausgestaltung der Konzernzielarchitektur und deren internationalem Alignment verantwortlich sowie zuvor innerhalb der Enterprise-Integration für die konzernweite Standardisierung einer SOA-Infrastruktur sowie der entsprechenden SOA Governance. Seine Karriere begann er als Consultant für neue Technologien. Neben seinen beruflichen Herausforderungen konnte Carsten an der Henley Business School (UK) erfolgreich den Masterstudiengang in „Enterprise Information Management“ absolvieren. Carsten teilt sehr gerne sein Wissen und seine Erfahrungen mit anderen, indem er Fachartikel veröffentlicht, auf Konferenzen referiert oder als Gastdozent Lehrveranstaltungen gibt.

Geschrieben von
Hartmut Schlosser
Hartmut Schlosser
Content-Stratege, IT-Redakteur, Storyteller – als Online-Teamlead bei S&S Media ist Hartmut Schlosser immer auf der Suche nach der Geschichte hinter der News. SEO und KPIs isst er zum Frühstück. Satt machen ihn kreative Aktionen, die den Leser bewegen. @hschlosser
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