Knigge für Softwarearchitekten

Der Verschätzer

Gernot Starke und Peter Hruschka

Diesmal widmen wir uns dem leidigen Thema Aufwandsschätzungen. Weil es in unserer Beobachtung öfter schief als gut geht, haben wir es auch als Antipattern formuliert. Passen Sie als Architekt auf, dass Sie nicht in die Verschätzer-Falle tappen. Zu leicht lässt man sich durch „Druck von oben“ zu Zahlen hinreißen, die einem später nicht nur leid tun, sondern oft auch Ärger einbringen.

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Der Verschätzer

Verschätzer: Um die Komponente FooBar zu programmieren brauchst du vier Tage.

Entwickler: Aber…

Verschätzer: Still jetzt. Den Rest der Woche kannst du noch schnell die Hardware für die Last- und Performancetests aufsetzen. Das schaffst du an einem Tag.

Entwickler: Aber…

Verschätzer: Mit dem neuen Blabla-Framework, das wir ab heute einsetzen, schaffen wir übrigens 63 Transaktionen pro Sekunde, genau soviel hat der Auftraggeber gefordert.

Entwickler: (flüstert) Jaja, red‘ du nur…

Zahlen bieten (vermeintliche) Sicherheit

Projektleiter, Auftraggeber oder sonstige Manager fordern von Softwarearchitekten oftmals Zahlen ein: Schätzungen, Bewertungen oder sonstige quantitative Aussagen zu allen möglichen Themen. Meist geht es dabei um erwartete Aufwände, aber auch um mögliche Antwortzeiten, Verfügbarkeiten und/oder Kosten. Verschätzer antworten freimütig, schnell und vermeintlich präzise. Dadurch suggerieren sie Sachkenntnis und Souveränität. Leider werden Verschätzer regelmäßig von der harten Realität eingeholt und ihre Schätzungen ad absurdum geführt. Verantwortungsbewusste Softwarearchitekten legen ihre Unsicherheiten bei Schätzungen offen. Sie benennen Risiken und begründen, warum manche Teile von Schätzungen unsicher sind.

Verschätzer erzeugen Stress

Falls Verschätzer im Auftrag der Projektleitung Entwicklungsaufwände schätzen, kann das bei den betroffenen Entwicklern gehörigen Stress auslösen: Verschätzer ignorieren technische oder fachliche Details, treffen grob vereinfachte Annahmen und gehen von idealen Bedingungen aus. Die entstehenden Schätzungen liegen in der Regel weit unterhalb des tatsächlich benötigten Konstruktions- und Entwicklungsaufwands. Sind diese optimistischen Schätzungen allerdings erst mal bei der Projektleitung gelandet, müssen sich die betroffenen Entwickler ständig die Frage gefallen lassen „Warum seid ihr noch nicht fertig?“

Agile Methoden wie Scrum delegieren die Verantwortung für Aufwandsschätzungen an das Entwicklungsteam: Jeder schätzt dabei seine eigene Arbeit – was zu insgesamt deutlich besseren Resultaten führt.

Geschrieben von
Gernot Starke und Peter Hruschka
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