Der soziale Status von Software-Entwicklern: Vom Macher zum Bittsteller?

Michael Thomas

©Shutterstock/ArtFamily

Welches Ansehen genießen Softwareentwickler heutzutage? Um einer Antwort auf diese schwierige Frage näher zu kommen, führte der Blogger Michael O. Church ein kleines – zwar nicht-repräsentatives aber dennoch erhellendes – Experiment durch.

Grundlage seines Artikels How the Other Half Works: an Adventure in the Low Status of Software Engineers“ ist die Anfrage eines „Bill“ genannten Lesers, der sich beruflich verändern und ins Management aufsteigen wollte. Durch seinen letzten Job an der Wall Street führte Bill zwar ein „Vice President“ im Titel, dieser entspricht – wie in seinem Fall –  jedoch nicht immer einer Management-Position. Seine aktuelle Position war „Staff Software Engineer“. Bill wollte deshalb „managerhafter“ erscheinen, um sich für einen VP-Posten bewerben zu können.

Churchs erster Schritt bestand darin, Bills Lebenslauf ein klein wenig aufzubrezeln, ohne dabei direkt unehrlich zu werden. So wurde aus Bill ein „implementierender Manager“; durch die Umtaufung wurden positive Effekte erhofft, d.h. seine Arbeit sollte in einem etwas besseren Licht erscheinen. Zum ersten sollte gezeigt werden, dass Bill sich im Zweifelsfall auch als Manager „die Hände schmutzig macht“. Zum zweiten (und quasi als Folge des vorherigen), dass sein letztes „Projekt“, eine 6-monatige Wartungsarbeit an einem 40.000-Zeilen-Legacy-Programm, nicht als Zuweisung einer untergeordneten Tätigkeit erschien, sondern als Arbeit, die sonst niemand erledigen konnte – also praktisch eine Umkehrung der Vorzeichen. Bitter nötig, gelten derartige Wartungsprojekte doch als Karrierekiller, da man sich währenddessen keine transferierbaren Skills aneignen kann. Außerdem ist die Arbeit im Grunde nie abgeschlossen; ein „Mission accomplished“ kann nie vermeldet werden.

Ethische Überlegungen darüber, ob derartige Beschönigungen vertretbar sind – d.h., seinen Lebenslauf den tatsächlichen Kompetenzen und Fähigkeiten anzupassen, auch wenn man offiziell nicht in der Position gearbeitet hat – beiseite genommen, sind die Ergebnisse der folgenden Jobinterviews ziemlich interessant.

Das Experiment

Mit seinem optimierten Lebenslauf bewarb Bill sich nun bei zwei Unternehmen, die in Hinblick auf Größe und Prestige vergleichbar und in derselben Stadt ansässig waren. Beim ersten Unternehmen bewarb er sich um eine Stelle als „Senior Software Engineer“, beim zweiten als „Vice President of Data Science“.

Bei seiner ersten Bewerbung als Softwareentwickler musste Bill insgesamt fünf 1-stündige technische Interviews über sich ergehen lassen. Davon empfand er drei als positiv, eines als neutral und eines als „die Hölle auf Erden“. Dieses letzte Interview wurde durch den VP of Data Science geführt, der zunächst 20 Minuten zu spät erschien und anschließend auf die Schnelle die Lösung eines Problems präsentiert bekommen wollte, für die sein Unternehmen Monate, wenn nicht gar Jahre benötigt hatte. In manchen Unternehmen gehört dies ja zur Taktik: Man präsentiert dem Bewerber ein praktisch unlösbares Problem, um beispielsweise seine Stressresistenz zu testen. In diesem Fall war dies jedoch bitterer Ernst: Der VP erwartete tatsächlich eine Lösung in kürzester Zeit; folglich ließ er sinngemäß verlauten, dass Bill als Bewerber zwar okay sei, er ihn aber nicht in seinem eigenen Team wolle. Offenbar war es – wie Church spöttisch kommentiert – schon beinahe unter seiner Würde, mit jemandem ohne Doktortitel zu sprechen.

Bei der zweiten Bewerbung einige Wochen später wurde Bill mit vier technischen Interviews konfrontiert, die direkt vom Chief technology officer (CTO) des Unternehmens geführt wurden. Die Taktik, auf die Maxime „Man sollte immer abwägen, ob man Arbeit selbst erledigt oder delegiert“,zu beharren, ging auf: Bill erschien einerseits als Inhaber eines Status, der ihm erlaubt zu delegieren, andererseits als bestrebt, selbst zu arbeiten bzw. Respekt für die Arbeit zu haben. Schon nach knapp 10 Minuten entwickelte sich das Frage-Antwort-Spiel deshalb zu einem wechselseitigen Gespräch auf gleicher Augenhöhe. Er bekam den Job problemlos, und zwar im Gegensatz zu Softwareentwickler-Stellen, ohne dass seine Referenzen überprüft wurden. Statt einer Woche Bedenkzeit gewährte man ihm zwei Monate für die endgültige Entscheidung, sowie weitere Boni, von denen Softwareentwickler nur träumen können. Ohne dass er danach fragen oder gar verhandeln musste, stand man ihm vier Wochen Urlaub zu (in den USA immerhin keine Selbstverständlichkeit), die Übernahme sämtlicher Umzugskosten, für die Dauer von zwei Monaten die Kosten für eine Übergangswohnung sowie 10.000 Dollar Flugspesen, um Verwandte zu besuchen.

Die Analyse

Kurz gefasst könnte man sagen: In seinem ersten Interview wurde Bill wie ein austauschbarer Lohnsklave behandelt, im zweiten hingegen wie ein richtiger Mensch, ja mehr noch: Er wurde gepampert und gepudert.

Die allgemeine Herangehensweise der Interviewer war jeweils eine grundlegend andere: Im ersten Interview konzentrierte man sich auf seine Schwächen; es wurde nicht das bewertet, was Bill wusste, sondern nur das, was er nicht wusste. Im zweiten Interview hingegen wurde Bill sein Wissen positiv angerechnet, selbst über triviale Dinge.

Eine Lehre aus diesem kleinen Experiment könnte sein: Status und Ansehen scheinen ungleich wichtiger zu sein als tatsächliches Wissen oder „Kleinigkeiten“ wie Loyalität, Kompetenz oder Engagement. So weit, so Stammtisch. Doch ganz von der Hand zu weisen ist dieser Befund nicht: So sind manche Berufsstände zwar wichtig und im Grunde auch angesehen, ihre Mitglieder verfügen jedoch trotzdem über einen eher niedrigen Status (z.B. Krankenpfleger).

Wie Church so treffend sagt: Verfügt man über einen niedrigen sozialen Status muss man sich ununterbrochen aufopfern, um gemocht oder überhaupt beachtet zu werden; das Umfeld konzentriert sich im Zweifelsfall eher auf die Schwächen. Verfügt man über einen hohen Status, konzentriert sich das Umfeld auf die Stärken; fehlendes Wissen oder Charakterschwächen werden entweder in Stärken umgemünzt oder unter den Tisch fallen gelassen.

Von der Gold- zur Totengräberstimmung

Die Frage, was eine faire Entlohnung ist, hat schon Generationen von Politkern, Gewerkschaftern und Wirtschaftswissenschaftlern verschlissen, ohne dass viel mehr erreicht wurde als an der Oberfläche zu kratzen, weshalb sie im Folgenden auch ausgeblendet wird.

Eine vielleicht leichter zu beantwortende Frage ist jedoch, warum der Status von Programmierern mittlerweile augenscheinlich so weit gesunken ist. Immerhin gab es eine Zeit, in der so mancher die Programmierer zu den Priesterkönigen des technologischen Zeitalters krönte. In den Goldgräberzeiten des Silicon Valley arbeiteten sie mitunter deutlich freier, unabhängiger und gleichzeitig kollegialer, insbesondere in gut budgetierten Forschungs- und Entwicklungsabteilungen. Doch wie bei praktisch allen neuen und erfolgreichen Branchen kamen irgendwann die großen Investoren – mit Rationalisierung, Reglementierung, Quartalsdenken und „MBA-Kultur“ im Schlepptau. Der Erfolg der Branche befeuerte den Untergang dessen, was sie einst ausgemacht hatte. Und die größten Verlierer dabei waren die Softwareentwickler.

Doch wie genau kam es dazu, dass die Softwareentwickler derart untergebuttert wurden? Church sieht zwei Hauptursachen am Werk.

Grund Nummer 1: Programmierer konzentrieren sich lieber auf ihre angestammte Arbeit anstatt in der Betriebspolitik mitzumischen. Die Folge: Die Arbeit wird zunehmend von MBAs bestimmt, die dadurch weitgehend freie Hand beim Umbau der Rahmenbedingungen der Branche erhalten.

Grund Nummer 2: Die Leidenschaft von Programmierern wird häufig gegen sie eingesetzt. Lieben sie ihren Job, lassen sie dies jeden wissen. Und warum sollte ein Arbeitgeber einen zufriedenen Mitarbeiter mit Gehaltserhöhungen oder Beförderungen bei Laune halten? Hassen sie ihren Job, lassen sie dies ebenfalls jeden wissen – und landen damit bevorzugt auf der Abschussliste, gilt mangelndes Engagement doch (insbesondere in Startups) als Todsünde. Die „Verpflichtung zur Leidenschaft“ führt häufig außerdem zu Selbstausbeutung und zur Akzeptanz eigentlich inakzeptabler Arbeitsbedingungen. Und genau diese Akzeptanz führt schlussendlich und unweigerlich zur Verringerung des sozialen Status.

Was tun?

Churchs Folgerungen sind sowohl ernüchternd wie hoffnungsvoll: Demnach müssen Programmierer aufhören, sich für ihre Arbeit aufzuopfern, wenn sie keinerlei positives Feedback zu erwarten haben. Sie müssen aufhören, Abende und Wochenenden durchzuarbeiten, ohne dafür angemessen honoriert zu werden. Sie müssen aus ihrem Schneckenhaus herauskommen und in die Betriebspolitik eingreifen, damit sie wieder gehört und ernst genommen werden. Oder etwas pathetisch gesprochen: Sie müssen wieder ihres eigenen Glückes Schmied werden.

Vielleicht werden die Dinge dann auch wieder ein wenig so, wie sie einmal waren.

Aufmacherbild: big boss is considering the new employee von Shutterstock / Urheberrecht: ArtFamily

Geschrieben von
Michael Thomas
Michael Thomas
Michael Thomas studierte Erziehungswissenschaft an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz und arbeitet seit 2013 als Freelance-Autor bei JAXenter.de. Kontakt: mthomas[at]sandsmedia.com
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