Was macht einen guten Scrum Master aus?

Der perfekte Scrum Master – das unbekannte Wesen?

Ann-Cathrin Klose

© Shutterstock / Triff

„Ein guter Scrum Master ist wichtig!“ Jeder, der mit Scrum arbeitet, wird das bereits gehört haben. Es stimmt ja auch: Ein Scrum Master unterstützt das Team auf vielen Ebenen in seiner Arbeit und sorgt so dafür, dass das Projekt ungehindert voranschreiten kann. Was genau macht einen guten Scrum Master aber nun eigentlich aus? Und: Wie findet man ihn?

Ein Scrum Master ist kein Projektmanager, auch wenn diese beiden Rollen immer wieder miteinander verwechselt werden. Ein Projektmanager führt alle Teile eines Projekts zusammen, interessiert sich für das „große Ganze“ und dafür, ob das Projekt wie geplant voranschreitet. Er trifft Entscheidungen und führt das Team an.

Das funktioniert aber nur in der Wasserfall-Methodik so richtig gut, nicht auf der agilen Team-Ebene. Mit der Aufgabe, die Rolle eines Scrum Masters korrekt auszufüllen, haben viele ehemalige Projektmanager durchaus ihre Probleme. Ein agiles Team muss nämlich anders arbeiten als ein Team in der Wasserfall-Methodik. Ist die Selbstorganisation das Ziel, sind Freiheiten wichtig, genauso wie ein ungestörtes Arbeitsklima. Zwar braucht es auch hier gewisse Führungspersonen, diese sind aber ganz anders definiert als in der klassischen Vorgehensweise. Die Aufgabe des Scrum Masters ist dabei die Überwachung der Methodik und der Zusammenarbeit, nicht die des Inhalts. Dafür gibt es den Product Owner.

Eine Frage des Charakters

Das gibt bereits einige Hinweise darauf, was einen guten Scrum Master ausmacht. Zuerst muss sein Aufgabengebiet klar sein, dann kann der richtige Kandidat für die Aufgabe ausgewählt werden. Bei der Auswahl geht es auch um den Charakter der Kandidaten, nicht nur um ihre fachliche Qualifikation.

Ein wichtiger Charakterzug eines guten Scrum Masters ist das Verantwortungsbewusstsein. Er muss gleichzeitig dazu in der Lage sein, Verantwortung für sein Team zu übernehmen und dem Team Freiheiten zu lassen. Natürlich ist am Ende er dafür verantwortlich, ob das agile Arbeiten gelingt – wenn er jedoch versucht, seine eigenen Ideen und Sichtweisen über die des Teams zu stellen, entsteht eine Art Wasserfall 2.0. Also muss der Scrum Master die Verantwortung für etwas tragen, das er nur bedingt kontrollieren darf. Diese Aufgabe liegt nicht jedem.

Wichtig dafür ist das Verhältnis zum Team. Ein Scrum Master darf nicht zu autoritär auftreten, muss aber durchaus in der Lage dazu sein, seine Mitarbeiter in eine bestimmte Richtung zu lenken und beispielsweise darauf achten, dass das Team die Ziele eines Sprints nicht aus den Augen verliert. Wie der Scrum Master diesen Spagat meistert, ist ganz verschieden. Manche besitzen eine gewisse natürliche Autorität, andere erlernen rhetorische Tricks, um das Gespräch zu lenken ohne es zu dominieren. Als Berater muss ein Scrum Master dabei immer den Überblick behalten und auch akzeptieren, wenn Entscheidungen nicht in seinem Sinne getroffen werden.

Gute Menschenkenntnis – gute Führung

Es gehört außerdem zu den Aufgaben des Scrum Masters, das Team zusammenwachsen zu lassen. Es wird immer laute, direkte und leise, zurückhaltende Mitarbeiter geben. Agiles Arbeiten gelingt jedoch nur, wenn jeder sich einbringt. Dafür muss die passende Atmosphäre geschaffen werden; auch die richtigen teambildenden Maßnahmen können dabei helfen.

Unter Umständen fühlen sich auch einige Mitarbeiter unwohl mit der neuen Methodik. Freiheit kann beängstigend sein, wenn zuvor ein starres Korsett vorhanden war. Das kann auch den Product Owner betreffen, der ja darüber entscheidet, wie das Produkt am Ende aussehen soll und welches Features wann umgesetzt wird. Dann ist es die Aufgabe des Scrum Masters, das Team durch diese Unsicherheiten zu begleiten und ihm dabei zu helfen, den Umgang mit der neuen Methodik zu erlernen.
Fachwissen?

Ob ein gewisses Fachwissen bezogen auf die Software-Entwicklung ein entscheidender Faktor für die Qualifikation eines Scrum Masters ist, ist durchaus umstritten. Einerseits kommt es doch sehr auf die vorgenannten sozialen Fähigkeiten an, andererseits hilft es aber natürlich bei der Arbeit, wenn der Scrum Master technische Probleme selbst begreift. So kann er unter Umständen besser einschätzen, wie viel Zeit das Team für etwas brauchen wird und eine fundierte Auswahl hinsichtlich der vorzuschlagenden Entwicklungsmethoden treffen.

Wichtiger sind aber natürlich die Kenntnisse im agilen Arbeiten, denn darin soll der Scrum Master das Team primär unterweisen. Daran ist auch ersichtlich, warum ein Scrum Master niemals gleichzusetzen ist mit einem Lead Developer. Benötigt ein Team jemanden, der es in dieser Form anführt, muss es diese Entscheidung selbstständig treffen und jemanden dazu bestimmen – zusätzlich zum Scrum Master.

Nur Agile? Nein!

Manche Faktoren, die einen guten Scrum Master ausmachen, unterscheiden sich allerdings nicht von denen, die einen guten Projektmanager im Allgemeinen auszeichnen. Jeder Projektverantwortliche, egal welchen Titel er/sie trägt, muss dafür Sorge tragen, dass die Mitarbeiter sich nur mit den Themen befassen, die sie auch betreffen. Jeden neuen Gedanken jedes Stakeholders direkt ins Meeting mit allen Beteiligten einzubringen, führt eher zu Verunsicherung als zu guten Ergebnissen. Hier kann der Scrum Master dem Product Owner nach den Gesprächen mit den Stakeholdern dabei helfen, das Product Backlog zu führen, Prioritäten zu setzen und die richtigen Entscheidungen zu treffen.
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Ein transparenter Führungsstil ist im agilen Arbeiten besonders wichtig. Auch anders geleitete Projekte könnten aber davon profitieren, wenn den Mitarbeitern jederzeit klar ist, wohin sich das Projekt entwickeln soll und welche Entscheidungen noch offen sind. Mangelt es daran im Unternehmen, kann der Scrum Master intervenieren und sich mit den Verantwortlichen in Verbindung setzen.

Planbarkeit gewährleisten

Zum agilen Arbeiten gehört außerdem eine gewisse Verlässlichkeit. Willkürliche Deadlines vor dem eigentlichen Abgabetermin sind keine gute Idee. Auch wenn das Team dadurch am Ende mehr Zeit als erhofft haben wird, entsteht so zunächst mehr Druck und Stress für die Mitarbeiter. Das zerstört das Vertrauen zum Projektleiter. Der Scrum Master sollte die Bedürfnisse des Teams also bei Bedarf nach außen kommunizieren. Ein solches Verhalten stellt nämlich einen Regelbruch bezüglich der agilen Methodik dar, ist aber außerhalb davon genau so problematisch.

Mike Cohn schlägt vor, die Reaktion auf solche Szenarien schon im Bewerbungsgespräch abzuprüfen. Wie reagiert jemand, der als Scrum Master tätig werden möchte, auf ein Szenario mit ständigen Notfällen, die Überstunden erfordern? Was würde er raten? Wie spricht er über Teams, mit denen er zuvor gearbeitet hat? All das gibt Auskunft darüber, wie er sich in Zukunft verhalten wird. Spricht jemand davon, dass er seinem Team eine Aufgabe gegeben hat, könnte das auf einen sehr autoritären Ansatz hindeuten.

Nobody’s perfect

Ein guter Scrum Master sollte außerdem immer wieder selbst überprüfen, wie zufrieden er mit seiner Arbeit ist. Dabei kann es helfen, einmal mit einem fremden Team zusammen zu arbeiten, um die eigene Arbeitsweise jenseits der eingefahrenen Pfade zu reflektieren. Auch die Arbeitsweise des Teams kann mit kleinen Maßnahmen agil aufgefrischt werden. So ist vielleicht der Blick für den persönlichen Kontakt mit der Zeit verloren gegangen – wie wäre es damit, einen Tag lang auf alle Messenger zu verzichten? Oder keine Mobilgeräte während des Meetings zuzulassen und sich ganz auf den agilen Grundgedanken der Interaktion von Angesicht zu Angesicht zu konzentrieren?

Mit der Zeit könnte sich außerdem ein zu großer Einfluss des Scrum Masters einschleichen. Trotz guter Vorsätze ist es manchmal ja so einfach, eine Entscheidung selbst zu treffen, statt nur zu beraten. In diesem Fall könnte der Vorsatz lauten, in Meetings selbst häufiger nachzufragen als zu antworten. Ein wenig Vertrauen zum Team hilft sehr dabei – häufig ist ein Vertrauensvorschuss notwendig, damit sich das Team überhaupt bewähren kann.

Mit Geduld zum Ziel

Diese Anforderungsliste ist also sehr lang und anspruchsvoll. Ein guter Scrum Master muss vielen Ansprüchen genügen, auch wenn sich die Idee des Coaches und Beraters erst einmal leicht anhört. Aber wie gelingt das, wenn der Projektalltag doch ständige Entscheidungen erfordert, der Product Owner vielleicht überfordert ist und das Team nach Führung verlangt?

Geduld ist hier eine weitere wichtige Eigenschaft eines guten Scrum Masters. Jedes Team muss seinen eigenen Weg erst finden; als kompetenter Anleiter sollte der Scrum Master außerdem über ein Repertoire an verschiedenen methodischen Ansätzen aus der agilen Softwareentwicklung verfügen, das er dem Team anbieten kann. Nicht jede Methode ist zu jeder Zeit das Richtige für jedes Team. Um effizient zu arbeiten, muss also hier immer eine Abwägung zwischen verschiedenen Ansätzen erfolgen.

Grenzen ziehen

Fremde Aufgaben müssen dabei aber stets in der Hand der eigentlichen Zuständigen bleiben. Der Product Owner hat genau so seinen Aufgabenkreis wie der Lead Developer oder der Scrum Master. Eine Vermischung der Rollen kann problematisch werden, wenn die damit betrauten Mitarbeiter nicht genug Zeit haben, jeder davon vollumfänglich nachzugehen oder es an Kompetenzen mangelt.

Natürlich gibt es aber keinen absoluten falschen oder richtigen Ansatz, um ein agiles Team zu leiten, und auch die Rolle des Scrum Masters wird nicht einheitlich verstanden. Mancher spricht davon, dass der Scrum Master Sprints plant, andere definieren ihn eindeutig als reinen Berater. Hier ist es wichtig im Kopf zu behalten, dass Scrum zwar ein Weg ist um agil zu arbeiten, bei weitem jedoch nicht der einzige Ansatz dafür ist. Wer mit Scrum arbeiten möchte, sollte dem grundlegenden Rollenmodell erst einmal zustimmen – oder sich gleich für Kanban entscheiden, das ohne feste Rollenzuweisungen zurecht kommt. In jedem Fall ist es aber sinnvoll, agilen Teams einen versierten Berater zur Seite zu stellen, wie auch immer diese Position dann genannt wird.

Aufmacherbild: Old compass on vintage map. Retro stale via Shutterstock / Urheberrecht: Triff

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Geschrieben von
Ann-Cathrin Klose
Ann-Cathrin Klose
Ann-Cathrin Klose hat allgemeine Sprachwissenschaft, Geschichte und Philosophie an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz studiert. Bereits seit Februar 2015 arbeitete sie als redaktionelle Assistentin bei Software & Support Media und ist seit Oktober 2017 Redakteurin. Zuvor war sie als freie Autorin tätig, ihre ersten redaktionellen Erfahrungen hat sie bei einer Tageszeitung gesammelt.
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