Der Mythos des gescheiterten Java Community Process

Hartmut Schlosser

Der aufgewirbelte Staub nach der Sun-Übernahme durch Oracle hat sich noch nicht gelegt – deshalb muss man Oracle in der jetzigen Situation vor allem eines zugestehen: Zeit, um die neu erworbenen Java-Technologien und die damit verbundenen Prozesse neu zu organisieren. So lautet das Fazit des JBoss-Open-Source-Veterans Bill Burke in seinem Blogeintrag: JCP is Salvagable.

Übernahmen sind keine triviale Angelegenheit und benötigen Zeit, berichtet Burke aus seinem eigenen Erfahrungsschatz. Deshalb sei es insbesondere zu früh, Oracles Bemühungen um eine Reform des Java Community Process (JCP) zu bewerten. Die Idee, der JCP sei zu einer dysfunktionalen Institution verkommen, sei nicht korrekt, sagt Burke, und werde als Mythos vor allem von Unternehmen verbreitet, die selbst gerne das Scheitern des JCP sähen: SpringSource, IBM, Google.

This idea the JCP is an unworkable entity is plain and utter myth. A myth propagated by those that want to see it fail (i.e. SpringSource) or those that want to create their own, and controlled, specification efforts (IBM), or those that are more interested in doing their own thing than collaborating with others (i.e. Google and SpringSource). Bill Burke

Eine Reform des JCP ist für Burke zwar nötig, aber durchaus machbar. Man solle sich etwa nur vor Augen halten, dass der Reformprozess bereits vor der Oracle-Sun-Übernahme begonnen habe: Spezifikationen wie CDI, JSF, Validation und JAX-RS seien alle in einem völlig offenen Prozess entstanden.

Außerdem habe sich der JCP jüngst in mindestens zwei Fällen als innovationsfördernde Institution erwiesen:

  • Erstens habe man die ungemein wichtige JPA-Spezifikation auf den Weg gebracht, die die Java-EE-Plattform konsolidiert, alternative Ansätze wie Hibernate, Toplink und JDO integriert sowie die EJB-Community mit ins Boot geholt habe.
  • Zweitens sei es mit CDI gelungen, die drei Java-EE-Löcher Injection/IoC, Integration verschiedener Spezifikationen und ein Service Provider Interface (SPI) zur Erweiterung der Plattform zu stopfen. Die Tatsache, dass der kleine Zwerg Red Hat hierbei eine tragende Rolle spielen konnte, zeige, dass der JCP durchaus funktioniere, wenn alle Beteiligten sich auf Technologie-Entscheidungen fokussierten.

Der viel kommentierte Weggang von Doug Lea aus dem JCP EC beurteilt Burke deshalb als verfrüht. Oracle verfüge selbst über brillante Techniker, die ihr Wissen mit einbringen, Innovation fördern und insbesondere die Java-EE-Plattform voran bringen möchten. Es bleibe lediglich zu hoffen, dass die Stimme der Techniker bei Oracle nicht von der Business-Garde übertönt werde:

[Oracle] have some good people over there that recognize innovation and want to move the Java EE platform forward. Whether or not they will have say over the Oracle business people remains to be seen IMO. Bill Burke

Doch ist es wohl gerade diese Frage, welche Beobachter der Szene den verhaltenen Optimismus von Bill Burke nicht teilen lässt.

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Hartmut Schlosser
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