JCP-EC-Mitglied Werner Keil im Interview

"Der Apache-Rücktritt hätte bereits viel früher erfolgen können"

JAXenter: Sehen Sie im JCP EC noch eine funktionsfähige Institution zur Standardisierung von Java?

Werner Keil: Das sollte sich im Laufe der nächsten Monate herausstellen. Sofern der Überlebenswillen aller verbleibenden Parteien stark genug ist, und man neben Streit oder konstruktiver Kritik auch gemeinsame Ziele wieder stärker in den Vordergrund rückt, mag es spätestens rund um Java 8 sehr wohl genug fürs EC zu tun geben. Teilweise auch davor, etwa wenn EE7 oder weitere Embedded/ME-Entscheidungen anstehen.

ME ist hier eher noch das Sorgenkind, da trotz Klage von Oracle die „Büchse des Android“ nicht mehr zu schließen ist. Von Android zu lernen, wie man SE-Elemente sinnvoll auch auf ME übertragen kann, statt es zu verteufeln, wäre hier sinnvoller. Andererseits zeigen neue Allianzen wie IBM oder auch mit Android-Rivalen Apple am Desktop, dass SE/EE trotz der Harmony- und Apache-Krise einer weit solideren Zukunft entgegensteuert. Apache hat sich in den letzten Jahren eher als Filibuster [2] gebärt, denn als vollwertiges und konstruktives Mitglied des EC.

Andere sollen aber nicht unerwähnt bleiben. So glänzen beispielsweise SpringSource/VMWare bei fast allen Treffen oder Calls zwar auch eher durch Abwesenheit, stören aber zumindest nicht in Sachen Entscheidungsfindung. Und auch wenn man Spring zur Selbstvermarktung (in manchen Bereichen sehr wohl auch auf Apache-Basis) gerne als „schlankeres EE“ präsentiert, so hat man zumindest auf dem Papier Bob Lee, damals noch bei Google, auch bei wichtigen JSRs wie 330 geholfen und sie im Zuge von Spring 3 auch implementiert.

JAXenter: Nach dem Rücktritt von Tim Peierls sind Sie das einzige verbleibende individuelle Mitglied im Exekutiv-Komitee. In welche Richtung möchten Sie Ihr Engagement im JCP EC lenken? Wo sehen Sie Möglichkeiten der Einflussnahme?

Werner Keil: In der diplomatischen Möglichkeit, noch mehr als manche großen Anbieter mit fast allen zu sprechen, sehe ich eine der wichtigsten Chancen. Würde mir jemand, gleich ob von der Apache-Seite oder anderswo her, Voreingenommenheit für irgendeinen Anbieter, egal ob Oracle, IBM oder Microsoft, vorhalten, so kann ich nur erwidern, dass ein durchschnittliches Projekt, wie ich es bei Kunden täglich betreue, noch nie von nur einem Anbieter alleine dominiert wurde – selbst wenn das PR-Abteilungen, Vertreter oder Anwälte all dieser Firmen gerne hätten.

Die größten Kunden und Projekte umfassen Hardware von IBM, Dell oder HP, – meist – passendes OS, EE-Server oder Portal von Oracle, IBM oder JBoss, und dazu die ganze Middleware und Frameworks von Apache, SpringSource, JBoss, etc. sowie jede Menge anderer mehr oder weniger kommerzieller wie quelloffener Produkte der unterschiedlichsten Lizenz-, Haar- oder Hautfarbe.

Während sowohl Tim als auch Doug mehr einen akademischen Zugang zu Java und der IT-Branche vertraten, verstehe ich mich ohne Vergleiche mit jedweder Partei als „Mann des Volkes“, oder zumindest als Vertreter all jener Softwareexperten, die selbst auch noch täglich Code sehen und schreiben. Sinnvolle Standards für zumindest Domänen-nahe Bereiche wie etwa Constraint Programming (praktische Verwendung liegt etwa in BPEL oder Rules Engines wie Drools) zu gestalten, sehe ich derzeit als eine wichtige Herausforderung. Und sollten die aktuellen Querelen nicht hilfsbereite Mitstreiter im und außerhalb des EC abschrecken, so stehe ich mit diesen Ideen nicht ganz alleine da.

Ob Constraint Programming (JSR 331) genau so angenommen wird wie die Plattform JSRs, bleibt abzuwarten, doch ich darf es für mich verbuchen, den ersten „Stein ins Brett“ gelegt zu haben, dass ein solcher Standard überhaupt starten durfte. Mit wenigen Ausnahmen sind jene Arbeitsgruppen, die zuletzt ausgezeichnet wurden, auch fast immer von Individual Members geleitet. Das gilt bei Java SE8 auch für die bislang einzig namentlich genannten Bestandteile, 308 und 310. Ob letzteres in der Form bestehen bleibt, müssen wir aber Stephen Colebourne überlassen.

JAXenter: Vielen Dank für dieses Gespräch!

Werner Keil ist Agile Coach und Principal Consultant bei emergn, einer Agile und Lean Beratungsfirma die speziell Großkonzernen mit weltweiter Präsenz Agile Werte unternehmensweit nahe bringt. Er berät in dieser Funktion Global 500 Unternehmen im Bereich Mobile/Telekom, Web 2.0, Soziale Netze, Finanz, Automotive, Gesundheit, Umwelt und Öffentliche Hand, bzw. IT-Anbieter wie IBM, Oracle oder Adobe. Sein Schwerpunkt liegt im technischen Projektmanagement, dem Design und der Sicherheit verteilter Enterprise-Softwarearchitekturen. Er ist Entwickler und Mitbegründer zahlreicher Open-Source-Projekte, zumeist auf Basis von Eclipse oder Enterprise Java, Mitglied der Eclipse Foundation in mehreren Projekten, Leiter des UOMo Projekts, Babel Language Champion sowie einziges Unabhängiges nicht-US Mitglied im Exekutivkomitee des Java Community Process und Mitglied von JSR-316 (Java EE 6), JSR-321, 331 oder 333 (JCR 2.1).
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