Debatte: Degenerieren Java-Entwickler zu Framework-Konfigurierern?

Hartmut Schlosser

(c) Shutterstock / VoodooDot

Die Degeneration der Java-Entwickler nimmt zu – mit dieser These hat Java-Consultant Yakov Fain eine kontroverse Debatte über die Qualität heutiger Java-Entwickler ausgelöst. Die Grundaussage seines Blogposts „The Degradation of Java Developers“ lautet: Immer mehr Java-Entwickler kennen sich zwar mit Frameworks aus, wissen aber nichts darüber, was unter der Motorhaube passiert.

Yakov spricht hier aus seiner Erfahrung als Team-Leiter und Personalverantwortlicher, der in Bewerbungsgesprächen schon eine Reihe an Kandidaten durch die Maschen fallen lassen musste. Konkreter Anlass für den Blog-Post ist nun eine Anekdote aus der letzten Bewerbungsrunde: Bei der Durchsicht diverser Bewerbungsschreiben fiel die Liste der technischen Kenntnisse eines Bewerbers umfangreich aus:

Core Java, J2EE, JSP, JDBC, Servlets, AJAX, XML, HTML, XSLT, Web Services, CSS, JavaScript, SQL, Oracle 10g, MySQL 5.0., JMS,Eclipse, Adobe Flex Builder 3.x,UML, JDBC, SVN, JUnit, VSS, Jira, HTML, DHTML, CSS, AJAX, JavaScript, XML, MXML, Action Script, Servlet, JSP, JSTL, Hibernate 3.x, Spring 2.x, IBatis, SOAP, UDDI, WSDL, Apache Axis, Web logic Server 8.x, Apache Tomcat 5.0, Struts Framework, MVC, ANT, Maven.

Diese beeindruckenden Fähigkeiten relativierten sich im konkreten Gespräch aber schnell, da es bei 80% der Punkte unmöglich war, sich länger als 3 Minuten konstruktiv über die technischen Details zu unterhalten.

Hacker statt Handwerker?

Diese Episode ist laut Yakov kein Einzelphänomen. Bei den meisten Bewerbern genügte es wohl, eine Technologie einmal kurz ausprobiert zu haben, um sie auf die Bewerbungsliste zu setzen. Die meisten Kenntnisse reduzierten sich aber dann darauf zu erklären, wie Spring- oder Wicket-Anwendungen zu konfigurieren oder sie mit Hibernate zu verbinden seien. Yakov geht hier soweit, gar ein Wandel der IT-Industrie auszumachen: Ein typischer Enterprise-Entwickler ist kein „Hacker“ mehr, sondern ein „Handwerker“, der existierende Frameworks oder Codeblöcke konfiguriert.

Software development industry is changing. It doesn’t need hackers anymore. It needs craftsmen who can configure and replace blocks of code when something stops working.

Team-Leitern rät Yakov deshalb, nicht so viel Wert auf die Größe der Entwickler-Teams zu legen, sondern mindestens einige echte Hacker zu integrieren, die noch wissen, wie man Java-Anwendungen auch ohne Frameworks programmiert – zum Beispiel auch mit den neuen Lambda-Ausdrücken aus Java 8.

Fixiert auf Frameworks?

Interessant ist die lange Liste der Kommentare auf Yakovs Blogpost.

Beispielsweise deutet Kommentator Ralf Westphal darauf hin, dass die Framework-Fokussierung nicht ein Alleinstellungsmerkmal der Java-Community ist, sondern auch in seinen Bewerbungsgesprächen mit .NET-Entwicklern zu spüren war. Statt viel auf selbstbeschreibende Bewerbungen zu setzen, rät Westphal deshalb zu kurzen, eigentlich einfachen Programmieraufgaben, um die Spreu vom Weizen zu trennen.

Kommentator „marsanyi“ weist darauf hin, dass es nicht nur die Bewerber sind, die auf Frameworks fixiert sind. Meist sieht die Realität in Unternehmen eben so aus, dass man Frameworks zusammenstöpselt. Die Entwickler passen sich hier nur den Realitäten an – denn sie wollen ja den Job bekommen.

I’ve read job posts where the prospective candidate was required to have “five to six years of experience with” a set of technologies, some of which weren’t invented five or six years ago.

Zu wie viel Prozent haben Sie in Ihrem Job noch mit „echtem“ Java zu tun? Können Sie noch in die Tiefen Ihres Anwendungs-Frameworks eintauchen und händisch ein Problem lösen?

Aufmacherbild: Carpenter von Shutterstock / Urheberrecht: VoodooDot

Geschrieben von
Hartmut Schlosser
Hartmut Schlosser
Content-Stratege, IT-Redakteur, Storyteller – als Online-Teamlead bei S&S Media ist Hartmut Schlosser immer auf der Suche nach der Geschichte hinter der News. SEO und KPIs isst er zum Frühstück. Satt machen ihn kreative Aktionen, die den Leser bewegen. @hschlosser
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