Im Gespräch mit Detlev Klage

Das Verständnis für Architektur zählt

Mirko Schrempp
„Der Erfolg der Architektur macht sich im Gesamtsystem bemerkbar.“


Ihre Ausführungen zur Komplexität und zu den Möglichkeiten mit Cloud Computing führen automatisch zur Frage, was denn Architektur erfolgreich macht im Rahmen der heute zahlreich bestehenden Möglichkeiten.

Klage: Der Erfolg der Architektur macht sich im Gesamtsystem bemerkbar. Vor allem daran, dass die Silos der Anwendungs- und der Systemwelt wegbrechen und ich ein System habe, das quasi lebt. So ein System wird immer neue und altbewährte Komponenten haben. Für große bankfachliche Unternehmen ist eine Architektur erfolgreich, wenn man in der Lage ist, Abhängigkeiten über ein Repository zu erkennen und Einzelkomponenten zu erneuern. Das lässt sich gut mit einer Stadt vergleichen: Dort lässt sich ein altes Haus abreißen und ein neues aufbauen, wenn Pläne vorliegen, in denen erkennbar ist, wo zum Beispiel Wasserleitungen liegen, wie die Straßen um die Häuser verlaufen und wo sich die Parkplätze befinden. Und wenn man solche Pläne besitzt, ist man auch in der Lage, das System fortzuschreiben und gegebenenfalls zu erneuern. Wenn es diese Pläne nicht gäbe, hätte ich für unser Unternehmen die große Sorge, dass aufgrund der Komplexität und der Änderungsgeschwindigkeit, die allein schon durch gesetzliche Vorgaben definiert wird, ich nicht genug Zeit hätte, ein großes Projekt umzusetzen. Deshalb ist es für unser Unternehmen und für unser System wichtig, eine Strategie und eine Architektur zu haben, bei der in einem fachlich eng zusammenhängenden und durchgängigen System einzelne Komponenten entsprechend ausgetauscht und erneuert werden können. Auf diese Weise ist ein System dann über viele Jahre lebensfähig und kann dem Kunden dienen.

„Wir sind die Enabler und nicht die Verhinderer.“


Kommen wir auf den gerade angesprochenen Punkt der „vielen Jahre“ zurück. Sie sind ja schon seit 15 Jahren dabei.

Klage: Genau, bereits 1997 begannen vier Sparkassenrechenzentren eine Kooperation zur gemeinsamen Entwicklung eines modernen, prozessorientierten und spartenneutralen Kernbanksystems. Dabei kamen neue Entwicklungsprinzipien zum Einsatz, die bis dahin im Großrechnerumfeld kaum bekannt waren: Das System wurde von Anfang an konsequent in Komponentenbauweise entwickelt. Dabei wurde ein so genannter bankfachlicher Baukasten bereitgestellt, der wichtige, wiederkehrende Funktionen wie beispielsweise „Person suchen“, „Angebot erstellen“ oder „Vertrag anlegen“ enthält. Die Idee bestand darin, Funktionen nicht wie bisher redundant für verschiedene Anwendungen zu entwickeln, sondern diese als Softwarebausteine über die verschiedenen Kundenkanäle hinweg wieder zu verwenden und aus den Softwarebausteinen Geschäftsprozesse zu unterstützen. Damit hatten die Kooperationspartner die Basis für Web Services und eine serviceorientierte Architektur geschaffen, lange bevor diese Begriffe überhaupt geprägt wurden. Aber es waren schon die entsprechenden Architekturprinzipien mit vertikalen und horizontalen Schnittstellen, mit einer fachlichen Bündelung, mit Repository-basierten Informationsquellen, in denen Zusammenhänge dokumentiert sind und so weiter. Im Nachhinein bin ich froh darüber, dass wir das gemacht haben, weil das zum einen ein Schlüssel dafür war, dass wir hochprofessionell die Migrationen durchführen konnten, zum anderen, dass das System auch skalierte. Wir sind demnach in der Lage, bei der Aufnahme neuer Kunden neue Anforderungen aufzunehmen und im System zu implementieren. Die Abhängigkeiten etwa vom Vertrieb über die Banksteuerung bis hin zum Onlinegeschäft sind im Laufe der Jahre auch durch gesetzliche Vorgaben immer größer geworden. Und auch deswegen bin ich froh, dass wir diese Schnittstellen haben, die es uns erlauben, ältere und neue Teile evolutionär für den Kunden weiterzuentwickeln. Und letztendlich zählt ja nur das, was beim Kunden ankommt. Und wie gesagt, das wird gemessen an der Sicherheit, der Verfügbarkeit und der Wirtschaftlichkeit.

Cloud Computing ist heute der neuste Technologietrend und die neuste Technologiemöglichkeit. Im Bankenumfeld gibt es bezüglich der Sicherheit große Probleme, zum Beispiel in der Datensicherheit oder Verfügbarkeit. Stellt dieses Problem Sie vor große Herausforderungen oder ist das in ihrem System leicht integrierbar beziehungsweise gibt es da einen Schwenk in der Architekturstrategie?

Klage: Die Herausforderung besteht, da sie vom Markt an uns herangetragen wird. Gerade in der Systemarchitektur schreiben wir das fort, haben aber den Vorteil, dass es sich aufgrund unserer Größe für uns und den Kunden rechnet, dass wir die Private-Cloud-Technologie integrieren können. Eine Public Cloud kann ich mir offengestanden für unser Geschäftsmodell schwer vorstellen. Das hängt von den Primärwerten, die die Technologien liefern, ab, nämlich dass man dynamisch provisionieren und Systemressourcen ganz anders nutzen kann. Und da hat sich von den Betriebssystemen, von den Technologien und von den Speichersystemen in den letzten Jahren viel getan. Und das haben wir besonders im Bereich der Virtualisierung verfolgt und fast flächendeckend über viele Systemplattformen ausgerollt. Dadurch haben wir die Möglichkeiten, mit Ressourcen schonender umzugehen, und aufgrund unserer Größe rechnet sich das auch in einer private Cloud. Zu Beginn der Internettechnologien (Browser, Standardisierungen, Frontends, HTTP, Java) haben wir für unsere Kunden webbasierte Frontends zur Verfügung gestellt. Wir haben Internettechnologien im Intranet genutzt, gerade was die Sicherheitsaspekte angeht. Auf einem gewissen Abstraktionsgrad ist für uns dieser Weg auch jetzt gangbar. Denn gewisse Möglichkeiten der Public Cloud können ab einer gewissen Größe Vorteile für die Private Cloud bringen, und diese Vorteile wollen wir nutzen. Momentan planen wir ein neues Release für den Arbeitsplatz, also den Zugriff durch unsere Kunden im stationären Umfeld auf unser System. Wir wollen noch stärker als zuvor auf diese Aspekte zurückgreifen.


Die Banken sind ja alle entsprechend groß und haben viele Partner beziehungsweise Kunden, die mit dem System der Bank kooperieren müssen. Spüren Sie da im Alltag, dass Sie an die Grenzen stoßen, weil Ihre Kunden mit älteren Systemen arbeiten und man meinen könnte, sie hätten den Wert der IT noch nicht erkannt?

Klage: Naja, wenn der Kunde den Wert der IT nicht erkennt, habe ich ihm wahrscheinlich nicht gut genug erklärt und aufgezeigt, wo der Mehrwert liegt. In solchen Fällen würde ich also das Problem nicht beim Kunden suchen, sondern bei demjenigen, der das System anbietet. Rückblickend gesehen war einer der Erfolgsfaktoren, dass wir uns immer bewusst den Kräften des Marktes aussetzten. Beispielsweise haben wir damals bei der Erneuerung des Backends mit der dynamischen Schnittstelle über 1000 bankfachliche Services ohne Frontends bereitgestellt. Das hat uns in den Gesprächen geholfen, weil wir nicht als Monolith mit einem kompletten Stack aufgetreten sind, sondern in der Lage waren, flexibel dem Kunden das System anzubieten, das er sich wünscht.

Andererseits haben wir uns mit unserem System eben immer dem Markt ausgesetzt. Wenn wir irgendwo signifikant schlechter wären, käme nach den Gesetzen des Marktes immer ein Dritter, der unseren Kunden die fehlenden Mehrwerte anbietet. Und diese Offenheit und enge Verbundenheit zu anderen Systemen haben wir beibehalten, was uns mit OSPlus heute über die entsprechenden Schnittstellen auch die Integration zum Beispiel von Landesbankensystemen erlaubt. Natürlich setzten wir auch auf einen sehr hohen Grad an Standardisierung in der Anwendungs- und Systemumgebung wie in der Bankfachlichkeit, weil dadurch deutliche Synergien gehoben werden. Jedoch ist uns auch klar, dass in der Zukunft weitere zu integrierende Anwendungen auf den Markt kommen werden. Dann haben wir aber auch die Schnittstellen und die Systemtechnik dafür und müssen dem Kunden nicht eine Architektur starr aufzwingen und ihn mit der Umsetzung warten lassen. Das würde auch nicht lange gut gehen. Auf der einen Seite können wir in großem Umfang fabrikmäßig produzieren, mit dem Kunden die Bankfachlichkeit standardisieren, um die angesprochenen Synergien zu heben. Auf der anderen Seite sind wir aber auch flexibel, dem Kunden genau das System so zu liefern, wie er es haben will und benötigt. Wir schreiben dann nur einen separaten Preis dran. Damit haben wir dann aber die nötige Geschwindigkeit. Wir sind die Enabler und nicht die Verhinderer. Das ist unsere Strategie. Diese Strategie fährt auch unser hundertprozentiges Tochterunternehmen FI-TS, das auch für Drittkunden auf dem Markt agiert. Auch geschäftspolitisch ist unser Motto: Wir bedienen unsere Kunden, wir bedienen die Sparkassenfinanzgruppe mit OSPlus und haben dazu sowohl in der Anwendungsarchitektur als auch in der Systemarchitektur entsprechende Schnittstellen implementiert. Bei der FI-TS haben wir unseren Kunden, die nicht Sparkassen sind, einen entsprechenden Produktionsverbund aufgebaut, in dem unser Tochterunternehmen die Systeme bereitstellt für OSPlus, die wir dann aber betreiben, weil wir da die größeren Synergien haben. Andersrum stellt die FI-TS die Individualsysteme für das Landesbankgeschäft oder für den SAP-Betrieb bereit und betreibt diese auch. Es ist jedoch unsere Aufgabe, das so eng zu integrieren, dass der Anwender beziehungsweise der Nutzer das im Idealfall nicht merkt. Das ist unsere Kompetenz.

Es lässt sich deutlich heraushören, dass für den Erfolg eines Unternehmens und auch Ihre Arbeit die Kommunikation wichtiger ist als die Technik. Was ist für Sie die Motivation, mit Ihren Mitarbeitern und Kunden zu kommunizieren und Systeme zu entwickeln?

Klage: Gerade durch meinen Wechsel in den Bereich Produktion ist auf der Ebene der Führung auch die Kommunikation in den Vordergrund gerückt. Es war mir wichtig, unsere Erfolge auf die nachfolgenden Führungsebenen zu übertragen. Dafür haben wir für die Produktion ein Leitbild und Führungsgrundsätze entwickelt. Die Kommunikation kostet zwar viel Mühe, aber es ist wichtig, dass sowohl die Mitarbeiter als auch die Kunden die Leidenschaft erkennen und spüren, dass einem die Dinge wichtig sind. Dann macht das Spaß. Denn nur so lassen sich frühere Erfolge in spätere Projekte übertragen. Wenn Sie dann sehen, dass so ein System zu leben beginnt, Fragen, die sonst nur wenige gestellt hätten, viele stellen, dass es skaliert, das sich die Leute um die Architekturen kümmern, und man sieht, wie es in die Praxis ausrollt, dann ist das auch persönlich ein motivierender Faktor. Wenn dann noch das Unternehmen und der Kunde etwas davon haben, ist längst vieles richtig. Denn der Kunde bezahlt uns nicht für die Architekturen, dass wir dafür Spezialisten sind, darf er einfach erwarten. Das ist Voraussetzung. Er bezahlt uns für Fachlichkeit und eine ordentliche Unterstützung. Daher haben wir uns zwei Punkte ins Leitbild geschrieben: Zum einen die Kundenorientierung, zum anderen „best in class“ zu sein.

Vielen Dank für das Gespräch.

Detlev Klage war als langjähriger Leiter des Architektur-Boards der Finanzinformatik maßgeblich an der Ausgestaltung der One-System-Plus-Architektur beteiligt. Als Leiter des Geschäftsbereichs Client/Server und als Generalbevollmächtigter des IT-Dienstleisters der deutschen Sparkassen trägt er mit seinem Team heute die End-to-End-Verantwortung für die Plattformentwicklung, die Bereit-stellung und Produktion der Windows- und Unix-Produktionsinfrastruktur für die Gesamtbanklösung OSPlus. Business Technology hatte die Gelegenheit, mit ihm über Bedeutung eines guten Architekturverständnissen bei den Mitarbeitern und sein Erfolgsrezept für einen hohen Business Value zu sprechen.
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Mirko Schrempp
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