Interview mit Dr. Jens Bendisposto

Das Gehirn – eine Gebrauchsanweisung (nicht nur) für Software-Entwickler

Hartmut Schlosser

Dr. Jens Bendisposto

Lernen, Probleme lösen und Softwareentwicklung haben eine ganze Reihe von gemeinsamen Eigenschaften. All diese Dinge benötigen eine ordentliche Portion Gehirnschmalz. Wie wir es schaffen, mit gehirngerechten Methoden unser (Entwickler-)Leben einfacher zu machen, verrät uns Jens Bendisposto (Senior Consultant bei INNOQ und Sprecher auf der JAX 2019) im Interview.

Wer Dr. Jens Bendisposto einmal live erleben möchte, der hat auf der diesjährigen JAX, die vom 6. bis 10. Mai in Mainz stattfindet, die Gelegenheit dazu. Die JAX ist die Konferenz für moderne Java- und Web-Entwicklung, für Software-Architektur und innovative Infrastruktur. Bekannte Experten vermitteln hier ihr Erfahrungswissen – verständlich, praxisnah und erfolgsorientiert. Ein besonderer Fokus liegt auf Java Core- und Enterprise-Technologien, Microservices, dem Spring-Ökosystem, JavaScript, Continuous Delivery und DevOps. Dr. Jens Bendisposto stellt in seiner Session Das Gehirn: eine Gebrauchsanleitung gehirngerechte Methoden und Techniken vor, mit deren Hilfe wir uns unser Leben einfacher machen können. Die Techniken eignen sich sowohl für den täglichen Entwickleralltag als auch für das Erlernen und Erarbeiten neuer Konzepte.

Gebrauchsanweisung für das Gehirn

JAXenter: Du gibst auf der JAX – eine Konferenz für Software-Entwickler – eine Gebrauchsanweisung für das Gehirn. Eine Provokation! Weshalb brauchen gerade Software-Entwickler eine Gebrauchsanweisung fürs Hirn?

Kreative Ideen kommen selten am Schreibtisch.

Jens Bendisposto: Wie in jedem Beruf sollten wir die Werkzeuge kennen, mit denen wir arbeiten ;-). Nur, weil wir alle unser Hirn täglich benutzen, heißt es noch lange nicht, dass wir das auch effizient machen!

Versuch‘ dich mal daran zu erinnern, wo du das letzte Mal einen kreativen Gedanken hattest. Ich vermute, die Antwort ist sowas wie „beim Joggen“, „unter der Dusche“, „im Auto auf dem Weg ins Büro“ oder vielleicht sogar „nachts im Traum“. Es ist verhältnismäßig selten der Fall, dass kreative Ideen am Schreibtisch kommen und schon mal gar nicht, wenn wir am Rechner arbeiten.

Dafür gibt es einen Grund: Kreative Ideen entstehen nicht beim bewußten, analytischen Denken. So komisch es klingt: Um ein schwieriges Problem zu lösen, müssen wir es zuerst verstehen und dann loslassen und unserem Gehirn Zeit geben. Wenn wir uns bei unserer Arbeit nicht die Zeit nehmen (oder einfordern), um ein Problem auch mal sacken zu lassen, dann vergeuden wir einiges an Potential.

JAXenter: Du stellst in deiner JAX-Session gehirngerechte Methoden und Techniken vor, mit deren Hilfe wir uns unseren Entwickleralltag vereinfachen können. Kannst du einmal ein Beispiel geben?

Jens Bendisposto: Ich möchte nicht meinen Vortrag spoilern, aber ich glaube, eine Technik kann ich dir schon mal verraten. Es gibt die Redensart „Wer schreibt, der bleibt“. Und es ist wirklich faszinierend, wie sehr uns das Aufschreiben helfen kann.

Du kannst das sehr einfach ausprobieren. Schreib‘ einfach für ein paar Wochen „Morning Pages“. Dazu schreibst du jeden Morgen direkt nach dem Aufwachen noch vor dem Morgenkaffee drei Seiten handschriftlich auf. Denk nicht zu sehr darüber nach, ob das, was du schreibst, gut oder schlecht ist. Lass einfach den Stift gleiten und schreib auf, was dir durch den Kopf geht. Die Morning Pages sind nur für dich, du brauchst nicht zu filtern, was du schreibst. Wenn du das zwei oder drei Wochen lang konsequent machst, wirst du feststellen, dass kreative Ideen auftauchen.

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Mittel gegen die Aufschieberitis

JAXenter: Du sprichst auch das Thema Prokrastination an. Sind Software-Entwickler hier besonders anfällig?

Prokrastination führt dazu, dass wir nicht mehr genug Zeit haben, kreative Lösungen zu finden.

Jens Bendisposto: Ich weiß nicht, ob wir als Softwareentwickler besonders anfällig sind, aber ich bin es auf jeden Fall. Und ich kenne wahnsinnig viele andere, die auch von Aufschieberitis geplagt werden. Prokrastination ist ganz besonders dann ein Problem, wenn der verursachte Zeitdruck dazu führt, dass wir tatsächlich nicht mehr genug Zeit haben, kreative Lösungen für Probleme zu finden.

Ich beobachte das an der Uni: Studierende setzen sich häufig nicht rechtzeitig mit ihren Aufgaben auseinander. Das führt dann zu durchgearbeiteten Nächten kurz vor der Deadline und viel Frustration. Auch die Ergebnisse sind dann oft nicht so toll, weil die Kreativität dabei zu kurz kommt.

JAXenter: Welche Mittel gibt es dagegen?

Ein Grund für Prokrastination ist das Gefühl der Überforderung mit einer Aufgabe.

Jens Bendisposto: Ultimativ müssen wir uns überwinden, es gibt aber ein paar Techniken, die es leichter machen. Ein Grund für Prokrastination ist das Gefühl der Überforderung mit einer Aufgabe. Wir haben diesen Riesenberg Arbeit vor uns und wissen gar nicht, wie wir den überwinden sollen. Hier kann die Pomodoro-Technik helfen.

Die Technik ist super einfach: Alle Ablenkungen (Mail, Handy, Social Networks) ausstellen und 25 Minuten am Stück konzentriert und ablenkungsfrei an einer Sache arbeiten. Nach ein paar Minuten konzentrierter Arbeit an einem Thema stellt man fest, dass es gar nicht so schlimm ist.

JAXenter: Du hältst deinen Talk ja im Rahmen des Agile Day. Was hat agile Softwareentwicklung mit dem Thema zu tun?

Jens Bendisposto: Bei agiler Softwareentwicklung geht es meiner Ansicht nach darum, Lernen als Teil des Entwicklungsprozesses zu akzeptieren. Insofern glaube ich, dass es ziemlich nützlich ist, wenn wir uns ein wenig mit effizientem Lernen auseinandersetzen.

JAXenter: Was ist die Kernbotschaft deiner Session, die jeder mit nach Hause nehmen sollte?

Jens Bendisposto: Gebt Eurem Gehirn auch einmal die Zeit, ein Problem kreativ anzugehen und schreibt mehr auf!

JAXenter: Vielen Dank für dieses Interview!

Dr. Jens Bendisposto ist leidenschaftlicher Softwareentwickler und lernt für sein Leben gern neue Dinge. Jens ist Senior Consultant bei INNOQ und hält an der Heinrich Heine Universität die Vorlesungen „Professionelle Softwareentwicklung“, „Softwareentwicklung im Team“ und „Funktionale Programmierung“. Er ist außerdem einer der Organisatoren der rheinjug, der EntwickelBar Unconferenz und des Clojure Meetups in Düsseldorf.

 

Geschrieben von
Hartmut Schlosser
Hartmut Schlosser
Content-Stratege, IT-Redakteur, Storyteller – als Online-Teamlead bei S&S Media ist Hartmut Schlosser immer auf der Suche nach der Geschichte hinter der News. SEO und KPIs isst er zum Frühstück. Satt machen ihn kreative Aktionen, die den Leser bewegen. @hschlosser
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1 Kommentar auf "Das Gehirn – eine Gebrauchsanweisung (nicht nur) für Software-Entwickler"

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Steven
Gast

Sehr schöner Artikel. 🙂