Das Ende von Apache Harmony? Was wirklich hinter der Oracle-IBM-Allianz steckt

Hartmut Schlosser

Wie ein Blitz schlug die Nachricht ein, dass Oracle und IBM gemeinsam an der Weiterentwicklung des OpenJDK arbeiten werden. Dieser Coup kommt einer gewaltigen Gewichtsverschiebung in der Java-Welt gleich, mit der so wohl kaum einer gerechnet hätte. Die offizielle Pressemeldung gibt nüchtern die Fakten wieder – was indes tatsächlich hinter dieser Entscheidung steckt, wird deutlicher in den Blogs beteiligter Personen diskutiert.

Das Ende von Apache Harmony?

Die eigentliche Motivation für IBM, auf Oracle zuzugehen, kommt in dem Blogeintrag von IBM-VP Bob Sutor zum Vorschein. Sutor kündigt hier an, dass IBM seine Entwicklungsbemühungen von der alternativen Java-Implementierung Apache Harmony auf das OpenJDK verlagern wird. Für alle, die dasselbe tun wollen, biete IBM Hilfestellung an, damit der Übergang so einfach wie möglich vonstatten gehen könne.

Grund hierfür sei die Einsicht, dass weder Sun noch Oracle jemals eine TCK-Lizenz für Apache Harmony gewähren würden und Harmony damit niemals als „offizielle“ Java-Implementierung anerkannt werde.

So rather than continue to drive Harmony as an unofficial and uncertified Java effort, we decided to shift direction and put our efforts into OpenJDK. Our involvement will not be casual as we plan to hold leadership positions and, with the other members of the community, fully expect to have a strong say in how the project is managed and in which technical direction it goes. Bob Sutor

Für Oracle-Java-Champion und Apache-Foundation-Mitlgied Stephen Colbourne bedeutet dieser Schritt das Ende von Apache Harmony. Obwohl Harmony nicht völlig IBM-domiert sei, stelle der Abzug der IBM-Entwickler ein Schlag dar, von dem sich Harmony kaum werde erholen können.

Today, IBM took the pragmatic decision to end hostilities over Apache Harmony and move on. This is clearly a good choice for IBM, and probably the best we could hope for Java. It does mean that Apache Harmony is effectively dead.

But frankly, Sun, now Oracle, have got away with murder.
Stephen Colbourne

Dass die Oracle/IBM-Allianz auch ein Schlag gegen den Konkurrenten Google darstellt, meint Rémi Forax in seinem Blogeintrag „Take that Google„. Oracle hatte Google bekanntlich dafür verklagt, Teile des Harmony-Projekts in ihrer Dalvik-JVM für Android verwendet zu haben. Mit IBMs „Überlaufen“ von Harmony nach OpenJDK sei Google ins Abseits manövriert worden: Erstens basiere Android nun auf einem „toten“ Harmony-Projekt, zweitens kontere Oracle Googles Vorwürfe, Oracle verrate mit seiner Android-Klage den Open-Source-Gedanken von Java, mit der Ankündigung, die Java-Community und den JCP wieder stärker einzubeziehen.

Community-Stärkung oder Folie à deux?

Was sich genau hinter den Oracle-IBM-Kulissen abgespielt hat, bleibt ungewiss. Angesichts des bekannten Geschäftsgebarens der beiden beteiligten IT-Riesen ist es indes wahrscheinlich, dass die Entscheidung aus wohl austarierten Unternehmens-strategischen Erwägungen getroffen wurde. Auch Stephen Colebourne mutmaßt, dass IBM diesen Schritt nicht ohne Gegenleistung getan haben dürfte. Hat Oracle im vergangenen Bonner JCP-Treffen IBM eine Führungsrolle im zu renovierenden JCP zugesichert?

Oracle-Produktmanager Henrik Ståhl beschreibt jedenfalls in seinem Blog die Erneuerung des JCP unter starkem Einbezug von IBM:

We will continue to work with IBM and others to enhance and improve the JCP. This organization has been hugely successful in pulling together a wide range of organizations and individuals, but it is 15 years old and there is always room for improvement. There were some really good discussions on this within the JCP last week, but you’ll have to wait a little bit longer for a more detailed update on that topic. Henrik Ståhl

Sascha Labourey kann sich durchaus vorstellen, IBM habe von Oracle als Gegenleistung eine proprietäre Lizenz für die OpenJDK-Codebasis erhalten – was IBM über die anderen Player im Java-Ökosystem stellen würde:

For IBM, no drama, no legal fees, no long lawsuit, just business as usual. For ORCL, a first victory in how they intend to treat the Java community. Oh, and for the other players (VMW, RHT, SAP, HP, etc.) it probably means they will have to shut-up and follow IBM „leadership“. Sascha Labourey

Deutlich positiver beurteilt Eclipse-Foundation-Direktor Mike Milinkovich die Situation. Ein drohender Java-Fork sei abgewendet worden und die Weichen gestellt für die Stärkung und Innovation der Java-Plattform.

Einerseits sei die von vielen vorhergesehene Konfliktsituation zwischen Oracle und IBM über die Java-Hoheit aufgelöst, die auch auf den Nebenschauplätzen OSGi, Apache und Eclipse ausgetragen worden wäre und eine Hürde für technologische Innovationen bedeutet hätte. Zweitens sei die von Oracle & IBM ins Spiel gebrachte Fokussierung auf die Steigerung der kommerziellen Wertschöpfungspotentiale der Java-Plattform eine Sache, die auch der ganzen Java-Community zugute kommen könnte.

Oracle’s current focus on the business at least offers the hope that it may pay community dividends down the road. It is a lot easier for large companies to consider community motivations when they’re profitable and feel that they have momentum on their side. Mike Milinkovich

Indes sieht auch Milinkovich das Problem, das andere Player mit einer „Folie à Deux“ zwischen Oracle und IBM haben könnten:

The big question is what are going to be the reactions of the other significant players in the Java ecosystem. The actions of Google, SAP and VMware in particular will all be interesting to watch. Mike Milinkovich

Wetten, dass entsprechende Reaktionen der anderen Java-Unternehmen nicht lange auf sich warten lassen werden?

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Hartmut Schlosser
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