Interview mit Bernd Rederlechner

Cloud ja oder nein: Entwickler müssen über Geld sprechen

Melanie Feldmann

Bernd Rederlechner

Der Weg in die Cloud kann ein holpriger sein. Vor allem, wenn das Management nicht so einfach zu überzeugen ist. Dass Entwickler lernen müssen über Geld zu sprechen und wie sie den Weg in die Cloud strategisch ebnen erläutert Bernd Rederlechner (T-Systems) im Interview.

JAXenter: Kaum ein Entwickler kann auf der grünen Wiese direkt mit der neusten Technologie arbeiten. Ihr Talk auf der JAX 2016 beschäftigt sich mit dem Weg von Altanwendungen in die Cloud und den strategische Problemen dabei. Als ein Hemschuh ist das Management im Allgemeinen verschrien. Wie überzeugt man das Management von der Cloud?

Bernd Rederlechner: Virtualisierung – also wenn man eine Anwendung auf einer Umgebung laufen lässt, die ich mit anderen teile – ist kaum mehr als ein erster, vorsichtiger Schritt hin zur Cloud. Als IT-Manager kann ich damit schon recht große Einsparungen erzielen ohne wirklich etwas an meiner Applikation verändern zu müssen. Das ist eigentlich gut, denn Virtualisierung ist so vergleichsweise einfach beim Management durchzusetzen und die Basis für alle weitergehenden Cloud-Mechanismen.

JAXenter: Virtualisierung ist also nur ein Aspekt der Cloud. Wie bekomme ich das OK für weitere Schritte?

Umbauten sind schwieriger beim Management zu motivieren.

Bernd Rederlechner: Richtig interessant wird die Cloud eben erst, wenn man ihre Elastizität ausnutzt. Statt auf bestellte Rechner zu warten oder Kabel zu ziehen, gibt es Infrastruktur in der Cloud ja auf Kommando von der Konsole. Dadurch ergeben sich ein paar einfache Möglichkeiten ohne Umbau: Warum nicht mal eine Testumgebung abschalten, wenn sie nicht gebraucht wird? Die meisten Cloud-Lösungsmuster wie automatische Skalierung benötigen aber immer auch eine Anpassung an der Applikation. Man muss ja jetzt Infrastruktur über ein Programm steuern. Umbauten sind schwieriger beim Management zu motivieren. Es hilft in der Argumentation, wenn man dabei eine nicht-funktionale Schwäche einer Applikation beheben kann. Oft hat das Thema schon immer gestört, war aber zum Beispiel wegen der benötigten Hardware zu teuer. Fernziel und schlagendes Argument bei allen Umbauten ist letztendlich, wirklich nur noch genau für die Rechenleistung zu bezahlen, die gerade gebraucht wird. Und da sind wir wieder beim Geld sparen…

JAXenter: Der Schritt komplett in die Cloud ist oft der schwerste. Warum?

Bernd Rederlechner: Die Königsdisziplin in der Cloud ist die Weiterentwicklung einer Applikation zu einem Cloud-native mit „digitaler Liefergeschwindigkeit“. Hierbei werden nach und nach Fähigkeiten einer Applikation modernisiert. Ziel ist, schneller und effektiver am Markt zu agieren. Cloud-native Architekturen nutzen Software-as-a-Service immer dort, wo eine marktübliche Fähigkeit benötigt wird. Entwicklung fokusiert sich auf die Markt-differenzierenden Merkmale einen Angebotes. Implementiert werden diese Spezialfunktionen schnell mithilfe von Platform-as-a-Service. Die flankierende Einführung von Continuous Delivery liefert die digitale Geschwindigkeit für die schnelle Reaktion auf Marktentwicklungen. Aber oft sponsert das Management eine solche Modernisierung nur, wenn es durch die digitalen Veränderungen am Markt zu so einem Schritt gezwungen ist. Aber die digitalen Trends am Markt werden uns helfen, damit solche Entscheidungen in Zukunft proaktiv und mit unternehmerischem Weitblick viel früher getroffen werden.

JAXenter: Ist die Frage „Wo liegen meine Daten?“ wirklich so wichtig, wie es oft zu hören ist?

Bernd Rederlechner: Die Frage nach dem Datenschutz – also die Frage nach „Wo liegen meine Daten?“ und „Wer hat Zugriff auf die Daten?“ – wird ein wesentliches Entscheidungskriterium für oder gegen einen Cloud-Betreiber bleiben. In einigen Bereichen gibt es ja sogar gesetzliche Vorgaben, dass Daten nachweislich auf deutschem oder europäischem Boden gelagert sein müssen. In Kombination mit dem strengen, deutschen Datenschutzgesetzen bleibt eine in Deutschland gehostete Cloud auch in Zukunft ein wichtiges Vertrauensmerkmal.

JAXenter: Sind die Daten nicht „Zuhause“ – also in meinem eigenen Server – am sicherersten?

Bernd Rederlechner: Auch die sichere Unterbringung meiner Rechner ist ein klares Argument pro Cloud-Provider und gegen eine kleine, selbstgebaute Cloud in einem eigenen Serverraum. Für eine hochwertige Absicherung muss man viele Kleinigkeiten wie begleiteten Zugang, Wachdienst, Kameras oder Schleusen bedenken und bezahlen. Das kann ein großer Cloud-Anbieter einfach günstiger, besser und nachhaltiger. ISO27001 oder ähnliche Zertifizierungen von Rechenzentren attestieren ein hohes Schutzniveau für diesen Sicherheitsaspekt und bleiben deshalb ein wichtiges Entscheidungskriterium.

JAXenter: Software-Entwicklern ist aber meist der Schutz der Software-Systeme selbst am wichtigsten. Wie sicher ist hier die Cloud?

Bernd Rederlechner: Früher hat man häufig versucht, möglichst viele Sicherheitsaspekte von Entwicklern fernzuhalten und durch spezielle Hardware und physikalische Trennungen zu realisieren. In einer Cloud-Welt wird potenziell alles geteilt. Also funktionieren klassische Lösungen in Hardware und Betriebssystem einfach nicht mehr. Die Implementierung moderner Sicherheitsmechanismen verlagert sich immer stärker in die Anwendungen hinein.

Je mehr Standard-Lösungsmuster für Sicherheitsfragestellungen sich auf Applikationsebene etablieren, desto weniger wird es eine Rolle spielen, ob ein Programm in der Cloud läuft oder nicht.

Das klingt zunächst wie eine Verschlechterung, ist es aber gar nicht. Beispielsweise kann ich mit einer modernen Continuous Delivery Pipeline Sicherheitsprobleme genauso schnell patchen wie jeden anderen Fehler in meiner Applikation – statt auf einen Firmware-Fix meines Hardware-Herstellers zu warten. Je mehr Standard-Lösungsmuster für Sicherheitsfragestellungen sich auf Applikationsebene etablieren, desto weniger wird es eine Rolle spielen, ob ein Programm in der Cloud läuft oder nicht. Allerdings glaube ich, dass sich im Zuge dieser Verlagerung „Public Clouds“ durchsetzen werden. Eine „Private Cloud“ ist ja eigentlich auch nur eine Form von physikalischer Abschottung und nur deshalb teurer. In einer Übergangsphase und für spezielle Hochsicherheitslösungen werden Public/Private-Hybridlösungen ein sinnvoller Kompromiss bleiben.

JAXenter: Am Ende hängt es ja aber meistens doch am Geld. Welchen Tipp können Sie Entwickler für ihre Argumentation geben?

Bernd Rederlechner: Entwickler lieben Technologie. Also tendieren sie auch zu technischen Begründungen für ihre Vorschläge und wundern sich, dass Entscheider den augenscheinlich klaren Argumentationen nicht folgen. Manager müssen betriebswirtschaftlich auf ihr Unternehmen blicken und fragen: Wo kann ich mehr verdienen? Wo kann ich sparen? Deshalb sollten Architekten und Entwickler lernen, „Money Talk“ zu machen – also über Geld zu reden. Das ist häufig gar nicht so schwer: Der Lösungsweg ist zwar technischer Natur, aber aufgelöst wird damit eine Verschwendung von Zeit oder Arbeitsmitteln. Automatisierte Akzeptanztests sorgen beispielsweise dafür, dass Tester ihre Arbeitszeit für die Ausarbeitung neuer Tests nutzen können anstatt sie mit der stupiden Wiederholung von Regressionstests zu verschwenden. Hat man die Blindleistung einmal identifiziert, ist es häufig gar nicht so schwer, ein Preisschild dranzuhängen. So stolz wir Techniker auch auf unsere Lösungen sind – für eine Unternehmensleitung zählt am Ende nur das Ergebnis und selten der Weg.

JAXenter: Vielen Dank für das Gespräch!

Bernd RederlechnerBernd Rederlechner arbeitet als leitender T-Systems Enterprise und Cloud Architect. Vom kleinen Innovationsprojekt bis hin zum strategischen Großprojekt (wie DeMail) hat er die Architektur vieler Kundenvorhaben bis zum produktiven Einsatz verantwortet. Diese Erfahrung, gepaart mit modernen Ideen wie „Lean Startup“, nutzt er jetzt, um Cloud-Kunden Wege zur effizienten Umsetzung ihrer digitalen Geschäftsideen zu zeigen.
Geschrieben von
Melanie Feldmann
Melanie Feldmann
Melanie Feldmann ist seit 2015 Redakteurin beim Java Magazin und JAXenter. Sie hat Technikjournalismus an der Hochschule Bonn-Rhein-Sieg studiert. Ihre Themenschwerpunkte sind IoT und Industrie 4.0.
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