Calliope mini: Digitalisierung in die Schule bringen

„Heutige Erstklässler sollen die Schule als souveräne Nutzer von digitaler Technologie verlassen“

Sven Haiges

© 2017 Calliope gGmbH

Die Calliope mini gGmbH hat sich zum Ziel gesetzt, Kindern einen spielerischen Zugang zur digitalen Welt zu ermöglichen. Mit dem Board Calliope mini soll jedem Schulkind digitale Technologie (und somit auch das Programmieren) näher gebracht werden, aber auch Lehrer/-innen und das Bildungssystem sollen erreicht werden, um langfristig digitale Inhalte an Schulen zu vermitteln und zu etablieren.

Sven Haiges hat für das Entwickler Magazin mit Stephan Noller von Calliope mini über die Ziele der gemeinnützigen GmbH und ihren Plan, die Digitalisierung in Schulen voranzubringen, gesprochen.

Sven Haiges: Hallo Stephan, über das Projekt Calliope mini haben wir im Artikel „Coding for Kids“ ja schon einiges gelesen. Wie kam es dazu, dass ihr euch zur Gründung der Calliope gGmbH entschlossen habt und nun zusammen dieses Projekt vorantreibt?

Stephan Noller: Wir kennen die Begeisterung, die das Basteln mit Elektronik und Programmierung mit sich bringen kann, aus eigener Erfahrung. Und zugleich sind zwei Dinge klar: Kinder, die heute eingeschult werden, werden in zwanzig Jahren auf eine Gesellschaft und einen Arbeitsmarkt treffen, die eine digitale Revolution hinter sich haben – viele Berufe, auf die noch heute hingelernt wird, werden nicht mehr existieren. Dafür wird es viele neue Berufe geben, die aber vor allem digitale Skills erfordern. Und: Um uns herum werden überall Sensoren und digitale Technologien werkeln, unser Leben wird davon geprägt sein. Wir wollen, dass die heutigen Erstklässler/-innen dann die Schule als souveräne Nutzer/-innen digitaler Technologie verlassen, und nicht als unmündige Konsument/-innen.

Haiges: Wer ist alles an Calliope beteiligt und wie sind die Rollen verteilt?

Noller: Wir sind sechs Gesellschafter/-innen bei Calliope, davon haben drei einen Designhintergrund, einer ist für Finanzen zuständig und zwei haben sich in der schulnahen Maker-Szene kennen gelernt (das sind Maxim Loick und ich). Es gibt keine klare Rollenverteilung, alles wird offen diskutiert und mit viel Spaß und Leidenschaft vorangebracht. Hinzu kommen noch ein paar Leute, die das Team erweitern und uns bei Technik und Schulungen helfen, außerdem haben wir uns von Anfang an mit Didaktikexpert/-innen und Lehrer/-innen vernetzt und immer wieder Sachen ausprobiert und diskutiert.

 

Porträt
Stephan Noller, Jahrgang 1970, Diplom-Psychologe und Vater von vier Töchtern, lebt in Köln. Er ist passionierter Digitalunternehmer und vielfältig politisch aktiv, u. a. im Gründungsteam von D64 und im Beirat Junge Digitale Wirtschaft im Bundeswirtschaftsministerium.

 
Haiges: Die BBC hat in Großbritannien mit dem micro:bit vorgemacht, wie man digitale Bildung und Coding im Schulsystem verankern kann. Euer Projekt Calliope basiert auf dem micro:bit. Inwiefern unterscheidet sich euer Board vom micro:bit – und wieso sind diese Änderungen deiner Meinung nach notwendig?

Noller: Der micro:bit ist ein großartiges Projekt und in vielerlei Hinsicht ein Vorbild für uns. Aber es wurde auch schnell klar, dass er so nicht einfach für die Grundschule eingesetzt werden kann (der micro:bit wird in Großbritannien ab der siebten Klasse eingesetzt). Die Kontakte sind zu nahe beieinander, das würde für Grundschulfinger nur Probleme machen, insbesondere wenn man mit leitender Knete oder leitendem Klebeband arbeitet (und Löten kommt in der Grundschule nicht in Frage).

Und dann fehlten uns ein paar Funktionen, die wichtig sind für einen breiten Einsatz in der Grundschule, z. B. der Einsatz von Farbe – deswegen hat Calliope eine RGB-LED drauf. Eine andere Sinnesmodalität, mit der Kinder viel Spaß haben, ist Ton – deshalb haben wir einen kleinen Lautsprecher verbaut. Den könnte man zwar beim micro:bit auch anschließen, aber es ist leider total unrealistisch, dass eine Lehrkraft an der Grundschule 30 kleine Lautsprecher kauft und sie mit den Schüler/-innen erst mal verkabelt. Außerdem wären in der Folgewoche nur noch 20 davon da …

Unser Ziel ist es, vor allem für das deutsche Schulsystem ein überzeugendes und nachhaltiges Angebot zu schaffen.

Haiges: Die BBC hat die Leitung des micro:bit-Projekts ja auch an eine gemeinnützige Foundation abgegeben, die unter anderem das Ziel hat, den micro:bit weiterzuentwickeln und auch in Europa und dem Rest der Welt groß zu machen. Inwiefern arbeitet ihr mit der micro:bit Foundation zusammen? Wollt ihr Calliope mini auch in Zukunft kompatibel zum micro:bit halten?

Noller: Wir haben ja auch eine gemeinnützige GmbH gegründet, um die Entwicklung des Calliope mini dauerhaft auf solide Beine zu stellen und Glaubwürdigkeit und Transparenz auch für das Schulsystem in den Vordergrund zu stellen. Wir haben einen guten Kontakt zu den Kollegen von der micro:bit Foundation – inwiefern wir konkret in Zukunft zusammenarbeiten werden, ist aber noch offen. Unser Ziel ist, vor allem für das deutsche Schulsystem ein überzeugendes und nachhaltiges Angebot zu schaffen.

Haiges: Stand heute (12/2016) haben sich nur kleinere Bundesländer wie das Saarland oder Bremen dazu entschlossen, einen Schritt nach vorne zu gehen und Calliope mini an Schüler zu verteilen. Wie wollt ihr auch Flächenländer wie Bayern dazu bewegen, endlich die digitale Bildung in die Schulen zu bringen?

Noller: Da werden wir evtl. gar nicht so viel bewegen müssen – unser Eindruck ist, dass inzwischen überall die Erkenntnis gereift ist, dass im Bereich digitale Bildung was getan werden muss – und zwar deutlich mehr, als nur eine AG oder ein Zusatzmodul anzubieten. Deshalb sind wir überzeugt, dass am Ende alle Bundesländer mitziehen werden. Aktuell hat sich mit Niedersachsen auch schon das erste Flächenland zu einer schrittweisen Einführung bekannt.

Haiges: Wie habt ihr vor, die Lehrkräfte an den Schulen dazu zu bewegen, das Board im Unterricht einzusetzen?

Noller: Durch Begeisterung und gutes Begleitmaterial sowie dazu passende Schulungen und eine Community. Es ist besonders wichtig, didaktisch gut aufbereitetes und in den Schulalltag passendes Lehrmaterial zur Verfügung zu stellen. Dafür arbeiten wir sowohl mit Schulbuchverlagen als auch mit Didaktiker/-innen und Lehrer/-innen vor Ort zusammen. Alles Material soll unter offener Lizenz zur Verfügung gestellt werden, sodass die einzelnen Initiativen sich gegenseitig helfen und befruchten können.

Haiges: Was rätst du Eltern, denen das nicht schnell genug geht? Sei es, weil die örtliche Schule oder die örtlichen Lehrer sich querstellen oder das Bundesland, in dem man wohnt, nicht plant, das Board einzusetzen. Ab wann und wo wird man sich ein paar Boards für private Workshops einfach online kaufen können?

Noller: Aktuell läuft auf startnext noch unser Crowdfunding. Danach wird es das Board schon bald regulär im Handel zu kaufen geben – die Gewinne daraus stehen dann übrigens wieder zur Verfügung, um für Schüler/-innen weitere Boards produzieren zu können. [Anm. d. Red.: Das Crowdfunding ist inzwischen beendet. Alle Informationen zum gegenwärtigen Stand des Projekts sowie zu den Bezugswegen finden Sie auf der Website zu Calliope mini.]

Die ganze Initiative ist an einer Schule entstanden, an der ein engagierter Direktor mit Unterstützung aus dem Kollegium und der Elternschaft nach dem Prinzip „Einfach mal machen“ losgelegt hat. Dem kann im Prinzip jede Schule folgen, egal, ob das von den Eltern oder von engagierten Lehrer/-innen angeleiert wird. Wir werden immer mehr Material zur Verfügung stellen, und bald wird es auch ein Schulbuch zum Calliope mini geben.

Geschrieben von
Sven Haiges
Sven Haiges
Sven Haiges arbeitet als Technology Strategist bei der Hybris AG in München. Neben Groovy und Grails beschäftigt er sich dort derzeit auch mit HTML5 und Android. Sven lebt mit seiner Familie in München und kann gerne unter @hansamann auf Twitter gefolgt werden.
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