Interview mit Hackathon-Teilnehmer RemedyMatch

#WirVsVirus: Interview mit dem Team des RemedyMatch-Projekts

Jan Bernecke

©RemedyMatch

Im März rief die Bundesregierung zu einem Hackathon auf, der Lösungen zur aktuellen Corona-Krise liefern sollte. Unter den 20 auserkorenen Siegerprojekten befindet sich auch die gemeinnützige Spendenplattform RemedyMatch. Wir haben das Team hinter der Idee interviewt.

Vom 20. bis 23. März rief die Bundesregierung zum Hackathon #WirVsVirus auf, wir berichteten. Ziel war es, innovative Lösungsansätze für Probleme zu finden, welche die aktuelle Corona-Krise mit sich bringt. Unter den rund 1.500 Einreichungen finden sich schließlich Projekte, die Hilfestellungen bei Anträgen geben, die Gestaltung des Alltages erleichtern – oder, wie im Fall von RemedyMatch, die Verteilung von medizinischen Schutzartikeln organisieren. Wir haben mit dem Team des Projektes über ihre Beweggründe, die Technik hinter der Plattform und erste Erfolge gesprochen.

JAXenter: Vielen Dank, dass ihr euch für dieses Interview Zeit genommen habt. Um was handelt es sich bei eurem Projekt?

RemedyMatch: Wir haben uns folgende Szenarien vorgestellt: Die letzte Flasche Desinfektionsmittel in der Arztpraxis ist schon angebrochen, anderswo beäugt eine mobile Pflegerin sorgenvoll ihr letztes Paar Handschuhe. Denn aufgrund der COVID-19-Krise ist es zur Zeit schwierig bis unmöglich, Nachschub zu bekommen. Um diese Versorgungsengpässe mit Spenden zu füllen, haben wir die gemeinnützige Spendenplattform RemedyMatch.io entwickelt.

Auf RemedyMatch.io können sich private oder gewerbliche Spender auf der einen und Bedarfsträger aus dem Gesundheitswesen auf der anderen Seite registrieren. Sie inserieren eine Spende oder melden Bedarf an und finden im Anschluss schnell und lokal zueinander. RemedyMatch vermittelt Schutzartikel, wie Einmal-Handschuhe, Schutzkleidung oder Desinfektionsmittel, genau wie ihre behelfsmäßigen Alternativen, zum Beispiel selbstgenähte Masken.

JAXenter: Welchen technischen/beruflichen Hintergrund hat das Team hinter dem Projekt?

RemedyMatch: Unser ehrenamtlich arbeitendes Team besteht aus etwa 100 größtenteils Berufstätigen aus ganz Deutschland. Während rund die Hälfte des Kernteams aus der Softwareentwicklung kommt, trifft man genauso auf Expert:inn:en aus dem Gesundheitswesen, Marketing, Business Development, Recht und Personalwesen in der RemedyMatch “Community of Contributors”.

Die Plattform RemedyMatch.io basiert auf Open-Source-Lösungen. Der Technologiestack umfasst Java, PHP, Keycloak, Docker, Spring Boot, React und Symfony 4. Mit Camunda konnten wir außerdem eine offizielle Partnerschaft eingehen und suchen auch weiterhin nach Technologie-Unterstützung in Form von Expertise, Lizenzen und Infrastruktur.

Materialauswahl RemedyMatch

Quelle: RemedyMatch

JAXenter: Was war für euch der ausschlaggebende Punkt, um euch für den Hackathon zu bewerben und wie gestaltete sich die Zusammenarbeit?

RemedyMatch: Die meisten Teammitglieder haben am “WirVsVirus”-Hackathon teilgenommen, weil sie das Bedürfnis hatten, zu helfen und der Krise nicht untätig zuzusehen. So sammelten sich die Freiwilligen um das Thema Spenden- und Logistikplattform, die erst einmal nichts gemeinsam hatten außer ihrer Motivation und Zugang zum gleichen Slack-Kanal. “Die Zusammenarbeit sowohl während des Hackathons als auch danach hat mich extrem überrascht”, sagt Matúš Mala, IT-Berater und Solution Architekt. “Zuerst durfte ich wieder mit ein paar Leuten arbeiten, mit denen ich bereits erfolgreich größere Projekte gemacht habe. Noch spannender aber waren die Leute, die ich bis dahin nicht gekannt habe, also fast alle. Denn wir haben ein extremes Glück mit super Leuten, die das Projekt weiterhin erfolgreich vorantreiben. Und das macht definitiv sehr viel Spaß – also zu sehen, dass viele echt wollen.”

Koordiniert wird das Projekt nach wie vor über Slack und GitHub, aber professionelle Strukturen mit Einheiten, Verantwortlichkeiten und Prozessen sind bereits im Aufbau: “Anders geht das bei 100 Teammitgliedern auf lange Sicht gar nicht”, findet Melanie Uhlen, die sich bei RemedyMatch um die Pressearbeit kümmert. “Wir bauen gerade ein soziales Startup im Zeitraffer auf, ganz ohne formellen Chef und Funding. Aber es funktioniert, weil alle Erfahrung mitbringen und wissen, was in ihrem Bereich der nötige nächste Schritt ist. So geht es jeden Tag weiter.”

JAXenter: Wie ist die aktuelle Situation des Projektes und wie sehen die nächsten Schritte aus?
RemedyMatch: Bis dato sind 150 Nutzer:innen auf der Plattform registriert und die ersten Spendenübergaben fanden bei einem Seniorenheim in Frankfurt a. M. und einer Hospizbewegung in Geilenkirchen, Kreis Heinsberg, statt. Um den formellen Betrieb der Plattform zu gewährleisten, wurde außerdem ein Verein gegründet.

RemedyMatch Spende an Curata

Spendenübergabe an Curata/Haus am Rosengarten in Frankfurt am Main. Quelle: RemedyMatch

Jetzt gilt es vor allem, Spenden zu generieren. Neben Spenderunternehmen rufen wir insbesondere Privatpersonen auf unterschiedlichsten Social-Media-Kanälen unter dem Hashtag #maskenmachen auf, Vorräte und selbstgemachte Behelfsartikel wie genähte Atemmasken oder Schutzbrillen zu spenden. Hierbei gibt RemedyMatch den freiwilligen Näher:inne:n und Bastler:inne:n in Kooperation mit der Influencerin Katja Nähfrosch ein auf Youtube bereits millionenfach gesehenes Nähtutorial an die Hand.

JAXenter: Welche Erfahrungen nehmt ihr aus dem Hackathon mit? Gibt es Ratschläge, die ihr anderen Leuten mitgeben würdet, die aktuell und zukünftig an der Umsetzung ihrer Ideen arbeiten?

RemedyMatch: Matúš Mala rät, sich mit ein oder zwei Leuten beim Hackathon anzumelden, die man kennt. “Das pusht die erste Motivation. Danach braucht man sehr viel Glück bei den anderen Leuten. Aber wenn man es nicht versucht, dann kann man es auch nicht finden… Ich persönlich habe sehr viel gelernt und hoffe, dass wir weiterhin so gut arbeiten!” Seine Kollegin Melanie Uhlen ergänzt: “Man muss unter der Prämisse arbeiten, dass es klappen wird. Außerdem muss man viele Stränge parallel bearbeiten, denn jeder davon kann das Aus bedeuten: Die Software an sich, Marketing und Partnerwerbung, Projektmanagement und -strategie, rechtliche Grundlagen und Personalrekrutierung. Insofern hilft es ungemein, wenn man Leute dabei hat, die sich bei Geschäftsentwicklung auskennen, und man insgesamt auf ein breit aufgestelltes Team zurückgreifen kann.”

JAXenter: Vielen Dank für das Interview!

Geschrieben von
Jan Bernecke
Jan Bernecke
Jan Bernecke ist seit 2019 Online-Redakteur bei S&S Media. Zuvor war der rugbyspielende Literaturwissenschaftler im Bereich Online-Marketing tätig.
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