Interview mit Jan Wildeboer, EMEA Open Source Evangelist bei Red Hat

Open Source: „Die Infrastruktur der modernen Welt wäre ohne Open Source deutlich ineffizienter“

Dominik Mohilo

Jan Wildeboer

Die moderne Welt der Softwareentwicklung ist geprägt von Open Source. Mittlerweile sind rund 80 Prozent der IT-Stacks in Unternehmen weltweit aus Open-Source-Software (OSS) zusammengesetzt. Wie das kommt und warum es klug wäre diese Zahl noch zu erhöhen, erklärt Jan Wildeboer, EMEA Open Source Evangelist bei Red Hat, in unserem Interview. Dabei geht er nicht nur auf die Definition von OSS ein, er erklärt auch, welche Unterschiede es zwischen freier und quelloffener Software gibt. Zum Schluss stellt er das neue Konzept „Culture as a Service“ vor, das er gerade bei Red Hat entwickelt.

JAXenter: Hi Jan und danke, dass du dir die Zeit für unser Interview genommen hast! Auf der OpenRheinMain 2019 in Darmstadt sprachst du sehr leidenschaftlich über Open Source. Natürlich wissen unsere Leser, was Open-Source-Software (OSS) ist, kannst du aber vielleicht dennoch den Begriff „Open Source“ noch einmal aus deiner persönlichen Perspektive definieren?

Jan Wildeboer: Für mich persönlich sind Open Source und kostenfreie Softwarelösungen ein natürlicher und produktiver Weg, Wissen dezentralisiert zu teilen. Diese essentiellen Charakteristiken machen Open Source so allgegenwärtig und nützlich. Auch wenn es natürlich – genau wie bei jeder anderen Technologie – in Diskussionen häufig um Prinzipien geht und Rückschläge unvermeidlich sind, hat sich Open Source als der beste Weg herauskristallisiert, Softwarelösungen zu entwickeln.

Die Nutzung proprietärer Software nimmt stark ab.

Im diesjährigen State of Enterprise Open Source Report von Red Hat haben wir die Teilnehmer gefragt, was sie von Open-Source-Software halten, die im Enterprise-Umfeld im Einsatz ist. Praktisch alle (95 Prozent) haben zu Protokoll gegeben, dass sie OSS für wichtig halten. Dazu ist zu sagen, dass dies nicht nur bei Kunden von Red Hat der Fall ist: Auch Entscheidungsträger von Unternehmen in Enterprise-Größe aus elf Ländern und aus den unterschiedlichsten Branchen haben diese Meinung vertreten. Die gesammelten Daten haben auch gezeigt, dass auch von der Community getragene Open-Source-Projekte immer wichtiger werden. Letztes Jahr haben noch 16 Prozent der Teilnehmer angegeben, solche Software zu nutzen, dieses Jahr waren es schon 19 Prozent und in zwei Jahren könnten es bereits 21 Prozent sein. Community-basierte Open-Source-Software verbreitet sich nicht ganz so schnell wie Enterprise Open Source innerhalb der von uns untersuchten Unternehmen, doch man kann ganz klar die Aufwärtstendenz sehen, was die Nutzung angeht – ganz im Gegenteil zu proprietärer Software.

Die Nutzung proprietärer Software nimmt stark ab. Letztes Jahr haben noch etwas mehr als die Hälfte (55 Prozent) der Teilnehmer am State of Enterprise Open Source Report angegeben, Anwendungen aus dem proprietären Bereich zu nutzen, dieses Jahr sind es noch 42 Prozent. In zwei Jahren, so sagt man voraus, wird nur noch rund ein Drittel (32 Prozent) des Software-Stacks aus prorpietärer Software bestehen. Es vielleicht nicht besonders verwunderlich, dass diese Art von Anwendungen immer weniger gefragt werden: Teure und unflexible Softwarelizenzen erfordern häufig einen großen Kapitalaufwand (CapEx) und sorgen für den gefürchteten Vendor Lock-in. Dennoch ist es bemerkenswert wie schnell Unternehmen proprietärer Software den Rücken zudrehen, besonders im Hinblick darauf, wie langsam Änderungen im Bereich Enterprise-Software normalerweise vonstatten gehen.

JAXenter: Wie ist der Status Quo von Open Source?

Jan Wildeboer: Open-Source-Software stellt beinahe in jedem Software-Steck den Kern dar. Es ist also durchaus angemessen zu behaupten, dass die Infrastruktur der modernen Welt ohne Open Source deutlich weniger effizient und wirksam wöre.

JAXenter: Wie ist es deiner Meinung nach um die Zukunft bestellt? In deiner Keynote sagtest du, dass etwa 80 Prozent der Software da draußen Open Source ist. Wie ist es möglich, diese Prozentzahl noch zu steigern und warum ergäbe dies Sinn?

Code ist nur das: Code. Er kann nicht gut oder böse sein.

Jan Wildeboer: Um noch etwas genauer zu werden: Ich sagte, dass in einer von Software definierten Welt jeder IT-Stack in jeder Firma etwa 20 Prozent der Codefunktionalität als Alleinstellungsmerkmal definiert werden. Dieser Code bringt den Gewinn und den Vorteil im Wettbewerb. Das lässt 80 Prozent übrig, die nicht kompetitiv sind. Nicht-kompetitiver Code, also die Betriebssysteme, Container-Lösungen, Bibliotheken, Speicher, Netzwerkcode, sollten (und häufig ist dies der Fall) Open Source sein. Das Teilen von Wissen und Code innerhalb dieser 80 Prozent von Software sorgt im Endeffekt in jedem Unternehmen für eine Reduzierung der „Total Cost of Ownership“ (TCO). Zudem erlaubt es IT-Teams intern und extern Informationen zu teilen. Von 80 auf 90 Prozent zu gehen, ergibt also für alle Sinn.

JAXenter. Sollte es so etwas wie „ethische Grundprinzipien“ für die Nutzung von Daten und OSS geben?

Jan Wildeboer: Meiner Meinung nach auf jeden Fall, es sollte allerdings nicht Teil einer Softwarelizenz sein, wie es oft vorgeschlagen wird. Code ist nur das: Code. Er kann nicht gut oder böse sein, es kommt immer darauf an, wie der Code genutzt und mit welchen Daten er gefüttert wird. Außerdem: Wer bestimmt denn, was ethisch unbedenkliche Nutzung ist und was nicht? Meine Position dazu ist sehr klar. Sämtlicher Open-Source-Code sollte dafür genutzt werden, Gutes zu tun. Aber die Entscheidung ist eine moralische, keine Lizenzdefinition. Wir sollten das wirklich trennen.

JAXenter: Open Source ist, besonders im Hinblick auf das Copyright, eine Herausforderung. Man denke da nur an den Milliarden-Dollar-Kampf vor dem U.S. Supreme Court zwischen Google und Oracle. Die neue DSGVO könnte da auch noch eine bisher ungeahnte Rolle spielen. Kannst du die juristische Situation ein wenig herleiten, in der OSS steckt?

Jan Wildeboer: Der Kampf zwischen Oracle und Google zum Thema API-Eigentum ist definitiv ein interessanter und ich beobachte ihn schon sehr lange mit wachsender Frustration. Schnittstellen sind meiner Meinung nach schon vom Grundgedanken her nicht markenrechtlich schützbar. Sie verlassen sich auf die Möglichkeit, mit unterschiedlichsten Programmen und Betriebssystemen zusammenzuarbeiten. Ohne diese Freiheit dürfte es der Open-Source-Gemeinde schwer fallen, die innovative und kreative Arbeit zu leisten, die dür das Erschaffen wegweisender Softwaremodule nötig ist. Es wäre besser, wenn man davon ausginge, dass Schnittstellen in juristischer Hinsicht nicht geschützt werden können, da dies eine klare Präzedenz aufrechterhalten und klare Verhältnisse sichern würde.

JAXenter: Wie unterscheiden sich „freie Software“ und „Open Source Software“?

Die Idee von „Open Core“ unterstütze ich nicht wirklich.

Jan Wildeboer: Meiner Meinung nach gar nicht mehr so sehr. Es gibt natürlich fundamentale Unterschiede, wenn es um die Rechte zur Weiterverbreitung geht. Da aber sowohl Open Source als auch freie Software mittlerweile sehr dominante und effektive Lösungen sind, wird dieser Unterschied immer unwichtiger. Manche Fundamentalisten würden hier nun widersprechen, das dürfen sie auch, für mich ist das allerdings bereits Geschichte.

JAXenter: In unserem Gespräch nach deinem Talk hast du erwöhnt, dass es in manchen Fällen Sinn ergeben könnte, Markennamen rechtlich zu schützen, und den Namen dann zu ändern, wenn das Projekt Open Source wird. Wann ist das der Fall?

Jan Wildeboer: Ich bin Verfechter von Open Source und freier Software. Das bedeutet, dass ich den Ansatz „Open Core“ nicht wirklich unterstütze – dabei sind manche Teile der Software Open Source, andere Teile sind proprietär. Wenn Software, die ich nutze, nun aber Open Source ist, wie kann ich kommerzielle Unterstützung erhalten, sollte ich sie benötigen? Die beste Lösung hierfür wäre meiner Meinung nach eine einfache: Gebt Produkten und Projekten verschiedene Namen, etwa so, wie wir das mit Red Hat Enterprise Linux bzw. CentOS/Fedora getan haben. Der gesamte Code ist Open Source, hat aber unterschiedliche Support-Modelle, eines wird von der Community getragen, das andere ist kommrziell. IT-Experten wissen so, was sie zu erwarten haben. Mein Rat ist also: Wenn ihr für euer Projekt kommerziellen Support anbieten wollt, solltet ihr das unbedingt machen. Nutzt aber für das Produkt dann einen anderen Namen als für das Projekt.

JAXenter: Zum Schluss habe ich noch eine Frage zu einem neuen Konzept, an dem du bei Red Hat arbeitest. Es heißt „Culture-as-a-Service“. Was genau verstehst du darunter und worum geht es da?

Wenn ihr für euer Projekt kommerziellen Support anbieten wollt, tut es – aber unter anderem Namen.

Jan Wildeboer: Viele Kunden von Red Hat haben mich in den vergangenen Jahren gefragt: „Wie schafft Red Hat das mit der Company Culture? Wie können wir unser Unternehmen ein wenig mehr wie eures machen?“ Ich fand es immer schwer, dies zu beantworten, weil Red hat eben sehr anders ist. Dann aber dämmerte mir: Das ist ja gar nicht so. Der größte „Unterschied“ ist die Art und Weise, wie wir bei Red Hat miteinander kommunizieren. Da wir ein reines Open-Source-Unternehmen sind, kommunizieren wir ein wenig anders. Es gibt keine Geheimnisse, Networking ist Standard. Wir müssen Probleme in reproduzierbarer und skalierbarer Weise lösen, immer im Hinblick auf einheitliche Lösungen. All das lässt sich auf Kommunikation, das Teilen von Wissen und Vertrauen in unsere Mitarbeiter und Kollegen reduzieren.

Nehmen wir noch einmal mein Beispiel mit den 80 Prozent, also dass in jedem IT-Stack rund 80 Prozent nicht kompetitiv sind. Viele Unternehmen denken noch immer, dass sie den gesamten Stack „besitzen“ müssen, auch wenn der Code von irgendwo anders kommt. Culture-as-a-Service ist ein Konzept um die Art und Weise zu ändern, wie über all dies gesprochen wird. Ein Weg, um diese inneren Barrieren zu überwinden und geschlossene Feedback-Loops innerhalb eines Unternehmens abzuschaffen. Die Idee ist es, einen klaren und vordefinierten Weg zu haben, wie man mit der Community und – ja – auch der direkten Konkurrenz über alle Teile unserer 80 Prozent OSS im Stack sprechen könnnen. Damit kann der resultatgetriebene, No-nonsense-Ansatz im eigenen Unternehmen auf die nächste Stufe gehoben werden. Culture-as-a-Service ist quasi wie eine Brille, die einen besseren Weg aufzeigen sollen, wie man diese Dinge richtig angeht.

JAXenter: Vielen Dank, Jan, für das Interview!

Als Red Hat EMEA Evangelist ist Jan Wildeboer verantwortlich für High-Level-Kundenbeziehungen sowie für die Stärkung der Marke Red Hat und des Ökosystems von Red Hat.

Jan Wildeboer hat als Open-Source-Lobbyist in Brüssel die Initiative angeführt, die sich erfolgreich dafür einsetzte, die Software-Patent-Richtlinie im Europäischen Parlament zu verwerfen. Darüber hinaus unterstützte er bei Hilti, einem der weltweit führenden Unternehmen der Bauindustrie, die Migration von unternehmenskritischen Systemen auf Red Hat Enterprise Linux.

Wildeboer startete seine Berufslaufbahn als Systemadministrator bei dem niederländischen Unternehmen Seijsener. Anschließend war er als Backend Systems Software Engineer für DomainFactory in Deutschland tätig, bevor er sich bei osCommerce, der führenden Open-Source-E-Commerce-Plattform als leitender Entwickler verantwortlich zeichnete. Bei Red Hat in Deutschland war er zunächst als Solution Architect tätig. Wildeboer ist Mitglied des Open Forum Europe, der Open Source Business Foundation (OSBF) und des European Committee on Interoperable Systems (ECIS).

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Dominik Mohilo
Dominik Mohilo
Dominik Mohilo studierte Germanistik und Soziologie an der Goethe-Universität in Frankfurt. Seit 2015 ist er Redakteur bei S&S-Media.
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