Interview mit dem ehemaligen App Store Manager Tom Sadowski

„Jungen Entwicklern rate ich dringend, von Anfang an über Monetarisierung nachzudenken“

Jan Bernecke

© Shutterstock / Lester Balajadia

Tom Sadowski war zehn Jahre bei Apple und zuletzt verantwortlich für den App Store im deutschsprachigen Raum. In seinem nun erschienenen Buch „App Store Confidential“ führt Sadowski den Leser hinter die Kulissen des App Business und gibt exklusive Einblicke in die Arbeit hinter dem Erfolgsmodell App Store. Wir haben dem Autor im Interview Fragen über kommende Trends, die Erfolgsfaktoren von Apps und die neuesten Apple Features stellen können.

JAXenter: Hallo Tom und vielen Dank, dass du dir Zeit für dieses Interview nehmen konntest. Du hast über Jahre hinweg die Entwicklung und den Vertrieb von Apps aus der Sicht des App-Store-Managers verfolgen dürfen. Wie bist du zu dieser Position gekommen?

Tom Sadowski: Ursprünglich wurde ich von Apple als Head of Marketing für iTunes für den deutschsprachigen Raum eingestellt. Die Zentrale war damals in London und man suchte jemanden, der in der deutschen Medienlandschaft gut verdrahtet war und das Wachstum von iTunes (Music, Video, Books) vorantreiben konnte. Zuvor war ich bei studiVZ für eine der Plattformen zuständig und kümmerte mich auch um Marketingkooperationen. Da studiVZ damals mit 18 Mio. aktiven Nutzern so ziemlich der reichweitenstärkste Player in Deutschland war, ein offensichtlicher Fit. Ich flog also für ein Vorstellungsgespräch nach London, danach bekam ich ein Angebot.

Nach 5 Jahren Marketing und mit zunehmendem Wachstum des App-Geschäfts wurde ich gefragt, ob ich nicht die Verantwortung für das App Business übernehmen wolle. Um ehrlich zu sein führte ich zu dieser Zeit bereits anderweitig Gespräche und hätte Apple fast verlassen – doch dann ergab sich diese Chance und ich habe sofort zugesagt. Das war 2014. Das App-Geschäft war damals ungefähr ein Drittel so groß wie heute, wuchs jedoch rasant und mir war klar, wohin die Reise gehen würde. Also ergriff ich diese Chance.

Ich habe also die vergangenen 5 Jahre ein Business gemanaged, das es vor 11 Jahren noch gar nicht gab. Das zeigt, wie schnell sich die Welt heute verändert und dass man wachsam sein muss – deshalb schreibe ich am Ende meines Buchs „App Store Confidential“ auch über Trends und Entwicklungen, die ich im App-Geschäft sehe.

JAXenter: Was sind deiner Erfahrung nach die wichtigsten Faktoren, die eine erfolgreiche App im Jahr 2020 ausmachen werden?

Sadowski: Das kommt natürlich stark auf die Kategorie, das Geschäftsmodell und den Use Case an. Aber ich beantworte die Frage mal im Kontext von Apps, die über den App Store monetarisieren (also keine Werbung, externe Services etc.).

Das ganze Business hat sich in den vergangenen Jahren komplett von einem Premium Business („pay per download“) zu einem Freemium und Subscription-Business (kostenloser Download plus In-App-Kauf oder Abo) gedreht. Das heißt im Umkehrschluss, dass es heute primär um die Konvertierung von „free“-to-„paid“-Usern geht und weniger um Nutzer-Akquisition im Sinne von Downloads. Dementsprechend ist die Monetarisierung heute der zentrale Erfolgsfaktor und übrigens auch der Bereich, in dem ich die meisten meiner Kunden heute berate. Stark vereinfacht muss eine Abo-basierte App zwei Dinge erfüllen: Sie muss einen langfristigen Mehrwert schaffen und die Nutzer müssen bereit sein, Geld dafür zu bezahlen. Wenn ersteres nicht erfüllt ist, werden die Kunden die App nicht nutzen und somit auch nicht bereit sein, wiederkehrend in Form eines Abos zu zahlen. Wenn zweites nicht erfüllt ist, fehlt dem Entwickler früher oder später das Geld, um dauerhaft Punkt eins zu erfüllen. Engagement und Monetarisierung sind also zwei zentrale Erfolgsfaktoren.

Jungen Entwicklern rate ich, dringend von Anfang an über Monetarisierung nachzudenken und nicht nur – wie immer noch weit verbreitet – über Reichweite. Nur dann ist die Monetarisierung später intuitiv, der Entwickler lernt was konvertiert und die Nutzer werden nicht enttäuscht, wenn es plötzlich eine Paywall gibt.

App Store: So werden Apps gefeatured

JAXenter: Welche Voraussetzungen muss eine App erfüllen, um von Apple im Store gefeatured zu werden? Und welche Möglichkeiten haben Entwickler, um mit Apple in Kontakt zu treten? 

Sadowski: Die üblichen Kriterien, die man auch auf Apples Developer Portal nachlesen kann, sind: UI Design, User Experience, Innovationsgrad, Grad der Lokalisierung, Qualität der App-Store-Präsenz und Einzigartigkeit. Ein besonderes Augenmerk liegt sicher auf dem ersten Eindruck und dem Onboarding.

„Versetzt Euch in die Lage eines Redakteurs, der täglich viele Apps testet.“

Wenn dieser nach dem Launch z.B. direkt auf einem Log-in-Screen landet oder ein endlos langes Formular sieht, werden weder er noch der Endnutzer begeistert sein. Gute Apps fokussieren sich auf die Lösung eines bestimmten Problems. Sie sind nicht überfrachtet, antizipieren idealerweise die Absicht der Nutzer (durch eine smarte UI und ggf. Machine Learning), entsprechen gängigen UI Standards und machen einfach Spaß.

Über appstore.com/promote kann das App Store Team kontaktiert und Apps, ein großes Update oder eine Story-Idee für den Today Tab eingereicht werden. Bitte erwartet hier kein Feedback, aber ich kann versichern, dass alle Einreichungen angeschaut werden. Und vielleicht meldet sich eines Tages ein Redakteur, weil er mehr über Eure App erfahren möchte.

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JAXenter: Wie beurteilst du die neuen Features, etwa Sign-in-with-Apple? Welchen Mehrwert haben die Nutzer von ihnen?

Sadowski: Apple hat sich das Thema Datenschutz und Privacy groß auf die Fahne geschrieben. Zugegebenermaßen können sie das auch – betreibt das Unternehmen ja ein Produkt- und Services-Business und kein Werbegeschäft. Sign-in with-Apple (oder auch Mit Apple anmelden) verfolgt zwei Ziele: Es vereinfacht die Einrichtung eines Accounts. Ich muss kein neues Passwort eingeben, sondern melde mich einfach über die Apple ID und mit Face ID an.  Desweiteren müssen E-Mails nicht geteilt werden, der Kunde ist also vor unliebsamen Mails geschützt. Aktuell sieht man noch relativ wenig Apps, die Sign-in with Apple unterstützen. Das wird sich aber ab April maßgeblich ändern, wenn das Feature für alle Apps, die externe Logins wie Facebook anbieten, bindend ist.

„Aus Nutzersicht finde ich Sign-in-with-Apple aus den oben genannten Gründen super.“

Ich weiß aber auch, dass einige Entwickler noch skeptisch sind. Auch wird das Feature Auswirkungen auf den Onboarding-Funnel haben. Während ich vielen Apps heute rate, die Account-Erstellung idealerweise Post-Purchase anzubieten, indem man versucht, die Nutzer erstmal in ein kostenloses Probe-Abo zu bekommen, kann das mit Sign-in-with-Apple schon wieder ganz anders aussehen. Hier gibt es aktuell noch zu wenig Erfahrungswerte.

JAXenter: Wir konnten in der Vergangenheit einige Trends im App-Bereich kommen und gehen sehen. Auf welche Themen wird es deiner Meinung nach in der Zukunft ankommen? Welche Trends für die App-Entwicklung erwartest du?

Sadowski: Ein Trend ist ja eine neue Entwicklung, von der angenommen wird, dass sie langfristig und nachhaltig wirkt. Wie ich in meinem Buch schreibe, denke ich, dass in den Medien zu häufig „Neue Technologie“ mit Trend gleichgesetzt wird. Nehmen wir z. B. Virtual Reality. Ein Bereich, der schon seit Jahren heiß diskutiert wird, aber de facto bis heute keinen Trend darstellt, da die meisten Menschen einfach keine Lust haben, sich eine klobige Brille aufzusetzen und von der Außenwelt abgeschottet zu sein, von der möglichen Übelkeit ganz zu schweigen. Auch müssen wir zwischen Technik-, Consumer- und Business-Trends unterscheiden. Ich versuche mal für jeden Bereich ein Beispiel zu nennen:

  1. Technik-Trend: Augmented Reality ist aktuell kein Trend, kann aber einer werden. Es gibt bereits eine Reihe von guten AR-Apps im B2B-Bereich, in der Bildung und im Medizinwesen – im Mainstream hat sich AR allerdings bis heute nicht durchgesetzt. Apps mit denen ich den Raum vermessen, die Sterne beobachten oder ein Sofa in den Raum projizieren kann, sind nützlich, aber wie häufig mache ich das? Vielleicht kommt irgendwann ein Device was alles ändert, aber solange wäre ich noch vorsichtig, AR als Trend zu bezeichnen.
  2. Consumer-Trend: Hören ist das neue Lesen. Schon jetzt verschicken viele Nutzer Sprachnachrichten anstatt Texte, hören Bücher, statt sie zu lesen und nutzen Siri-Kurzbefehle. Warum ist das so? Weil es einfacher ist, schneller geht und ich Audio auch am Steuer, mit zwei Tüten in der Hand und ohne Brille nutzen kann. Ich denke wir sind am Anfang eine längeren Audio-Welle und werden noch viele neue Use-Cases sehen, die durch Audio erst möglich oder maßgeblich vereinfacht werden.
  3. Business-Trend: Segmentierung. Das App-Business ist erwachsen geworden Eine logische Konsequenz ist die Segmentierung des Gesamtmarktes in mehrere Teilmärkte. Beispiel Dating: Schon heute gibt es neben den Generalisten wie Tinder und Lovoo auch zielgruppenspezifische Dating Apps, z.B. für Senioren, Gamer, Mollige oder verschiedene Glaubensrichtungen. Auch in anderen Bereichen werden wir mehr zielgruppenspezifische Angebote sehen. Denn je spezifischer die Zielgruppe, desto größer ist in der Regel der Mund-zu-Mund-Propaganda-Effekt. Und wenn es gelingt, diesen Effekt global auszuspielen, dann kann aus der „Nischen-App“ schnell der Marktführer im jeweiligen Segment werden.

JAXenter: Vielen Dank für das Interview.

Tom Sadowskis nun erschienenes Buch „App Store Confidential“ gibt persönliche Einblicke hinter die Kulissen des App-Geschäfts. Als dessen langjähriger Manager in Entscheider-Position vermittelt Sadowski sein Expertenwissen rund um den App Store und das Thema erfolgreiche App-Entwicklung. Das Buch liefert Antworten auf die zentralen Fragen: Wie wird Apple auf eine neue App aufmerksam? Wie gelingt die Monetarisierung? Und was unterscheidet eine gute App eigentlich von einer schlechten? Mit „App Store Confidential“ nimmt Tom Sadowski den Leser mit auf eine spannende Reise durch die Welt von Apple und dem App Business – inklusive eines Treffens mit Tim Cook. Das Buch ist als Softcover und e-Book im Murmann Verlag erschienen.
Geschrieben von
Jan Bernecke
Jan Bernecke
Jan Bernecke ist seit 2019 Online-Redakteur bei S&S Media. Zuvor war der rugbyspielende Literaturwissenschaftler im Bereich Online-Marketing tätig.
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