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Was bedeutet der Brexit für die IT-Industrie?

Melanie Feldmann

© Shutterstock / Amy Johansson

Gestern stimmte eine Mehrheit der Briten für den Austritt aus der EU. Experten sind sich einig, dass der Abgang Großbritanniens von der EU-Bühne negative Auswirkung auf alle Wirtschaftsbereiche haben wird, so auch für die IT-Industrie.

Der Verband Bitkom warnte schon im Vorfeld, dass ein Ausstieg Englands aus der EU negative Folgen für die deutsche Digitalwirtschaft haben wird. Nach Zahlen des Verbandes wurden 2015 ITK-Produkte und Unterhaltungselektronik im Wert von 2,9 Milliarden Euro nach England exportiert. Damit ist das Land hinter Frankreich der zweitwichtigste Handelspartner. Den umgekehrten Weg machten Waren im Wert von 1,2 Milliarden Euro. Bitkom-Hauptgeschäftsführer Dr. Bernhard Rohleder gab vor der Abstimmung zu bedenken: „Jedes Hemmnis für einen freien Austausch von Waren birgt die Gefahr, dass es auch zu Umsatzverlusten bei deutschen Anbietern kommt.“

Freizügigkeit muss neu verhandelt werden

Doch nicht nur beim Austausch von Waren kann ein Brexit zu neuen Hindernissen führen. Vor allem die Freizügigkeit von Arbeitnehmern steht auf der Kippe. „Wenn Großbritannien sich entscheidet, nicht mehr die Pflichten einer EU-Mitgliedschaft übernehmen zu wollen, dann ist es konsequent, dass das Land auch nicht mehr von den Vorteilen profitieren kann“, so Rohleder. Viele Vereinbarungen müssen komplett neu verhandelt werden. Für England besteht die Gefahr, dass das Land nachher mit schlechteren Deals dasteht.

Vor allem für kleinere Unternehmen können Visa und Aufenthaltsgenehmigungen abschreckend wirken oder deutlich geschäftsschädigende Auswirkungen haben. In England herrscht in der Tech-Branche Fachkräftemangel. Dass es momentan problemlos möglich ist, Experten aus Skandinavien ebenso einzustellen und nach England zu holen wie aus Rumänien, schließt diesen Skill Gap. Damit könnte es vorbei sein. Tom Marsden, CEO des Londoner Start-ups Saberr, erläutert auf Techcrunch: “A significant part of talent, in terms of developing, UX and product management comes from Spain, France and Eastern Europe and not having direct access to European talent would place significant constraint on the U.K.’s ability to really compete.“

Der europäische Binnenmarkt wird geschwächt

Auch für den europäischen digitalen Markt als ganzes kann der Brexit negative Folgen haben. Europäische IT-Unternehmen haben es jetzt bereits schwer, auf Augenhöhe mit amerikanischen und chinesischen Unternehmen zu konkurrieren. Ein starker europäischer Markt hilft ihre Position zu stärken. Diesen Markt haben die Engländer gerade verkleinert und sich selbst den Zugang dazu erschwert.

London ist zurzeit auch die Start-up-Metropole in Europa. Freizügigkeit, Englisch als Lingua Franca und die niedrigen bürokratischen Hürden für eine Firmengründung haben die britische Stadt bei Unternehmensgründern so beliebt gemacht. Mit dem Brexit schneidet England seine Unternehmen von einem starken europäischen Markt ab. Auch die viel beschworene Regulationswut der EU ist für Start-ups oft eher ein Segen als ein Fluch. Sie müssen sich eben nicht mit 28 (oder respektive 27) verschiedenen Gesetzen und Richtlinien auseinandersetzen, sondern oft nur mit den entsprechenden EU-Regularien.

Für die EU-Mitgliedstaaten könnte das aber auch einen positiven Effekt haben. Um einfachen und direkten Zugang zum europäische Markt und zu Arbeitskräften zu haben, werden sich Unternehmen eventuell nicht mehr in London ansiedeln, sondern in Berlin, Barcelona oder Stockholm.

Unsicherheit tötet das Geschäft

Unsichere Bedingungen sind Gift für Unternehmen. Da niemand genau vorhersagen kann, wie sich der Austritt Englands genau auswirkt, werden viele IT-Unternehmen zögern, ihr Geschäft in England weiter auszubauen oder neu dort tätig zu werden. Die englische IT-Branche ist nach jüngsten Zahlen dreimal stärker gewachsen als der Rest der Wirtschaft. Diese Entwicklung kann durch den Brexit einen ordentlichen Dämpfer bekommen. Auch der Geldfluss nach England kann ins Stocken geraten, denn auch Investoren setzen lieber auf stabile Märkte und politische Bedingungen. Was auch aktuell an den Börsen zu sehen ist: Das britische Pfund fiel nach Bekanntgabe des Brexits auf den tiefsten Stand seit 31 Jahren. Diese Zurückhaltung kann auch IT-Unternehmen treffen, die auf Venture-Kapital hoffen.

Aufmacherbild: Young couple taking farewell von Shutterstock / Urheberrecht: Amy Johansson

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Melanie Feldmann
Melanie Feldmann
Melanie Feldmann ist seit 2015 Redakteurin beim Java Magazin und JAXenter. Sie hat Technikjournalismus an der Hochschule Bonn-Rhein-Sieg studiert. Ihre Themenschwerpunkte sind IoT und Industrie 4.0.
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1 Kommentar auf "Was bedeutet der Brexit für die IT-Industrie?"

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Alexander
Gast

[quote] Für England besteht die Gefahr, dass das Land nachher mit schlechteren Deals dasteht.[/quote]Ich für meinen Teil _hoffe_ dass dies der Fall sein wird. Sie haben es sich schließlich selbst eingebrockt…