Interview mit Brian Behlendorf

Bitcoin Flipping: Es gibt keine Branche, die von Blockchain nicht betroffen ist

Gabriela Motroc

Brian Behlendorf

Gartner hat Blockchain ein großes Lob ausgesprochen als sie die Technologie in ihre Top 10 der strategischen Technologie-Trends für 2017 aufgenommen haben. Aber wie glatt wird es von jetzt an weiter laufen? Wir haben Brian Behlendorf, Geschäftsführer des Hyperledger-Projekts, eingeladen, um über die wichtigsten Errungenschaften des Projekts zu sprechen und darüber, wie unzählige Branchen von der Verwendung von Blockchain profitieren können.

JAXenter: Hyperledger ist inzwischen ein Jahr alt. Was sind die wichtigsten Errungenschaften bisher?

Brian Behlendorf: Bis Ende Januar hat Hyperledger 3.821 Beiträge von 119 Mitwirkenden erlebt. Das sind insgesamt 222.865 Zeilen Code. Die Projekte Fabric und Sawtooth Lake haben im vergangenen Jahr neue Beiträge, Schwung und bedeutendes kommerzielles Interesse angesammelt. 2016 sind mehr als 25 Proof of Concepts und Piloten auf Basis der Technologien von einigen der weltweit führenden Finanzdienstleistungsinstitute gebaut worden. Außerdem hat Hyperledger im Oktober die Healthcare Working Group ins Leben gerufen, um Gespräche über entsprechende Anwendungen der Blockchain-Technologie auf technischer und unternehmerischer Ebene zu führen und zu fördern.

Wir verdanken einen großen Anteil des Wachstums und Erfolgs von Hyperledger in seinem ersten Jahr dem Governance-Modell der Linux Foundation. Das Modell ermöglicht Zusammenarbeit auf höchstem Niveau zwischen Organisationen aller Formen und Größen, genauso wie es Entwickler-Communities und Fachleuten erlaubt, in einer offenen, fairen und strukturieren Art und Weise zu iterieren. Bei Hyperledger werden alle Beiträge geschätzt.

JAXenter: Was sind die Pläne für die nahe Zukunft? Was ist der nächste Meilenstein für Hyperledger?

Brian Behlendorf: Während wir auf eine weitere Reife des Hyperledger-Umbrella-Projekts mit dem 1.0-Releases und darüber hinaus zusteuern, ist es unser Ziel, die Anziehung und das Interesse von Enterprise-Entwicklern zu vergrößern, indem wir die Vorteile der Entwicklung in einer wirklich offenen Community kommunizieren. Wie wir es auch in anderen gedeihenden Open-Source-Communities beobachten können, kommt die Stärke aus öffentlichen Entwicklungsprozessen, aus der „Do-Ocracy“, in der Governance auf Partizipation basiert und wo Entwicklungsideen Input von einigen der klügsten Entwickler in der Branche erhalten und auch von ihnen geprüft werden. Das Endergebnis von all dem ist ein Code, der verändern wird, wie die Welt funktioniert.

JAXenter: Die neuen Mitglieder Airbus, Wanda und Energy Blockchain Labs weisen auf weitere Branchen hin, die das Potenzial haben, sich 2017 durch die Blockchain-Technologie neu zu erfinden. Welche weiteren Branchen können von der Verwendung von Blockchain profitieren?

Brian Behlendorf: Es ist schwer zu argumentieren, dass es eine Branche gibt, die nicht in irgendeiner Weise davon profitieren kann. Jede Branche nutzt Transaktionen, um ihre Arbeit zu erledigen. Jede Branche kämpft mit mangelndem Vertrauen. Jede Branche leidet unter Verträgen, die manuell ausgefertigt werden und unter undurchsichtigen Vermögenswerten. Einige Branchen werden die Technologie schneller aufnehmen als andere. Obwohl ich glaube, dass es innerhalb jeder Branche Early Adopters geben wird, die davon profitieren werden.

Banken und andere Marktmacher werden keinen neuen Mitspieler akzeptieren, der einfach versucht, auf einer anderen Ebene zu zentralisieren.

JAXenter: Ist die Tatsache, dass mehr Branchen daran interessiert sind, Blockchain einzusetzen ein Anzeichen dafür, dass die Technologie bereit ist, in den Mainstream zu gehen?

Brian Behlendorf: Es ist nicht zu verrückt zu denken, dass in den nächsten fünf Jahren fast jede Fortune 500-Firma – vielleicht sogar die Top 1000 – auf einem dezentral geführten Kontobuch Transaktionen abwickeln und ihre Prozesse mithilfe von intelligenten Verträgen automatisieren wird. Blockchain ist nur als gemeinsames System für Aufzeichnungen innerhalb eines Peer-Netzwerk wirklich sinnvoll. Das heißt, man kann Blockchain nicht allein implementieren, sondern muss es mit anderen zusammen machen. Überall also, wo ein Unternehmen in einem Netzwerk von Handelspartnern, einer Lieferkette oder einem regulierten Markt teilnimmt, wird man wahrscheinlich eine operative und strategische Investition in Blockchain-Technologie erleben. Zudem ist die Aussicht, diese Technologie dafür zu nutzen, über ein gemeinsames Aufzeichnungssystem hinauszukommen und neue digitale Vermögenswerte zu schaffen (Versicherungsverträge, Optionsverträge, Anteile von einem Unternehmen usw.) sehr real und einige Leute arbeiten bereits an Pilotprojekten. Leider werden die meisten Konsumenten davon nichts mitbekommen, weil es dabei vor allem darum geht, B2B-Systeme effizienter und transformativ zu machen. Trotzdem sollte es zu wettbewerbsfähigeren und vertrauenswürdigen Märkten führen.

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JAXenter: Bei unserem letzten Gespräch hatten Sie erwähnt, dass es an den Entwicklern liegt, wie bald Blockchain in den Mainstream geht. Hat sich die Anzahl der Entwickler, die an dieser Technologie arbeiten, erhöht?

Brian Behlendorf: Die Zahl der Entwickler, die bei unseren Meetups und Events auftauchen sowie in unseren Projekten und in der breiteren Community, wächst stetig. Da immer mehr von ihnen den zugrunde liegende Wert des Ansatzes verstehen – nicht bei den von Hype und Risikokapital angetriebenen Start-ups, sondern an den Orten, an denen echtes Geld gespart werden kann oder wirkliche neue Anwendungen gebaut werden –, glaube ich, dass es Auswirkungen auf die breitere Community von Entwicklern hat, die es solange ausgesessen haben, wie es ausschließlich mit Kryptowährungen assoziert war. Die Leute erkennen jetzt, wie man dies in die bereits vorhandenen Governance-Modelle, Transaktionsnetzwerke und Geschäftsbeziehungen einbringt, was zwar einige Dritte hier und da stört, aber nicht alle zwingt ihre Geschäftsmodelle gleichzeitig zu ändern. Dieser Pragmatismus mag von einigen als ein Kompromiss interpretiert werden, aber für andere ist es sehr wichtig, endlich loszulegen und alles zu entmystifizieren.

Wir entwickeln noch daran, was man DevOps der Blockchain nennen könnte.

JAXenter: Welche Einschränkungen gibt es bei Blockchain?

Brian Behlendorf: Viele Anwendungen in der wirklichen Welt werden solange durch Probleme mit Transaktionsraten aufgehalten bis wir über einen ausgereiften Fundus von Technologien und Techniken zur Skalierung von Transaktionen über Chains verfügen. Dies gilt sogar in der Chain eines Konsortiums, wo man viel höhere Transaktionsraten erzielen kann als auf öffentlichen Chains. Aber die Zehntausenden von Transaktionen pro Sekunde zu erreichen, über geografisch diverse Netzwerke mit nicht-trivialer Validierungslogik auf jedem Knoten, wird eine architektonische und Design-technische Herausforderung für viele Entwickler, die auf diesem Gebiet arbeiten. Die gute Nachricht ist, es gibt viele Use Cases für viel niedrigere Transaktionsraten – man denke an Grundbucheinträge, medizinische Datenbanken für kleinere Länder oder Lieferketten für eine bestimmte Branche. Und die Entwickler von Hyperledger arbeiten an großartigen Techniken für die Skalierbarkeit. Es ist lediglich eine Frage der Zeit.

Es gibt einen größeres Thema, demzufolge diese Domain noch sehr jung ist und dass wir wir immer noch entwickeln, was man in etablierten Domains unter der Management-, Monitoring- und Design-Perspektive sieht, was man DevOps der Blockchain nennen könnte. Mit dem Cello-Projekt beginnen wir die Arbeit auf diesem Gebiet. Das Endziel ist einfaches und schnelles Deployment und Verwalten der zugrundeliegenden Layer, sodass sich alle anderen auf intelligente Verträge und Anwendungen konzentrieren können. Wir werden in diesem Jahr noch erhebliche Fortschritte erzielen, aber es kann herausfordernd sein, heute in die Produktion zu gehen.

JAXenter: Infosys Consulting behauptet in seinem Whitepaper „Blockchain Technology and the Financial Services Market“, dass die Banken mit den FinTechs zusammenarbeiten, weil sie die Technologie verstehen müssen. Glauben Sie, dass die Beteiligung von FinTechs zu einer breiteren Übernahme der Blockchain-Technologie führen könnte?

Brian Behlendorf: Ich habe den Bericht nicht gelesen, das ist meine Sichtweise: Kein Zweifel, es gibt eine Welle von jungen Unternehmen, die sich auf Blockchain-Technologie spezialisiert haben. Die Banken arbeiten mit vielen von ihnen einfach deswegen zusammen, weil Innovation innerhalb von großen, vorsichtigen und regulierten Institutionen schwierig sein kann. Das ist eine enorme Chance für diese neuen Start-ups. Aber sie und ihre Investoren sollten vorsichtig sein mit Geschäftsmodellen und Ansätzen, die versuchen, Blockchain-Technologie zu verwenden, um sich als das neue Zentrum des Ökosystems zu etablieren. Viele kleinere Unternehmen haben etwas, was ich SWIFT- und PayPal-Neid nennen würde. Sie sind sehr kritisch gegenüber zentralisierten Finanzsystemen, die eine erhebliche finanzielle Rendite für ihre Besitzer erwirtschaften, und sie zeigen mit Recht auf die Blockchain-Technologie als eine Möglichkeit, um diese Systeme zu dezentralisieren. Aber das bedeutet trotzdem nicht, dass Banken und andere Marktmacher einen neuen Mitspieler akzeptieren werden, der einfach versucht, eine andere Ebene zu zentralisieren. Es wird eine hart umkämpfte Welt sein, in der die Banken zögerlich sein werden, exklusive Beziehungen zu bilden und die Technologie selbst macht Lock-ins und hohe Margen zu einer Herausforderung.

JAXenter: Der IMF behauptete in seinem Artikel The Internet of Trust, dass Blockchain „das nächste Internet“ werden kann. Was sagen Sie dazu?

Brian Behlendorf: Ich denke, Ginny Rometty von IBM hat es besser gesagt: Was das Internet für Informationen war, wird die Blockchain-Technologie für Transaktionen sein. Dies ist alles ergänzend zu bestehenden Internettechnologien und Bemühungen und wird hoffentlich helfen, gegen einige der Tech-Trends anzugehen, die Re-Zentralisierung bevorzugen. Das ist eine viel bessere Art von „Cloud“ als einem einzigen Anbieter zu vertrauen, um alle unsere Daten und alle unsere Anwendungen für uns aufzubewahren. So gesehen ist dies langfristig der Schlüssel, um neu zu erfinden, wie viel vom Nutzwert des Internets auch an uns ausgeliefert wird. Aber es wird parallel und über HTTP, SMTP, TCP/IP und allen anderen laufen.

JAXenter: Vielen Dank!

behlendorf_brianBrian Behlendorf ist der Executive Director des Hyperledger-Projekts. Zuvor war er Managing Director bei Mithril Capital Management in San Francisco. Er war außerdem CTO beim World Economic Forum und arbeitete zwei Jahre als Berater für das Open-Government-Projekt im Weißen Haus innerhalb des Office of Science and Technology Policy. Später war er auch Berater für Health and Human Services für ein Open-Source-Vorgehen zum Teilen von Gesundheitsinformationen. Zuvor gründete er zwei Technologieunternehmen und verschiedene Open-Source-Projekte.
Geschrieben von
Gabriela Motroc
Gabriela Motroc
Gabriela Motroc ist Online-Redakteurin für JAXenter.com. Vor S&S Media studierte Sie International Communication Management an der The Hague University of Applied Sciences.
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