Automatisierung und Transparenz in Zeiten von Corona

COVID-19: Mit Blockchain belastbare Lieferketten aufbauen

Gopikrishnan Konnanath

© Shutterstock / enzozo

COVID-19 sowie der einhergehende wirtschaftliche Lockdown setzen Unternehmen weltweit unter Druck – besonders aus den Branchen Verbrauchsgüter, Produktion und Logistik. Gleichzeitig kommen die Lücken und Ineffizienzen der globalen Lieferketten ans Licht. Die Blockchain-Technologie sorgt für bessere Transparenz und Automatisierung und könnte die Lösung für diese Herausforderung sein.

Weltweit setzen Regierungen strikte Maßnahmen um, damit sich die Ausbreitung von COVID-19 eindämmen lässt. Gleichzeitig versuchen ganze Branchen die Auswirkungen des Virus sowie der Maßnahmen auf ihre Lieferketten so gering wie möglich zu halten. Laut einer Studie von Dun & Bradstreet [1] sind mittlerweile 94 Prozent der Lieferketten der Fortune 100-Organisationen betroffen – sogar Unternehmen, die führend in Sachen Technologie und Lieferkette sind, kämpfen damit. Apple hat beispielsweise momentan keine Möglichkeit, an die nächste Charge iPhones zu gelangen; und in China schloss Tesla vorübergehend seine Fabrik. [2]

COVID-19 ist nicht der erste Vorfall, bei dem die Schwächen der weltweiten Lieferketten aufgrund unerwarteter Vorkommnisse zum Vorschein kommen. Nach dem Tsunami, der 2011 Fukushima in Japan traf – und einen der schlimmsten Atomunfälle der Welt auslöste – zeigte sich, dass 60 Prozent der kritischen Auto-Teile aus der betroffenen Region bezogen wurden. Der isländische Vulkan Eyjafjallajökull hüllte nicht nur ganz Nordeuropa in eine dicke Aschewolke, sondern behinderte auch die Lieferung hochwertiger Komponenten; BMW und Nissan mussten zeitweise ihre Produktion aussetzen. [3] In 2003 legte die SARS-Epidemie – ein anderer Coronavirus als aktuell – teilweise die Elektronik-Lieferkette lahm. [4]

All diese Ereignisse leiteten wichtige Veränderungen ein, dennoch legt die COVID-19-Krise einmal mehr die Risiken und Lücken des globalen Lieferkettenmodells offen. Aber diesmal ist das Ausmaß größer: Weltweit sind Unternehmen von Lieferungen aus 12.000 Fabriken aus den betroffenen – unter Quarantäne stehenden – COVID-19-Regionen aus China, Südkorea und Italien abhängig. [5] Selbst Branchenführer haben Schwierigkeiten, die betroffenen Lieferanten rechtzeitig zu identifizieren und schnell Gegenmaßnahmen einzuleiten.

Transport und Logistik sind aufgrund des großen Anteils an manuellen, durch Menschen ausgeführten Aufgaben besonders betroffen. Um die Ausbreitung des Virus zu verhindern, dürfen Schiffe beispielsweise nur Häfen ansteuern, wenn die Crew geschlossen negativ getestet wurde. In den USA verzeichnet die nationale Zollbehörde U.S. Customs bereits jetzt einen starken Rückgang von Importen an den wichtigsten Häfen des Landes. Viele Logistikunternehmen und LKW-Fahrer haben Bedenken und bleiben zuhause. Es ist gut möglich, dass COVID-19 in den kommenden Wochen auch den LKW-Verkehr lahmlegt.

Darüber hinaus kämpfen viele Organisationen mit der Herkunft von Materialien, die innerhalb ihrer Netzwerke eingesetzt werden. Im Umgang mit einer Krise wie COVID-19 kann dies ein wichtiger Faktor sein, denn immer mehr Verbraucher möchten wissen, wo die erworbenen Produkte (besonders Nahrungsmittel, Konsumgüter und Baby-Produkte) herstammen und wie sie den Weg in das Geschäft gefunden haben – und entsprechende Nachweise.

Die größte Herausforderung ist dabei, dass Lieferketten mit der Zeit hoch dezentralisiert, komplex und verschlankt wurden. So lange alles gut läuft, profitieren die Beteiligten von diesem Modell. Aber sogar dann sind Tracken und Rückverfolgung sowie Agilität und Transparenz nur begrenzt möglich. Geht jedoch etwas schief, geht es richtig schief – und die kumulativen Auswirkungen können weltweit verheerende Folgen haben. Pandemien wie COVID-19 geben Unternehmen die Möglichkeit, über den Tellerrand hinauszuschauen und Strategien zu überlegen, wie sie sich robuster und nachhaltiger aufstellen sowie der Menschheit besser dienen können.

Vorteile von Blockchain

Weltweit schreien die Lieferketten förmlich nach einem systematischen Ansatz, um Daten vertrauenswürdig zu organisieren sowie Tools zur Risikobewertung und Abschwächung von Disruptionen zu entwickeln. Solch ein Risiko-basiertes Modell ist mithilfe von Blockchain möglich.

Blockchain wurde ursprünglich entwickelt, um die Bitcoin-Kryptowährung zu unterstützen. Die Technologie ist im Prinzip ein dezentraler Ledger, in dem Transaktionen mit verschiedenen Computern geteilt werden, anstatt sie an einem zentralen Ort zu speichern. Transaktionen zwischen mehreren Parteien sind so transparenter und sicherer. Wurde eine Information erst einmal in die Blockchain hochgeladen, lässt sie sich nicht mehr verändern – und damit der wichtigste Punkt einer vertrauenswürdigen digitalen Lieferkette. Werden Transaktionen innerhalb der Blockchain gespeichert, sind diese Informationen für die komplette Lieferkette sichtbar. Mithilfe dieser Unveränderlichkeit, Rückverfolgbarkeit und Transparenz kann jederzeit die Herkunft eines Produktes innerhalb der Lieferkette bestimmt werden.

Transparenz

COVID-19 wird die Transparenz der Lieferketten der meisten Unternehmen in 2020 auf die Probe stellen. In Zeiten wie diesen hängt die Nachhaltigkeit von Unternehmen davon ab, wie gut sie ihre Wertschöpfungskette kennen. Ein veraltetes Lieferkettensystem könnte unter dem Druck der aktuellen globalen Entwicklungen zusammenbrechen. Vielen Organisationen fehlt nach wie vor der Überblick über die vor- und nachgelagerten Lagerbestände, um die sich schnell verändernde Nachfrage zu adressieren.

Viele Firmen setzen auf mehrere Lieferanten, um das Risiko auf verschiedene Schultern verteilen zu können. Aber das Netzwerk bietet nicht genug Transparenz und so wissen Unternehmen beispielsweise nicht, dass ihr neuer Tier 1-Lieferant eigentlich von weiteren Tier 2-Anbietern abhängig ist. Viele Organisationen dieser Kategorie stammen aus dem chinesischen Epizentrum der aktuellen Pandemie. Diese „unsichtbaren“ Lieferanten befinden sich momentan unter einem zeitlich begrenzten Lockdown und verfügen aufgrund der Quarantäneeinschränkungen über zu wenig einsatzfähige Mitarbeiter.5 Währenddessen können Unternehmen auf der anderen Seite des Atlantiks die Ausmaße dieses Shutdowns noch gar nicht richtig begreifen und einschätzen.

Blockchain-basierte Lieferketten vereinen alle Beteiligten innerhalb eines Netzwerks – damit entwirren sie das komplexe globale System und ermöglichen Transparenz für jeden einzelnen Schritt der Kette. Die Unternehmen sehen alle Schichten an Lieferanten und Subunternehmern sowie ihren Standort und Produktionskapazitäten. Auf diese Weise können sie Risiken bewerten, Szenarien simulieren, „was wäre wenn“-Analysen durchführen und Vorsorgemaßnahmen treffen. Darüber hinaus können Firmen schneller auf sich verändernde Situationen reagieren.

Digitalisierung

Aufgrund der Pandemie sanken Massenguttransporte seit Januar 2020 um 70 Prozent. 40 Prozent der LKWs in China bleiben momentan aufgrund der Quarantänebestimmungen und Angst vor einer Infektion im Zentrallager. Darüber hinaus leiten zahlreiche Länder präventive Maßnahmen an wichtigen Einfuhrhäfen ein, um die Verbreitung des Virus zu verlangsamen – unter anderem dürfen Crew-Mitglieder von Schiffen nicht an Land gehen. [6] An manchen Häfen müssen Schiffe sogar die Gesundheit ihrer Crew nachweisen. Gibt es Verdachtsfälle von COVID-19 an Bord, dürfen die Schiffe nicht anlegen. [7] Trotz aller Vorsichtsmaßnahmen sind Hafenarbeiter und LKW-Fahrer einem größeren Infektionsrisiko ausgesetzt, die sie regelmäßig Kontakt mit Menschen aus anderen Regionen oder Ländern haben.

Eine weitere große Herausforderung: Die meisten Lieferketten sind noch nicht vollständig digitalisiert – insbesondere Dokumente– und kommen aus diesem Grund nicht ohne menschliches Zutun aus. Die „menschliche Ebene“ der Interaktion dient der Vertrauensbildung, das für diese Dokumente und Prozesse nötig ist. Menschen, Unternehmen, Länder und die Welt insgesamt sollten Maßnahmen einsetzen, um die digitalen Möglichkeiten der Lieferketten um Vertrauenswürdigkeit zu erweitern – und zwar um eine Art von Vertrauen, das nicht etwa von Beziehungen oder physischen Kontakten abhängt. Vielmehr muss es systeminhärent sein – und damit skalierbar, um die Lieferkette in jeder Situation unterstützen zu können. Blockchain eignet sich am besten, um Organisationen beim Sprung zu vertrauenswürdigen digitalen Lieferketten zur Seite zu stehen.

Durchschnittlich sind 28 Parteien am Transport eines Schiffscontainers beteiligt. Und jede einzelne nutzt ein eigenes System für die Protokollierung. Die Blockchain – im Kern eine vertrauenswürdige digitale Datenbank – speichert die digitalen Aufzeichnungen der Transaktionen über alle Parteien hinweg. Damit wird die Blockchain zum einzigen Quell der Wahrheit für alle Beteiligten. Bereits bevor ein Schiff einen Hafen anläuft, erhalten die Behörden ohne Papierkrieg alle Details zum Eigentümer des Schiffs, Fracht, Mannschaft, Route etc. Die Hafenbehörden entscheiden darauf basierend, ob das Schiff inspiziert oder unter Quarantäne gestellt wird oder ob es alles in Ordnung ist. Dies reduziert sowohl Unsicherheiten als auch die Notwendigkeit menschlicher Interaktionen.

Es gibt zahlreiche Vorteile und Blockchain wird bereits in vielen Teilen der Welt eingesetzt. Der Port of Rotterdam, einer der wichtigsten Häfen in Europa, entwickelt eine Blockchain-basierte Lösung für die Hafenlogistik. Der komplette Verschiffungsprozess ist papierlos und bis zur finalen Lieferung beim Empfänger nachvollziehbar. [8] Transporte sowie Bestellungen sind in Echtzeit für alle Stakeholder sichtbar und Finanztransaktionen werden unmittelbar durchgeführt – dies reduziert das Risiko und steigert die Zuverlässigkeit und Interoperabilität.

Die Regierung der USA setzt die Blockchain für die Zollabwicklung ein und ermöglicht seinen Mitarbeitern damit, im Home Office zu arbeiten, um die Ausbreitung von COVID-19 kontrollieren zu können. Alle Dokumente werden virtuell verarbeitet – Zollbeamten müssen für die Bearbeitung also nicht an ihrem Schreibtisch sitzen oder gar am Hafen anwesend sein. [9]

Abstimmungsprozesse können ebenfalls sehr zeitintensiv sein, besonders in Krisenzeiten. Gerade Transportunternehmen, die aufgrund staatlicher Restriktionen und geringer Auftragsvolumina Geschäft verlieren könnten, drohen finanzielle Notlagen. Sogenannte Smart Contracts erweisen sich in solchen Situationen als nützlich. Smart Contracts sind Protokolle, die digitale Transaktionen automatisieren und Maßnahmen einleiten, wenn bestimmte Voraussetzungen erfüllt werden. Liefert ein LKW Güter an der Lagerhalle ab, werden die Frachtpapiere digital gegengezeichnet und verifiziert. Im Anschluss wird die Rechnung direkt beglichen und das Geld an die Transportfirma überwiesen – alle Transaktionen werden sofort von allen Parteien verifiziert.

Herkunft

In den vergangenen zehn Jahren sahen sich Unternehmen einem zunehmenden Druck in Sachen Transparenz ihrer Lieferkette konfrontiert. Mit der schnellen Verbreitung von COVID-19 wird diese Transparenz nun zur Notwendigkeit. Konsumenten haben Bedenken, dass Produkte aus mit dem Virus infizierte Gebieten stammt oder durch sie transportiert wurde. Verbraucher, medizinische Fachkräfte und Regierungen sind dazu verpflichtet, nicht nur die Herkunft eines Produkts zu belegen, sondern auch, wo es sich innerhalb der Lieferkette überall befunden hat.

Ein Beispiel: Fleisch wird in einem Kühltransporter ausgeliefert. Nach der Ankunft an der Lagerhalle muss das Empfängerunternehmen einige Proben entnehmen und diese im Labor auf Qualität testen lassen. Selbst wenn die Ergebnisse positiv (bzw. unbedenklich) sind, kann sich das Empfängerunternehmen niemals der Herkunft sicher sein oder etwa, wie die Charge transportiert wurde. Die einzige Sicherheit ist das Versprechen der Logistikfirma, dass die Kühlkette während der kompletten Auslieferung zu keiner Zeit unterbrochen wurde.

Diese Bedenken werden mit der Blockchain obsolet. Die verschiedenen Parteien – Produzenten, Versandfirmen und Überlandtransporteure sowie der Groß- und Einzelhandel – gehören zum gleichen Blockchain-Netzwerk. Während das Unternehmen das produzierte Fleisch aggregiert, erfasst es die Informationen und lädt sie in das Blockchain-Netzwerk. Im Anschluss wird das Fleisch verpackt, in die gekühlten Container geladen und über den Seeweg an verschiedenen Destinationen verschifft. Einmal am Hafen angekommen, wird die Ware mithilfe von Kühltransportern zu den Lagerhäusern der Großhändler transportiert. Danach wird das Fleisch an die Einzelhändler verteilt.

Im Laufe des Transportweges, dokumentieren fälschungssichere Internet of Things-fähige Geräte in den Lagercontainern und LKWs die Temperaturen und übertragen sie in die Blockchain. Smart Contracts können so programmiert werden, dass bei einer Temperaturüberschreitung oder -unterschreitung sofort eine Benachrichtigung an alle Parteien gesendet wird, um sie auf den Verstoß hinzuweisen. Sie können dann direkt entscheiden, wie mit den vermutlich beschädigten Produkten umgegangen werden soll. Wenn der Verbraucher das Produkt schließlich kauft, kann er die gesamte Reise allein durch das Scannen eines QR-Codes nachvollziehen.

Bei lebensmittelbedingten Krankheiten wird die Herkunft noch relevanter. Produkte aus den betroffenen Gebieten können schnell entsorgt werden, während die Produkte aus sicheren Gebieten weiterhin unbeeinträchtigt weitertransportiert werden können.

Zeit für Veränderung

Aus technologischer Sicht könnte die Blockchain die ideale Lösung für die nötige Transparenz und Vertrauenswürdigkeit sein. Sie kann unkompliziert in bestehende Enterprise Resource Planning (ERP)-Systeme integriert werden und bildet die Basis für die Entwicklung hochkomplexer, aber intuitiv bedienbarer Planungssysteme für Lieferketten.

Dennoch wird die Einführung zu signifikanten Disruptionen führen – und wahrscheinlich werden einige Akteure der Lieferkette die Technologie nicht akzeptieren. Für viele Unternehmen steht der Schutz der sensiblen und risikoreichen Bereiche ihres Netzwerks über Transparenz. Die Blockchain ebnet hier das Spielfeld und erschafft einen offenen Markt – und damit Platz für neue Akteure, die bisher noch nicht in der Branche in Erscheinung getreten sind.

Veränderung ist fast nie einfach. Aber wenn Unternehmen die Gelegenheit nutzen, um bessere Systeme zu schaffen, kann das globale Versorgungsnetz stärker und besser an die Bedürfnisse unserer modernen Welt angepasst werden. Der Antrieb für diesen Wandel muss von den Käufern kommen – den Verbrauchern, Einzelhändlern und Unternehmen der Konsumgüterindustrie. Wichtig ist dabei, dass alle Parteien um die langfristigen Vorteile wissen und sich erste Projekte schnell umsetzen lassen, um den Mehrwert zu beweisen.

Die Gründung von Blockchain-Konsortien kann hier helfen: Sie bringen Akteure innerhalb eines Netzwerks zusammen, um einen gemeinsamen Weg zu finden. In einer Welt, in der Lieferketten und Märkte global sind, sind auch die Widrigkeiten global. Es gibt keine Garantien, dass COVID-19 die letzte Pandemie dieses Ausmaßes sein wird. Und andere unvorhergesehene Katastrophen sind unvermeidlich, so dass es besonders wichtig ist, jetzt mutige Schritte zu unternehmen, um eine widerstandsfähigere Basis für die Zukunft zu schaffen.

 

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Geschrieben von
Gopikrishnan Konnanath

Gopikrishnan Konnanath ist SVP und Head of Oracle sowie Blockchain Services bei Infosys. Er verfügt über mehr als 25 Jahre Berufserfahrung in Indien, Europa und Nordamerika; dabei liegt sein Fokus auf den dynamischen und komplexen Geschäftsanforderungen seiner Kunden.

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