Keine Blockchain-Adoption ohne Ökosystemanalyse

Die passende Blockchain-Strategie

Prof. Dr. Sebastian Richter, Dr. Erich Heumüller

© Shutterstock / Alexander Yakimov

Die Blockchain-Technologie hat vor allem im Finanzbereich massiv Aufmerksamkeit auf sich gezogen und noch wichtiger: Investitionskapital. Was diesen Hype kennzeichnet, ist jedoch, dass trotz des bereitstehenden Kapitals bislang kaum neue Konzepte zur Nutzung der Technologie umgesetzt werden. Eine breite Adoption von Blockchain in Gestalt neuer Produkte und Services für jedermann ist ausgeblieben.

Viele Konzepte zum Thema Blockchain besitzen einen enormen Reiz: Sie sind technisch, ökonomisch und sozial faszinierend (Kasten: „Blockchain als Transaktionslogbuch“). Das hohe Nutzenpotenzial der Technologie speist sich beispielsweise aus reduzierten Transaktionskosten sowie aus der Sicherheit und Anonymität im Datenaustausch. Damit Blockchain das Next Big Thing wird, müssen die Projekte dem Konzeptstadium entwachsen. Für Unternehmen wird es entscheidend sein, vor der Adoption zunächst die strategischen Implikationen eines möglichen Blockchain-Engagements zu klären: durch eine Ökosystemanalyse.

Blockchain als Transaktionslogbuch

Eine Blockchain kann man, ohne technisch in die Tiefe zu gehen, im Grunde als Transaktionslogbuch beschreiben, das vier Eigenschaften aufweist:

  1. Das Logbuch ist auf verschiedenen Knoten repliziert (kopiert und verteilt), sodass es so lange existiert, bis alle Knoten abgeschaltet sind (Ziel ist die Ausfallsicherheit).
  2. Die Akzeptanz der Transaktion (bezüglich Gültigkeit) wird durch einen dezentralen (zum Beispiel demokratischen) Prozess zwischen den Knoten bestätigt (Ziel ist die Dezentralität).
  3. Die Reihenfolge der Transaktionen ist unveränderbar.
  4. Die Transaktionen sind mittels mathematischer Verfahren gegen nachträgliche Manipulation geschützt.

Die Anzahl der Akteure im Bereich Blockchain nimmt zu. Sei es, dass sie die Technologie bereits einsetzen, sie künftig nutzen wollen oder sie bekämpfen. Ebenso wächst die Zahl der Transaktionen, die durch Blockchain möglich werden. Das Engagement für die Technologie führt zu neuen Geschäftsmodellen, die bestehende angreifen und infrage stellen. Es werden sogar schon erste institutionelle Regulierungen geschaffen, um entstehende Geschäftsfelder und Märkte zu ordnen. Aber trotz der potenziellen Vorteile ist die Adoption von Blockchain im Vergleich zu anderen Technologien noch verhalten. Die bloße Erklärung, viele Unternehmen verstünden die komplexe Blockchain-Technologie einfach nicht, greift allerdings zu kurz. Eine Technologie zu verstehen, ist selten die Voraussetzung dafür, sie zu nutzen. Vielmehr hat für Unternehmen die Entscheidung über den Einsatz von Blockchain oft – und insbesondere bei kritischen Geschäftsprozessen – eine strategische Dimension.

Zu den Hemmnissen auf strategischer Ebene zählen beispielsweise Unklarheiten über die Einstiegsbarrieren, die relevanten Akteure und deren Beziehungen untereinander. Typische offene Fragestellungen sind: Wenn ich Blockchain-Technologie nutzen will, mit wem arbeite ich dann zusammen, wer sind überhaupt die Akteure? Welche Abhängigkeiten ergeben sich daraus für mich? Welche Strategien und Handlungsempfehlungen sollte ich befolgen, wenn ich mit dieser Technologie Fuß fassen oder sie etablieren will?

Um Fragestellungen wie diese zu beantworten, ist es hilfreich, das betriebswirtschaftliche Konzept des Ökosystems als Schlüssel zu nutzen, um das Phänomen Blockchain zu verstehen. Erst ein Verständnis der Abhängigkeiten und Beziehungen der Akteure im Blockchain-Ökosystem schafft die Grundlage dafür, Handlungsmöglichkeiten zu identifizieren sowie geeignete Maßnahmen abzuleiten und umzusetzen. Die Analogie vom Blockchain-Ökosystem eröffnet überraschende Einsichten und zeigt zugleich sinnvolle Entwicklungslinien auf.

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Dem Wesen nach dezentral

Blockchain-Technologie wird oft als dezentrales System beschrieben. Das ist sicher einer der Wesenskerne der Technologie. Blockchains dienen dazu, Transaktionen manipulationssicher abwickeln bzw. speichern zu können. Die Intention dabei ist es, bewusst auf Mittelsmänner zu verzichten, denn diese sind ihrer Machtposition wegen immer in der Lage, Transaktionsnutzer auf unangemessene Weise mit Kosten zu belegen. Dass Blockchain ihrem Wesen nach einen dezentralen Charakter hat, hat jedoch aus organisatorischer Sicht Konsequenzen. Wegen dieser immanenten Dezentralität fehlt jenes zentrale Element, das erforderlich wäre, um Verträge zu schließen, um Zusicherungen – etwa in Service Level Agreements – zu machen und um bei Verstößen gegen Vereinbarungen zu vermitteln. Kurzum: Wenn Blockchain-Technologie zum Element der eigenen Geschäftsprozesse wird, bleibt im Grunde vollkommen unklar, mit welchem Partner der Geschäftsaustausch im Infrastrukturbereich nun eigentlich stattgefunden hat.

Privat oder offen?

Ein grundlegender Unterschied zwischen den verschiedenen Blockchain-Ansätzen besteht darin, dass sie entweder einen offenen oder einen privaten Charakter haben, dass es sich um eine Public Blockchain oder eine Private Blockchain handelt. Zunächst ist der Unterschied zwischen den beiden Formen nur durch die Art des Zugangs begründet: Während die offene Blockchain für jedermann zugänglich ist, ist der Zugang zu einer privaten Blockchain geschützt und einem exklusiven Kreis vorbehalten. Diese Differenz hat auch wichtige technologische Folgen. Die typischen Algorithmen offener Blockchains sehen einen Inzentivierungsmechanismus für diejenigen Knoten vor, die bereit sind, mittels Rechenleistung die Aufgabe der Verifikation zu übernehmen und die Korrektheit und Integrität von Transaktionen zu prüfen, die in einem Block gesammelt werden. So wird ein sogenanntes vertrauensfreies Transaktionsumfeld geschaffen. Offene Blockchains werden darum oft auch als vertrauensfreie Blockchains bezeichnet.

Vertrauen in die Technologie

Herkömmliche wirtschaftliche Transaktionen beruhen immer zu einem gewissen Grad auf Vertrauen. Offene Blockchains möchten aber eine Technologie bereitstellen, bei der dieses Vertrauen nur zu einem absoluten Minimum ausgeprägt sein muss: als Vertrauen in die Technologie selbst – und nicht mehr als Vertrauen in die beteiligten Entitäten. Insofern sieht eine offene Blockchain schon per Design vor, dass sich an ihrer Aufrechterhaltung sehr viele Partner beteiligen, die alle in gewisser Weise gleiche Rechte haben. Scheiden einzelne Partner aus, ist dies für die Funktionsweise der Blockchain irrelevant. Diese Offenheit hat aber auch zur Folge, dass eben kein zentraler Ansprechpartner mehr existiert, sondern dass die Blockchain selbst zu einer Art Organisation wird. Nur hat diese Organisation – anders als beispielsweise eine Aktiengesellschaft, die eine juristische Person ist – keine menschliche Manifestation.

Vertrauen in die Partner

Private Blockchains nennt man dagegen oft ausdrücklich vertrauensbasiert. Denn private Blockchains lösen das Vertrauensproblem dadurch, dass sie den Zugang regeln. Sie werden deshalb nur von einem exklusiven Kreis von Partnern betrieben, die einander im Regelfall kennen. Wie im Kontext solcher privaten Blockchains die unverzichtbaren Regeln über das Zustandekommen valider Blöcke kreiert werden, hängt davon ab, worauf sich die Partner in ihren Verhandlungen verständigen. Auch eine private Blockchain kann als Ökosystem aufgefasst werden, nur lässt sich dieses Ökosystem deutlich einfacher steuern.

Drei Blockchain-Archetypen

Betrachtet man die zahlreichen Technologieartefakte von Blockchain, die damit einhergehenden Use Cases und den entweder privaten oder offenen Typus, ist es möglich, Blockchain-Ansätze in verschiedene Klassen zu gliedern. Mehr und mehr zeichnen sich dabei heute drei verschiedene Archetypen von Blockchains ab. Diese unterschiedlichen Archetypen bieten bestimmte Services an, die von Unternehmen adoptiert werden können. Aufseiten der vertrauensfreien Blockchains werden wohl zwei Archetypen überleben, während die private, vertrauensbasierte Blockchain einen eigenen Archetypus bildet.

Bitcoin und andere Kryptowährungen

Der erste Archetyp ist eine Blockchain, die dem Bezahlen dient. Derzeit ist hier die bekannteste Technologie diejenige, die auf der Bitcoin beruht – wenngleich es unerheblich ist, ob man Bitcoin oder eine andere Kryptowährung betrachtet. Der Charme einer solchen Währung ist vielfältig und es ist durchaus sinnvoll, Kryptowährungen zu entwickeln und technologisch zu beherrschen.

Etherium

Der zweite Archetyp besteht ebenfalls aus einer offenen Blockchain. Allerdings kombiniert dieser Archetyp die Bezahlung per Token mit Smart Contracts in Form von Algorithmen, die in einer klassischen Programmiersprache entwickelt werden. Dabei werden die Algorithmen in der gesamten Blockchain repliziert und parallel ausgeführt. Das derzeit bekannteste Beispiel dafür ist Etherium. Diese beiden offenen Archetypen – der Bitcoin- und der Etherium-Typ – zielen auf potenziell unbekannte Partner, wie sie typischerweise der Endkunde darstellt. Allerdings ist vor allem der Etherium-Archetyp ebenfalls für IoT-Szenarien relevant, weil hier Maschinen dynamisch Verträge miteinander schließen können.

Private Blockchains

Der dritte Archetyp ist die private Blockchain an sich. Derzeit wird sie in vielfältiger Weise implementiert und beispielsweise auch als Blockchain-as-a-Service von IBM angeboten. Dieser Blockchain-Archetyp wird nicht zuletzt im B2B-Bereich, beim Implementieren von Supply Nets, bei der Nachweisdokumentation etc. zum Einsatz kommen. Verglichen mit den beiden offenen Archetypen gestaltet sich die Adoption der privaten Blockchain einfacher, weil dabei typische, bereits bestehende Geschäftsbeziehungen aufrechterhalten bleiben. Blockchain-Provider können dabei Infrastrukturverpflichtungen eingehen, die vertraglich zwischen herkömmlichen Organisationen geschlossen werden und die sich überwachen lassen. Einen Zwang, innerhalb einer privaten Blockchain auch Kryptowährungen einzuführen, gibt es nicht.

Das Konzept des Businessökosystems

Den Begriff des Business Ecosystem wurde erstmals von James F. Moore in den 1990er-Jahren verwendet. Anschließend haben ihn verschiedene Forscher mit unterschiedlichem Fokus weiterentwickelt. Bestehende Business-Ecosystem-Definitionen beziehen sich hauptsächlich auf die Verbindung zwischen ökonomischen Agenten und der Tatsache, dass diese Agenten für ihren Erfolg und ihr Überleben voneinander abhängig sind.

Mikko Peltoniemi hat 2006 diese Definition formuliert: „Ein Businessökosystem besteht aus einer großen Zahl an Teilnehmern. Dies können Wirtschaftsunternehmen oder andere Organisationen sein. Sie sind in dem Sinn untereinander verbunden, dass sie eine Auswirkung aufeinander haben. Die Verbundenheit gestattet verschiedene Interaktionen zwischen den Mitgliedern. Diese Interaktionen können sowohl kompetitiv als auch kooperativ sein. Zusammen mit ihrer Verbundenheit teilen die Organisationen auch ein gemeinsames Schicksal. Die Mitglieder sind voneinander abhängig, und das Versagen einer Firma kann zum Versagen anderer Firmen führen.“

Heute lässt sich beobachten, dass ein Ökosystem, das aus vielen eigenständigen Elementen (Unternehmen, Verbrauchern, Co-Kreatoren oder öffentlichen Organisationen) besteht, Leistungen hervorbringt, die letztlich als komplexes Produkt, Dienstleistung oder hybride Leistung konsumiert werden können (Abb. 1). Wesentlich ist dabei, dass kein Unternehmen mehr einseitig das komplexe Gebilde des Ökosystems beherrscht. Dennoch kann es besondere Machtstellungen geben, die auch in besonderen Margen münden.

Abb. 1: Ein zeitgenössisches Ökosystem besteht aus vielen eigenständigen Elementen

 

Die mangelnde Rechtsverbindlichkeit

Auch in einer offenen, einer Public Blockchain muss ein ganzes Ökosystem eine komplexe Leistung erbringen. Das Ökosystem besteht aus Knoten (Servern, auf denen die Blockchain repliziert wird), Minern (Servern, die die Konsistenz von Blöcken von Transaktionen sicherstellen), Exchanges (die Währungen wechseln, sofern Services auf Bezahlung basieren) sowie vielen weiteren Elementen. Die Leistungen dieses Ökosystems bestehen unter anderem darin, dauerhaft eine Kette von Blöcken zu speichern, die durch Anfragen eingesehen werden können, und auch weitere Transaktionen entgegenzunehmen und abzuwickeln. Fallen aber Elemente dauerhaft aus, kann die Blockchain nicht mehr arbeiten. Wenn also Exchanges flächendeckend ihren Tauschservice einstellen, lässt sich ein bestimmter Token nicht mehr in herkömmliches Geld wechseln. Zugleich existiert aber keine Instanz mit einer herausragenden Zentralstellung, die es einem Partner ermöglichen würde, rechtsverbindliche Verträge mit Zusicherungen zu schließen. Das ist ein fundamentales Problem offener Blockchains. Ein Problem, das erst gelöst sein muss, bevor Unternehmen oder Organisationen die Technologie in tragfähige Geschäftsmodelle einbauen können.

Per Ökosystemanalyse zur Blockchain-Strategie

Letztlich werden die oben beschriebenen Blockchain-Archetypen sehr unterschiedliche Ökosysteme nach sich ziehen. Denn es wird in ihnen unterschiedliche Services geben, und unterschiedliche Organisationen werden in ihnen verschiedene, lohnende Rollen einnehmen. Derzeit ist nicht klar, wie diese Ökosysteme letztlich aussehen werden. Fest steht allerdings, dass es sich lohnt, die Blockchain-Konzepte wie ein Ökosystem zu analysieren. Erst wenn ein Unternehmen das Ökosystem, die Akteure, ihre Beziehungen und die eigene Rolle darin wirklich versteht, kann es daraus konkrete Maßnahmen und Strategien ableiten. Solch eine Analyse wird auch klären, welche Konsequenzen es hat, wenn das Ökosystem aufhört zu existieren. Was geschieht zum Beispiel, wenn die Kurse von Bitcoin oder Ether um 90 Prozent einbrechen? Gibt es für die beteiligten Unternehmen dann immer noch Anreize, Ressourcen bereitzustellen, um die Blockchain aufrechtzuerhalten? Und ist es für Unternehmen überhaupt möglich, Verträge mit Organisationen zu schließen, die sich menschlich nicht manifestieren? Anders gesagt: Lässt es die Governance eines Unternehmens zu, dass Geschäftsbeziehungen zu anonymen digitalen Organisationen existieren? Die Antworten, die eine Ökosystemanalyse auf diese und viele weitere Fragen liefert, werden entscheidend dafür sein, auf welche Weise ein Unternehmen die Adoption der Blockchain-Technologie vorantreibt.

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Geschrieben von
Prof. Dr. Sebastian Richter
Prof. Dr. Sebastian Richter
Prof. Dr. Sebastian Richter ist Studiengangsleiter für Wirtschaftsinformatik an der Dualen Hochschule Baden-Württemberg in Stuttgart und seit mehr als zehn Jahren in der Forschung tätig. In seiner Forschung beschäftigt er sich derzeit im Schwerpunkt mit Blockchain-Technologie, Security-Awareness und digitalen Plattformen. Als Professor einer dualen Hochschule interessiert er sich besonders für die Transition innovativer Technologien – wie der Blockchain-Technologie – von der Theorie in die Unternehmenspraxis und dabei bestehenden Herausforderungen und Möglichkeiten.
Dr. Erich Heumüller
Dr. Erich Heumüller
Dr. Erich Heumüller ist Senior Consultant bei Cassini Consulting (www.cassini.de) und berät seine Kunden in den Bereichen IT-Strategie, -Organisation und -Prozesse. Er hilft seinen Kunden, Geschäftsabläufe zu optimieren und ihre Organisation an bestehenden Strategien auszurichten, erarbeitet aber auch gemeinsam mit ihnen neue Optionen und Strategien, die sich aus technologischen Innovationen ergeben können. Hierbei beschäftigt er sich u. a. auch mit dem Thema Blockchain und seinen Auswirkungen und Einsatzmöglichkeiten für Geschäftsmodelle und die Gesellschaft.
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