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9 Influencer über Chancen und Herausforderungen der Blockchain, Teil 4

Expertencheck: Beginnt mit der Blockchain das nächste Internet-Zeitalter?

Gabriela Motroc

© Shutterstock / Zapp2Photo

Die Blockchain wird nicht einfach wieder von der Bildfläche verschwinden, so viel ist sicher. Wer in der Tech-Branche arbeitet, sollte also zumindest ein grundlegendes Verständnis dafür entwickeln, wie diese Technologie funktioniert. Im letzten Teil unserer Interview-Serie nehmen wir darum den IWF-Artikel „The Internet of Trust“ unter die Lupe und diskutieren die Lektionen, die die IT-Welt von der Blockchain-Technologie lernen kann.

Das Wichtigste zuerst: Hyperledger Fabric 1.0 veröffentlicht

A significant milestone for the open source business blockchain community, Hyperledger Fabric 1.0 heralds the technology’s readiness for production deployment and operations.
Hyperledger.

Hyperledger Fabric ist eine Blockchain-Framework-Implementierung und dient als Basis für die Entwicklung von Anwendungen, Produkten und Lösungen mit dieser Technologie. Fabric bietet eine modulare Architektur, mit der Komponenten, wie Smart Contracts oder Mitglieder-Services, hinzugefügt werden können.

Wer mehr über Hyperledger Fabric erfahren möchte, kann in das Interview mit Arnaud Le Hors, Senior Technical Staff Member of Web & Blockchain Open Technologies bei IBM, hineinschauen:

Blockchain Influencer im Interview

Wir haben mit neun Influencern der Blockchain-Szene über die vielen Facetten der Technologie gesprochen. Unsere Serie begann mit der Frage, ob Blockchain die Welt verändern kann. Obwohl die Antwort natürlich viel komplizierter ist als ein einfaches Ja oder Nein, lassen sich die Fakten in dieser Hinsicht nicht ignorieren: Die Technologie verändert – oder erschüttert sogar – unzählige Branchen. Unsere Influencer glauben, dass die Blockchain zu einer signifikanten Veränderung im Leben von Menschen führen und die Interaktion zwischen Bürgern und Behörden deutlich verbessern wird.

Teil 1 der Serie:

Kann die Blockchain die Welt verändern? Das sagen die Influencer der Szene

Außerdem haben unsere Experten über ihre Sorgen gesprochen (beispielsweise, dass wir die Konsequenzen dessen, was wir da heute umsetzen, noch gar nicht verstehen), die Hürden und Vorteile der Technologie benannt und Branchen identifiziert, die nicht durch Blockchain erschüttert werden. Ist es noch zu früh, um die Aussage zu treffen, dass alle Branchen mit bestimmten regulatorischen Anforderungen langfristig von der Blockchain profitieren können? Wir denken nicht.

Teil 2 der Serie:

Jenseits des Hypes: Chancen und Herausforderungen der Blockchain

Kann die Blockchain aber zur völligen Auflösung der Vermittler-Branche führen, traditionellerweise etwa repräsentiert durch die Banken als Mittler für Finanztransaktionen? Wie sähen die Vor- und Nachteile einer solchen Welt ohne Mittelsmänner aus? Unsere Influencer haben diese Fragen im dritten Teil unserer Interviewserie beantwortet.

Teil 3 der Serie:

Blockchain – die Büchse der Pandora: Wie disruptiv ist die Technologie hinter Bitcoin?

 

Nun ist es an der Zeit, die These des Internationalen Währungsfonds (IWF) unter die Lupe zu nehmen, dass die Blockchain-Technologie uns in ein neues Internet-Zeitalter, namentlich das „Internet of Trust“ führen wird. Abschließend stellen wir die Frage, welche Lektionen die IT-Welt aus der Entwicklung der Blockchain-Technologie lernen kann.

Mit der Blockchain ins Internet of Trust

9 Antworten: Der IWF hat in einem Artikel mit dem Titel „The Internet of Trust“ die These formuliert, dass Blockchain die nächste Generation des Internets begründet. Wie sehen Sie das?

Die Influencer

Chitra Ragavan ist Chief Communications Officer bei Gem, einem Blockchain-Startup aus Los Angeles.

Kathryn Harrison ist als Blockchain Offering Leader bei IBM dafür zuständig, IBM Blockchain Produkte an den Markt zu bringen.

Conor Svensson hat blk.io gegründet, einen Anbieter für Enterprise Blockchain Plattformen auf Basis von Ethereum, und ist Autor von web3j. Twitter: @blk_io

Stephen DeMeulenaere ist einer der Gründer der Coin Academy.

Marta Piekarska ist Director of Ecosystem bei Hyperledger.

Eoin Woods ist CTO bei Endava, Autor, Konferenz-Speaker und aktives Mitglied der London Software Engineering Community.

Dawn Newton ist Mitbegründerin und COO von Netki, einem Blockchain Solutions Provider mit Schwerpunkt auf on digitalen Identitäten und Regulatory Compliance.

Perianne Boring ist die Gründerin und Präsidentin der Chamber of Digital Commerce, der weltweit größten Trade Association für die Blockchain Industrie.

Paolo Tasca ist Executive Director des UCL Centre for Blockchain Technologies.

Chitra Ragavan: Ja, die Blockchain könnte das Protokoll sein, das das Internet mit unmittelbaren Peer-to-Peer-Transaktionen für geschäftliche Daten neu erfindet. So, wie das Internet 1.0 die Welt miteinander verbunden hat und Version 2.0 das Internet der Informationen war, wird das Internet 3.0 das Internet der Geschäftsdaten und direkten Finanztransaktionen ohne Mittelsmänner sein.

Kathryn Harrison: Ich stimme der These zu. Blockchain stellt einen transparenten, effizienten Weg zur Durchführung von Transaktionen dar – genau wie das Internet der 1990er-Jahre es für die Kommunikation war. Trotz des Aufstiegs der digitalen Zahlungsmethoden und Transaktionen herrscht noch immer ein Mangel an Vertrauen und Transparenz vor. Deshalb verarbeiten die meisten Unternehmen ihre Transaktionen noch immer so wie zu analogen Zeiten, allerdings innerhalb von digitalen Frontends. Blockchain hat wirklich das Potential, alles zu verändern, angefangen bei Zahlungen bis hin zu Supply Chains.

Blockchain hat wirklich das Potential alles zu verändern, angefangen bei Zahlungen bis hin zu Supply Chains.

Conor Svensson: Blockchains bauen auf den traditionellen Internet-Protokollen auf, indem sie einen in das Netzwerk integrierten Store of Value bieten. Dieser Store of Value ist vertrauenswürdig, weil er im Kern auf sicheren kryptographischen Technologien beruht.

Daher passt der Begriff des Internets of Trust, innerhalb dessen die Identität des Einzelnen geschützt werden kann. Auch wird so die Transaktion mit Parteien ermöglicht, denen man nicht inhärent vertraut, sodass man Dinge von Wert, wie beispielsweise Kryptowährungen oder Tokens, austauschen kann, ohne einen Zwischenhändler einzuschalten. Die Daten werden während all dem dezentral im Netz gespeichert, ohne dass man mit einem Mittelsmann interagieren muss, wenn man das nicht möchte.

Das ist der Ausgangspunkt für die nächste Generation des Internets.

Stephen DeMeulenaere: Es gibt viele Belege dafür, dass sich die Entwicklung der gegenwärtigen Internet-Ära ihrem Ende zuneigt. Mit einer wachsenden Unsicherheit steigt der Bedarf an der Blockchain-Technologie, weil sie die Sicherheit in einer immer digitaler werdenden Welt erhöht.

Marta Piekarska: Ich bin mir da nicht so sicher. Ich glaube, dass die Blockchain ein Werkzeug ist, während das Internet ein Kommunikationsmittel darstellt. Darum denke ich eher, dass die Blockchain in einigen Jahren zu einem Teil der Backend-Implementierung der Technologien werden wird, die wir im Alltag nutzen. Der durchschnittliche Nutzer wird gar nicht wissen, dass Blockchain in einer Anwendung steckt. Auf der anderen Seite steht, dass das Internet sehr real, gegenwärtig und sichtbar für uns ist. Es berührt uns, und die Endnutzer sind komplett davon abhängig. Wenn die Frage lautet, ob die Blockchain so revolutionär ist wie das Internet selbst – dann würde ich sagen: Sie hat das Potential dazu. Lassen Sie uns in 20 Jahren noch einmal darüber reden.

Eoin Woods: Eine Perspektive auf die Blockchain ist die des vertrauenswürdigen Datenverteilungs- und Teilungsmechanismus. So gesehen kann man das als ein „neues Internet“ bezeichnen; das drückt sich auch darin aus, dass Swarm als Projekt beschrieben wird, das sich die Schaffung eines dritten Internets in der Ethersphere zum Ziel gesetzt hat. Ich glaube, dass wir uns aber noch lange keine Gedanken darum machen müssen, ob die Blockchain das Internet verändern wird.

Dawn Newton: Das habe ich schon lange vor dem IWF gesagt, also stimme ich definitiv zu. Ich habe am Internet gearbeitet, bevor es den Schritt in den Mainstream geschafft hat; aus dieser Erfahrung heraus beobachte ich derzeit, dass Blockchain den gleichen Weg einschlägt, der am Ende zu einem genau so bedeutenden globalen Einfluss führen wird. Was das Internet für Informationen war, wird die Blockchain für Finanzen und mehr sein. Das Internet hat die globale Kommunikation und den Informationsaustausch revolutioniert. Bis zu den 90ern waren internationale Telefonate sehr teuer; wir haben sogar für lokale Anrufe bezahlt. Das hat uns sehr in unserer Kommunikation eingeschränkt.

Ich habe am frühen Web gearbeitet und sehe, dass Blockchain sich genau so entwickelt und am Ende genau so einflussreich werden wird.

Heute können wir uns jederzeit mit jedem Menschen auf der Welt austauschen, zu jeder Tages- und Nachtzeit. Zusätzlich haben wir Zugang zu Daten von überall auf der Welt. Man muss keiner bestimmten Organisation mehr angehören und keinen bestimmten Abschluss mehr haben, um an diese Informationen zu kommen. Wir können ganz einfach auf öffentliche Dokumente der Regierungen zugreifen, auf medizinische Studien und auf Nachrichten aus aller Welt. Blockchain-Technologien werden die Finanzbranche in ähnlicher Weise revolutionieren, indem sie eine neue finanzielle Teilhabe ermöglichen, Transaktionskosten senken und den Zugang zu Kapital vergrößern. Wir werden eine große Zahl an Anwendungen auf Basis von Blockchain-Technologien über viele verschiedene Branchen hinweg sehen.

Perianne Boring: Ich stimme voll und ganz zu. Blockchain-Technologien können eine Grundlage bilden, auf der fast jede Branche schnellere, sicherere und effizientere Programme erstellen kann.

Ich habe viele kluge Kommentare des Internationalen Währungsfonds zur Blockchain gehört. Christine Lagarde, Managing Director des IWF, sagte kürzlich in einer Rede, dass verteilte Ledgers ein Mittel zur Bekämpfung von digitalen Verbrechen sein können:

“Fintech can also help protect financial systems against cyber-terrorism. A good example is the “distributed ledger” technology that underpins virtual currencies and other applications. This technology is less vulnerable to a single point of failure and could prove resilient to cyberattacks because the ledger—or record of transactions—exists in multiple copies.”

Die Advisory Group on FinTech des IWF macht ihre Sache ziemlich gut!

Paolo Tasca: Es freut mich zu hören, dass auch der IWF endlich meinem drei Jahre alten Statement zustimmt, das sich auch auf meiner Website findet:

What the Internet did for information,
Blockchain is doing for money with
the Internet of value exchange.

Die Blockchain, verstanden als nächste Generation des Internets, kann in vier Stufen unterteilt werden:

Stufe 1: „Value Internet“ – also der Transfer von Werten.

Stufe 2: „Industrial Internet“ – der Aufbau vertikaler Branchen-Gemeinschaften.

Stufe 3: „Encrypted Internet“ – Blockchain wird uns ein verschlüsseltes Netz bringen, das sich von den derzeitigen öffentlichen Internet-Kontexten unterscheidet, die transparent und angreifbar sind.

Stufe 4 wird zu einer Dezentralisierung des Internets an sich via Blockchain führen: ein unmittelbares Read-Write-Own-Netz (Web3).


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Blockchain – die Lessons Learned

JAXenter: Was kann die IT-Welt aus der Blockchain-Technologie lernen?

Chitra Ragavan: Veränderungen sind unvermeidlich. Bereiten Sie sich darauf vor, dass Ihre Welt auf den Kopf gestellt werden wird. Gewinnen wird am Ende derjenige, der sich auf eine radikal neue Denkweise über dezentrale Enterprise-Systeme einlässt. Verlieren werden diejenigen, die auf der Stelle treten und sich daran abarbeiten.

Kathryn Harrison: Ich glaube, dass die Blockchain die IT-Welt dazu herausfordert, neue Arten der Zusammenarbeit zu erlernen – IT-Teams mussten ja schon immer mit ihren geschäftlichen Kollegen kooperieren. Mit der Blockchain entsteht aber eine Zusammenarbeit auf ganz neuen Ebenen, die den rechtlichen Bereich, Risk und Compliance und mehr umfassen. Dieser neue Zugang und die Kooperationen könnten zunächst einmal unbequem für IT-Profis sein, eröffnen aber auch einige spannende neue Möglichkeiten. Die IT kann so zur treibenden Kraft hinter der Entwicklung zentraler neuer Geschäftsmodelle werden.

Conor Svensson: Von einem technischen Standpunkt aus gesehen zwingt die Beschäftigung mit Blockchain einen dazu, sich tiefergehend einer Vielzahl von IT-Fachrichtungen wie der Sicherheit, der Kryptographie, der Spieltheorie und den Algorithmen zu befassen. Es lässt sich schwer bestreiten, dass dieses Wissen vorteilhaft für jeden ist, der auf diesem Gebiet arbeitet, vor allem da Systeme immer komplexer und vernetzter werden.

Blockchain fordert die IT-Welt dazu herausfordert, neue Arten der Zusammenarbeit zu erlernen.

Die Blockchain wird nicht mehr verschwinden, insofern ist es im Interesse aller IT-Profis, zumindest ein grundlegendes Verständnis davon zu erwerben, wie diese Technologie funktioniert und in welchen Bereichen sie eingesetzt werden kann. Keiner kann vorhersagen, wann Blockchain zur Mainstream-Technologie wird; das könnte in den nächsten paar Jahren oder im nächsten Jahrzehnt passieren.

Das ist aber bei jeder neu entstehenden Technologie so: Tech-Experten müssen ein Verständnis dafür entwickeln, damit sie nicht davon überrascht werden, wenn die Technologie zum Status Quo wird.

Stephen DeMeulenaere: Die IT-Fachwelt kann von der Blockchain-Technologie etwas darüber lernen, wie man Daten verteilt, um das durch die Datenspeicherung entstehende Risiko zu reduzieren.

Marta Piekarska: Man muss sich dank der Blockchain nicht mehr gegenseitig vertrauen, wenn man miteinander interagiert. Das ist die größte Verbesserung, die durch die Blockchain in der IT-Welt entstanden ist. Daraus kann die Fachszene lernen, wie man ein revolutionäres und sehr gegenkulturelles System baut, das zum Mainstream werden kann.

Die Popularität der Blockchain gründet sich auf Bitcoin, das selbst eigentlich ein ziemlich anarchistisches System sein sollte. Heute wird die Blockchain aber von den meisten der traditionsreichen, klassischen Branchen verwendet und verbessert dort den Datenaustausch und die Datenspeicherung. Die Blockchain erzeugt einen nachverfolgbaren Urheberschaftsbeleg, gilt als Leumundsnachweis oder begründet Lizenzansprüche. Eine unkonventionelle Herangehensweise und die Basis einer starken Kryptographie und Mathematik werden durch Blockchain wieder vermehrt ins Gespräch gebracht.

Eoin Woods: Dass es manchmal gut ist, grundlegende Überzeugungen zu überdenken. Wenn Satoshi Nakamoto das nicht getan hätte, hätte es die Blockchain nie gegeben.

Dawn Newton: Das Management von Consumer Keys ist ein Thema, bei dem die IT auf der Höhe der Technik bleiben und Best Practices etablieren sollte, sobald sie entstehen. Zusätzlich sollte Kryptographie an Bedeutung in der Weiterentwicklung der IT gewinnen, vor allem im Lichte der Tatsache, dass Identitätsdiebstahl immer mehr zur Regel wird. Es wäre deutlich sicherer für Endnutzer, wenn sie Signaturen statt Passwörtern für den Login nutzen würden.

Perianne Boring: Perimeter-basierte Abwehrmodelle funktionieren nicht mehr. Die IT-Branche sollte so viel wie möglich über Distributed-Ledger-Technologien lernen und sich aufgeschlossen mit Blockchain befassen, da diese Technologie eine grundlegende Richtungsänderung hinsichtlich des Zugangs zur Cybersecurity darstellt. Wir können uns darauf allerdings nicht ausruhen – ich will IT-Profis ermutigen, noch stärkere Sicherheitsmechanismen für den digitalen Raum zu entwickeln.

Eine unkonventionelle Herangehensweise und die Basis einer starken Kryptographie und Mathematik werden durch Blockchain wieder vermehrt ins Gespräch gebracht.

Paolo Tasca: In der IT konzentriert man sich traditionell auf Produkte und Dienstleistungen, die den Grundbedürfnissen der Menschen entsprechen. Blockchain versucht allerdings, eine Gemeinschaft basierend auf den Konzepten der Identität und Zugehörigkeit aufzubauen, die aus einem Konsens-Mechanismus entsteht, der fest in der Blockchain selbst verankert ist. Die Technologie auf Basis der Dezentralisierung und der verteilten Entscheidungsmacht zielt darauf ab, alle Arten der verteilten Ressourcen sinnvoll einzusetzen. Der Prozess ist für alle beteiligten Nutzer offen und transparent.

Da die Systemlast über diverse Nodes verteilt wird, statt nur von einem einzelnen abzuhängen, funktioniert das System effizienter. Das Risiko für Abstürze, die aus dem Versagen eines einzigen Nodes entstehen, sinkt. Aus diesen Gründen können Blockchains die traditionelle Logik von IT-Netzwerken umkehren. Nehmen wir zum Beispiel die hergebrachten Telefonnetze: Sie wurden als smarte Systeme entwickelt, die ihren Dienst vollständig in Abhängigkeit von den zentralen Schaltern beim Anbieter zur Verfügung stellten und dabei von „dummen“ Geräten aus genutzt wurden, mit denen man keine Möglichkeit hatte, Veränderungen oder Verbesserungen beim Anbieter des Netzwerks auszulösen. In einem IT-Netzwerk auf Blockchain-Basis kontrolliert hingegen niemand, welche Geräte oder Apps autonom am Rand des Netzwerks betrieben werden. Ein solches Netz bietet einen einzelnen Dienst an: Verlässlich zeitlich geloggte Transaktionen, die bestimmten Regeln folgen. An seinen Rändern werden auf diversen Geräten Apps realisiert, die unabhängig und ohne Erlaubnis entwickelt und deployed werden können.

Das Blockchain Dossier auf JAXenter:

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Das Potenzial der Blockchain nutzen

JAXenter: Nutzen wir den Wert der Blockchain schon vollständig aus? Und wenn nicht, wie können wir das schaffen?

Chitra Ragavan: Die Blockchain-Technologie steckt noch in den Kinderschuhen; wir spielen bisher nur mit den Anfängen davon herum. Genau wie alle Eltern, die ihre Säuglinge bewundern, fragen auch wir uns, was dieses wundervolle Tech-Baby einmal werden wird, wenn es groß ist. Allerdings wissen auch alle erschöpften Eltern, dass es wirklich lange dauert, eine Antwort darauf zu bekommen. Also beobachten wir und warten und arbeiten daran, die Blockchain in etwas Großes zu verwandeln.

Wie alle Eltern, die ihre Säuglinge bewundern, fragen auch wir uns, was dieses wundervolle Tech-Baby einmal werden wird, wenn es groß ist.

Kathryn Harrison: Wenn man die Blockchain mit dem Internet vergleicht, dann befinden wir uns noch in den frühen 1990er-Jahren. Innovationen kommen in rasender Geschwindigkeit, aber wir sind noch ganz am Anfang – quasi noch mit Modem-Tempo unterwegs.

Allerdings liegt ein signifikanter Unterschied darin, dass heute aufgrund der Entwicklung und des Wachstums des Internets eine Plattform verfügbar ist, auf der sich Early Adopters und die erste Folgegeneration mit anderen verbinden können, um all die Möglichkeiten der Blockchain gemeinsam zu erforschen. Experimente und der Wille zum Scheitern helfen Unternehmen nicht nur dabei, Fortschritte in Sachen Technologie zu machen, sondern auch zu verstehen, wie sie ihre Geschäftsmodelle verändern können.

Conor Svensson: Definitiv nutzen wir noch nicht den vollen Wert der Blockchain aus, wir sind sogar noch weit davon entfernt! Wie bei jeder neuen Technologie müssen wir experimentieren und aus der Praxis lernen.

Um richtig mit der Blockchain zu arbeiten, müssen Individuen und Unternehmen kooperieren. Viele Unternehmen und Privatpersonen veröffentlichen große Mengen an Informationen, die dazu beitragen, dass das Ökosystem wächst und man herausfinden kann, wo die Technologie wirklichen Wert erzeugt. Dieses Teilen von Informationen kann uns allen dabei helfen zu lernen, wo die Blockchain am effektivsten genutzt werden kann.

Stephen DeMeulenaere: Wir haben gerade erst damit begonnen, an der Oberfläche der Werte zu kratzen, die die Blockchain-Technologie schaffen kann. Da kommen noch einige Überraschungen auf uns zu!

Marta Piekarska: Das kann man jetzt noch nicht sagen. Darüber reden wir dann in 20 oder 30 Jahren noch einmal.

Eoin Woods: Ich glaube nicht, dass wir überhaupt auch nur damit begonnen haben; wir sind noch immer in der Early-Adoption-Phase und arbeiten an der Technologie an sich. Wir lernen gerade erst, was überhaupt möglich ist! Um herauszufinden, wo die Werte liegen, müssen wir mit der Technologie auf so vielen Gebieten wie möglich experimentieren.

Wir befinden uns in der Keimphase der Technologie und sind noch immer nicht im Mainstream angelangt. Wir müssen jetzt denselben Spielregeln folgen wie beim Internet

Dawn Newton: So weit sind wir natürlich noch nicht. Wir befinden uns in der Keimphase der Technologie und sind noch immer nicht im Mainstream angelangt. Wir müssen jetzt denselben Spielregeln folgen wie beim Internet. Noch befinden wir uns im Zeitraum vor der Gründung von AOL. Unser Schwerpunkt muss jetzt auf Standards, zentralen Anwendungsmöglichkeiten und der Usability liegen.

Wenn wir Standards etablieren, wird das die Skalierung vereinfachen und beschleunigen, weil so eine gemeinsame Sprache zum Austausch entsteht. Auch die Identifikation der wichtigsten Anwendungsfälle ist derzeit von zentraler Bedeutung. Außerdem müssen wir uns konsequent darauf konzentrieren, die Technologie für den Endnutzer leicht verwendbar zu gestalten. Von einer solchen stabilen Basis aus können wir Jahr für Jahr iterativ weiterarbeiten und den Skopus der Märkte und Anwendungsfälle erweitern, die durch Blockchain-Technologie revolutioniert werden.

Wir sind jetzt im 25. Jahr und haben noch immer nicht das gesamte Potential des Internets ausgeschöpft; die Arbeit daran geht weiter, und noch immer werden neue Anwendungsfälle entdeckt. In den frühen Tagen des Internets war so etwas wie Airbnb noch gar nicht vorstellbar! Ich kann es kaum erwarten zu sehen, was die Blockchain-Technologie uns in Zukunft alles bringen wird, das wir uns heute nicht einmal ausmalen können!

Perianne Boring: Definitiv nicht, wir stehen noch ganz am Anfang. Viel Forschung und Entwicklung ist noch nötig, um das Potential der Blockchain-Technologie zu entfalten und mehr Synergien, Anwendungen und Nutzwerte zu finden. Regierungen, akademische Institutionen, Unternehmen, NGOs – alle sollten Ressourcen in die Blockchain investieren. Viele sind bereits gut dabei.

Paolo Tasca: Blockchain ist eine grundlegende Technologie, die signifikante Innovationen für die Infrastrukturen und andere basale Aspekte des Systems hervorbringt. Als solche wird es Jahrzehnte dauern, um ihr Potential komplett zu entfalten. Obwohl die Erschließung der durch Blockchain ermöglichten Anwendungen noch ganz am Anfang steht, ist der Trend aber bereits offensichtlich und spürbar.

Wir bewegen uns auf eine Ausbreitung der Blockchain-basierten Plattformen zu, die durch Computer- und Netzwerk-basierte ICTs unterstütz werden. Das wird dazu führen, das jeder mit solchen Plattformen verbunden sein wird und Informationen darüber verteilen kann; Werte austauschen kann, ohne dass dafür Mittelsmänner notwendig sind. Diese Plattformen werden bestehende Strukturen in der Industrie aufreißen und Barrieren zwischen Konsumenten und Produzenten abbauen: eine echte Share Economy jenseits der Uberisierung.

Wir bewegen uns tatsächlich bereits von zentralisierten zweiseitigen Plattformmodellen wie Uber und Airbnb, die den Markt zwischen Anbietern und Kunden (Verleihern und Leihenden) aushandeln, hin zu P2P-Plattformen auf Basis der Blockchain. Diese Plattformen basieren auf offenen, dezentralen Netzwerken, innerhalb deren ein universeller On-demand-Zugang zu Informationen und Warenwerten in Echtzeit stattfinden. Dort sind Nutzer zugleich auch Produzenten (und Anteilseigener) von Werten, die nach ihrer Erzeugung fair und transparent umverteilt werden. Dieser Paradigmenwechsel wird durch die Kombination von Blockchain-basierten Plattformen mit anderen entstehenden technologischen Durchbrüchen multipliziert, beispielsweise durch Deep Learning, Big Data Analytics, Robotics, autonome Fahrzeuge, 3D-Drucker, Nanotechnologie, Biotechnologie, Energiespeicherung und Quantencomputer.

Das ist das Ergebnis der vierten industriellen Revolution, die durch das Verschwimmen der Grenze zwischen physischem und digitalem Raum gekennzeichnet ist. Mehr als 20 Millionen intelligente Sensoren und verbundene Devices werden bis 2020 ausgeliefert werden. Wir bauen intelligente Fabriken und Städte, in denen virtuelle Systeme physische Prozesse überwachen, virtuelle Kopien der physischen Welt erstellen und dezentrale Entscheidungen treffen. Virtuell-physische Systeme werden miteinander und mit den Menschen in Echtzeit kommunizieren und kooperieren (Machine2Machine und Machine2Human Communication).

Vielen Dank für die Antworten!

Hintergrund zum Thema:

So zähmen Sie die Bitcoin Blockchain [JAX 2016 Keynote]

Geschrieben von
Gabriela Motroc
Gabriela Motroc
Gabriela Motroc ist Online-Redakteurin für JAXenter.com. Vor S&S Media studierte Sie International Communication Management an der The Hague University of Applied Sciences.
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