Interviews mit Blockchain-Influencern, Teil 2

Jenseits des Hypes: Chancen und Herausforderungen der Blockchain

Gabriela Motroc

© Shutterstock / Zapp2Photo

Ist die Blockchain nur ein Hype oder führt sie uns ins gelobte Land? Hat die Technologie wirklich so große Vorteile, die über die Möglichkeiten bereits vorhandener Lösungen hinausgehen? Im zweiten Teil unserer Interviewserie teilen neun Blockchain-Experten ihre Sorgen bezüglich der Blockchain mit uns, sprechen aber auch über die Vorteile der Technologie und die Hürden, die man beim Experimentieren damit überwinden muss. Außerdem beschäftigen wir uns mit der Frage, welche Branchen unberührt von der disruptiven Technologie bleiben werden.

Blockchain – jenseits des Hypes

Die Blockchain ist ein nützliches Instrument, wenn man sich nicht auf eine spezifische Vermittlerpartei einlassen möchte. Sie ist gut für die Durchführung unveränderlicher Transaktionen, bringt allerdings im Vergleich zu herkömmlichen Datenbanken auch neue Ineffizienzen mit sich. Die Blockchain kann langsam und umständlich sein – und sie hat ein Skalierungsproblem. Die Blockchain ist nicht perfekt.
Henry Brade, CEO of Prasos

Kann die Blockchain die Welt verändern? Das tut sie bereits. Laut unserer Influencerin Chitra Ragavan, Chief Communications Officer bei Gem, einem Startup aus Los Angeles, hat die Blockchain-Technologie das Potential, in den nächsten Jahren nicht nur in der EU transformativ zu wirken, sondern auf der gesamten Welt. Was heißt das für uns?

Blockchain-Influencer – die Serie

Wir haben neun Influencer um ihre Meinung zu den Facetten der Blockchain gebeten. Sie erklären uns, warum die Branchen, die die Welt am Laufen halten, ein enormes Potential in dieser Technologie sehen. Unsere Interview-Serie besteht aus vier Teilen, die den Sinn und Zweck der Blockchain hinterfragen und Licht auf einige der zentralen Hürden und Probleme werfen.

Im ersten Teil dieser Interview-Serie haben wir unsere Blockchain-Influencer darum gebeten, über den Einfluss der Blockchain auf unser Leben zu sprechen und sich zur Bedeutung der rechtlichen Seite für eine gesunde Entwicklung der Technologie zu äußern.

Jetzt ist es an der Zeit, über die Sorgen zu sprechen, die sich unsere Influencer in dieser Hinsicht machen. Außerdem befragen wir unsere Experten zu den Hürden, die beim Experimentieren mit der Blockchain überwunden werden müssen sowie über die Branchen, die von der Blockchain nicht verändert werden können.

Das Blockchain Dossier auf JAXenter:

Sorgen & Hürden: Die Schwächen der Blockchain

9 Antworten: Welche Sorgen machen Sie sich hinsichtlich der Blockchain?

Die Influencer

Chitra Ragavan ist Chief Communications Officer bei Gem, einem Blockchain-Startup aus Los Angeles.

Kathryn Harrison ist als Blockchain Offering Leader bei IBM dafür zuständig, IBM Blockchain Produkte an den Markt zu bringen.

Conor Svensson hat blk.io gegründet, einen Anbieter für Enterprise Blockchain Plattformen auf Basis von Ethereum, und ist Autor von web3j. Twitter: @blk_io

Stephen DeMeulenaere ist einer der Gründer der Coin Academy.

Marta Piekarska ist Director of Ecosystem bei Hyperledger.

Eoin Woods ist CTO bei Endava, Autor, Konferenz-Speaker und aktives Mitglied der London Software Engineering Community.

Dawn Newton ist Mitbegründerin und COO von Netki, einem Blockchain Solutions Provider mit Schwerpunkt auf on digitalen Identitäten und Regulatory Compliance.

Perianne Boring ist die Gründerin und Präsidentin der Chamber of Digital Commerce, der weltweit größten Trade Association für die Blockchain Industrie.

Paolo Tasca ist Executive Director des UCL Centre for Blockchain Technologies.

Chitra Ragavan: Einige der Bitcoin-Skandale (Mt. Gox usw.) haben offensichtlich auch auf die dahinterstehende Technologie abgefärbt. Das ist so ähnlich wie bei Eltern, die für alle Fehler ihrer Kinder beschuldigt werden. Und jeder neue Skandal, wie die Ransomware-Angriffe vor kurzem, bringt die dunklen Wolken zurück, wenn auch nur für kurze Zeit. Dessen sind sich die Blockchain-Unternehmen schmerzlich bewusst und versuchen, die Wogen so gut es geht zu glätten. Insofern wird es in den nächsten Jahren von zentraler Bedeutung für die Beschleunigung der Adoptionsrate sein, dass man Konsumenten, Kunden, Investoren, Gesetzgebern, Regulatoren und der Presse nahebringt, dass die Blockchain eine eigenständige Technologie ist und enorme Vorteile bietet.

Der Hype Cycle ist auf dem Siedepunkt; oft wird die Technologie als Wundermittel verkauft.

Das zweite Problem ist ganz einfach, dass es sich um eine Technologie handelt, die im Entstehen begriffen ist. Der Hype Cycle rund um die Blockchain hat seinen Siedepunkt erreicht; oft wird die Technologie den Leuten als Wundermittel gegen jede Art von Datenschutz-Problem verkauft. Blockchain kann aber nur dann in Fahrt kommen, wenn wir klar definierte Anwendungsfälle finden, für die sich ein exponentieller Nutzen der Blockchain nachweisen lässt, der über die Möglichkeiten vorhandener Technologien hinaus geht und eine gute jährliche Anlagenrendite garantiert. Nur dann kann es echten Fortschritt geben. Insofern sind nicht nur die Kommunikation der Vision, sondern auch der Nachweis des versprochenen Werts, vor allem in finanzieller Hinsicht, sowie die Konvertierung in einen Nutzen für den Kunden eine große Herausforderung.
Kathryn Harrison: Meine größte Sorge ist, dass zu viele Menschen Blockchain mit Bitcoin in Verbindung bringen und alle dazugehörigen Herausforderungen aus dieser engen Perspektive heraus beurteilen. Tatsächlich eröffnet die zugrundeliegende Technologie unglaubliche Möglichkeiten, die wir gerade erst anfangen zu verstehen.

Aufgrund des gegenwärtigen Hypes rund um die Blockchain sehen viele Menschen darin außerdem eine Wunderwaffe, und das ist einfach falsch. Es gibt noch immer viele Szenarien, wo andere Technologien schneller und besser zur Lösung von Problemen genutzt werden können. Es ist von zentraler Bedeutung, dass Unternehmen ihr Verständnis der Blockchain von Bitcoin und anderen Kryptowährungen lösen und kritisch über die geschäftlichen Herausforderungen nachdenken, für die die Blockchain signifikante Werte schaffen kann.

Conor Svensson: Für den durchschnittlichen Menschen ist es schwer, die Technologie zu verstehen. Für eine breite Adoption muss die Interkation für nicht-technische Anwender zugänglicher werden. Andernfalls läuft es darauf hinaus, dass ein Mittelsmann den Access Layer bereitstellt, und das ist nichts anderes als die heute bereits vorhandene Situation.

Stephen DeMeulenaere: Meine Bedenken bezüglich der Blockchain-Technologien sind, dass damit nur ein Teil der Allgemeinbevölkerung erreicht wird. Es muss noch viel mehr Arbeit in die Vereinfachung des Interface und die Sensibilisierung der Nutzer investiert werden. Bezüglich der Währungsausgabe ist es so, dass Blockchain-Währungen als Anreiz zur Verteidigung des Netzwerks ausgegeben werden und somit ihren Wert im Sinne von Fiat-Währungen erhalten. Ich glaube, dass wir uns von dieser engen Form des Werts wegbewegen müssen und Nutzer-erzeugte parallele Währungen, als Mutual Credit bezeichnet, inkludieren müssen, genau wie Zeit-Banken und andere Formen der Währung.

Marta Piekarska: Meine größten Sorgen bezüglich der Blockchain-Technologie sind die Geschwindigkeit, mit der wir neue Lösungen entwickeln und die Frage, inwiefern wir das Ausmaß der Konsequenzen verstehen, die deren Verwendung mitbringt. Ich denke schon, dass die Blockchain eine der spannendsten Erfindungen der modernen IT-Szene ist; die Technologie hat aber einen Preis, den wir bisher noch nicht vollständig vorhersagen können. Wir spielen und experimentieren damit, und das ist großartig. Aber wir müssen vorsichtig sein, wenn es darum geht, wirklich zu deployen und in die reale Welt zu gehen. Was passiert, wenn wir persönliche Daten verwenden? Was passiert, wenn sich herausstellt, dass unsere modifizierten Implementierungen minimal falsch verändert wurden?

Die zweite Sache, die ich in der Blockchain-Welt verbessern würde, ist die Zusammenarbeit. Ich liebe es, was wir bei Hyperledger tun, aber das ist einzigartig: Wir sehen wenig Interoperabilität auf diesem Gebiet. Die Stärke und einer der größten Vorteile der öffentlichen Blockchains entstehen aber aus ihrer Größe und Dezentralisierung. Wenn hier verschiedene Seiten kollaborieren und ihre Köpfe zusammenstecken, kann das nur von Vorteil seien. Ich wäre glücklich, wenn ich mehr Unternehmen an Open-Source-Implementierungen von Blockchain-basierten Lösungen arbeiten sehen würde, statt an ihren eigenen, privaten und inkompatiblen Standards.

Eoin Woods: Ich habe viele Bedenken hinsichtlich der Verwendung für absolut nicht geeignete Anwendungsfälle, die einfach nur entstehen, weil Leute dabei gesehen werden wollen, wie sie die Technologie einsetzen. Wir sehen das bereits in einigen Branchen. Außerdem habe ich auf der technologischen Seite Bedenken bezüglich der Frage, inwiefern die technischen Communities rund um die wichtigsten öffentlichen Blockchains wie Bitcoin oder Ethereum schnell genug auf die technischen Probleme reagieren können, die bestimmt auftreten werden. Allerdings haben beide Communities bereits effizient auf Herausforderungen reagiert, inklusive dem DAO Breach bei Ethereum und den Bedenken bezüglich der Skalierbarkeit von Bitcoin.

Es gibt noch immer viele Szenarien, wo andere Technologien schneller und besser zur Lösung von Problemen genutzt werden können.

Dawn Newton: Ich mache mir Sorgen um die Eile bei der Bekanntgabe von Partnerschaften und darüber, dass Blockchain-Technologien für magischen Feenstaub gehalten werden. Eigentlich sind Blockchains nur ein neues Werkzeug, das auf Grundlage seiner besten Eigenschaften bewertet und im Kontext davon beurteilt werden muss, wo sich die Märkte gerade befinden. Hier müssten strategische Analysen durchgeführt werden um zu beurteilen, welche Blockchain die richtige ist, welches Projekt sich eignet, mit welchem Team es durchgeführt werden sollte und welcher Partner dazu passt. So kann sichergestellt werden, dass das ausgewählte Vorhaben wirklich erfolgreich an den Markt gehen kann. Es gab eine große Zahl hastiger Ankündigungen von Projekten in der Vergangenheit, die gemacht wurden, bevor Problem und Lösung vollständig durchdacht wurden. Während der Markt reift, muss sich auch das Gespräch dahingehend verändern, was erreicht wurde, statt sich nur mit Ideen zu befassen.

Perianne Boring: Die eine Sache, die mich nachts wach hält, ist, wie die USA mit dieser Technologie umgehen. Die USA haben das wohl komplizierteste regulatorische System der Welt. Wir haben den Kongress, der aus 535 Mitgliedern besteht; wir haben eine Heerschar an Aufsichtsbehörden, die über Finanzdienstleistungen bestimmen: Von der SEC zur CFTC; Aufsichtsbehörden des Finanzamts wie der OCC, der Fed und der FDIC; drei Konsumenten-Aufsichtsbehörden – die FTC, CFPB und FCC; Geheimdienste und Nachrichtendienste; FinCEN und OFAC; staatliche Bankenabteilungen; und, schlussendlich, eine große Zahl an Exekutivorganen. Es gibt zahlreiche Stakeholder im Bereich der Regulatory Compliance und ein Policy Game, nur in den USA für sich genommen. Für Start-ups, also junge Unternehmen mit einer begrenzten Menge an Kapitel, ist es sehr schwer, ein Business in diesem Land in Gang zu bringen. Die Zugangshürden sind sehr hoch. Wir sehen bereits, dass Unternehmen die USA verlassen oder darauf verzichten, ihre Produkte und Services an Menschen in den USA zu verkaufen, weil sie entweder nicht die nötigen Lizenzen bekommen, um hier tätig zu werden, oder weil die regulatorische Umgebung für kleine Unternehmen zu kompliziert ist und sie sich darin nicht zurecht finden.

In diesem Mangel an unterstützenden Strukturen für die FinTech-Branche in den USA könnte eine Chance für die EU liegen – einige Länder haben bereits geäußert, dass sie gern das globale Drehkreuz des FinTech wären. Wenn man das deutlich kompaktere regulatorische Regime betrachtet, sind die Chancen für EU-Staaten gar nicht schlecht, die USA in dieser Hinsicht zu überholen.

Während der Markt reift, muss sich auch das Gespräch dahingehend verändern, was erreicht wurde, statt sich nur mit Ideen zu befassen.

Paolo Tasca: Meine größte Sorge in Hinblick auf Blockchain ist die Sicherheitsfrage. Bekanntlich wurde Blockchain ursprünglich als „Trust Machine“ entworfen, mit dem Zweck, die Manipulation von Datensätzen und Daten zu verhindern. Blockchains funktionieren nach dem Prinzip der Nachweisbarkeit und Unabänderlichkeit von Daten. Die Blockchain ist ein geteilter, nicht manipulierbarer Ledger, in dem Daten irreversibel gespeichert sind und nicht gefälscht werden können. Das liegt an den One-Way Cryptographic Hash Functions und dem Konsens in der Community. Die Unveränderlichkeit eliminiert die Notwendigkeit für Schlichtungen, indem sie eine historisch eindeutige Version der Wahrheit darstellt. Nachweisbarkeit, Fälschungssicherheit und Unveränderlichkeit der Daten erzeugen Vertrauen in den vergangenen Transaktionsfluss. Vergangenes wird somit für die Ewigkeit aufgezeichnet. Tatsächlich ist es ziemlich schwer für einen Einzelnen oder eine Gruppe Einzelner, den Ledger zu manipulieren, solange sie nicht die Mehrheit der „Wähler“ kontrollieren.

Die Blockchain kann allerdings keine hundertprozentige Sicherheit vor Angriffen bieten. Ein gutes Beispiel ist die DAO-Attacke, die 2016 stattfand. Die daraus entstandenen Missverständnisse bezüglich der Blockchain haben letztendlich zu einem Vertrauensverlust geführt. Durch die sprunghafte Weiterentwicklung der Quantencomputer, deren enorme Rechenleistung, die die Entschlüsselung von verschlüsselten Daten mit brachialer Gewalt ermöglicht, verschärft sich außerdem die Vertrauenskrise hinsichtlich der Blockchain.

JAXenter: Was sind die größten Vorteile und Hürden der Technologie? Können Sie uns Beispiele geben?

Chitra Ragavan: Die größten Vorteile der Blockchain bestehen in der Transparenz und Prüfbarkeit; als Herausforderungen sind die Skalierbarkeit, Geschwindigkeit und Performance im Einsatz mit echten Daten zu nennen. Derzeit werden viele Anwendungsfälle für Blockchains mit Testdaten in Proof-of-Concept-Umgebungen betrieben. Reale Anwendungen müssen erst einmal umgesetzt werden, um den Nutzen der Technologie zu beweisen – in der echten Welt, mit echten Daten, unter echtem Zeitdruck, mit echten Kosten- und Platzbeschränkungen.

Ich denke schon, dass die Blockchain eine der spannendsten Erfindungen der modernen IT-Szene ist; die Technologie hat aber einen Preis, den wir bisher noch nicht vollständig vorhersagen können.

Das grundlegende Versprechen und somit auch die Hürde für die Adoption der Blockchain lautet wie folgt: Die Technologie der distributed Ledger von Blockchain ist ideal für das Teilen von Daten zwischen verschiedenen Organisationen, aber weniger gut zur Arbeit innerhalb von einzelnen Unternehmen oder Organisationen geeignet. Am höchsten wird die Adoptionsrate dort sein, wo Menschen nicht das Bedürfnis danach haben, Daten aus Wettbewerbsgründen zu verstecken oder zu horten, sondern stattdessen den Nutzen einer gemeinschaftlichen Wirtschaft sehen, innerhalb der Daten zwischen Parteien mit gemeinsamen Zielen und Interessen für einen übergreifenden finanziellen und sozialen Nutzen geteilt werden.

Die Angst vor Konkurrenz wird dabei die größte Hürde darstellen. Unsere Rudel-Mentalität wird die Adoption der Technologie vorantreiben, weil niemand etwas potentiell Lebensveränderndes verpassen will. Eine Hamster-Mentalität könnte Unternehmen jedoch davon abhalten, alle Aspekte der Technologie zu nutzen, oder sogar dazu führen, dass sie aktiv abgelehnt wird, weil die Technologie am Ende das Potential besitzt, alle Arten von Vermittlern und gegnerischen Parteien zu eliminieren.

Kathryn Harrison: Die Technologie besitzt den großen Vorteil, dass sie in Streitfällen das Finden einer gemeinsamen Wahrheit über unveränderliche und vertrauenswürdige Belege ermöglicht, und diese den verschiedenen Parteien in derselben Form verfügbar macht. In vielen Branchen und geschäftlichen Netzwerken, wo sich die Beteiligten grundlegend nicht vertrauen, schafft dies eine Basis, auf der sie zusammenarbeiten und Innovationen hervorbringen können.

Conor Svensson: Die Bereitstellung einer einzigen Quelle wahrer Daten, im Gegensatz zur Existenz verschiedener Kopien an verschiedenen Orten über verschiedene Unternehmen oder Orte verteilt, ist der größte Vorteil der Blockchain.

Im Moment entstehen einige Plattformen, die in Konkurrenz zueinander stehen – sowohl öffentliche als auch private Blockchains. Hier wird die Interoperabilität zwischen verschiedenen Plattformen, öffentlich und privat, eine große Rolle spielen. Je stärker dieser Raum fragmentiert wird, desto geringer wird der Anreiz für eine Ausweitung der Anwendungsfälle.

Stephen DeMeulenaere: Der größte Vorteil der Blockchain ist die Verteilung von Daten über eine große Anzahl von Computern hinweg; das ist ein zentraler Aspekt des Sicherheitskonzepts. Die größten Hürden bestehen darin, dass Nutzer ihre Private Keys sicher verwalten müssen, sowie in der Absicherung anderer Angriffspunkte, die sich denjenigen bieten, die das System schädigen wollen.

Marta Piekarska: Die Blockchain-Technologie hat die Art und Weise revolutioniert, auf der wir über Vertrauen nachdenken. Vor der Einführung der Technologie im großen Maßstab in der IT waren Partner gezwungen, einander zu vertrauen, die keinen Grund dazu hatten. Die Verwendung von Blockchains sorgt dafür, dass keine vertrauenswürdige dritte Partei mehr nötig ist, und führt die Konzepte der Dezentralisierung, Prüfbarkeit und Unveränderlichkeit ein.

Unsere Rudel-Mentalität wird die Adoption der Technologie vorantreiben, weil niemand etwas potentiell Lebensveränderndes verpassen will.

Eoin Woods: Der zentrale Vorteil der Verwendung von Blockchains in Anwendungen liegt in der verifizierbaren Datenbank, die zwischen einer beliebigen Anzahl von Parteien geteilt werden  kann, die sich gegenseitig nicht vertrauen. Das ist ziemlich einzigartig. Die Fehlertoleranz ist ebenfalls ziemlich attraktiv, wenn die Zahl der Knotenpunkte wächst. Zu den Herausforderungen gehören die potentiellen Latenzzeiten in der Anerkennung und Anwendung von Updates und die inhärente Komplexität des Betriebs von Blockchains und der Entwicklung auf der Plattform. Die relative Unreife der Technologie ist auf kurze Sicht eine weitere Herausforderung.

Dawn Newton: Der größte Vorteil liegt darin, dass die Notwendigkeit von vertrauenswürdigen Mittelsmännern entfällt, unabhängig des Anwendungsfalls. Vertrauenswürdige Vermittler können dennoch nützlich sein; mit Blockchain sind sie aber optional statt zwingend notwendig. Es gibt einige Hürden zu überwinden, aber das sind die gleichen wie immer, wenn eine signifikante, transformative Technologie entsteht.

Im Bereich der Usability müssen wir uns darauf konzentrieren, das User Interface so einfach zu gestalten, dass unsere Eltern es verwenden können. Oder noch besser: Unsere Großeltern!

Bezüglich der Reputation müssen wir daran arbeiten, die öffentliche Wahrnehmung von Bitcoin und Blockchain insgesamt zu verändern. Heute ist das Internet für fast jeden Menschen auf der Welt ein zentraler Bestandteil des Alltags. Es bestimmt, wie wir arbeiten, Kontakte pflegen, lernen und spielen. Alle lieben das Internet! Das war aber nicht immer der Fall. Als ich angefangen habe mit dem Internet zu arbeiten, hatten meine Eltern keine Ahnung, was ich da tue. Stellen Sie sich ihre Überraschung vor, als das Cover des Time Magazine im Juli 1995 das Gesicht eines Kindes zeigte, das vom Licht eines Computermonitors beleuchtet wurde; der Titel dazu lautete, dass es im Internet nur um Pornos geht 😉 Damals, im Jahr 1995, hatte das Internet einen furchtbaren Ruf; heute wird es rund um die Welt verwendet. Zuerst wird die öffentliche Aufmerksamkeit steigen, danach das Verständnis in der Durchschnittsbevölkerung, und dann kommt die allgemeine Anwendung.

Regulation: Viele Länder rund um die Welt befassen sich derzeit mit der Frage, welchen gesetzlichen Rahmen die Blockchain-Technologie benötigt. Regierungen brauchen immer viel Zeit zur Schaffung eines gesetzlichen Rahmens für neue Technologien, und das ist gut so! Das schlechte daran ist, dass die Gesetzgebung auch lästig werden und Technologien einschränken kann, insofern die Innovatoren sich nicht um die Information der Gesetzesmacher kümmern. Auf diesem Gebiet arbeiten verschiedene Organisationen daran: CoinCenter, Digital Currency Chamber of Commerce und die Blockchain Alliance. Sie befassen sich sowohl auf staatlicher als auch auf bundesstaatlicher Ebene mit der Gesetzgebung und arbeiten auch mit den Vollstreckungsbehörden zusammen.

Perianne Boring: Die Blockchain ist ein dezentrales, verteiltes Ledger ohne zentrale Sollbruchstelle. Dadurch wird die Notwendigkeit für Mittelsmänner umgangen, und es macht das Netzwerk sicher und unglaublich resilient. Ein Paradigmenwechsel in Sachen Cyber-Security-Technologie wird somit ermöglicht, der eine Wunderwaffe gegen Cyber-Attacken mitbringen könnte. Solche Angriffe sind derzeit ein Milliardengrab unserer Wirtschaft.

Eine der größten Herausforderungen, der die Blockchain heute gegenübersteht, ist die Verarbeitungskapazität. Derzeit kann das Bitcoin-Netzwerk nur ein paar hunderttausend Transaktionen pro Tag verarbeiten. Die Branche arbeitet aber unter Hochdruck an Lösungen für die Skalierung.

Zusätzlich liegt ein Problem in den falschen Annahmen der Öffentlichkeit bezüglich der regulatorischen Landschaft, die diese Technologie kontrolliert. Noch heute beschreibt die Presse Blockchain und Bitcoin als unregulierten Raum. Das ist absolut nicht wahr, stellt aber als fehlerhafte Auffassung eine signifikante Herausforderung dar, wenn es darum geht, dass Aufsichtsbehörden und Gesetzgeber über die Notwendigkeit von Anpassungen am gesetzlichen oder regulatorischen Rahmen nachdenken. Wir befassen uns noch immer beinahe täglich mit diesem Problem.

Paolo Tasca: Meiner Meinung nach sind die größten Wettbewerbsvorteile der Blockchain ihre dezentrale Natur und ihre Unabänderlichkeit. Die verteilte Natur des Netzwerks sorgt dafür, dass sich nicht vertrauenswürdige Teilnehmer auf einen Konsens einlassen müssen. In der Blockchain kann dieser Konsens auf Regeln beruhen (die z.B. bestimmen, welche Transaktionen erlaubt sind und welche nicht, wie viele Bitcoins als Entlohnung für einen Block ausgegeben werden, wie schwer das Mining ist, etc…) oder auf der Transaktionsgeschichte (anhand der sich bestimmen lässt, wem was gehört). Der dezentrale Konsens bezüglich der Transaktionen bestimmt über die Aktualisierung des Ledgers durch die Übertragung der Verantwortung auf lokale Nodes, die Transaktionen unabhängig verifizieren und sie dem kumulativ stärksten Strang der Rechenkette hinzufügen (Longest Chain Rule). Es sind kein Integrationspunkt und keine zentrale Autorität nötig, um Transaktionen zu genehmigen und Regeln festzusetzen. Kein einzelner Vertrauenspunkt, keine einzelne Bruchstelle. Dadurch, dass Transaktionen irreversibel sind, ist sichergestellt, dass die in der Blockchain gespeicherten Daten nicht nach dem Absenden einseitig verändert werden können.

Die Kombination aus Dezentralisierung und Unabänderlichkeit löst auf die direkteste mögliche Art viele der drängenden Probleme, der die Finanzindustrie dauerhaft gegenüber steht, wie KYC und AML. Eine der zentralen Hürden für die Entwicklung der Blockchain ist auf der derzeitigen Stufe, dass sie nicht skalierbar ist und dass ein Kompromiss zwischen Dezentralisierung und Performance geschlossen werden muss. Wenn Bitcoins Blockchain als Basis-Layer verwendet wird, werden normalerweise sieben Transaktionen pro Sekunde verarbeitet, und es dauert 10 Minuten, um einen Block zu generieren. Das ist weit weg von den Anforderungen des Marktes. Einige andere Blockchains versuchen, die Anzahl der Transaktionen pro Sekunde zu erhöhen. Daraus entstehen aber entweder Schwachstellen in Sachen Sicherheit oder ein geringerer Grad der Dezentralisierung.

JAXenter: Welche Branchen werden keine Disruption durch Blockchain durchlaufen? Warum?

Chitra Ragavan: Branchen, in denen es nicht nötig ist, komplexe Transaktionen mit mehreren Parteien unter Verwendung von Smart Contracts in offenen Netzwerken durchzuführen. Einfache 1:1-Transaktionen und solche zwischen wenigen Beteiligten in geschlossenen Netzen sind kein idealer Anwendungsfall für Blockchains.

Regierungen brauchen immer viel Zeit zur Schaffung eines gesetzlichen Rahmens für neue Technologien, und das ist gut so!

Kathryn Harrison: Potentiell kann auf lange Sicht jede Branche von Blockchains profitieren, in der es Vorschriften dazu gibt, dass die Identitäten der Beteiligten bekannt sein müssen, um Vermögenswerte auszutauschen (beispielsweise Waren oder Dienstleistungen). Allerdings gibt es bestimmte Branchen, die diese Vorteile deutlich früher sehen werden – wie beispielsweise Supply Chains und Finanzdienstleistungen.

Conor Svensson: Wer weiß. Niemand hat vorausgesehen, wie das Internet die traditionellen Service-Branchen verändern würde; da ist es doch wahrscheinlich, dass auch die Blockchain weitreichendere Veränderungen auslösen wird als wir ursprünglich dachten, wenn die Technologie erst einmal heranreift.

Stephen DeMeulenaere: Potentiell können alle Branchen Vorteile aus der Implementierung von Blockchain-Technologien ziehen. Derzeit wird vermehrt daran geforscht, welchen Nutzen Unternehmen und Branchen von der Einführung dieser Technologien haben können.

Eoin Woods: Das ist eine gute Frage. Obwohl die Blockchain in vielen Situationen zu Veränderungen führen kann, ist es doch so, dass es sich dabei zumeist um solche handelt, in denen Mittelsmänner zur Buchführung oder Lösung von Konflikten eingesetzt werden. Es gibt aber auch zahlreiche Situationen, in denen es auf diesen Gebieten keine Probleme gibt, sodass die Blockchain hier nichts verändern wird – Rechtsberatung ist ein Beispiel dafür.

Dawn Newton: In Anbetracht der Tatsache, dass das Internet das Autofahren und Dating verändert hat, fällt es mir schwer, mir eine Branche vorzustellen, die wir nicht verändern können.

Ich betrachte Blockchain als zweite Generation des Internets und als Teil der vierten industriellen Revolution.

Perianne Boring: Jede Branche, die nicht durch das Internet verändert wurde. Ich betrachte Blockchain als zweite Generation des Internets und als Teil der vierten industriellen Revolution. Blockchain ist das „Internet of Value“, das Internet der Werte. Ähnlich dazu, wie das Internet heute eine Plattform zum Datenaustausch ist (man denke an die E-Mail), ist Blockchain eine Plattform zum Teilen, Aufnehmen und Transferieren von allem, was einen Wert besitzt (Währungen, Aktien, Bonds, digitale Güter usw.).

Paolo Tasca: Die Revolutionswelle der Blockchain wird wenige Branchen unberührt lassen. Man könnte sagen, dass es sich um die vierte industrielle Revolution handelt, im Rahmen welcher die Blockchain für den Wertetransfer entworfen wurde. Wenn es Ausnahmen geben muss, nehme ich an, dass es sich um Branchen handeln wird, die bereits einen hohen Grad der Dezentralisierung erreicht haben oder die keinen Bedarf am Wertetransfer haben. Ein gutes Beispiel für diese seltenen Fälle ist der militärische Sektor. Obwohl hier sichere Verschlüsselungen von großer Bedeutung sind, besteht man noch immer auf stark zentralisierten Netzwerken, primär aus Gründen der nationalen Souveränität. Man findet nur schwerlich zwei Länder, die im realen Leben wechselseitig ihre militärischen Geheimnisse austauschen würden.

Im nächsten Teil unserer Interview-Serie sprechen unsere Blockchain-Influencer über die (mögliche) Eliminierung der Mittelsmänner, die weltweite Blockchain-Obsession und die Verbindung zwischen dieser Technologie und der Sicherheitsfrage im Angesicht der unzähligen Cyber-Angriffe.

Mehr zum Thema:

Bitcoin flipping: Die Grenzen der Blockchain

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Geschrieben von
Gabriela Motroc
Gabriela Motroc
Gabriela Motroc ist Online-Redakteurin für JAXenter.com. Vor S&S Media studierte Sie International Communication Management an der The Hague University of Applied Sciences.
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