9 Influencer über Chancen und Herausforderungen der Blockchain, Teil 3

Blockchain – die Büchse der Pandora: Wie disruptiv ist die Technologie hinter Bitcoin?

Gabriela Motroc

© Shutterstock / Zapp2Photo

Kann die Blockchain zur Abschaffung der Vermittler bei digitalen Transaktionen führen? Und wenn dem so wäre, wäre das überhaupt gut? Das sind nur ein paar der Fragen, die sich rund um die Technologie hinter Bitcoin stellen. Im dritten Teil der Interview-Serie sprechen unsere neun Experten über die Verbindung zwischen Blockchain und dem Anstieg der Cyber-Attacken sowie über den Wegfall der Mittelsmänner.

Eine Welt ohne Mittelsmänner?!

Wie steht es um die Zukunft der Mittelsmänner im Kontext der Blockchain? Das ist eine der Millionen-Dollar-Fragen aus dem Umfeld der Blockchain. Unsere Influencer sind bisher zu keinem einhelligen Urteil gelangt, ob dieser Job in einer Blockchain-dominierten Welt noch notwendig ist oder überflüssig wird.

Blockchain is not an invention that will eliminate the middleman. Many services that banks or payment processors now offer are also very relevant in the Bitcoin world. This leads to massive business opportunities. The key difference is that the core system does not force people to use specific third parties. It is their choice to use third parties, if their services offer added value that makes it worth it.
Henry Brade, CEO of Prasos

Man sollte dabei aber im Kopf behalten, dass es eigentlich um das gleiche Problem wie beim Thema „Mensch vs. Maschine“ geht – die Blockchain ist nicht verantwortlich für die „Auslöschung“ der Vermittler, falls es so kommen sollte.

Das Blockchain Dossier auf JAXenter:

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Blockchain – die Büchse der Pandora

Im ersten Teil unserer Interview-Serie haben unsere Influencer über den Einfluss der Blockchain auf unsere Leben gesprochen und die Bedeutung der rechtlichen Seite für eine gesunde Entwicklung der Blockchain beleuchtet.

Danach haben wir im zweiten Teil nach den Sorgen gefragt, die sie sich bezüglich der Technologie machen sowie nach deren Vorteilen und Hürden beim Experimentieren damit.

Jetzt ist es an der Zeit, über den Zusammenhang zwischen der Blockchain und der Anzahl der Cyber-Attacken zu sprechen (falls es einen gibt), über den Wegfall der Vermittler und über die geschäftlichen Ansprüche an die Adoption der Technologie.

Ist die Blockchain ein Sicherheitsproblem?

9 Antworten: Haben wir die Büchse der Pandora geöffnet, als wir Blockchain und Bitcoin in unseren Alltag integriert haben? Gibt es eine Verbindung zwischen diesen entstehenden Technologien und dem Anstieg der Zahl der Cyber-Attacken?

Die Influencer

Chitra Ragavan ist Chief Communications Officer bei Gem, einem Blockchain-Startup aus Los Angeles.

Kathryn Harrison ist als Blockchain Offering Leader bei IBM dafür zuständig, IBM Blockchain Produkte an den Markt zu bringen.

Conor Svensson hat blk.io gegründet, einen Anbieter für Enterprise Blockchain Plattformen auf Basis von Ethereum, und ist Autor von web3j. Twitter: @blk_io

Stephen DeMeulenaere ist einer der Gründer der Coin Academy.

Marta Piekarska ist Director of Ecosystem bei Hyperledger.

Eoin Woods ist CTO bei Endava, Autor, Konferenz-Speaker und aktives Mitglied der London Software Engineering Community.

Dawn Newton ist Mitbegründerin und COO von Netki, einem Blockchain Solutions Provider mit Schwerpunkt auf on digitalen Identitäten und Regulatory Compliance.

Perianne Boring ist die Gründerin und Präsidentin der Chamber of Digital Commerce, der weltweit größten Trade Association für die Blockchain Industrie.

Paolo Tasca ist Executive Director des UCL Centre for Blockchain Technologies.

Chitra Ragavan: Wie man so schön sagt: „Keine gute Tat bleibt ungesühnt“. Ich habe in der Zeitschrift Vanity Fair kürzlich einen guten Artikel über Ross Ulbricht, den Gründer des Online-Schwarzmarktes Silk Road, gelesen. Der Autor des Artikels vertrat die Position, dass einige der schnellsten Umsetzungen jeder neuen Technologie von den bösen Jungs geschaffen werden. Ein Beispiel ist die Produktion von Plastik-Pistolen in 3D-Druckern. Die Silk Road, die zum Zentrum für den Handel aller Arten von verbotenen Substanzen wurde, ist ein anderes Beispiel.

Genauso ist es mit Bitcoin als bevorzugter Währung für Drogendealer, Zuhälter und Prostituierte, Waffenschmuggler, Steuerhinterzieher und andere schillernde Charaktere. Wenn man zurück schaut, glaube ich jedoch, dass die meisten Menschen die Vorteile der Blockchain als deutlich überwiegend gegenüber ihren Nachteilen ansehen werden. Zum Thema der Kryptowährungen bin ich der Meinung, dass es nur eine Frage der Zeit war, bis Geld als legales Zahlungsmittel dem  Trend einer immer stärkeren Digitalisierung der Welt folgt. Vom Papier über das Plastik in den Äther, sowohl wörtlich als auch im übertragenen Sinne.

Kathryn Harrison: Ransomware und andere Schadsoftware sind nichts Neues, und Bitcoin bietet ganz einfach einen weiteren Weg an, um Geld zu scheffeln. Wenn es uns gelingt, die zentralen Vorteile der Transparenz und Nachverfolgbarkeit zu kanalisieren, wird das Wirtschaftssystem dadurch aber sogar sicherer und effizienter.

Die meisten Menschen werden sehen, dass die Vorteile der Blockchain ihre Nachteile deutlich überwiegen.

Conor Svensson: Überhaupt nicht. Die Technologie konnte nur dahin kommen, wo sie heute ist, weil wir davon überzeugt sind, dass sie das Potential besitzt, Probleme zu lösen. Das kann die Verbesserung des Lebens von Menschen sein oder der geschäftliche Nutzen.

Stephen DeMeulenaere: Ja, die Erfindung der Blockchain und das Geschenk an die Öffentlichkeit in Form der Open-Source-Lizenz der Technologie haben die Büchse der Pandora der Möglichkeiten für die Welt geöffnet.

Marta Piekarska: Nein, definitiv nicht. Die Blockchain-Technologie ist ein Werkzeug, das sehr nützlich und vielversprechend ist. Aber sie ist nur ein Werkzeug. Wenn die Anwendung oder Implementierung der Blockchain-Technologie in manchen Gebieten unseres Lebens negative Konsequenzen hat, bedeutet das, dass das Werkzeug missbraucht wurde. Wir haben es dann falsch benutzt. Man kann aber nicht sagen, dass es universell gut oder böse ist.

Eoin Woods: Nicht mehr als durch die Erfindung des Internets!

Dawn Newton: Ich hoffe doch, dass wir das getan haben. Merriam Websters Definition der Büchse der Pandora lautet: “a prolific source of troubles”. Jede transformative Technologie, wie das Internet, Autos oder Flugzeuge, besitzt viele Vorteile, macht aber auch jede Menge Ärger. Insgesamt gesehen haben die Erfindung und breite Verwendung des Internets auf der gesamten Welt aber viel Gutes bewirkt. Menschen aus aller Welt stehen auf eine Weise in direktem Kontakt zueinander, die es nie zuvor gab. Das ermöglicht das Teilen von Ideen, die Entstehung von Geschäftskontakten, schnelle Hilfe in Krisenfällen und so weiter. Die Möglichkeiten sind endlos!

Wie alle disruptiven Technologien hat das aber auch seine Nachteile. Das gleiche Internet, das all die vorgenannten Dinge ermöglicht hat, hat uns auch Cyber-Attacken, Identitätsdiebstahl im großen Maßstab und Rachepornos eingebracht. Obwohl es also eine Menge an Ärger macht, überwiegen die Vorteile doch ganz eindeutig. Auch ist es so, dass wir lernen, wie wir die Vorteile maximieren und die Nachteile minimieren können, während wir mehr über eine Technologie lernen. Ein gutes Beispiel dafür sind die Fortschritte auf dem Gebiet der Automobil-Sicherheit und -effizienz in den 100 Jahren seit der Einführung des Autos. Bitcoin und die gesamte Blockchain-Technologie werden eine vergleichbare Entwicklung durchlaufen.

Perianne Boring: Der Begriff der Büchse der Pandora impliziert etwas Negatives. Die Blockchain-Technologie wird das Leben von Menschen in allen Schichten der Gesellschaft verbessern, inklusive denen mit geringem oder keinem Zugang zu Banken. Blockchain wird viele geschäftliche Abläufe und die Art verändern, wie wir mit Dingen handeln, die irgendeinen Wert besitzen.

Paolo Tasca: In gewisser Weise wirkt die Entwicklung und Durchdringung von Blockchain und Bitcoin so, als ob wir die Büchse der Pandora geöffnet hätten. Das ist aber kein ungewöhnliches Phänomen im Kontext des Aufkommens neuer, vor allem disruptiver Technologien. Meiner Meinung nach ist der positive Effekt, den „Pandoras Box“ bewirken kann, deutlich größer als die möglichen negativen Folgen.

Ungeachtet vieler regulatorischer Herausforderungen, Risiken und Probleme mit der Skalierung, die mit Bitcoin und Kryptowährungen im Allgemeinen verbunden sind, ist die Frage nach einem globalen Zahlungssystem ein gutes Beispiel hierfür. Ein dafür geeignetes System ist schwer vorstellbar ohne die Technologie von Bitcoin. Außerdem ist der Konsens-Mechanismus von Bitcoin allen hergebrachten Sicherheitstools überlegen, die für Datenbanken im Einsatz sind, aber leicht durch verbesserte Hacker-Angriffe umgangen werden können. Nach acht Jahren des Testens und der ständigen Verbesserung hat die Bitcoin-Technologie inzwischen einen hohen Reifegrad erreicht; Blockchains werden in der Praxis vielfältig eingesetzt und zeigen der Öffentlichkeit, wie zahlreich und großartig die Möglichkeiten sind.

 

Eine Welt ohne Vermittler

JAXenter: Wird Blockchain die Mittelsmänner eliminieren? Was sind die Vor- und/oder Nachteile einer Welt ohne solche Vermittler?

Chitra Ragavan: Mittelsmänner müssen auf der Hut sein! Zwei fundamentale Änderungen werden dazu führen, dass die meisten Mittelsmänner überflüssig werden: Einerseits verschiebt sich die globale Wirtschaft hin zum Peer-to-Peer-Austausch von Daten, Waren und Services. Andererseits entstehen immer mehr Smart Contracts, Logiken und automatisierte Lösungen. Das alles betrifft dann Banker, Anwälte und andere Broker und Vermittler. Einige dieser Zwischenhändler können diese Entwicklung bereits kommen sehen: einen Tsunami der Veränderung, der ihre Art des Daseins und ihre Einkommensquelle wegschwemmen wird. Andere haben wahrscheinlich noch keine Ahnung von den Veränderungen, die hinter der nächsten Ecke lauern. Sobald die Flut aber abebbt, müssen sie neue Dienstleistungen entwickeln und anbieten, die zur neuen wirtschaftlichen Weltordnung passen.

Eine Welt ohne Vermittler ist theoretisch effizienter, weil Transaktionen schneller und reibungsloser ablaufen und lukrativer werden, wenn keine Anteile mehr an den Vermittler abgetreten werden müssen.

Kathryn Harrison: Es ist schwer, eine allumfassende Antwort auf diese Frage zu geben. In bestimmten Fällen, in denen fremde Vermittler beteiligt sind, die Kosten verursachen, ohne einen entsprechenden Wert zu bieten, ist eine Disruption sehr wahrscheinlich. Allerdings wird es wahrscheinlich auch andere Arten von Vermittlern geben, die wertvolle und vertrauenswürdige Dienste anbieten und sich weiterentwickeln können, um den neuen technologischen Möglichkeiten zu begegnen, die die Blockchain mitbringt.

Conor Svensson: Es wird immer Bedarf an einer bestimmten Art von Mittelsmännern geben. Bestimmte Leute werden immer bereit sein, eine zusätzliche Partei dafür zu bezahlen, ihnen die Arbeit mit Technologien zu erleichtern. Man schaue sich nur an, wie Google das Informationsnetz organisiert, Banken ihren Kunden einen Schutz vor Betrug bieten und so weiter. Eine Welt, in der alle Arten von Vermittlern obsolet werden, ist also nicht vorstellbar. Blockchain besitzt aber das Potential, unsere Abhängigkeit von ihnen zu reduzieren.

Wenn die Anwendung oder Implementierung der Blockchain-Technologie in manchen Gebieten unseres Lebens negative Konsequenzen hat, bedeutet das, dass das Werkzeug missbraucht wurde.

Stephen DeMeulenaere: Es ist potentiell möglich, dass Blockchain den Bedarf an Mittelsmännern auflöst; in bestimmten Fällen wird man sie aber wohl weiterhin brauchen. Märkte für Kryptowährungen sind eine Art von Vermittler am Markt, und es gibt bereits Versuche, sie zu verändern.

Eoin Woods: Ja, grundsätzlich stimmt es, dass Blockchain es möglich macht, auf viele Mittelsmänner zu verzichten. Allerdings handelt es sich bei den verzichtbaren Mittelsmännern auch um die Arten von Vermittlern, die einer Transaktion keinen inhärenten Wert hinzufügen, sondern nur Akten pflegen und zwischen den Transaktionspartnern vermitteln. Dort, wo Vermittler ein Risiko tragen oder der Transaktion einen Wert hinzufügen, sind sie sicher vor der Disruption – sie werden einfach zu Beteiligten an der Wertschöpfungskette, die in der Blockchain ablaufen wird.

Dawn Newton: Blockchains werden die Eliminierung von Mittelsmännern ermöglichen, die keinen adäquaten Wert im Vergleich zu den verursachten Kosten anbieten. Der große Unterschied wird darin bestehen, dass Vertrauenswürdigkeit keinen Vorteil an sich mehr darstellt. Jeder wird selbst erkennen können, ob der Vermittler, mit dem er interagiert, einen echten Mehrwert bietet oder nicht. Wer aber einen echten Wert generiert, wie ein Reiseplaner, der über Ortskenntnisse verfügt, die der Kunde nicht hat, bleibt weiterhin nützlich.

Unter den Blockchain-Alternativen werden sich diejenigen durchsetzen, die eine Lösung anbieten, die einen Vorteil für den Nutzer im Vergleich zu den bisherigen Mittelsmännern besitzen.

Perianne Boring: Ich glaube nicht, dass alle Vermittler eliminiert werden. Allerdings wird die Technologie viele geschäftliche Prozesse modernisieren und automatisieren, die bisher manuell und auf dem Papier ausgeführt wurden und/oder ineffizient sind. Auch die Verwaltungskosten können mit der Implementierung von Distributed-Ledger-Technologien gesenkt werden.

Laut einem Forschungspapier von Santander InnoVentures können Distributed-Ledger-Technologien die Kosten für Bank-Infrastrukturen auf den Gebieten von grenzüberschreitenden Zahlungen, Wertpapierhandel und für die Erfüllung gesetzlicher Vorschriften bis zum Jahr 2022 um 15 bis 22 Milliarden Dollar pro Jahr reduzieren.

Paolo Tasca: Der Abbau von Mittlerrollen ist eine der zentralen Eigenschaften der Blockchain-Technologie, die viele Branchen umgestalten wird. Hausverwaltungen sind beispielsweise eine Branche, die bald durch die Blockchain verschwinden wird. In einem Blockchain-basierten Leben werden Mieten Peer-to-Peer bezahlt, also direkt an den Vermieter, wie es bereits bei der Darlehnsvergabe der Fall ist. Akademische Expertenrunden wie der P2PFISY Workshop, der an der UCL stattfand, wollen die Möglichkeiten der P2P-Anwendung in diversen Szenarien erforschen und diskutieren, um die Risiken auf betrieblicher Ebene, sowie die Risiken durch Betrug und das Verhalten der Gegenseite abzubauen und die Transparenz und regulatorische Effizienz zu erhöhen.

Werden die Versuche zur Reduktion von Mittelsmännern schlussendlich dazu führen, dass es gar keine mehr gibt? Ich gehe nicht davon aus. Die Rollen und Aufgaben von Vermittlern werden sich wohl einfach verändern, während Geschäftsmodelle sich erweitern. Swift ist beispielsweise ein typischer „Mittelsmann“ auf dem Finanzsektor, der aufgebaut wurde, um den Handel mit ausländischen Zahlungsmitteln und globale Zahlungen zu ermöglichen. Jetzt steht der Dienst wortwörtlich am Scheideweg, da die informationelle Asymmetrie, von der das Angebot gelebt hat, im Kontext von Bitcoin und Blockchain sinkt. Dieser Dienstleister könnte nun versuchen, künftig als Plattform-Betreiber zu agieren statt als Broker aufzutreten. Die Reduktion der Zahl der Vermittler ist zweifelsohne am Ende vorteilhaft für beide Parteien, da sie bedeutet, große Mengen an Zeit und geschäftlicher Kosten zu sparen.

Auf der anderen Seite werden diejenigen Mittelsmänner, die mit der Veränderung im FinTech nicht schritthalten, leider Pleite gehen und arbeitslos werden. Die FinTech-Disruption wird nicht nur neuen Schwung und eine Vitalisierung mit sich bringen, sondern auch zu einer enormen Konkurrenz führen. Welche Rolle den traditionellen Mittelsmännern dabei zufällt, ist noch immer nicht klar vorhersehbar.

Erfolgreich in der Blockchain-Ära

JAXenter: Wie können Unternehmen in einer Welt Erfolg haben, die von Blockchain regiert wird?

Eine Welt ohne Vermittler ist theoretisch effizienter, weil Transaktionen schneller und reibungsloser ablaufen.

Chitra Ragavan: Mutig sein! In die Zukunft schauen! Wandelbar sein! Veränderungen stehen bevor. Man muss sich mit den neuen Möglichkeiten befassen und sowohl das riesengroße Potential, als auch die Limitationen der Technologie verstehen. Am Ende muss ein Urteil stehen: Ist Blockchain besser als das, was ich derzeit habe? Wie wird sich meine Welt dadurch verändern? Gerate ich ins Hintertreffen, wenn ich diese neue Art zu Denken und Geschäfte zu machen nicht übernehme? Bringt mich das vorwärts; zerstört es mich, wenn ich nicht mitgehe? Was wird das alles kosten? Das sind die Fragen, die jeder Verantwortungsträger sich und seinem Team stellen sollte.

Man sollte sich vor Traumtänzern hüten, aber zugleich empfänglich für die exakten Prognosen von Experten bleiben. Den Kopf in den Sand zu stecken, weil man in einer Branche tätig ist, in der Blockchain sich mit Lichtgeschwindigkeit weiter entwickelt, hilft nicht. Das Problem zu ignorieren, könnte das Ende des eigenen Unternehmens sein! Und man muss sich die Frage stellen, ob man selbst ein Mittelsmann im Rahmen von Transaktionen ist, und wenn ja, wie diese Technologie die eigene Arbeit, den eigenen Profit, tatsächlich sogar das eigene Überleben beeinflussen wird.

Kathryn Harrison: Wie bei jeder neuen Technologie ist es wichtig, sich weniger auf die eigentliche Technologie zu konzentrieren als zu betrachten, welches Problem man damit lösen kann. Wenn man bei einem menschlichen oder geschäftlichen Problem beginnt und dann herausfindet, wie die Technologie dies zu lösen imstande ist, erleichtert das die Überwindung der inhärenten Herausforderungen, mit denen man bei jeder neuen Technologie konfrontiert ist. Sobald das Problem identifiziert wurde, muss man ein tiefgreifendes Verständnis der Technologie entwickeln und verstehen, welchen Einfluss sie auf die verschiedenen Geschäftsbereiche des eigenen Unternehmens hat. Die größten Herausforderungen werden wahrscheinlich nicht technischer Natur sein, sondern sich auf den Gebieten der rechtlichen Vereinbarungen, der Befolgung von Regulationen und dem Risikomanagement finden.

Conor Svensson: Die Grundsätze des Gewerbes sind gleich geblieben. Wer ein Geschäft aufbauen kann, indem er ein handfestes Produkt oder eine gute Dienstleistung anbietet, mit Kunden und Einnahmequellen, die zum Unternehmen passen, hat ein erfolgreiches Geschäftsmodell. Daran hat sich nicht verändert – man braucht die Blockchain nicht, um geschäftlichen Erfolg zu haben.

Es gibt einige Unternehmen, die neue Geschäftsmodelle in der Blockchain ausprobieren; in manchen Fällen ist das deutlich schwerer als ein Vorgehen ohne Blockchain. Man steht nicht nur vor der Herausforderung, ein noch unerprobtes Geschäftsmodell zum Erfolg zu führen und dafür Kunden zu generieren, sondern bringt auch eine neue Technologie mit in die Gleichung, die den Erfolg erschwert.

Stephen DeMeulenaere: Unternehmen sollten die technologischen Entwicklungen im Blick behalten und Berater und Forscher anheuern, die ihnen dabei helfen, mit diesen Entwicklungen Schritt zu halten und herauszufinden, wie sie in ihrer Branche sinnvoll eingesetzt werden können.

Eine Welt ohne Vermittler ist nicht vorstellbar. Blockchain kann aber unsere Abhängigkeit von ihnen zu reduzieren.

Marta Piekarska: Man kann einfach weitermachen wie gewohnt und damit Erfolg haben. Nicht jede Branche profitiert vom Einsatz der Blockchain. Das sollte man für die eigenen Anwendungsfälle im Voraus überprüfen. Wenn das der Fall ist, glaube ich, dass der beste Weg zum Erfolg die Zusammenarbeit mit anderen Unternehmen aus der Branche in Open-Source-Projekten ist. Durch Partnerschaften und Kontakte können Unternehmen zu besseren und erfolgreicheren Lösungen gelangen.

Eoin Woods: Die meisten Unternehmen sollten sich auf ihre Kunden konzentrieren und darauf, ihnen zum Erfolg zu verhelfen. Sie sollten sich nicht zu viele Gedanken um Blockchain machen! Allerdings gilt das nicht für Unternehmen, deren inhärente Funktion die des Mittelsmanns bei Transaktionen ist. Diese Unternehmen müssen eine ehrliche Neubewertung ihres Gewerbes vornehmen und sich klar machen, welchen Wert sie zu einer Transaktion hinzufügen. Dazu gehört die Bereitschaft, das eigene Preismodell oder sogar das Geschäftsmodell zu verändern, wenn man feststellt, dass man nicht genug Wert erzeugt, um den Abbau der Vermittlerrollen zu überleben, den die Blockchain mit sich bringt.

Dawn Newton: Zu allererst sollten Geschäftsführer einmal davon ausgehen, dass die Blockchain ihr Geschäftsmodell beeinflussen wird, auch wenn es zunächst nicht so aussieht. Ich bin mir ziemlich sicher, dass die meisten Taxi-Unternehmen oder Hotel-Ketten 1996 nicht gedacht  hätten, dass ihr Geschäftsmodell signifikant durch das Internet bedroht wird. Und doch haben wir heute Uber, Airbnb und so weiter, die die Spielregeln in diesen traditionsreichen Branchen signifikant verändert haben, die man für immun gehalten hatte.

Heute hat man die Chance, zu den ersten zu gehören, die auf Blockchain setzen, und kann Unternehmen dadurch aufblühen lassen. Viele Banken haben beispielsweise  gesagt, dass sie die Möglichkeiten des Internets als neuer Technologie schätzen, sie aber nur zur internen Kommunikation nutzen möchten. Die Citibank, die Bank of America und eine Handvoll anderer Banken haben sich aber 1999 dafür entschieden, den Schritt zum Onlinebanking zu wagen. Innerhalb von nur fünf kurzen Jahren haben 31 Prozent der Amerikaner diese Möglichkeit genutzt, statt vor Ort zur Bank zu gehen und direkt mit den Bankangestellten zu interagieren. Das ist nur ein Beispiel für die möglichen Kostenreduktionen. Für Unternehmen aus vielfältigen Branchen wird die Blockchain zahlreiche Optionen für signifikante Einsparungen und die Eröffnung neuer Märkte bieten.

Perianne Boring: Die entscheidende Frage lautet, ob Unternehmen sich schnell und früh genug umstellen können. Die Technologie wird die Art verändern, wie ganze Geschäftsfelder funktionieren.

Unternehmen, die sich noch nicht mit Blockchain befassen, sollten das definitiv tun. Um eine Chance zu haben, wettbewerbsfähig zu bleiben, müssen Unternehmen Blockchain-Teams aufbauen und formalisieren, Komitees und Task-Forces mit dezidiertem R&D-Budget bilden. Diese Teams sollten ernsthaft darüber nachdenken, wie Blockchains verschiedene Geschäftsmodelle beeinflussen können, ob es um das Gesundheitswesen, Versicherungen, Finanzdienstleistungen, Medien, Supply Chains oder etwas anderes geht. Sie müssen Proofs of Concept und Pilotprogramme entwickeln. Unternehmen, die das nicht tun, könnten bei dieser Entwicklung auf der Strecke bleiben.

Paolo Tasca: Das erinnert mich an eine ähnliche Fragestellung: „Wie baut man ein erfolgreiches Online-Unternehmen auf?“

Während wir in einer goldenen Ära leben, in der viele historische Internet-Unternehmen  noch immer wachsen und expandieren, können wir auch viele Hinweise und Lektionen aus den Erfahrungen der letzten Jahre mitnehmen. Es gibt zwei treibende Kräfte, die wir anhand der heute erfolgreichen Online-Unternehmen identifizieren können:

Die erste ist „Hartnäckigkeit„. Tu, worin du gut bist, und bleib dabei. Die Dot-com-Blase hat nicht nur zu Albträumen und Kummer geführt, sondern auch Tech-Riesen wie Google und Facebook hervorgebracht – die größten Gewinner ihrer Zeit, die die Katastrophe überlebt und unsere Gesellschaft verändert haben. Genau so sind zwar 90-95% der Blockchain-Startups dazu verdammt, innerhalb von drei Jahren nach ihrer Gründung wieder unterzugehen; sie sollten aber trotzdem begrüßt und gefeiert werden, weil auch diejenigen Entrepreneurs, die im ersten Versuch scheitern, wertvolle Erfahrungen für Unternehmen der zweiten Generation liefern können.

Der zweite Faktor ist „Innovation„. Die Fähigkeit zum Entwickeln von Innovationen, entweder durch die Unternehmen selbst oder durch äußere Einflüsse wie die strategischen Merges mit oder die Akquisition von anderen Unternehmen, ist der Lebenssaft von Unternehmen, die einen langfristigen Erfolg anstreben. Das gilt genauso für Blockchain-Unternehmen. Der Erfolg von Amazon und Tesla lehrt uns für den Bereich der Blockchain, dass das Geheimnis des Erfolgs darin liegt, den anderen immer einen Schritt voraus zu sein, indem man Innovationen über die natürlichen technologischen Grenzen hinaus treibt und neue Geschäftsmodelle und organisatorische Paradigmen erschafft.

Im Rahmen dieser Art zu denken sollten Blockchain-Entrepreneurs aufhören, Blockchain nur als ICT-Technologie zu sehen und sie auch als institutionelle Technologie betrachten. Aus dieser Perspektive heraus betrachtet kann Blockchain nicht nur für neue Produkte genutzt werden, sondern auch neue Geschäftsmodelle ermöglichen: innovative Organisationsformen oder neue Arbeitsabläufe und eine Produktion, in der Zugänglichkeit wichtiger ist als Eigentum, Teilen wichtiger als der Besitz. Blockchain hat das Potential, die Grenzen zwischen hierarchischen Organisationen und nicht-territorialen, spontan geregelten, selbst-organisierten Geschäftsmodellen zu verschieben.

Im letzten Teil unserer Interview-Serie werden wir den IMF-Artikel „The Internet of Trust“ unter die Lupe nehmen und die Lektionen diskutieren, die die IT-Welt aus der Blockchain-Technologie lernen kann.

Hintergrund zum Thema:

Die Ethereum Blockchain – eine Einführung

 

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Geschrieben von
Gabriela Motroc
Gabriela Motroc
Gabriela Motroc ist Online-Redakteurin für JAXenter.com. Vor S&S Media studierte Sie International Communication Management an der The Hague University of Applied Sciences.
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