Interview mit Paolo Tasca

Bitcon Flipping: Der traditionelle Bankensektor ist deutlich neugieriger als Bitcoin

Gabriela Motroc
Paolo Tasca

Die Bitcoin-Industrie hat die ersten beiden Stufen seiner Entwicklung hinter sich gelassen: Von den ersten Prototypen hin zum zweiten Level, das von Spekulationen und Schwarzmärkten gezeichnet war. Auf der derzeitigen dritten Ebene, so fand ein Research Paper mit dem Titel “The Evolution of the Bitcoin Economy: Extracting and Analyzing the Network of Payment Relationships” heraus, entwickelt sich der Bitcoin-Markt nun weg von schmutzigen Geschäften und hin zu seriösen Anwendungen.

Die Wirtschaftswissenschaftler Paolo Tasca, Shaowen Liu und Adam S. Hayes haben sich zusammen getan und die Evolution der Bitcoin-Wirtschaft analysiert. Ihre im letzten Monat veröffentlichte Forschungsarbeit brachte einige spannende Fakten darüber zutage, wohin sich die Cyberwährung entwickelt und welche Rolle die Blockchain-Technologie in unserer hochgradig digitalisierten Zukunft spielen wird.

Wir haben mit Paolo Tasca, Senior-Autor des Forschungspapers „The Evolution of the Bitcoin Economy: Extracting and Analyzing the Network of Payment Relationships” und Direktor des Centre for Blockchain Technologies am University College London, über seine Forschung und die Zukunft von Bitcoins und Blockchain gesprochen.

JAXenter: Wie sind Sie auf die Idee zu dieser Forschungsarbeit gekommen? Was ist das Ziel dahinter?

Paolo Tasca: Anders als bei anderen Datensets sind alle Transaktionen aus öffentlichen Blockchains wie Bitcoin einsehbar. Das heißt, dass man sie leicht unter dem Mikroskop untersuchen kann. Auf der anderen Seite sind aber alle Absender und Empfänger der Transaktionen hinter Pseudonymen versteckt.

Es gibt Methoden, die Bitcoin-Transaktionen privater machen.

Darum war es für uns interessant, eine neue Methodik zu entwickeln (Pure User Group Analysis und Transaction Pattern Analysis), mit der wir das Netzwerk der Abhängigkeiten zwischen den größten wirtschaftlichen Entitäten, die wir trotz ihrer weitgehenden Anonymität anhand ihrer Geschäftsbereiche kategorisieren können, im Bitcoin-Netz extrahieren können. Unsere Methode kann auch für andere Blockchains wie Ethereum verwendet werden und ist innerhalb des gewählten Netzwerks anwendbar, um Stresstest-Analysen durchzuführen.

JAXenter: Im Paper erwähnen Sie, dass Sie einige der Aktivitäten und Interaktionen zwischen Bitcoin-Nutzern abbilden können, weil der Handel durch Pseudonyme charakterisiert wird, nicht durch strikte Anonymität. Zerstört die Idee der Pseudonyme eines der ursprünglichen Ziele der Cryptowährung – nämlich die Anonymität?

Paolo Tasca: Das hängt davon ab, mit welchen Ziel der Einzelne seine Finanzgeschäfte privat halten möchte. Der traditionelle Bankensektor mit seinen Kreditkarten, Geldtransfers und elektronischen Zahlungswegen wie PayPal ist insgesamt deutlich neugieriger als Bitcoin. Ihr Kreditkartenanbieter weiß mehr über Sie als Google. Auch Bargeld ist nicht per Definition vollkommen anonym – wenn ich in einem Geschäft etwas für fünf Dollar bei Ihnen kaufe, werden unsere Identitäten gegenseitig offenbart. Nichtsdestoweniger gibt es aber Methoden (z. B. CoinJoin), die Bitcoin-Transaktionen privater machen und digitale Währungen, wie Dash, die diese Funktionen explizit eingebaut haben.

Unsere Methode kann auch für andere Blockchains wie Ethereum verwendet werden.

JAXenter: Laut Ihrer Studie liegt die Menge der von schmutzigen Händlern ausgeführten Transaktionen seit November 2013 bei weniger als drei Prozent der Gesamttransaktionen. Woran liegt das? War das der Moment als klar wurde, dass Bitcoin sich als Zahlungsmittel im Mainstream etablieren könnte?

Paolo Tasca: Wie wir im Paper erwähnen, war die Beschlagnahmung von Silk Road ein großer Weckruf für viele Darknet-Nutzer, die fälschlicher Weise davon ausgegangen waren, dass Bitcoins zu 100 Prozent anonym sind. Diese einzelne Seite war zu ihren Hochzeiten für den Löwenanteil der illegalen Bitcoin-Geschäfte verantwortlich. Zur gleichen Zeit begannen aber auch Entrepreneure aus der Finanz- und Technologiebranche damit, den Markt mit Risikokapital aufzumischen. Ich glaube nicht, dass Bitcoin bereits zum Mainstream gehört. Es ist aber auf dem richtigen Weg, um dort irgendwann anzukommen.

JAXenter: Ist Bitcoin eine sichere Wahl? Sind die gegenwärtigen Befürchtungen hinsichtlich der Verwendung von Bitcoins für illegale Transaktionen übertrieben?

Paolo Tasca: Bitcoin ist so sicher wie es nur sein kann, dank der Blockchain, Verschlüsselung und dem riesigen Mining-Netzwerk, das alle Transaktionen validiert. Es ist aber auch anfällig für Verlust, wenn man die privaten Schlüssel verliert, aber das ist das gleiche wie mit Bargeld in einem verlorenen Portemonnaie. Dank einiger innovativer Start-ups gibt es web- und cloudbasierte Services, die diese privaten Schlüssel sicher managen und das Problem verkleinern.

Bezüglich illegaler Aktivitäten in der Bitcoin-Wirtschaft zeigen unsere Daten tatsächlich, dass sie inzwischen nur noch einen kleinen Teil aller Transaktionen ausmachen. Das ist eine ermutigende Entwicklung. Das bedeutet allerdings nicht, dass die Illegalität ganz verschwunden ist. Sie könnte einfach auf andere Cryptowährungs-Plattformen abgewandert sein, die unterhalb des Radars der Strafverfolgungsbehörden fliegen.

JAXenter: Waren die Ergebnisse der Studie überraschend? Was haben Sie erwartet zu finden?

Paolo Tasca: Die gegenwärtigen Ergebnisse sind schon sehr informativ. Wir hatten allerdings erwartet, einen deutlicheren Unterschied zwischen den Transaktionsmustern von verschiedenen wirtschaftlichen Entitäten zu finden.

Ich glaube nicht, dass Bitcoin bereits zum Mainstream gehört. Es ist aber auf dem richtigen Weg, um dort irgendwann anzukommen.

JAXenter: Wird Bitcoin von der Blockchain in den Schatten gestellt werden? Wenn ja, wo erwarten Sie mehr Blockchain-Aktivitäten zu sehen?

Paolo Tasca: Obwohl Bitcoin sicherlich die berühmteste, am häufigsten verwendete und erfolgreichste gegenwärtige Anwendung der Blockchain ist, ist die Währung dazu bestimmt, sich zugunsten andere Blockchain-Verwendungen wieder zurückzubilden. In dieser Hinsicht bin ich agnostisch bezüglich der Frage nach Token-basierten und Token-losen Blockchains und in der Debatte über öffentliche oder private Register. Ich denke ehrlich gesagt, dass einige Blockchains ihren Zweck besser erfüllen können, wenn sie mit einem nativen Token implementiert und offen gehalten werden. Gleichzeitig glaube ich aber auch, dass andere Blockchains ihre Ziele eher erreichen, wenn sie aus Gründen der besseren Diskretion und Kosteneffizienz ohne nativen Token implementiert und privat gehalten werden.

Unsere sozioökonomischen Systeme werden vermutlich verschiedene Blockchain-Infrastrukturen adaptieren, die dann nebeneinander koexistieren.

Es ist schwer vorherzusagen, was wohl die wichtigste Anwendung für die Blockchain in den nächsten Jahren sein wird, weil Blockchain-Technologien in verschiedenen Bereichen verwendet werden können. In den letzten zwei Jahren kamen das größte Interesse sowie die größte Aktivität aus der Finanzindustrie. Für die nächsten Jahre erwarte ich, dass andere Sektoren wie die Energiebranche, die Telekommunikation, die Medien und die Gesundheitsbranche aktiver einsteigen werden. Für sie werden sich hier neue Möglichkeiten zur Umgestaltung ihrer Geschäftslogik eröffnen.

Vielen Dank!

Geschrieben von
Gabriela Motroc
Gabriela Motroc
Gabriela Motroc ist Online-Redakteurin für JAXenter.com. Vor S&S Media studierte Sie International Communication Management an der The Hague University of Applied Sciences.
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