Interview mit Bitcoin-Entwickler Matt Corallo

Bitcoin Flipping: „Bitcoin hat ein grundlegendes Problem der Computerwissenschaft gelöst“

Gabriela Motroc

© Shutterstock.com / Bruce Rolff

Dem Eindruck, dass die Blockchain dabei ist, Bitcoin den Rang abzulaufen, kann man sich in diesen Tagen kaum erwehren. Trotzdem ist Bitcoin noch weit davon entfernt, in die Bedeutungslosigkeit abzudriften. Im Hinblick auf das in der nächsten Woche stattfindende „Hacker Residency Program“ haben wir uns mit Matt Corallo über die derzeitige Lage in der Welt der digitalen Währungen und die neue Initiative unterhalten. Gemeinsam mit Veranstalter Chaincode Labs Inc. wird er das Programm leiten.

Matt Corallo ist Mitgründer von Blockstream und ein langjähriger Bitcoin-Entwickler. Im Interview mit JAXenter spricht er über die Evolution der Cryptowährung, deren Potential und die Stolperfallen. Außerdem erklärt er, warum Entwickler vollständig in die Welt der Bitcoins eintauchen sollten und stellt die neue Initiative von Chaincode Labs Inc. vor. Das Unternehmen ist eine Forschungs- und Entwicklungsgruppe, deren Fokus auf Cryptowährungen und anderen, dezentralisierten Peer-to-peer-Systemen liegt.

JAXenter: Hallo Matt und danke, dass du dir die Zeit genommen hast. Du warst bereits ganz am Anfang von Bitcoin in dessen Entwicklung involviert. Wie hat sich die Währung seitdem entwickelt?

Matt Corallo: Nun, das ist ein wenig schwer zu beantworten, denn Bitcoin hat sich in vielerlei Hinsicht weiterentwickelt. Zum einen ist die Entwickler-Community mittlerweile sehr viel größer und das Fachwissen der Beteiligten deutlich höher. Zum anderen sind auch die generelle Anzahl an Nutzern und natürlich die geschäftliche Community gewachsen.

Als ich damit anfing, mich mit Bitcoin zu beschäftigen, waren wir gegenüber Änderungen noch relativ offen eingestellt. Das lag unter anderem daran, dass wir uns mit der ganzen Theorie, wie Bitcoins und Blockchains eingesetzt werden könnten, noch gar nicht richtig befasst hatten. Viel gewichtiger als das war allerdings die schlichte Tatsache, dass es damals gar nicht so große finanzielle Investments in die Währung gab. In diesen Tagen müssen wir als Entwickler sehr viel vorsichtiger sein, wenn wir etwas ändern. Diese notwendige und gelebte Vorsicht ist auch ein Grund für den einzigartigen Stand, den die Entwickler-Gemeinschaft von Bitcoin in Bezug auf die Pflege der Userbasis und der Milliarden-Investments heute innehat.

JAXenter: Denkst du, dass Bitcoin auf einem absteigenden Ast sitzt oder hat es noch Potential zum Wachstum?

Matt Corallo: Da ich leider nicht in die Zukunft sehen kann, ist auch diese Frage nicht leicht zu beantworten. Ich würde allerdings sagen, dass Bitcoin nach wie vor das gleiche Potential zum Wachstum hat, das es immer hatte. Der einzige Unterschied zu damals ist, dass nun mehr Ressourcen zur Verfügung stehen. An der Nützlichkeit von Bitcoin und den Use Cases hat sich nichts geändert.

Als ich damit anfing, mich mit Bitcoin zu beschäftigen, waren wir gegenüber Änderungen noch relativ offen eingestellt.

JAXenter: Arbeitest du immer noch an BitcoinJ mit? Welche Probleme sollen durch BitcoinJ gelöst werden?

Matt Corallo: Ich habe mich schon seit Jahren nicht mehr an BitcoinJ beteiligt. BitcoinJ ist eine der älteren Bitcoin-Bibliotheken und war früher sehr viel berühmter als beinahe alle anderen Bibliotheken. Heute gibt es andere Bitcoin Libraries, die mindestens genauso bekannt sind wie BitcoinJ (auch wenn ich von keiner anderen solchen Bibliothek für Java weiß).

JAXenter: Gemeinsam mit Chaincode Labs wirst du ein „Hacker Residency Program“ leiten. Kannst du uns mehr darüber verraten?

Matt Corallo: In dem Projekt geht es insgesamt darum, Entwicklern beizubringen vollständig in die Protokollebene von Bitcoin eintauchen zu können. Bitcoin ist ein sehr kompliziertes und komplexes System. Da kann es zuweilen sehr schwierig sein, sich das nötige Fachwissen anzueignen, um produktiv am Bitcoin-Kern oder generell am Protokoll mitzuarbeiten. Durch die enge Zusammenarbeit mit aktiven Entwicklern hoffen wir, den Teilnehmern ein Umfeld zu geben, die dazu notwendigen Fähigkeiten zu erlernen.

Bitcoin hat ein großes transformatives Potential für eine Reihe von Branchen.

JAXenter: Warum glaubst du sollten Entwickler sich in Vollzeit mit Bitcoin beschäftigen?

Matt Corallo: Weil Bitcoin eine faszinierende Technologie ist! Unter anderem hat es ein grundlegendes Problem der Computerwissenschaft gelöst und ein System geschaffen, an dessen Entwicklung zur Zeit der initialen Ankündigung Menschen bereits seit über 20 Jahren immer wieder scheiterten. Zudem hat Bitcoin ein großes transformatives Potential für eine Reihe von Branchen – es überrascht mich also nicht, dass es zahlreiche Entwickler gibt, die sich eingehender mit Bitcoin beschäftigen wollen 😉

JAXenter: Das Unternehmen SFOX aus San Francisco hat einen Algorithmus erschaffen, um die Volatilität von Bitcoin zu senken. Denkst du, dass die Volatilität der Grund für die nach wie vor vorherrschende Zurückhaltung gegenüber Bitcoin ist?

Matt Corallo: Ich würde nicht unbedingt sagen, dass es eine allgemeine Zurückhaltung gegenüber Bitcoin gibt: Viele Leute nutzen die Währung bereits. Aber ich muss zugeben, dass die Volatilität für einige Geschäftsmodelle durchaus ein Problem darstellen kann. Nichtsdestotrotz ist Bitcoin ein eher junges Projekt und neben vielen anderen Problemen, die behoben werden, wird auch die Volatilität weiter sinken.

JAXenter: Wie bist du zu Bitcoin gekommen? Wie kam es, dass du Bitcoin-Entwickler wurdest?

Matt Corallo: Hauptgrund war wohl mein gleichermaßen großes Interesse an Computerwissenschaft und Ökonomie. Von Anfang an begeisterte mich die faszinierende Kombination aus ökonomischen Anreizstrukturen und computerwissenschaftlichen Systemen.

JAXenter: Vielen Dank für das Gespräch!

Screen-Shot-2016-09-07-at-11.11.02-AMMatt Corallo ist Mitgründer von Blockstream und langjähriger Bitcoin-Entwickler. Er hat am Bitcoin-Kern mitgearbeitet, dessen Test-Infrastruktur und BitcoinJ mitgearbeitet. Letzteres ist eine Java-implementierung deren Fokus auf leichtgewichtigen Anwendungen liegt. Nebenher arbeitet er als Entwickler für Whisper-Systeme und forscht im Bereich sichere Hardware.
Geschrieben von
Gabriela Motroc
Gabriela Motroc
Gabriela Motroc ist Online-Redakteurin für JAXenter.com. Vor S&S Media studierte Sie International Communication Management an der The Hague University of Applied Sciences.
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