Bist du Entwickler – oder Kanonenfutter für die Software-Front?

Hartmut Schlosser
©Shutterstock/Bildagentur Zoonar GmbH

In deiner ersten Flugstunde drückt dir der Fluglehrer das Steuer in die Hand – und du „fliegst“! In deinen ersten Computer gibst du einen Print-Befehl ein – und du „programmierst“! Beides Mal hat man das beglückende Gefühl der Kontrolle, der Freiheit, der Macht!

Doch während ein blutiger Fluganfänger niemals auf die Idee kommen würde, sich für einen echten Piloten zu halten, so ist das bei Programmierern oft anders: Man hält sich schnell für einen echten Entwickler, nur weil man Code schreibt!

Kanonenfutter für die Software-Front

Und was noch schlimmer ist: Während die Ausbildung zum Piloten stets das Verhindern des Scheiterns – mit seinen direkten existenzbedrohenden Konsequenzen – zum Thema hat, so ist ein vergleichbarer Praxisbezug in der Ausbildung zum Software-Entwickler nicht gegeben: Und so produziert das System fleißig „Entwickler“, die zwar Print- (und mittlerweile auch andere) Befehle in den Computer eingeben können, doch, einmal ans Steuer realer Projekte gesetzt, diese reihenweise zum Absturz bringen. Crash!

Diese Metapher benutzt Robert Martin (alias Uncle Bob) in einem Blogeintrag, um die aktuelle Recruiting- und Ausbildungssituation im IT-Sektor zu kritisieren. Es stimme zwar, dass in unserer Gesellschaft immer mehr Lebensbereiche von Software durchdrungen seien. Doch kann es angesichts des gesteigerten Software-Bedarfs und der gleichzeitigen Entwickler-Knappheit die Lösung sein, möglichst schnell immer mehr Bruchpiloten zu produzieren? „Kanonenfutter“ für die Software-Front?

Masse statt Klasse

Nein, meint Uncle Bob, und weist auf den alten Vergleich hin: Wenn ein guter Chirurg in 10 Stunden eine Herz-OP erfolgreich beendet, heißt das noch lange nicht, dass 10 Krankenschwestern das in einer Stunde schaffen. Oder 600 Krankenhausrezeptionisten in einer Minute!

Solch eine Wahrnehmung hat Uncle Bob wohl von den heutigen „Horden von Software-Novizen“: Das System produziert Masse statt Klasse. Er plädiert deshalb dafür, den Fokus zurück auf Qualität zu setzen:

Perhaps, instead of throwing hordes of novices into the air to crash and burn, we just need a few good pilots who can carefully and competently complete the missions.

Software Craftsmanship

Wer Uncle Bob kennt, weiß, dass bei diesen Aussagen die Ideen der sogenannten „Software Craftsmanship“ im Hintergrund steht. Die Craftsmanship-Bewegung bezieht sich auf ein Manifest aus dem Jahr 2009, in dem die folgenden Werte festgeschrieben werden:

Nicht nur funktionierende Software, sondern auch gut gefertigte Software

Nicht nur auf Veränderung zu reagieren, sondern stets Mehrwert zu schaffen

Nicht nur Individuen und Interaktionen, sondern auch eine Gemeinschaft aus Experten

Nicht nur Zusammenarbeit mit dem Kunden, sondern auch produktive Partnerschaften

Das heißt, beim Streben nach den Werten auf der linken Seite halten wir die Werte auf der rechten Seite für unverzichtbar.

In diesem Sinne fordert Bob jetzt in seinem aktuellen Blogpost: Wir brauchen nicht mehr Code, sondern weniger, der besser geschrieben ist und viel mehr kann! Angesprochen wird auch die Rolle der Software-Industrie, die das Abstürzen von Systemen offenbar schulternzuckend hinnehme, mit dem lapidaren Satz: So funktioniert Software-Entwicklung wohl eben! Bobs Antwort: Würden wir bei der Piloten-Ausbildung ebenso vorgehen wie bei der Ausbildung unserer Entwickler, gäbe es täglich brennende Flugzeuge! Nehmt die Software-Entwicklung endlich ernst und sorgt für verantwortungsbewusste Programmierer mit Praxisbezug!

Is our industry doing the equivalent of offering free rides to hopeful software developers, calling them pilots, and throwing them by the thousands into airplanes just to watch them crash and burn? The evidence is pretty compelling. There’s a lot of crashing and burning out there. Is that because nobody is signing the log? Is that because we haven’t really been training them to be pilots.

Kritiker der Craftsmanship-Bewegung würden dieser Haltung nun wahrscheinlich den Hang zum Elitarismus vorwerfen. Braucht es nicht immer die gesunde Mischung aus Programmieranfängern und Experten? Sind für alle IT Jobs tatsächlich die hohen Ideale der Craftsmanship-Bewegung anzusetzen?

Nun, wie schätzen Sie die Situation ein? Waren Sie nach Ihrer Ausbildung eher Pilot oder Kanonenfutter?

Aufmacherbild: Historic Cannon von Shutterstock / Urheberrecht: Bildagentur Zoonar GmbH

Geschrieben von
Hartmut Schlosser
Hartmut Schlosser
Content-Stratege, IT-Redakteur, Storyteller – als Online-Teamlead bei S&S Media ist Hartmut Schlosser immer auf der Suche nach der Geschichte hinter der News. SEO und KPIs isst er zum Frühstück. Satt machen ihn kreative Aktionen, die den Leser bewegen. @hschlosser
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