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14 Tipps aus der Praxis

Nachgefragt: So sollten sich Entwickler bewerben

Kypriani Sinaris

© Shutterstock.com / studiostoks

Neues Jahr, neues Glück. Falls Sie sich nach einer beruflichen Veränderung sehnen: Wir haben Personaler gefragt, auf welche Punkte sie bei einer Bewerbung besonders Wert legen. Vom großen Konzern über mittelständische Unternehmen, typische und nicht so typische IT-Firmen – in Vielem sind sich die Personaler einig.

Die Recruiting-Praxis unterscheidet sich von Unternehmen zu Unternehmen. Legen die einen eher Wert auf belastbare Programmier-Skills, will der nächste zusätzlich jemanden, der von Meetup zu Meetup zieht und gute Ideen verkaufen kann. Jemanden, der gerade frisch von der Uni kommt, kann das nicht nur überfordern. Viele Anforderungen scheinen auch gar nicht erfüllbar zu sein, schließlich klingen sie nach jahrelanger Berufserfahrung und nicht nach Anforderungen an einen Berufsanfänger.

Wir haben uns bei verschiedenen Unternehmen umgehört und gefragt, wie bei ihnen ein Bewerbungsprozess abläuft und worauf sie bei einem Neuling achten. Wie man seine Technik-Skills überzeugend darstellt, dazu sagt Dietlind Hartenstein, HR Business Partner R&D, von der Software AG:

Im CV sollte eine realistische Beschreibung der technischen Skills gegeben werden. Anhand einer Projektbeschreibung kann die fachliche Fragestellung und die Art der Umsetzung erläutert werden. Das untermauert die aufgeführten Kenntnisse. Projekte sollten auch einen gewissen Umfang haben, um die Relevanz darzustellen. Die Validierung der Angaben erfolgt dann im Gespräch und sollte konsistent erfolgen.

Bei QAware in München zählen folgende Faktoren, wie uns Bernd Schlüter, Verantwortlicher im Personal-Ressort, berichtet:

Wir schätzen eine übersichtliche Darstellung auf einer Seite, mit einer ehrlichen Selbsteinschätzung zu den einzeln Punkten. Das kann gern breit angelegt sein, von gängigen Technologie-Stacks (Programmiersprachen, Entwicklungswerkzeuge, Frameworks) über CI-, Test-, allgemein Software-Engineering-Werkzeuge bis zu Spezialkenntnissen z. B. in den Bereichen Cloud Native, Machine Learning oder Data Science. Sehr hilfreich sind ein paar Sätze, die uns einen Eindruck vermitteln vom bisher größten Werk des Bewerbers, seinem Gesellen- oder Meisterstück.

Sandra Röttger, Personalreferentin bei Opitz Consulting, hebt drei Punkte hervor, die bei der Hervorhebung der IT-Skills hilfreich sind:

Es sollte erkennbar sein, welche Technologien in welchem Kontext eingesetzt wurden, außerdem sollte hervorgehen, welcher Technik-Skill wie gut und intensiv beherrscht wird (z. B. Scala Grundkenntnisse bis Expertenkenntnisse). Auch eine Angabe zur Teamgröße, Projektdauer, Rolle des Bewerbers ist aussagekräftig.

Stefan Hamm, Geschäftsführer der Lidl Personaldienstleistung dazu:

Egal ob Fähigkeiten im Praktikum, im Berufsleben oder durch das Selbststudium angelernt wurden – alle gesammelten Erfahrungen sollte der Bewerber mit angegeben. Es ist wichtig, im Lebenslauf auf einen Blick die Skills eines Bewerbers zu erkennen, z. B. welche Programmiersprachen er beherrscht, welche Tools er kennt oder mit welchen Entwicklungsmethoden er bisher gearbeitet hat.

Die genannten Unternehmen haben eine ganz unterschiedliche Größe und Ausrichtung. Die Personaler sind sich in einem einig: Unterm Strich sollte man realistisch und authentisch bleiben. Denn was bringt es schon, ein Projekt größer darzustellen als es wär oder es mit der Selbsteinschätzung etwas zu großzügig zu nehmen.

Unser Fazit #1:

Setzen Sie sich nicht unter Druck! Jobbeschreibungen wirken oft sehr fordernd. Lassen Sie sich davon nicht verunsichern und bleiben Sie bei Aussagen, die belastbar sind. Werfen Sie außerdem einen kritischen Blick auf die eigenen Unterlagen. Wenn diese selbstredend sind, auf einen Blick Ihre Kernkopetenzen darstellen und damit keine weitere mündliche Erläuterung brauchen, sind Sie auf dem richtigen Weg.

Die Personaler werden googeln – versprochen

An dieser Stelle sollte wohl nicht betont werden, dass Sie in sozialen Medien eher auf alkoholisierte Bilder verzichten sollten. Die Personaler sind natürlich nicht von gestern. Sie werden googeln. Dabei könnte Ihre Aktivität auf GitHub oder bei Meetups als positiv honoriert werden – sie sollten also gezielt im Bewerbungsschreiben darauf hinweisen, so Schlüter (QAware):

Wir freuen uns, wenn Bewerber in Ihrem CV Links auf eigene Open-Source-Projekte oder ihr Stackoverflow-Profil angeben. Wenn wir Code anschauen, achten wir auf Eleganz und Lesbarkeit, Klarheit der Schnittstellen, sauberes Design im Kleinen wie im Großen. Programmiertricks zur Einsparung von Rechenzeit schätzen wir nur an Stellen, an denen sie erforderlich sind. Die wenigsten Software Ingenieure zieht es ins Rampenlicht. Umso mehr stechen Bewerber positiv heraus, die bereits Vorträge gehalten haben. Bei der Beurteilung der Vorträge – wenn sich z. B. ein Link auf Slideshare in den Unterlagen findet – ist uns eine klare Botschaft und die inhaltliche Tiefe wichtiger als eine perfekte Folien-Show. Und es muss nicht immer die große Bühne sein, Erfahrung im Umgang mit Kunden, erfolgreich moderierte Anwenderworkshops o. ä. Erfahrungen sind für uns auch wertvoll.

Auch bei der Software AG können Sie mit Engagement punkten:

Die Teamleiter schauen sich durchaus an, ob Bewerber hier aktiv sind, wie strukturiert die Arbeit ist. Sie achten auch auf das Ergebnis. Stackoverflow ist DIE Entwickler-Plattform. Spezielle Entwicklerstellen schreiben wir auch direkt auf dieser Seite aus, daher ist es naheliegend, dass wir uns auch die Profile anschauen. Vorträge können ein starker Pluspunkt sein, wenn die Themen entsprechend durch Expertise belegt sind. Auch die Art der Konferenz kann eine Rolle spielen.

Unser Fazit #2:

Übung macht den Meister! So altklug es klingt, so richtig ist es auch. Recherchieren Sie nach Möglichkeiten, sich in Ihrem Umkreis aktiv an Stammtischen und User-Treffen zu beteiligen. Hier sammeln Sie nicht nur Erfahrungen und Referenzen für Ihre Bewerbungsunterlagen – vielleicht lernen Sie auch einen zukünftigen Kollegen oder Chef kennen. In der Kolumne JUG Alert finden Sie unter anderem eine Übersicht aller JUG-Termine in Ihrer Nähe.

Quereinsteiger: Was sie beachten müssen

Der klassische Weg über ein Informatikstudium oder eine Ausbildung ist nicht jedermanns Sache. Viele Entwickler fangen mitunter früh an, sich Programmier-Skills im Selbststudium anzueignen. Oder sie haben zunächst in einer anderen Branche gearbeitet und sind erst über Umwege zum Coding gekommen – klassische Quereinsteiger eben. Hier kann es dann an Zeugnissen und Nachweisen mangeln, die in Bewerbungsgesprächen immer noch eine große Rolle spielen. Was kann man also tun, um sich hier von der Masse hervorzuheben und zu zeigen, dass man trotzdem belastbare Fähigkeiten vorweisen kann?

Dazu Sandra Röttger von Opitz Consulting:

Man sollte ein IT-Profil und Projektprofil anfertigen, auch für private Projekte; es sollte erkennbar sein, welche Technologien in welchem Kontext eingesetzt wurden.

Dietlind Hartenstein von der Software AG rät Quereinsteigern:

Der Bewerber muss in der Lage sein, seine bisherige Praxiserfahrung überzeugend und transparent darzustellen. Das geschieht meist an Hand eines seiner Projekte. Er muss also erklären, was er gemacht hat, mit welchen Technologien er dabei gearbeitet hat und wie die Umsetzung erfolgte und Probleme gelöst wurden. Aktivitäten in Open-Source-Projekten oder Communities, die der Bewerber nachweisen kann, sind auch hilfreich. Er sollte erklären können, auf welchem Wege er sich die Expertise angeeignet hat und wie er sein Wissen aktuell hält.

Stefan Hamm von Lidl:

Entwickler sollten die Chance nutzen, ihre Skills persönlich vorzustellen. Aber auch in der Bewerbung bzw. im Lebenslauf kann man auf jede Erfahrung hinweisen. Die Berufsausbildung ist dann teilweise als zweitrangig zu bewerten, wenn eine Person bereits als Entwickler Berufserfahrung gesammelt oder sich durch Selbststudium Wissen angeeignet hat.

Bernd Schlüter von QAware sieht gar nicht so viele Unterschiede zwischen Quereinsteigern und studierten Informatikern:

Quereinsteiger, die ihre Qualifikation unter Beweis stellen wollen, machen das am besten wie die studierten Informatiker: mit einer übersichtlichen und im Bewerbergespräch belastbaren Darstellung ihrer Software Engineering Skills haben wir alles, was wir brauchen. Die Sätze zum Gesellenstück können ausführlicher sein, auch wenn das Gesellenstück an sich noch kleiner ausfällt.

Unser Fazit #3:

Sie sehen, Quereinsteiger zu sein, ist kein Nachteil. Gerade Praxiserfahrung kommt manchmal besser an als ein jahrelanges Studium. Üben Sie die Darstellung eines ausgewählten Projekts vor dem Gespräch, vielleicht sogar vor einem Nicht-IT-Publikum. Denn als Quereinsteiger können Sie unter Umständen nicht einfach auf Zertifikat X Bezug nehmen, sondern müssen in der Lage sein, ein vergangenes (privates) Projekt so darzustellen, dass Schlüsselkompetenzen allein durch Ihre Präsentation deutlich werden.

Sie wurden eingeladen! Wie geht es weiter?

Ihr Bewerbungsschreiben scheint gut gewesen zu sein und neugierig zu machen, denn Sie wurden eingeladen. Das ist schon mal die halbe Miete, aber natürlich gibt es auch hier einige Dinge zu beachten. Neben einer angemessenen Erscheinung und Pünktlichkeit – wir verbuchen das Mal unter Common Knowledge – fordern viele Unternehmen mehr. So können Sie neben Coding-Aufgaben auch knifflige Fragen im Bezug auf Ihr Verhalten in Stresssituationen erwarten.

Bei Lidl sieht das Verfahren so aus:

Den besten Bewerbern werden verschiedene Aufgaben gestellt, beispielsweise eine Programmieraufgabe oder die Reparatur eines fehlerhaften Codes.

Der Ablauf bei der Software AG sieht so aus:

Wir starten meist mit einem Telefon- oder Präsenzinterview. Je nach Bereich erhalten Bewerber eine Coding-Aufgabe. Im ersten Interview verschaffen sich die Interviewer einen möglichst tiefen Einblick in die technischen Fähigkeiten des Bewerbers. Kann der Bewerber hier überzeugen und schafft es in die zweite Runde, wird dann auch ein stärkerer Fokus auf die social Skills gelegt. Das zweite Interview ist immer ein Präsenzinterview. Üblicherweise erfolgt danach die Entscheidung, mit welchem Bewerber die Stelle besetzt wird.

Ein ähnliches Vorgehen hat auch Opitz Consulting:

Wir führen meist zwei Gespräche, das Erstgespräch auch als Telefon- oder Skype-Interview; es gibt seltener Coding-Hausaufgaben oder einen Probetag. In einem der Gespräche ist ein Opitz-Mitarbeiter dabei, der als technischer Sparringspartner dient. Uns ist wichtig, dass die Gespräche als Dialog auf Augenhöhe gesehen werden und keine Abfragen sind.

Und wie geht es bei QAware weiter?

Wir führen gut zweistündige Interviews, danach können in der Regel beide Seiten – Bewerber und QAware – entscheiden, ob sie zueinander passen. In den Interviews bearbeiten wir mit den Bewerbern Aufgaben aus den Bereichen Programmierung, Design und Analyse. Die Aufgaben sind klein und kompakt. Es geht uns nicht um die richtige Antwort nach minimaler Bedenkzeit; es geht uns viel mehr darum, ein Stück gemeinsam zu erarbeiten und dabei herauszufinden, ob sich das gut anfühlt.

Unser Fazit #4:

Die technischen Voraussetzungen für den Job, auf den Sie sich beworben haben, sollten Sie erfüllen. Daran gibt es wenig zu rütteln. Unsere Umfrage zeigt: Die Social Skills sind genauso wichtig. Dass man gut in ein Team passt, darin sind sich die Personaler einig, sollte also nicht nur das i-Tüpfelchen sein, sondern Grundvoraussetzung. Seien Sie also ganz Sie selbst und bleiben Sie ehrlich zu sich! Denn auch wenn es von Ihrer Seite nicht passt, sollten Sie die Position überdenken.

Was ist Ihre Meinung? Sind Sie vielleicht selbst Personaler und achten noch auf weitere Aspekte?

Teilen Sie Ihre Erfahrungen in den Kommentaren!

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Geschrieben von
Kypriani Sinaris
Kypriani Sinaris
Kypriani Sinaris studierte Kognitive Linguistik an der Goethe Universität Frankfurt am Main. Seit 2015 ist sie Redakteurin bei JAXenter und dem Java Magazin.
Kommentare
  1. 1fehler2017-01-02 12:06:18

    "Skala" reiht sich perfekt ein in das von sog. "Headhuntern" immer noch gebrauchten "J2EE" was vor einem Jahrzehnt von "Java EE" abgelöst wurde. Mit solchen "HR Consultants" will doch niemand was zu tun haben.

  2. Gernot K2017-08-10 14:25:56

    Sehr gute Tipps, vielen Dank für den tollen und ausführlichen Artikel. Finde ich spannend, die Tipps mal aus Personaler Sicht zu bekommen. Als Bewerber finde ich es aber auch immer sehr wichtig, dass man sich gut auf sein Gegenüber vorbereitet, also auf die Persönlichkeit. Nicht alle Personaler sind gleich, wie auch ich hier http://www.bigkarriere.de/ratgeber/bewerbung-vorstellungsgesprach/6-typen-von-personalern-im-bewerbungsgesprach sehr spannend und amüsant erläutert wird.
    Aber meine Erfahrung ist, wenn man seine Praxiserfahrung gut rüberbringen kann, ist man meist schon in der engeren Auswahl. Praxiserfahrung ist einfach immer das wichtigste.

    Gruß Gernot

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